Spiegel historischer Epochen und sozialer Entwicklungen

Eine kurze Geschichte des touristischen Reisens

"Tourismus" ist eine Spielart freiwilliger, geplanter und zudem zeitlich begrenzter "Migration". Im Unterschied zu anderen Formen der Migration wird Tourismus nicht durch soziales Elend, nicht durch ökonomisch erzwungene oder karrierestrategisch "notwendige" Mobilität erzwungen und ebenso wenig durch die Stigmatisierung sowie Vertreibung ethnischer, politischer oder kulturell-konfessioneller Minderheiten ausgelöst. Tourismus ist auch keine Veränderung des ›Lebensmittelpunktes‹, sondern (verkürzt formuliert): "Reisen zum Vergnügen".1 Rüdiger Hachtmann skizziert die Geschichte des Tourismus.

Im Tourismus spiegeln sich die jeweiligen sozialökonomischen und überhaupt gesellschaftlichen Verhältnisse. Das gilt bereits für den Jahrtausende zurückreichenden Proto-Tourismus, der sich samt "Erinnerungsgraffitis" und "Reiseführer" bis in die ägyptische, griechische und römische Antike zurückverfolgen lässt, im späten Mittelalter dann zum Pilgertourismus sowie zur Grand Tour junger Adliger mit Gefolge wurde. Ich werde mich im Folgenden auf den ›modernen‹ Tourismus seit dem 19. Jahrhundert konzentrieren.

Ökonomische, sozialkulturelle und technologisch-infrastrukturelle Basis

Die sozialökonomischen Strukturen im Großen und ebenso fundamentale technologische Wandlungen drückten dem Tourismus jeweils ihren Stempel auf.

Jeder Industrialisierungsschub war zugleich ein Mobilitätsschub, basierte auf neuen Verkehrsmitteln und läutete neue Epochen des Tourismus ein. Beim ersten und zweiten Industrialisierungsschub (im deutschen Raum etwa ab 1835 bzw. seit ca. 1871) standen Eisenbahn und Dampfschiff Pate. Der dritte ökonomische Entwicklungssprung (seit Mitte der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts) und der darauf basierende touristische Entwicklungsschub wurde wesentlich durch das Auto, das Kraftrad sowie (seit den 1960er Jahren) das Flugzeug geprägt. Die vor einem guten Vierteljahrhundert einsetzende vierte industrielle Revolution überformte den Tourismus erneut, nun durch Internet, KI und andere Kommunikationstechniken.

Weit über wirtschaftliche und technologische Entwicklungsschübe hinaus spiegelt der Tourismus überhaupt die jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Strukturen und mit ihnen die Besonderheiten der sozialen Schichtungen und Antagonismen sowie der ›Kulturen‹ im weitesten Sinn. Tourismusähnliche Phänomene im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren ständisch geprägt, also ein exklusives Privileg von bestimmten, nach unten abgeschotteten Bevölkerungsgruppen und durch ständische Verhaltenserwartungen bestimmt, im Unterschied zur sich ab Ende des 18. Jahrhunderts herausbildenden nach oben wie unten durchlässigen Klassengesellschaft.

Die sukzessive Entstehung des ›modernen‹ Massentourismus ab Mitte des 19. Jahrhunderts parallel zur Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft verweist auf dessen ›Bürgerlichkeit‹ als einen hegemonialen Grundzug touristischer Verhaltensmuster und Rollenerwartungen. Zugleich reflektiert die Geschichte des Tourismus die historischen Wandlungen von ›Bürgerlichkeit‹ und des darauf basierenden Normsystems (der sich letztlich auch sozialistische Alternativen nicht entziehen konnten).

Der Pionier des Massentourismus, der Engländer Thomas Cook, hatte ein bürgerliches Publikum, das bei ihm Reisen auch auf den europäischen Kontinent gebucht hatte, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts u.a. bereits zu den Schlachtfeldern von Waterloo unweit von Brüssel, auf dem Napoleon am 18. Juni 1815 seine vernichtende Niederlage erlitten hatte, geführt - und damit den battlefield tourism  populär gemacht. Im Sommer und Herbst 1871 organisierte Cook dann Gesellschaftsfahrten in die französische Hauptstadt zu den Schauplätzen der letzten Kämpfe der Pariser Kommune Ende Mai 1871 - und ›verwertete‹ so touristisch den Schauder des europäischen, voyeuristischen Bürgertums vor revolutionären Aufständen.

