Verleihung des Aachener Friedenspreises 2026 an Graswurzel-Initiativen
„Ihr habt da eine Redewendung: ‚Wehret den Anfängen!‘ Wir möchten dem noch hinzufügen: ‚Übt die Anfänge!‘ Bereitet euch auf den Morgen vor, bevor er kommt.“ Das ist es, was die diesjährigen internationalen Preisträgerinnen des Aachener Friedenspreises, Unidos MN aus Minneapolis, dem Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten „Aula Carolina“ bei der Preisverleihung, die traditionell am 1. September, dem Antikriegstag, stattfindet, mit auf den Weg gaben.
Unidos MN ist so eine Organisation, die sich vorbereitet hat, bevor die Schlägertrupps von ICE mit ihrer „Operation Metro Surge“ in der Stadt auf Menschenjagd gingen. Unidos MN übte, wie man sich vor die Türen der Nachbarhäuser stellt, um die Bedrohten zu beschützen. Sie mobilisierten Tausende, um „frei zu sein und andere zu befreien“. Dezentral, „und daher unmöglich zu enthaupten“.
Ein anderes Kollektiv, das bei der Verteidigung von Minneapolis (1) wichtig wurde, erhielt ebenfalls den diesjährigen internationalen Aachener Friedenspreis: das Team des queeren Sex-Ladens „The Smitten Kitten“. Diese Leute räumten angesichts des ICE-Terrors das Sex-Spielzeug aus den Regalen, um eine Versorgung schutzbedürftiger Menschen mit dem Notwendigsten zu organisieren. Sie stellten mit 3D-Druckern Hunderttausende von Trillerpfeifen her, um beim Auftauchen von ICE Alarm zu schlagen. Sie sammelten Millionen von Dollars, um Menschen, die sich nicht mehr zur Arbeit trauten, die Miete zu bezahlen. Und sie führten viele andere Aktivitäten durch, deren bloße Aufzählung bei der Dankesrede in Aachen schon Bewunderung auslöste. So dass der vom Publikum aufgenommene Ruf in der ehemaligen Aachener Kirche in den Ohren klingelte: „Fuck ICE! Chinga la migra!“
Minneapolis ist nicht irgendeine US-amerikanische Stadt. Hier konzentriert sich die Geschichte rassistischer Unterdrückung und des Widerstands dagegen wie unter einem Brennglas. Auch das lernte man in den Dankesreden von Unidos MN und Smitten Kitten. Hier fand 1862 die größte Massenhinrichtung in der Geschichte der USA statt, 38 Indigene vom Volk der Dakota wurden am zweiten Weihnachtstag gehängt, um den Widerstand dieser Nation zu brechen. 1968 wurde in Minneapolis das American Indian Movement (AIM) gegründet. 2020 wurde hier der Schwarze George Floyd von einem Polizeioffizier ermordet („I can’t breathe!“), was Millionen Menschen empörte und „Black Lives Matter“ international zu einer Massenbewegung machte. Die örtliche Polizei gilt als besonders brutal, und entsprechend gibt es eine lange Tradition multiethnischer Solidarität. Die Berichte beider Preisträger aus Minneapolis zeigen, was uns auch in Deutschland blühen könnte, und es wäre sicherlich an der Zeit, von ihnen zu lernen. Um noch einmal Emilia Gonzales Avalos von Unidos MN zu zitieren: Entscheiden wir uns, „es morgens zu üben, wenn nichts auf dem Spiel steht, damit unsere Hände den Weg kennen, wenn morgens alles auf dem Spiel steht“.
