Jenseits von Suttner und Nobel

Anarchistischer Antimilitarismus – Teil 1

Zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 2026 erscheint der 600-seitige Sammelband „Anarchistische Aufbrüche. Soziale Transformationen in eine herrschaftsfrei(er)e Welt“ im Unrast Verlag in Münster (ISBN: 978-3-89771-664-3). Als Vorabdruck bringen wir in zwei Teilen eine gekürzte Version des Buchbeitrags von Bernd Drücke. Bei diesem Text handelt es sich um eine redigierte Abschrift eines vom A-Radio Berlin aufgezeichneten und veröffentlichten Vortrags (1) zum Thema „Anarchistischer Antimilitarismus“, den der GWR-Redakteur am 5. Dezember 2024 im anarchistischen Stadtteilladen Black Pigeon in Dortmund frei und ohne Manuskript gehalten hat. Der Autor dankt den Herausgeber*innen des Buches, dass sie den Vortrag transkribiert und in eine lesbare Form gebracht haben. (GWR-Red.)
 

Dieser Beitrag widmet sich der Abgrenzung zwischen klassischem Pazifismus und anarchistischem Antimilitarismus, zwei Strömungen, die oft miteinander verwechselt werden, obwohl sie in ihren Ursprüngen, Zielen und Methoden verschieden sind. Während der Begriff Pazifismus oft mit Figuren wie Bertha von Suttner und ihrem berühmten Werk „Die Waffen nieder!“ assoziiert wird, stellt der anarchistische Antimilitarismus eine radikale, system- und herrschaftskritische Position dar.

Der klassische Pazifismus, wie er sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelte, manifestierte sich in Organisationen wie der Deutschen Friedensgesellschaft, die 1891 von Bertha von Suttner mitgegründet wurde und bis heute besteht. Diese frühe pazifistische Bewegung wurde geprägt von Politikern, Diplomaten und Parlamentariern, zeichnete sich aus durch Appelle an Staatspolitik für Frieden und um Kriege zu vermeiden. Krieg sollte kein Mittel der Politik sein. Militär wurde nicht grundsätzlich kritisiert und Kriegsdienstverweigerungen waren für diese bürgerlichen und adligen Pazifist*innen in der Regel verpönt. Es handelte sich um eine Bewegung, die elitär geprägt war, da ihre Mitglieder häufig dem Großbürgertum oder dem Adel entstammten und wenig Bezug zur Lebensrealität derjenigen hatten, die direkt von Krieg und Militarismus betroffen waren.

Suttners Erfolg, Alfred Nobel, den damals größten Kriegswaffenproduzenten, zur Stiftung des Friedensnobelpreises zu bewegen, unterstreicht zwar ihre Bedeutung als Pazifistin, verdeutlicht aber auch, dass ihre politische Strategie auf einen „friedlichen Staat“ und eine „gute Herrschaft“ ausgerichtet war und nicht auf der Überwindung staatlicher Herrschaft.

Im Gegensatz dazu steht der anarchistische Antimilitarismus, der nicht einfach nur den Krieg ablehnt, sondern die Ursachen des Krieges in den bestehenden Herrschaftsstrukturen sieht. Anarchistischer Antimilitarismus ist Direkte Aktion gegen Militär und Krieg, sowohl eine politische Haltung als auch eine sozialrevolutionäre Bewegung, die nicht nur Kriege ablehnt, sondern auch jegliche Form von Nationalismus wie auch die kapitalistischen und staatlichen Strukturen bekämpft, die den Militarismus, die Kriege und Gewaltstrukturen erst hervorbringen. Für antimilitaristische Anarchist*innen liegen die Wurzeln des Militarismus, der Diktatur und des Faschismus im Nationalismus, Kapitalismus und Imperialismus sowie in der Staatlichkeit.

In diesem Sinne unterscheidet sich der anarchistische Antimilitarismus grundlegend von vielen pazifistischen Strömungen, weil er nicht primär reformistische Appelle an die Regierenden richtet, sondern die Abschaffung von Herrschaft und Zwang als Grundlage für eine friedlichere Gesellschaft betrachtet.

