Editorial - Graswurzelrevolution Nr. 508, April 2026
Liebe Leser*innen,
die Leipziger Buchmesse war bewegend. Wir hatten 313.000 Besucher*innen.
Okay, soviele Leute waren auf der Messe, aber von denen hat den Stand des Verlags Graswurzelrevolution nur ein Bruchteil besucht. Trotzdem gab es einen kleinen GWR-Verkaufsrekord. Die Lesungen von Clara Tempel (Politische Geborgenheit), Lou Marin (Hell no, we won’t go!) und mir (Die Kriegslogik durchbrechen!) u.a. im Interim und auf der anarchistischen Myzelium-Tagung an der Uni Leipzig waren klasse. Danke an die Veranstalter*innen! Ich freue mich immer, wenn ich so viele Freund*innen, Genoss*innen und (nicht selten begeisterte) GWR-Leser*innen treffe. Kommentar einer Leserin: „Die Graswurzelrevolution ist für mich ein unschätzbarer Lichtblick.“ Das gibt Kraft. Und die haben wir angesichts der Entwicklungen bitter nötig.
Erfreulich waren auch die lautstarken Proteste gegen den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, die die Leipziger Buchmesse zeitweise in eine „Buhmesse“ (taz) gegen den rechten Kulturkampf verwandelte. Weimer hat pauschal alle Nominierten für den Buchhandlungspreis 2026 durch den Inlandsgeheimdienst durchleuchten lassen. Danach entschied er, drei linke Buchläden vom Wettbewerb auszuschließen und ihnen per Mail vorzutäuschen, die Jury habe sich nicht für sie entschieden. Eine dreiste Lüge. Wir solidarisieren uns mit den Betroffenen! (1)
Was hinter den Kulissen läuft, um zu verhindern, dass mit Steuergeldern Antifaschist*innen und „Verfassungsfeinde“ gefördert werden, lässt die Antwort auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Clara Bünger (Linke) erahnen. Demnach wurden von 2020 bis 2024 ca. 1230 zivilgesellschaftliche Organisationen und 1300 Einzelpersonen geprüft. In mehr als 200 Fällen meldete die Spitzel-Behörde „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ an die Behörden zurück. In der Regel hatte das eine Streichung der Fördergelder zur Folge. Die Betroffenen erfuhren nicht, warum. Bundesinnenminister Dobrindt (CSU) möchte den „Verfassungsschutz“ ab sofort immer einbeziehen, wenn Nichtregierungsorganisationen Fördermittel beantragen. (2)
Inspiration für diesen rechten Kulturkampf gegen die Zivilgesellschaft bietet die Anti-Antifapolitik des Trump-Regimes (vgl. GWR 506 & 507). Durch die Umwandlung der USA in eine Autokratie und die Angriffskriege der USA, Israels und Russlands hat sich die Situation für viele Menschen dramatisch verschärft. Der Rechtsrutsch in Deutschland wird nicht nur von der rassistischen AfD befeuert, sondern auch von der Regierung, die den Rechtsextremen hinterherläuft und eine AfD-ähnliche Politik gegen Geflüchtete, antifaschistische Projekte, Menschenrechts- und Klimaaktivist*innen macht.
GWR-Schwerpunkt 1: Antimilitarismus
Deutschland ist der viertgrößte Waffenexporteur der Welt. Die Merz-Regierung will das Land, das zwei Weltkriege angezettelt hat, wieder zur militärisch stärksten Macht in Westeuropa aufrüsten.
Aber gegen Krieg, Militarisierung, Waffenexporte und Aufrüstung regt sich Widerstand. Das zeigt auch der zweite Schulstreik gegen die Kriegsdienstpflicht, an dem sich im März über 50.000 Schüler*innen beteiligten (siehe Artikel auf Seite 2 dieser GWR).
Mit dem antimilitaristischen Schwerpunkt dieser GWR möchten wir Euch Informationen an die Hand reichen, um der Kriegspropaganda etwas entgegen zu setzen.
Franz Nadlers Artikel „Die Französische Revolution und die Kriegsdienstpflicht“ (S. 3f.) bietet uns historische Einblicke, die viele in Erstaunen versetzen dürfte.
Intensiv recherchiert hat auch Uli Klemm für seinen Text „Erziehung zum Krieg. Zur Geschichte der ‚Landser‘-Kriegspropaganda-Hefte seit den 1950er Jahren“ (S. 8f.).
Stefan Philipp plädiert mit „Wehrpflicht? Nein, Kriegsdienstzwang!“ (S. 5) für eine klare Sprache statt Beschönigung.
Daniel Jerke berichtet über die „Remilitarisierung in Österreich“ (S. 6). Kriegsdienstverweiger*innen aus der Türkei, Zypern, Griechenland und Israel fordern: „Nein zum Krieg im Iran!“ (S. 7).
