Lob des Fragezeichens

Rezension zu: „Na ja, Anarchismus? Festschrift für Bernd Drücke“

Na ja, Anarchismus? Festschrift für Bernd Drücke
by
Torsten Bewernitz, Jens Kastner, Kerstin Wilhelms, Andreas Kemper, Ralf Burnicki, Nikola Siller, Edo Schmidt, Luz Kerkeling, Monika Kupczyk, Nicole Hülk, Daniel Korth, Martin Baymeyer, Joseph Steinbeiß, Thorsten Hallmann
und
John Holloway, Der Blarze Schwock, Findus
Editor:
Infogruppe Bankrott
Publisher:
Edition AV
Published 2026 in
Bodenburg
193
pages
ISBN-13:
978-3-86841-361-2
Price:
16 Euro

Festschriften außerhalb der Welt institutionalisierter Wissenschaft sind selten. Der Koordinationsredakteur der Zeitung Graswurzelrevolution, Bernd Drücke, hat nun zum 60. Geburtstag eine erhalten. Dafür haben sich seine Mitstreiter*innen aus der Münsteraner „infogruppe bankrott“ zusammengetan und ein Potpourri anarchistischer Theorie und Praxis zusammengetragen. Sogar etwas Poesie und ein Romanfragment sind dabei. – Wir lernen den 1992 gegründeten „Infoladen Bankrott“ als – durchaus praxisorientierten – Thinktank des Sinnierens über Freiheit kennen: Eine spieltheoretische Herleitung gesellschaftlicher Kooperation (Daniel Korth) steht neben dem Plädoyer für Konsensdemokratie (Ralf Burnicki) oder der empirischen Beobachtung des spontanen Entstehens von Kooperation und Geselligkeit in einem Bahn-Chaos (Martin Baxmeyer). Die Idee eines „Anarcho-Kapitalismus“ wird dadurch zerstört, dass der Widerspruch zwischen Eigentum und Freiheit gezeigt wird: „Würde niemand den Wald für sich alleine beanspruchen, könnten alle darin herumlaufen.“ (Andreas Kemper, 135) (Dass der Teufel dann im Detail steckt und man die Gefahr erkennen sollte, die Bäume vor lauter Wald nicht zu sehen, steht auf einem anderen Blatt.) Insgesamt entsteht so das Bild einer „Münsteraner Schule“, wie das in der Einleitung etwas selbstironisch genannt wird.

Wiederveröffentlichungen machen die große Mehrzahl der Texte aus; überwiegend hat man sie schon in der Graswurzelrevolution lesen können. Es ist interessant zu sehen, wie gut oder schlecht sie nach mehreren Jahren oder Jahrzehnten gealtert sind. Überwiegend: ziemlich gut, würde ich sagen. Oft ist auch der zeitliche Abstand selbst ein Moment, das zur Erhellung beiträgt. Denn der Band enthält eine Chronik von herrschaftsfeindlich inspirierten Aufbrüchen – die anarchosyndikalistische „Freie Arbeiter Union Deutschlands“ (FAUD) der Zwischenkriegszeit (Torsten Bewernitz), die Spanische Revolution von 1936 (u. a. Jens Kastner), die globalisierungskritische Bewegung um die letzte Jahrhundertwende (Nikola Siller), und vor allem das zapatistische Projekt im lakandonischen Regenwald (fünf Beiträge) –, die in unserer verzweifelten Welt Momente der Hoffnung setzten, die es doch zu bewahren gilt. Das ist aber eine prekäre Angelegenheit, wie sich gerade aus einer zeitlichen Distanz dann zeigt. So liest sich der Beitrag von Nikola Siller zum Europäischen Sozialforum in Florenz 2002, der im selben Jahr unter dem Titel „Der Wind der Veränderung“ in der Graswurzelrevolution veröffentlicht wurde, mit dem Abstand eines Vierteljahrhunderts leicht melancholisch. Denn er handelt von einem der verschütteten Aufbrüche unserer jüngeren Geschichte. Die Antiglobalisierungsbewegung wurde durch Nine-Eleven ebenso brutal abgewürgt wie noch kürzlich die Klimagerechtigkeitsbewegung durch das Corona-Virus und den Ukraine-Krieg. Ist gegen solche (hier wahrscheinlich zufälligen) Bulldozer des Agenda-Settings schon irgendein Kraut gewachsen? Ich fürchte: Nein. Aber: Lernend schreiten wir voran; diese Maxime des Zapatismus wird mehrfach in dem Band zitiert.

 

Was kann der Geehrte aus diesem Buch ziehen?

 

Erstens: Das Fragezeichen des Buchtitels „Na ja, Anarchismus?“ stellt natürlich eine implizite ironische Kritik am Ausrufezeichen der von Bernd Drücke herausgegebenen Interview-Sammelbände „Ja! Anarchismus“ dar. Das Fragezeichen ist vielleicht das anarchistischere Satzzeichen als das Ausrufezeichen. In der befreiungs-orientierten Publizistik ist die Dialektik zwischen ‚Fest-Schrift‘ und ‚Flug-Schrift‘ ein Pflänzchen, das sorgfältig gehegt werden sollte.

Zweitens: In liebevoll-schnoddrig vorgetragener Kritik kann die größere Anerkennung stecken als in Lobhudelei; so in der durchaus respektvoll ausgesprochenen Würdigung Bernds als eines „wahren Papstes miserabler Witze“ (23).

Diesen Papsttitel möchte ich abschließend dem Geehrten streitig machen: Bernd zitiert immer wieder gerne den französischen Künstler Francis Picabia: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Warum wird dann die Zeitung Graswurzelrevolution auf rechteckiges Papier gedruckt? Ebenso wie die hier vorgestellte Festschrift? (Selbst Bierdeckel sind da weiter.) Fragen über Fragen.

 

Rüdiger Haude

 

infogruppe bankrott (Hrsg.) Na ja, Anarchismus? Festschrift für Bernd Drücke. Edition AV, Bodenburg 2026, 193 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86841-361-2, www.edition-av.de

 

Rezension aus: Libertäre Buchseiten, Supplement der Graswurzelrevolution Nr. 512, Oktober 2026, www.graswurzel.net

 

Die Titelseite der Festschrift "Na ja, Anarchismus? zeigt Bernd Drücke bei einer Demonstration gegen den "Karrieretreff Bundeswehr"

[Bildtext:] Die Titelseite der Festschrift "Na ja, Anarchismus?" zeigt Bernd Drücke bei einer Demonstration gegen den "Karrieretreff Bundeswehr"

 

Das Fragezeichen ist vielleicht das anarchistischere Satzzeichen als das Ausrufezeichen