Anarchistische Antimilitarist*innen betrachten den Militarismus nicht als vereinzeltes Phänomen. Sie sehen Armeen, Polizei und Grenzen als staatliche Instrumente, um Machtstrukturen zu sichern und kapitalistische Herrschaftsinteressen durchzusetzen. Deshalb streben sie eine solidarische, selbstverwaltete Gesellschaft ohne Herrschaft an – Anarchie, im ursprünglichen griechischen Sinne des Wortes. Ihr Ziel ist die Abschaffung aller Formen von Herrschaft und Unterdrückung, einschließlich des Staates, der Grenzen und des Militärs. Anarchist*innen appellieren nicht an die Herrschenden, sondern fordern die radikale Transformation der Gesellschaft.

Ein symbolischer Ausdruck dieser Differenz findet sich in der Geschichte des zerbrochenen Gewehres. Während dieses antiautoritäre Symbol heute oft als allgemeines Zeichen der pazifistischen Bewegung wahrgenommen wird, hat es seinen Ursprung in der Bewegung der Kriegsdienstverweigerung. Erstmals wurde es im Januar 1909 von der niederländischen anarchistisch-antimilitaristischen Zeitschrift De Wapens Neder (Die Waffen nieder) verwendet (Abbildung 1). Dieses Symbol verkörpert einerseits die Ablehnung von Gewalt und Militarismus, andererseits die Forderung nach einer gewaltfreien, selbstverwalteten Gesellschaft.

Historisch betrachtet handelte es sich um unterschiedliche soziale Bewegungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Kriegsdienstverweigerung war für klassische Pazifist*innen oft kein zentrales Thema, da sie in der Regel nicht dem Personenkreis angehörten, der zum Militärdienst verpflichtet war. Viele Mitglieder der Deutschen Friedensgesellschaft lehnten Kriegsdienstverweigerung ab und strebten stattdessen eine Demokratisierung des Militärs an, wie übrigens auch die autoritären sozialistischen Fraktionen (Sozialdemokraten/Sozialisten/Kommunisten) im Antimilitarismus, die „realsozialistischen Staaten“. Im Gegensatz dazu waren und sind Kriegsdienstverweigerung und Desertion für anarchistische Antimilitarist*innen schon immer logische Konsequenzen ihrer Ablehnung von Staat und Militär.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der anarchistische Antimilitarismus eine radikale und systemkritische Alternative zum klassischen Pazifismus ist. Die Auseinandersetzung mit den Unterschieden zwischen den Bewegungen ist entscheidend für ein tieferes Verständnis der Geschichte der Friedensbewegung und des Antimilitarismus.
 

Von lokalistischen Gewerkschaften zur Massenbewegung: Anarchosyndikalismus und Antimilitarismus im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg

 

Der Militarismus wurde von vielen Libertären und anderen Sozialist*innen schon im 19. Jahrhundert als Symptom der Fehlentwicklung der Gesamtgesellschaft betrachtet.

Wegbereiter des anarchistischen Antimilitarismus waren unter anderem Leo Tolstoi, Peter Kropotkin, Gustav Landauer, Pierre Ramus, Fritz Oerter, Clara Wichmann, Bart de Ligt und Emma Goldman. Sie prägten diese staatskritische, freiheitlich-sozialistische Bewegung bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Die Geschichte des Antimilitarismus ist untrennbar mit der sozialen Schichtung derer verbunden, die im Krieg ihr Leben verloren. Vor allem Menschen aus der Arbeiterklasse wurden im Ersten Weltkrieg verheizt, und es war diese Erfahrung, die eine radikale Politisierung und die Entstehung einer starken anarchosyndikalistischen Bewegung beförderte. Im Kaiserreich waren anarchistische Aktivistinnen und Aktivisten häufig in sogenannten lokalistischen Gewerkschaften organisiert. Diese frühen anarchistischen Gewerkschaften zeichneten sich durch ihre basisdemokratische Struktur aus und wurden von der SPD und den bürgerlichen Gewerkschaften ausgeschlossen und bekämpft.