Marktförmigkeit und Formwandlungen des Massentourismus im engeren Sinne sind ein recht unmittelbares Abbild der Grundstrukturen kapitalistischer Industriegesellschaften, wie sie sich im 19. und 20. Jahrhundert entfalteten - und der Veränderungen, die jene durchmachten. Dies gilt auch für die NS-Zeit, in der Wirtschaft und Gesellschaft zwar ausgeprägt bellizistisch-militaristische Züge besaßen, allerdings ohne die ökonomischen Grundmechanismen zu tangieren und den kommerziellen Tourismus privater Anbieter auszuhebeln.

Auf wieder eigene Weise bildeten sich im Ostblock-Tourismus die Strukturen der Kommandowirtschaft des stalinistischen und nachstalinistischen Realsozialismus ab: So wie die gesamte Wirtschaft der DDR und der anderen sog. realsozialistischen Staaten zentral gelenkt und bürokratisch reglementiert war, wurde auch der organisierte Tourismus von staatlichen Institutionen beherrscht. Deren Angebote reichten freilich nicht aus, die Nachfrage zu befriedigen. Infolgedessen hinterließ auch die Mangelwirtschaft ihre Spuren im "realsozialistischen" Tourismus: Es bildeten sich Nischen aus, die immer größere Bedeutung erlangten. Wie in der gesamten Volkswirtschaft der DDR entwickelte sich auch im Tourismus eine Schattenwirtschaft. Die ermöglichte zwar eine gewisse Elastizität der realsozialistischen Tourismusökonomie. Mit jener wurden jedoch in wachsendem Maße marktwirtschaftliche Elemente implementiert, die das Prinzip des Staatstourismus aushöhlten, ähnlich wie sie gesamtökonomisch das System einer staatlich gelenkten Wirtschaft sukzessive unterspülten.

Tourismus und Rationalisierung

Neben der Makroökonomie spiegelt sich die Mikroökonomie ›normaler Unternehmen‹ in den Produktionsbedingungen des kommerziellen Tourismus. Jedem industriellen Rationalisierungsschub folgt, zeitlich versetzt, eine vergleichbare Variante tourismusgewerblicher Rationalisierung. Die verschiedenen Spielarten der ›Tourismus-Produktion‹ zeigen bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit den verschiedenen Phasen ›normaler‹ Fertigung: Vor der Entfaltung des modernen Industriekapitalismus dominierte im Gewerbe Einzelfertigung auf Bestellung, also die Sonderanfertigung einer ›einzigartigen‹ Reise. Sowohl die adlige Kavalierstour seit dem 16. Jahrhundert als auch die frühe bürgerliche Bildungsreise des 18. und 19. Jahrhunderts waren proto-touristische ›Einzelfertigung‹.

Am Anfang des frühen Industriekapitalismus stand die Serien- oder Reihenfertigung, also eine größere Zahl gleichartiger Erzeugnisse für einen anonymen Markt. Elemente touristischer Serienproduktion gab es zwar schon im frühen Mittelalter, besonders beim Pilgertourismus, etwa bei der Verschiffung der frommen Reisenden von Venedig in Richtung Heiliges Land. Der Durchbruch zum modernen Massentourismus ist jedoch nicht zufällig mit dem Namen Thomas Cook verbunden. Er erkannte 1841 die Vorteile serieller Produktion und bot in seitdem zunehmend perfektionierter Form ›(Massen-)Reisen zum Vergnügen‹ an.