Die inländische Preisträgerin des diesjährigen Aachener Friedenspreises ist die Organisation „Palestinians and Jews for Peace“ (PJP) aus Köln (2), die Graswurzelrevolution-Leser*innen ja gut bekannt ist. Ihre Dankesrede fokussierten Zeynep Karaosman und Swetlana Nowoshenowa auf den Begriff der Entmenschlichung, der sowohl dem barbarischen Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023, als auch dem darauf folgenden Völkermord des israelischen Staates an der Bevölkerung Gazas und der Westbank zugrundelag. Die hier sich nochmals stark verfestigende Freund-Feind-Logik zu durchbrechen, ist das starke Verdienst der PJP und ähnlicher Organisationen. Die Rednerinnen wiesen darauf hin, dass Entmenschlichung derzeit auch in Deutschland passiert, und dass wir aus unserer eigenen Geschichte wissen, wohin sie führt. Sie beginnt, wenn wir im Anderen nicht mehr einen Menschen sehen, sondern das Exemplar einer Kategorie. Das in Deutschland mühsam gelernte „Nie wieder!“ müsse ein „Nie wieder für alle!“ bedeuten. An den PJP fasziniert besonders, dass sie Meinungsverschiedenheiten nicht verdecken, sondern aushalten und als normal betrachten: „Wir sind ja keine Sekte.“
Vor der Preisverleihung hatte der frühere SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, der aus der Aachener Region stammt und auch Mitglied im Verein des Aachener Friedenspreises ist, die Laudatio gehalten. Er fand überraschend klare Worte zur US-Regierung unter Trump und zur Konstellation in Israel-Palästina, gegen welche die Preisträger*innen kaum Einwände hätten vorbringen müssen. Worte, die man von amtierenden Politikern kaum zu hören bekommt.
Dementsprechend wurde im Grußwort der Stadt Aachen, das von der stellvertretenden Bürgermeisterin Ulla Griepentrog (Grüne) beigesteuert wurde, die Chance versäumt zu problematisieren, was denn die militaristische „Zeitenwende“ konkret vor Ort bedeutet. In Aachen werden riesige Erweiterungsflächen für eine bestehende Bundeswehrkaserne erschlossen – ein Milliarden-Projekt. Eine wichtige Kaltluftschneise der Stadt wird zugebaut und die Innenstadt so noch weiter aufgeheizt. Und die Stadt ist nun auch an jeder Mitsprache, geschweige denn Planungsbeteiligung, gehindert. „Zeitenwende“ killt auch auf der lokalen Ebene alle in Jahrzehnten mühsam errungenen Fortschritte. Unterdessen wirbt der Rektor der Aachener Technischen Hochschule, der RWTH, dafür, die Hochschule auf Rüstungsforschung auszurichten – obwohl eine Zivilklausel in ihrer Satzung noch gültig ist. Die Klausel hat aber auch in der Vergangenheit eine militärtechnisch geprägte Zusammenarbeit der RWTH mit dem Technion Haifa nicht verhindert, so dass die Hochschule zumindest indirekt in die israelischen Kriegsverbrechen verstrickt ist. All dies kam in Griepentrogs Grußwort nicht zur Sprache – anders als auf der Friedensdemo, die traditionell vor der Preisverleihung durch die Aachener Innenstadt zieht. Gemessen an den katastrophalen Zuständen unserer Außen- und Rüstungspolitik nahmen an dieser Demo jedoch viel zu wenige Menschen teil.
Frieden – das ist nämlich nicht nur ein Thema in Minnesota und in Palästina. Sondern die Vorkriegszeit, in welche uns unsere politische Klasse hineinmanövriert hat (with a little help from Putin and Trump), könnte die Zivilgesellschaft in Deutschland schneller, als ihr lieb ist, vor die Aufgabe stellen, von den diesjährigen Preisträger*innen zu lernen. Dass das Wort „Graswurzel“ in der Aula Carolina am 1. September häufig fiel, gibt einen Hinweis auf die Rolle, die auch diese Zeitung dabei spielen könnte.
Rüdiger Haude
Verweise:
1) Siehe: Minneapolis – Wo radikale Nachbarschaftshilfe den Leviathan entmachtet, Artikel von Jochen Schmück, in: GWR 507, März 2026, https://www.graswurzel.net/gwr/2026/03/minneapolis-wo-radikale-nachbarschaftshilfe-den-leviathan-entmachtet/
2) Siehe: Palestinians and Jews for Peace: Gemeinsam in Trauer, gemeinsam für den Frieden, https://www.graswurzel.net/gwr/2025/10/gemeinsam-in-trauer-gemeinsam-fuer-den-frieden-2/ ; Bernd Drücke (Hg.): Die Kriegslogik durchbrechen! Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg, Sammelband mit GWR-Artikeln u. a. der Palestinians and Jews for Peace, https://www.graswurzel.net/gwr/produkt/die-kriegslogik-durchbrechen/
Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 512, Oktober 2026, www.graswurzel.net
[Bildtext:]
Die Preisträger*innen des Aachener Friedenspreises 2026, Unidos MN, The Smitten Kitten und Palestinians and Jews for Peace, mit ihren Urkunden. Foto: Rüdiger Haude