Vor dem Ersten Weltkrieg umfasste die lokalistische Gewerkschaftsbewegung in Deutschland etwa 10.000 Mitglieder. Antimilitarismus war ein zentraler Aspekt dieser anarchistisch-syndikalistischen Bewegung. Die Propagierung des Generalstreiks, von Kriegsdienstverweigerung, Desertion, direkten Aktionen und Sabotage gegen Kriegsvorbereitungen, gegen den Militarismus und die Waffenproduktion waren Themen, die in dieser anarchosyndikalistischen Bewegung eine große Rolle spielten.

Während des Ersten Weltkriegs sahen sich Anarchisten mit brutaler Repression konfrontiert. Anarchisten wie Wilhelm Wehner und Ernst Friedrich, die sich weigerten, Militärdienst zu leisten, wurden oft in psychiatrischen Anstalten interniert und misshandelt. Wer als Anarchist bekannt war, und sich dem Kriegszwangsdienst nicht entziehen konnte, wurde oft gezielt als Kanonenfutter in die vordersten Reihen geschickt. Der Dortmunder Anarchismus-Forscher Andreas Müller hat aufgezeigt, dass sogenannte Anarchisten-Listen existierten, die zu Kriegsbeginn den Offizieren ausgehändigt wurden. Auf diesen Listen waren Linke und Anarchisten verzeichnet, um sie gleich in den ersten Kriegsmonaten einzusetzen. Der sogenannte Burgfrieden führte zur Zensur der Presse, sodass die Gräueltaten des Krieges nicht öffentlich diskutiert werden konnten. Die anarchistisch-antimilitaristische, konspirativ verbreitete Tarnschrift Der Ziegelbrenner von Ret Marut (B. Traven) war eine der wenigen Zeitschriften, die während des Ersten Weltkriegs antimilitaristische Agitation gegen den Krieg betrieben.

Der Erste Weltkrieg, in dem schätzungsweise 15 bis 20 Millionen Menschen ermordet wurden, war ein Wendepunkt. Die unmittelbare Erfahrung der Kriegsbrutalität führte zu einer tiefgreifenden Politisierung und Radikalisierung vieler Menschen. Dieser Krieg trug maßgeblich dazu bei, dass sich die anarchosyndikalistische Bewegung für kurze Zeit auch in Deutschland zu einer Massenbewegung entwickelte. Die Freie Arbeiter Union Deutschlands (FAUD), der Zusammenschluss anarchistischer Gruppierungen und lokalistischer Organisationen, hatte nach dem Ersten Weltkrieg zeitweise bis zu 150.000 Mitglieder. Die Zeitung Der Syndikalist (Abbildung 2), das auflagenstärkste Organ des Anarchosyndikalismus in Deutschland, erreichte eine wöchentliche Auflage von bis zu 120.000 Exemplaren.

In diesem Zusammenhang ist der Name Gustav Landauer besonders hervorzuheben. Landauer war ein bedeutender anarchistischer Antimilitarist und Anarcho-Pazifist, Redakteur der Zeitung Der Sozialist und maßgeblich an der Gründung der Münchner Räterepublik beteiligt. Er wurde jedoch im Verlauf der Gegenrevolution von rechtsextremen Freikorps-Soldaten ermordet.

Die Geschichte des anarchosyndikalistischen Antimilitarismus im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg zeigt, dass die Ablehnung von Krieg und Militarismus nicht nur eine Frage moralischer Überzeugung, sondern auch eng mit den Lebensbedingungen und den Kämpfen der Arbeiterklasse verbunden war.