So wie die typische Form moderner industrieller Produktionsweisen die Massenfertigung - bis in die jüngere Vergangenheit idealtypisch: per Fließband - ist, fasste auch im Tourismus eine Art ›Fließfertigung‹ Fuß. Touristische Fließfertigung besitzt freilich die Eigentümlichkeit, dass es der Tourist ist, der gleichsam von Station zu Station ›fließt‹, und am Ende des Prozesses nicht das Produkt erscheint, sondern verbraucht ist. Nur mit Hilfe des Prinzips der Massen- und Fließfertigung lässt sich ein zentraler Aspekt des Massentourismus realisieren - Kostensenkung, niedrige Endpreise und damit Ausweitung des Tourismus auch auf einkommensschwache Schichten. Das KdF-Amt "Reisen, Wandern, Urlaub" markiert mit seinen niedrigen Preisen und seinen Tourismusangeboten, die von der Anreise über die Unterkunft bis zur kulturellen ›Betreuung‹ alles einschlossen, im deutschen Raum den Anfang, Neckermann, TUI usw. mit ihrem Charterflugtourismus und der Hotel-"all-inclusive"-Buchung seit den 1960er Jahren den Durchbruch touristischer ›Fließfertigung‹.

Dass sich ausgerechnet mit KdF und dem "Bad der 20.000" in Prora das Fließfertigungsprinzip im Tourismus durchgesetzt hat, lief zu den Veränderungen der allgemeinen Produktionsstrukturen parallel: Fließfertigung war zwar schon lange vor 1933 bekannt, auch in Deutschland. Indessen wurde bis 1929/33 über Rationalisierung vor allem diskutiert; im betrieblichen Alltag gelangte dieses US-amerikanische Produktionsprinzip bis zur NS-Machtergreifung nur sehr begrenzt zur Anwendung. Erst seit 1935/36 wurden vor dem Hintergrund einer forcierten Massenfertigung von Rüstungsgütern in der Industrie des Deutschen Reiches auf breiter Front Fließfertigungssysteme eingeführt.2

Eine Variante der Massenfertigung, die das Fließsystem elastischer werden lässt, ist das "Baukasten-System": Rationalisierungseffekte werden hier dadurch erzielt, dass eine gemeinsame Plattform für eine breite Palette von Endprodukten (z.B. Autos) geschaffen, also mit Blick auf bestimmte Grundelemente des Endprodukts die Vereinheitlichung von Arbeitsorganisation und Fertigungsstruktur vorangetrieben wird; die einzelnen Teile sind dabei identisch und so genormt, dass sie zusammenpassen. Dieses Produktionsprinzip trägt den Bedürfnissen des Konsumenten nach Individualität Rechnung, ohne dass die Rationalisierungseffekte der Massenfertigung aufgegeben werden. Ein solches Baukastenprinzip wird bis heute auch von den Tourismusveranstaltern praktiziert: Der Tourist kann sich aus einer Reihe serieller Angebote touristischer Einzelsegmente ›seinen Urlaub‹ zusammenstellen.

Die kommunikationstechnischen Innovationen der letzten Jahrzehnte führten die Tourismuswirtschaft in einen erneuten Umbruch. Die rasch schrumpfende Zahl der Reisebüros, in der BRD von 14.235 (2001) über 9.938 (2013) auf derzeit etwa 6.000,3 ist hierfür ein unübersehbarer Indikator. Smartphones, Laptops mit diversen Reise-Apps, in jüngerer Zeit "Smart Speaker" und immer neue Formen der KI stellen auch die herkömmlichen ›großindustriellen‹ Tourismusanbieter vor Probleme. Sie haben diese bisher zwar noch nicht gänzlich überflüssig gemacht, jedoch zu grundlegenden Veränderungen ihrer ›Produktionsstrukturen‹ gezwungen.

Auch für die neuen ›Produktionsweisen‹ gelten die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Tourismusproduktion und ›profaner‹ Fertigung: Wie bei anderen Dienstleistungen fallen beim Tourismus Produktion und Konsumtion tendenziell zusammen. Das Produkt wird an Ort und Stelle verbraucht. Das touristische Produkt ist außerdem nicht lagerfähig. Die Angebotsmengen, z.B. die Zahl der Hotelzimmer, sind starr und können nicht flexibel oder nur sehr begrenzt der Nachfrage angepasst werden. Um die fixen Kapazitäten optimal auszulasten, führten findige Tourismusanbieter die teurere Hauptsaison und die billigere Vor- bzw. Nachsaison ein. Nicht zuletzt die Einführung der "Wintersaison" in den 1930er und 1950er Jahren, die Mutation des Wintersports, vor allem des Skifahrens zum Volkssport, war vor diesem Hintergrund eine geniale Erfindung der Tourismusindustrie.

Gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen

Tourismus spiegelt auch die jeweiligen politischen Strukturen, den Charakter der jeweiligen Herrschaft. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit spielten Religion und Kirche eine, ihrer politischen wie überhaupt gesamtgesellschaftlichen Stellung entsprechende, herausragende Rolle auch im Prototourismus. ›Tourismus‹ war, von wenigen Ausnahmen abgesehen, denkbar nur als Wallfahrt oder Pilgerreise. Absolutistische Monarchen wiederum, die sich eine möglichst vollständige Verfügungsgewalt über ihre Untertanen verschaffen wollten, suchten den damaligen ›Tourismus‹ durch Reisebarrieren und Reiseprivilegien systematisch einzuhegen. Die Grand Tour als die wichtigste Form des adligen Proto-Tourismus kann auch als Versuch privilegierter Stände interpretiert werden, sich diesem Anspruch auf absolute monarchische Verfügungsgewalt wenigstens zeitweilig zu entziehen.

Typisch für die Diktaturen des 20. Jahrhunderts waren politisch motivierte Überformungen des Tourismus und dessen gezielte Förderung und soziale Ausweitung mit politisch-ideologischen Hintergedanken. Allein deshalb verbieten sich in der Forschung beliebte Formeln wie "Demokratisierung des Reisens". Die tourismuspolitischen Unterschiede zwischen den Diktaturen verweisen wiederum auf grundsätzliche Systemunterschiede.

Die ökonomische Struktur des Dritten Reiches basierte weiterhin auf dem Privateigentum an (industriellen) Produktionsmitteln, also einer Volkswirtschaft auf weiterhin privatkapitalistischer Grundlage, trotz aller kriegswirtschaftlich motivierten Reglementierungen. Das bis 1945 gültige Prinzip der Marktwirtschaft setzte auch dem KdF-Massentourismus Grenzen: Neben den vom KdF-Amt "Reisen, Wandern, Urlaub" veranstalteten Wanderungen und Reisen boomten bis 1942 kommerzielle Tourismusveranstalter; zudem blühte bis Mitte des Krieges der Individualtourismus.

Anders war dies im "Realsozialismus", der mit der sog. Planwirtschaft auch ein grundsätzlich anderes Tourismus-Modell einzuführen suchte: Was KdF quasi auf freiwilliger Basis erreichen wollte - durch das Angebot eines Massentourismus zu Niedrigstpreisen in Konkurrenz zu kommerziellen Anbietern - , wurde in der DDR (wie angedeutet) mittels einer politisch durchgesetzten Monopolisierung der Tourismusindustrie in den Händen des Staates versucht: die Instrumentalisierung des Tourismus zum Zweck politisch-ideologischer Erziehung und Kontrolle. Kontrolle war jedoch nicht umfassend möglich - je mehr die DDR und die anderen Ostblockstaaten alterten, desto weniger. Die Ventile, die das SED-Regime ließ, etwa Campingtourismus und FKK-Strände, sollten der eingemauerten DDR-Bevölkerung auf Dauer allerdings nicht genügen, wie sich 1989/90 zeigte.

Wichtig mit Blick auf den Formenreichtum des modernen Tourismus ist, dass dieser nicht lediglich ein bloßer Reflex auf politische und sonstige Zumutungen war und ist. In ihnen scheinen zugleich auch die jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Alternativen auf. So ist es kein Zufall, dass parallel zum Aufstieg des bürgerlich-kommerziellen Massentourismus auch frühe Ansätze eines frühen ›proletarischen Tourismus‹ entstanden, beispielsweise - inspiriert durch den seit den 1920er Jahren boomenden Sozialtourismus namentlich der britischen Workers Travel Association - unter den Fittichen des SPD-nahen ADGB bis 1933. Seit Ende des 19. Jahrhunderts entstanden zudem verschiedene Varianten eines genossenschaftlichen Tourismus, im sozialistischen Milieu etwa der der Naturfreunde. Nicht Profitkriterien trieben insbesondere die ›Tourismusproduzenten‹ mit Wurzeln in der Arbeiterbewegung, sondern der sozialistisch inspirierte Versuch, materielle Gleichheit in einem zentralen gesellschaftlichen Bereich, unter ›Genossen‹, herzustellen und dennoch individuellen Entfaltungsmöglichkeiten Raum zu lassen.

