Nachruf
Am 5. September 2025 verstarb Ruth Weiss, sie wurde 101 Jahre alt. In ihrem langen und bewegten Leben zwischen dem südlichen Afrika und Westeuropa wirkte sie als aufmerksame Beobachterin und kluge politische Kommentatorin der Ereignisse und Umbrüche in ihrer Heimat in Franken, ihrem Exil in Johannesburg, in Salisbury (dem heutigen Harare) und Lusaka. Als Kind der jüdischen Familie Löwenthal in Fürth geboren, floh sie wegen der antisemitischen Verfolgung in der NS-Zeit mit ihrer Mutter und Schwester 1936 nach Südafrika. Dorthin war ihr Vater bereits drei Jahre zuvor emigriert.
Anlässlich des 100. Geburtstags von Ruth Weiss am 26. Juli 2024 hatten Reinhart Kößler und Daniel Bendix die bekannte Journalistin und Autorin interviewt. Es war eines der letzten ausführlichen Interviews mit ihr. Unter dem Titel „Unrecht gilt es immer zu bekämpfen“ wurde es in der Peripherie Nr. 177/178 (https://doi.org/10.3224/peripherie.v45i1.09) veröffentlicht. Darin ging es um ihre Politisierung und das Jüdischsein in Deutschland und Südafrika sowie die Widersprüche in Befreiungsbewegungen. Die Print- und die elektronische open-access-Version des verschriftlichten Gesprächs erschienen wenige Wochen vor ihrem Tod. Sie hat noch davon erfahren.
Nun ist der Text bereits ein zeithistorisches Dokument, in dem Ruth Weiss zu politisch differenzierten und historisch fundierten Analysen und einer klaren politischen Haltung gegen Unrecht auffordert. Ihre Hoffnung gilt dem Veränderungswillen junger Afrikaner:innen. Sowohl das Interview als auch die von Ruth Weiss im Alter verfassten Sachbücher zu Südafrika, Simbabwe und zum Kolonialismus sind erkenntnisreiche Lektüren; eine Publikationsübersicht bietet die Webseite der Ruth Weiss Gesellschaft e.V. Dieser von befreundeten Journalist:innen und Lehrer:innen gegründete Verein listet auch ihre Jugendbücher auf. Hervorzuheben ist der auf einem wahren Schicksal beruhende Jugendroman Meine Schwester Sara (2004) über ein nach Südafrika gebrachtes, jüdisches Waisenkind, das – in Unkenntnis seiner Herkunft – von rassistischen und antisemitischen Bur:innen adoptiert wurde. Eindrucksvoll bringt die Autorin darin jungen Leser:innen nahe, wie sehr Rassismus und Antisemitismus in vielen weißen Familien verbreitet waren, also keineswegs nur den bürokratischen Apartheidstaat und den Sicherheitsapparat betrafen.
Doch sie beließ es im Alter nicht beim Schreiben. Das intergenerationelle Erinnern, das sachlich gut informierte Denken und Reflektieren, die Ausrichtung auf Gerechtigkeit als Kompass und die Verurteilung jeglicher Form des Unrechts vermittelte sie auch als Zeitzeugin in Schulen, Universitäten und weiteren Bildungseinrichtungen. Vor allem in Nordrhein-Westfalen, in Baden-Württemberg und Brandenburg informierte sie Schüler:innen und diskutierte mit Lehrkräften, Studierenden, Initiativen für jüdisch-christlichen Dialog oder Südafrika-Partnerschaftsvereinen. Während der Corona-Pandemie sprach sie online mit der gleichen Präzision wie zuvor bei realen Begegnungen und überzeugte mit ihren differenzierten Erläuterungen und ihrem großen Wissen, das sie immer anschaulich vermittelte. Diese Lebensnähe, der Blick auf das Alltägliche, in dem Strukturen und Veränderungen zum Ausdruck kamen, charakterisierten ihre Vorträge, Diskussionsbeiträge und Lesungen. Und viel früher als US-amerikanische Wissenschaftler:innen zeigte sie die Interdependenzen zwischen massiven Ungleichheiten auf der Basis von race, class und gender, wobei sie die spezifische Mehrfachausbeutung schwarzer, verarmter Frauen im südlichen Afrika mit vielen Beispielen aus der Sicht von Betroffenen belegte und anprangerte.
Ruth Weiss sah immer genau hin und begegnete für ihre Interviews schwarzen Bäuerinnen im ländlichen Simbabwe oder Schülerinnen aus Südafrikas Townships genauso respektvoll wie Staatschefs in der Region. Einige dieser Premierminister oder Präsidenten kannte sie schon zuvor als Anführer von Unabhängigkeitsbewegungen, die nach dem Ende der Kolonialherrschaft in hohe oder höchste politische Ämter aufrückten. Weil sich die neue Elite von den existentiellen Sorgen und Nöten der Bevölkerungsmehrheit abschottete, gingen die unter staatlichen Sparzwängen Leidenden mit den neuen Machthabern ins Gericht. Im Unterschied zu oft unzureichend informierten Journalist:innen oder Politikberater:innen urteilte Ruth Weiss nie vorschnell, sondern überlegt und differenziert. Aber an begründeter Kritik sparte sie nicht; vor allem Machtgier, Lügen, Verrat und politisch motivierte Gewalt durch Herrschende waren ihr zuwider. So bekam der autokratische Langzeitpräsident Simbabwes, Robert Mugabe, es mit ihrer spitzen Feder zu tun. Im Unterschied zu alten dogmatischen Mugabe-Fans, die sich an der Heldenverehrung aus der Zeit der Solidaritätsbewegung festklammerten, benannte die kritische Journalistin seine Verantwortung für schwerste Menschenrechtsverbrechen. Sie verschonte die nachkolonialen Machthaber nicht mit klaren Worten zu Heuchelei, Korruption oder Missmanagement.