Mit „Was tun, wenn der Kriegsdienst droht?“ (S. 10) bieten wir praktische Tipps für junge Leute.
Michael Wilk berichtet über den Krieg der islamistischen syrischen Regierung gegen die Kurd*innen und fragt: „Was bleibt von Rojava? Diktatfrieden versus Emanzipation und Selbstverwaltung?“ (S. 1, 16)
Am 19. März 2026 wurde der ukrainische Menschenrechtsaktivist, Kriegsdienstverweigerer und GWR-Autor Yurii Sheliazhenko in Kyjiw festgenommen und gefoltert. Mittlerweile wurde der Pazifist wieder freigelassen. Wir machen uns große Sorgen um ihn und dokumentieren auf graswurzel.net (3) einen Offenen Brief seines Doktorvaters Armin Scholl und weitere Beiträge über seine Situation.
Erschüttert hat uns auch die Nachricht vom Tod der Graswurzelrevolutionärin Rosalia Krenn, die seit Jahren aus Österreich für die GWR berichtet hat. Einen Nachruf auf Rosi veröffentlichen wir im Mai in der GWR 509.
GWR-Schwerpunkt 2: Künstliche Intelligenz
Wie sehr das Thema KI auch mit der Kriegspolitik zusammenhängt, macht der Artikel „KI Claude im militärischen Einsatz“ (S. 1, 14) deutlich. Der Angriffskrieg des US-Militärs auf Venezuela und die Entführung Maduros erfolgte im Januar 2026 mit Hilfe des KI-Chatbots Claude der US-Firma Anthropic.
In „Strike AI!“ (S. 13f.) geht es um die Abhängigkeit der „künstlichen Intelligenz“ von der menschlichen Arbeit. In „Lücken in der Rechnung“ (S. 14f.) wird erklärt, warum die Diskussion über die Digitalisierung der Hochschulbildung keine wissenschaftliche ist.
Kleine Unterschiede
Lola Sepúlveda stellt uns auf Seite 11 eine „Zapatistische Klinik im Lakandonischen Regenwald“ vor. Elisabeth Voss berichtet über die Genossenschaft Ex-GKN in Italien (S. 24). Um die feministische Anarchistin Rirette Maîtrejean geht es auf Seite 18. Einen Diskussionsbeitrag „Antifeminismus als Normalität“ über Chomsky und Epstein findet Ihr auf Seite 19.
Mit „Heraus aus dem Sklavenhaus! Warum nicht auch von heiligen Schriften lernen?“ kommt auf Seite 21 neuer Schwung in die seit Dezember in der GWR laufende Diskussion zum Thema „Anarchismus und Religion“.
Antimilitaristische Grüße, Anarchie und Glück,
Bernd Drücke (GWR-Koordinationsredakteur)
Anmerkungen:
1) Siehe Solidaritätserklärung dazu auf https://www.graswurzel.net/gwr/2026/03/protest-gegen-kulturstaatsminister-weimer/
2) Siehe: https://www.sz.de/li.3450549?utm_content=weimer
3) Siehe: https://www.graswurzel.net/gwr/2026/03/solidaritaet-mit-yurii-sheliazhenko-2/
Editorial aus: Graswurzelrevolution Nr. 508, April 2026, www.graswurzel.net
[Im Kasten:]
Veranstaltungshinweis:
Gegen jeden Krieg! Anarchistischer Antimilitarismus
Bilder-Vortrag mit Graswurzelrevolution-Redakteur Dr. Bernd Drücke
11. April 2026, 19 Uhr, im Solizentrum, Veranstaltungsraum, Willy-Brandt-Allee 11, 23554 Lübeck
Bernd Drücke führt in die Geschichte und Gegenwart des Anarchismus und Antimilitarismus ein. Der Fokus der Veranstaltung dreht sich u. a. um die Fragen: Was ist Anarchistischer Antimilitarismus? Wo verläuft die Grenze zu Pazifismus? Wie lässt sich dieser Antimilitarismus auf aktuelle bewaffnete Konflikte/Kriege z. B. in der Ukraine, im Iran oder in Gaza beziehen? Dabei wird Bernd auch auf sein neues Buch „Die Kriegslogik durchbrechen! Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg“ eingehen. In diesem Sammelband kommen Menschen zu Wort, die sich für Aussöhnung, gegen den Terror der islamistischen Hamas und der extrem rechten Netanjahu-Regierung einsetzen.
Was können gewaltfrei-anarchistische Strategien gegen Militarisierung und für die Verwirklichung einer freiheitlich-sozialistischen Gesellschaft sein? Wie kann eine solidarische Gesellschaft jenseits von Staat, Militär, Herrschaft und Gewalt Wirklichkeit werden?
Weitere Infos: https://www.reso.media/