 

Von Tolstoi zum Zerbrochenen Gewehr: Die Reichweite des anarchistischen Antimilitarismus
 

Die Wurzeln des anarchistischen Antimilitarismus reichen weit zurück und finden sich in überraschenden Quellen. Ein wichtiger früher Anarcho-Pazifist war Leo Tolstoi, der nicht nur als Schriftsteller weltberühmte Romane, zum Beispiel Krieg und Frieden und Anna Karenina, verfasste, sondern auch eine bedeutende ideologische Figur für die Entwicklung des Anarchopazifismus wurde. Tolstoi, der sich selbst als christlicher Anarchist verstand, berief sich vor allem auf die Thesen aus der Bergpredigt und deren striktes Gewalttabu. Seine radikalen anarchopazifistischen und antiklerikalen Ansichten führten zu seiner Exkommunikation aus der russisch-orthodoxen Kirche.

Aus anarchistischer Perspektive mag die Verbindung von Anarchismus und Christentum widersprüchlich erscheinen, da die meisten Anarchistinnen und Anarchisten antiklerikal und atheistisch sind. Aber Tolstoi übte einen enormen Einfluss aus, der weit über die anarchistischen Kreise hinausreichte. Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King und bekannte Anarchisten wie Gustav Landauer und Erich Mühsam wurden stark von seinen Ideen und seinen antimilitaristisch-anarchistischen Positionen beeinflusst.

Tolstois Herkunft aus einer adligen Familie macht ihn umso interessanter. Trotz dieser privilegierten Position veröffentlichte er bahnbrechende Publikationen und versuchte, anarchistische Ideen im Rahmen seiner Möglichkeiten zu realisieren. Er gründete beispielsweise die erste Freie Schule Jasnaja Poljana, ein historisch bedeutsamer Schritt zur Demokratisierung von Bildung.

Als vielleicht bedeutendster Schriftsteller seiner Zeit erreichte Tolstoi auch Menschen außerhalb der anarchistischen Bewegungen mit antimilitaristischen und gewaltfrei-anarchistischen Positionen.

Der Antimilitarismus war auch in der anarcho-syndikalistischen und anarchistischen Presse allgegenwärtig. Die Titelbilder der Zeitschrift Der Syndikalist, dem Organ der Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD), waren häufig von antimilitaristischen Motiven geprägt. Soldaten, die ihre Gewehre zerbrachen, Schriftzüge wie „Nie wieder Gewalt“, „Nieder mit der Gewalt“ oder „Nieder mit dem Militarismus“ waren typische Elemente.

Die Verbindung von Tolstois philosophischem Einfluss, der praktischen antimilitaristischen Arbeit der anarchosyndikalistischen Bewegung und der symbolischen Kraft der Presse zeigt die breite und tiefgreifende Wirkung des anarchistischen Antimilitarismus in der deutschen Geschichte. Es war eine Bewegung, die nicht nur die Abschaffung des Krieges forderte, sondern eine radikale Transformation der Gesellschaft hin zu einer gewaltfreien, solidarischen und selbstverwalteten Ordnung anstrebte.
 

Antimilitarismus im Spiegel von Kunst und Pädagogik: Käthe Kollwitz, Die Schaffende Frau und die freie Kinderbewegung
 

Auch Käthe Kollwitz spielte eine herausragende Rolle im Kontext des Antimilitarismus. Ihre bis heute bewegenden Bilder sind ein eindringliches Zeugnis der Schrecken des Krieges und der menschlichen Tragödie, die er verursacht. Kollwitz wurde durch den Tod ihres Sohnes Peter im Ersten Weltkrieg zu einer vehementen Antimilitaristin und Kriegsgegnerin und widmete einen Großteil ihrer Kunst diesem Thema.

Über ihre künstlerische Arbeit hinaus unterstützte Kollwitz auch die anarchistische Bewegung. Sie zeichnete für anarchistische Zeitungen wie Die Schaffende Frau, einer anarchistisch-antimilitaristischen Frauenzeitschrift aus Dresden, die von Aimée Köster herausgegeben wurde und eine Auflage von rund 3.000 Exemplaren erreichte. Diese Zeitschrift, die sich mit sozialen Fragen, Pazifismus, Erziehung, Frauenfragen, Mode und Handarbeiten befasste, ist aus heutiger Sicht ein faszinierendes Beispiel für den Versuch der anarchistischen Bewegung, die bürgerliche Presse vollständig zu ersetzen und Frauen Orientierung im Alltag zu bieten. Man könnte sie im übertragenen Sinne als eine „schwarz-rote Brigitte“ bezeichnen.