Gerade die durch fehlerhaftes Regierungshandeln verursachten ökonomischen Krisen und Probleme entgingen ihr als erfahrener Wirtschaftsjournalistin nicht. Denn über viele Jahre hatte sie für verschiedene Zeitungen gearbeitet, u.a. für den Newscheck in Johannesburg, die Financial Mail in Salisbury und die Financial Times in Sambia. Nach der politischen Unabhängigkeit Simbabwes 1980 – Ruth Weiss begleitete als Journalistin die vorbereitenden Lancester-House-Verhandlungen – war sie für den Zimbabwe Mass Media Trust und die Ausbildung von Wirtschaftsjournalist:innen am Polytechnikum in Harare tätig. Zudem engagierte sie sich beim Aufbau des Southern African Economist. Ihrer langjährigen Berichterstattung im und aus dem südlichen Afrika schlossen sich redaktionelle Aufgaben in Köln und London an.
Immer begründete sie ihre Kritik an den Wirtschaftsbeziehungen zwischen westdeutschen Unternehmen und südafrikanischen Firmen. Viel früher als andere Journalisten oder selbsternannte Südafrikakenner – es war eine Männerwelt – dokumentierte sie die negativen Folgen für schwarze Arbeiter:innen. Während westdeutsche Firmenvertreter Nelson Mandela noch in den 1980er Jahren als Terroristen verunglimpften – ihn auf eine Stufe mit der RAF stellten –, sich dann aber nach 1994 bei jeder (un)passenden Gelegenheit mit ihm ablichten ließen, dokumentierte Ruth Weiss sachlich und faktenbasiert ökonomische Entwicklungen und zeigte Haltung gegen Ausbeutung. Möglicherweise hielt das dubiose männliche Kollaborateure mit dem Apartheidregime in Westdeutschland nach 1994 davon ab, ihre Nähe zu suchen. Ihre klare Ablehnung der Rassentrennungspolitik und des damit verbundenen, institutionalisierten Rassismus dankte ihr die südafrikanische Regierung 2023 mit der Verleihung des „Order of Companion of O. R. Tambo“, eines der höchsten nationalen Orden des Landes, durch Präsident Cyril Ramaphosa. Dafür flog Ruth Weiss wieder nach Südafrika, von wo sie 1966 ausgebürgert worden war. Für ihr couragiertes Auftreten erhielt sie etliche weitere Preise und Auszeichnungen, die im Einzelnen auf der Webseite der Ruth Weiss Gesellschaft e.V. aufgelistet sind. Hervorzuheben ist die Verleihung des „Ovid Preises“ des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autorinnen und Autoren Mitte September 2022 in der Deutschen Nationalbibliothek anlässlich der Tage des Exils.
Kurz zuvor wurde Ruth Weiss in dem Saal der Nürnberger Prozesse geehrt, wo 1945/46 der Internationale Militärgerichtshof getagt hatte; verurteilt wurde damals u.a. Julius Streicher, der frühere Gauleiter von Franken und Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes Der Stürmer. Er war für das Schicksal der Familie Löwenthal und jüdischer Familien in Nürnberg und Umgebung verantwortlich gewesen.
2022 wurde Ruth Weiss als Ehrengast in die Friedenstadt Osnabrück eingeladen und sprach dort als anlässlich des Jubiläums „375 Jahre Westfälscher Frieden“. Die dortigen Stadtverantwortlichen kondolierten zum Tod dieser vorbildlichen Friedensstifterin, die zu den 1.000 Friedensfrauen zählte und mit diesen gemeinsam 2005 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden war. Schließlich hatte sie zusammen mit Moeletsi Goduka Mbeki, dem Wirtschaftsjournalisten, politischen Analytiker und Bruder des späteren Präsidenten Thabo Mbeki, der ihr zum 100. Geburtstag persönlich gratulierte, Ende der 1980er Jahre informelle Gespräche für ein neues Südafrika angebahnt. Ihre Expertise für die Gestaltung von Friedensgesprächen war auch in Nordirland gefragt, worüber sie 2000 das Sachbuch Peace in Their Time veröffentlichte, in dem sie den schwierigen Friedensprozess auf der Insel im nord-westlichen Atlantik mit dem von massiver Gewalt erschütterten Übergang zu einem demokratischen Südafrika verglich.
Im Interview mit Reinhart Kößler und Daniel Bendix „Unrecht gilt es immer zu bekämpfen“ erläutert Ruth Weiss ihre Friedensvorstellungen – ihr Tod gibt Anlass, dieses Gespräch noch einmal zu lesen.
Rita Schäfer
Weiterführende Informationen
https://ruth-weiss-gesellschaft.de/
https://ruthweiss.net/
https://www.gender-blog.de/beitrag/ruth-weiss-100-jahre
https://ifbb.fritz-bauer-forum.de/datenbank/ruth-weiss-geb-loewenthal/