Die Schaffende Frau veröffentlichte sozialrevolutionäre anarchistische Texte, Beiträge über freie Liebe und andere fortschrittliche und starke Inhalte. Einige Artikel aus dieser anarchistisch-antimilitaristischen Frauenzeitschrift finden sich in dem von Siegbert Wolf 2007 im Unrast Verlag herausgegebenen Buch Der Syndikalistische Frauenbund. Gleichzeitig enthielt die Zeitschrift praktische Anleitungen wie Strickmuster, die im täglichen Leben Anwendung fanden. Dieser umfassende Ansatz, der sowohl theoretische Reflexion als auch praktische Lebenshilfe bot, unterscheidet die anarchistischen Zeitungen der 1920er-Jahre von vielen zeitgenössischen Publikationen.

Auch im Bereich der Pädagogik manifestierte sich der anarchistische Antimilitarismus. Der Kinderwille. Organ der freiheitlichen Kindergruppen setzte sich für eine antimilitaristische, freiheitlich-sozialistische Pädagogik ein und trug zur Entstehung einer frühen Kinderladenbewegung bei. Die erste antiautoritär-anarchistische Schule, die später als Summerhill in Leiston, England, weltberühmt wurde, wurde in Dresden gegründet und später nach England verlegt.

Die freie Schulbewegung und Kindergärten waren Teile einer umfassenden, antiautoritär-sozialistischen Bewegung, die versuchte, ein menschenwürdiges Leben für alle zu realisieren. Ein wichtiger Bestandteil dieser Bemühungen war die Entwicklung einer alternativen Pädagogik, die sich von der damals vorherrschenden Prügelpädagogik und „religiösen Erziehung“ abgrenzte. Davon zeugt zum Beispiel das 1921 von dem anarchistischen Antimilitaristen Ernst Friedrich veröffentlichte Lesebuch Der Proletarische Kindergarten, dessen Einband von Käthe Kollwitz gestaltet wurde. Es diente der sozialrevolutionären, antimilitaristisch-anarchistischen und antiklerikalen Antikriegs-Pädagogik.

Die im Deutschen Reich vorherrschende Pädagogik, die körperliche Züchtigung als selbstverständlich ansah, diente dazu, autoritäre Zwangscharaktere zu formen, die dem vorherrschenden Militarismus entsprachen und dessen Fortbestand sichern sollten. Die freiheitlich-sozialistische Bewegung der 1920er-Jahre versuchte, diesen Kreislauf zu durchbrechen und eine Erziehung zu fördern, die auf Respekt, Selbstbestimmung und Gewaltfreiheit basierte.
 

Antimilitarismus im Kinderzimmer: Ein Blick in Der Kinderwille (1928)

 

Um den tief verwurzelten Antimilitarismus in der freiheitlichen Pädagogik dieser Zeit zu illustrieren, seien folgende Passagen aus Der Kinderwille Nr. 5 aus dem Jahr 1928 zitiert:

„Hallo liebe Kinder, 

wisst ihr schon, wir bauen jetzt Panzerkreuzer. Ja sagt einmal, woher kommt denn das Geld dazu, wo wir doch nötiger Wohnungen bräuchten als schwimmende Mordmaschinen? Das Geld zum Bauen müssen die Arbeiter durch Steuern und Zölle auf Lebensmittel aufbringen. Erst muss der Arbeiter das Geld aufbringen, dann beutet ihn der Unternehmer mit seinen sauer verdienten und abgehungerten Steuergroschen aus. Und schließlich wird er noch mit denselben Mordwaffen, die sie selber bauten, umgebracht. Ist das nicht ein herrlicher Fortschritt im 20. Jahrhundert?“

„Religion tut Not, ein wahres Geschichtchen.

Tante Anni ist zu Besuch gekommen und lässt es sich angelegen sein, den fünfjährigen Bubi in die biblischen Geschichten einzuführen, denn sie glaubt, dass seine religiöse Erziehung vernachlässigt sei. So liest sie ihm eines Tages von der Hochzeit zu Kana vor: ‚Und Jesus sprach zu seiner Mutter, Weib, was hab ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.‘ Worauf Bubi in strahlender Bewunderung herausplatzt: ‚Au Mensch, der war aber frech, was?‘ 

Liebe Kinder, solltet ihr den Inhalt nicht verstanden haben, so schreibt an die Redaktion.“

 

Diese Passagen verdeutlichen eindrücklich, wie tiefgreifend der anarchistische Antimilitarismus in der Bewegung verankert war. Der Kinderwille war eine Zeitschrift, die sich explizit an Kinder richtete und ihnen auf eine für ihr Alter verständliche Weise die Widersprüche und Ungerechtigkeiten des Krieges und des kapitalistischen Systems aufzeigen sollte. Die Kritik an der militaristischen Ausrichtung der Gesellschaft, die Verknüpfung von Kriegsausgaben mit sozialen Bedürfnissen und die hinterfragende Auseinandersetzung mit religiösen Dogmen sind zentrale Elemente dieser anarchistischen (Anti-)Pädagogik.

Die Tatsache, dass eine anarchistische Zeitschrift sich direkt an Kinder wandte und ihnen Raum für eigene Gedanken und Fragen bot, ist bemerkenswert. Sie zeigt den umfassenden Anspruch der anarchistischen Bewegung, nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die jüngste Generation für eine radikale Veränderung der Gesellschaft zu gewinnen. Antimilitarismus war in dieser Bewegung nicht nur ein politisches Programm, sondern ein integraler Bestandteil der Erziehung und der Lebenspraxis.
 

Von der Freien Jugend zu Krieg dem Kriege!: Ernst Friedrich und die Radikalisierung des Antimilitarismus

 

Ein weiteres Beispiel für die Verbreitung anarchistischer Ideen und des Antimilitarismus ist die Zeitung Freie Jugend, die von Ernst Friedrich herausgegeben wurde. Auch hier findet sich das zerbrochene Gewehr als zentrales Symbol. Junge Anarchisten, das Organ der syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands, sprach sich „gegen Militarismus, Kirche, Staatsschule und jede Form von Autorität“ aus. Das Motto dieser anarchistisch-antimilitaristischen Jugendzeitschrift lautete: „gegen wirtschaftliche und geistige Knechtschaft, für konsequenten Antimilitarismus, Atheismus, Freiheit in Erziehung und Bildung, für eine sozialistische anarchistische Gesellschaft“.

Diese Forderungen, formuliert im Jahr 1926, erscheinen auch 100 Jahre später noch erstaunlich aktuell. Vieles hat sich zwar verändert, doch die grundlegenden Probleme von Krieg, Unterdrückung und Ungleichheit bestehen weiterhin.

Ernst Friedrich ist eine Schlüsselfigur des anarchistischen Antimilitarismus. Sein Buch Krieg dem Kriege! ist ein eindringliches Zeugnis der Schrecken des Krieges und eine radikale Anklage gegen die militaristische Ideologie und gegen die Kriegsverbrecher. Zu seiner Zeichnung, die den Unterschied zwischen einem Mörder und einem Soldaten aufzeigt, gab ein 13-Jähriger in dem von Ernst Friedrich herausgegebenen Buch Proletarischer Kindergarten folgende Erklärung ab:

„Der Unterschied zwischen Mörder und Soldat besteht darin, dass der Mörder ein Raubmörder, ein Lustmörder oder sonst ein Mörder ist. Dieser hat gegen das fünfte Gebot gehandelt, also droht ihm der Tod oder das Gefängnis. Dagegen, der Soldat ist auch ein Mörder, ein Berufsmörder, und zwar der Größte, den es gibt, ein Massenmörder. Je mehr er mordet, je mehr Ruhm erwirbt er sich. Ihm setzt man den Lorbeer auf. Ihm hängt man das eiserne Kreuz und andere Orden um, wegen fingerfertigem Morden. Er, der Soldat, ist der grausamste Mensch, den es gibt, so auf deutscher wie auf feindlicher Seite. Fluch denen, die ihnen das Morden lehrten und sie dazu veranlassten. Also sind beide Mörder. Krieg bedeutet Morden. Es bringt Hunger, Schmach, Elend, Not, Tod, Sorgen und Schmerzen. Darum lasst ab von den Morden und kehrt zum Frieden zurück.“

Diese schonungslos ehrliche Analyse des Krieges und der Rolle des Soldaten ist beispielhaft für Ernst Friedrichs radikalen Antimilitarismus. Er selbst erlebte zu Beginn des Ersten Weltkrieg die Repression des Staates, aufgrund seines Engagements gegen den Krieg , verweigerte anschließend den Kriegsdienst aus Gewissensgründen und weigerte sich, eine Uniform anzuziehen. Daraufhin wurde er 1914 in einer psychiatrischen Anstalt interniert. 1917 wurde er wegen Sabotage in einem kriegswichtigen Betrieb zu einer Gefängnisstrafe in Potsdam verurteilt. Ende 1918 kam er aufgrund der Novemberrevolution frei. Nach dem Krieg veröffentlichte er Krieg dem Kriege!, das zu einem der meistverkauften Antikriegsbücher der 1920er-Jahre wurde und eine Massenauflage erreichte. Ab 1923 betrieb er das von ihm gegründete Anti-Kriegs-Museum in Berlin.

Ernst Friedrich ist bis heute eine wichtige Bezugsperson für die Graswurzelbewegung und die seit 1972 erscheinende Monatszeitschrift Graswurzelrevolution, da er als anarchistischer Antimilitarist zu seinen Lebzeiten eine herausragende Arbeit geleistet hat. Sein Buch Krieg dem Kriege! wurde in mehrere Sprachen übersetzt und war ein Bestseller, die von ihm herausgegebene anarchistisch-antimilitaristische Wochenzeitung Schwarze Fahne erreichte Auflagen bis 40.000. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden seine Schriften bei der Bücherverbrennung vernichtet, das Anti-Kriegs-Museum zerstört und Friedrich selbst ins Exil getrieben. Sein Werk und sein Engagement bleiben jedoch ein eindringliches Mahnmal gegen Krieg und Unterdrückung.

 

Bernd Drücke
 

Teil 2 dieses Artikels erscheint im Oktober 2026 in der GWR 512.

 

Anmerkung:

1) Höre: https://www.aradio-berlin.org/vortragsdokumentation-anarchistischer-antimilitarismus

 

[Bildtexte:]

De Wapens Neder (Die Waffen nieder), Monatszeitung der anarchistisch ausgerichteten Anti-Militaristischen Vereinigung der Niederlande, Nr. 1, Januar 1909

Der Syndikalist, 24. Juli 1926, 8. Jahrgang, Nummer 30.

Antimilitaristische Demonstration gegen den „Großen Zapfenstreich“ am 30. Juni 2020 in Münster. Foto: Bernd Drücke

 

[Punchline:]

Der anarchistische Antimilitarismus lehnt jeden Krieg ab und sieht die Ursachen des Krieges in den bestehenden Herrschaftsstrukturen
 

Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 511, September 2026, www.graswurzel.net

Der Syndikalist, 24. Juli 1926, 8. Jahrgang, Nummer 30.De Wapens Neder (Die Waffen nieder), Monatszeitung der anarchistisch ausgerichteten Anti-Militaristischen Vereinigung der Niederlande, Nr. 1, Januar 1909