Die vielfältigen Varianten des im 20. Jahrhundert blühenden genossenschaftlichen Tourismus bildeten die Palette einer politisch breiten Kritik an der Moderne ab. Diese Kritik reichte vom Sozialismus in seinen vielfältigen Verzweigungen über die konservativ geprägten Alpenvereine bis hin zur romantizistisch-rückwärtsgewandten, sich anti-bürgerlich gerierenden, mitunter antisemitisch aufgeladenen Kultur- und Zivilisationskritik der Wandervögel und der durch jene inspirierten frühökologischen Jugendbewegung. Verallgemeinernd formuliert: Der zeitspezifische Habitus der Touristen fächerte sich in dem Maße auf, wie der Tourismus an Breite gewann: nicht nur nach politischer Einstellung, sondern auch nach sozialer Schichtung, Geschlecht, Alter, Konfession usw.4

Touristische Zeitenwende

Der je epochen- oder zeitspezifische touristische Habitus (im Bourdieuschen Sinne), angefangen mit Hygienevorstellungen, der Auswahl der ›Highlights‹ - oft nach den Vorgaben der Reiseführer - bis zur Art und Weise der Dokumentation des Reiseverlaufs (Fotos, Filme usw.), war und ist an die soziale Schicht- und Klassenzugehörigkeit gebunden. Der moderne Tourismus spiegelt, ungeachtet seiner bürgerlichen Wertebasis, mithin die jeweiligen gesellschaftlichen Sozialstrukturen - und damit auch die Polarisierung des Tourismus ›nach dem Geldbeutel‹.

Unterstellt, dass wir uns derzeit (2025) tatsächlich in einer "Zeitenwende" befinden, die Ende des 20. Jahrhunderts einsetzte und alle der oben angesprochenen Ebenen massiv tangiert, bleibt auch der Tourismus davon nicht unberührt, im Gegenteil: Die jüngeren touristischen Entwicklungen spiegeln die allgemeinen Wandlungen in vielerlei Hinsicht konturenscharf. Neun Aspekte touristischer Praxis, die sich in den letzten Jahrzehnten stärker verändert haben, und des touristischen Umfeldes sind hervorzuheben.

Erstens: Dass Frauen in der frühen Neuzeit zu Touristen wurden, war mit den herrschenden gesellschaftlichen Normen tendenziell unvereinbar - obwohl es im 18. Jahrhundert durchaus einige alleinreisende Frauen gab, die die damalige Welt kennenlernen wollten. Die relative Gleichberechtigung, die Frauen inzwischen auch im Tourismus genießen, begann sich erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts durchzusetzen.

Ähnliche Angleichungen lassen sich ausmachen, wenn man zweitens nach Alterskohorten unterscheidet: Touristische Aktivitäten älterer Menschen sind ein relativ junges Phänomen. Besaß schon der vorbürgerliche Tourismus wie die Grand Tour der Adligen einen (männlich-)›jugendlichen‹ Charakter, bilden junge Leute heute eigene Typen von "Reisen zum Vergnügen" wie zur Horizonterweiterung aus.

Ein dritter (hier ausgeklammerter) Aspekt wäre die Differenzierung nach Nationen: die touristische Pionierrolle der Briten, die Rolle der Deutschen als (zeitweilige) "Reiseweltmeister" des 20. Jahrhunderts sowie die touristische ›Emanzipation‹ vormaliger Kolonien und ›Schwellenländer‹ wie China, deren privilegierte Bevölkerungsschichten nun selbst zu globalen Massentouristen geworden sind. Die Globalisierung des Tourismus - die angesichts der aktuellen Abschottungstrends ganzer Weltregionen vielleicht nur ein Zwischenspiel war - hat bekanntlich auch ihre Kehrseite: den viertens weiterhin (neo)kolonialistischen Charakter des europäischen und US-amerikanischen sowie ebenso des russischen, chinesischen usw. Tourismus.5

Die globale Dimension des "Reisens zum Vergnügen" wirft fünftens die Frage auf, ob Dieser Ausländerfeindlichkeit eher dämpft oder umgekehrt bestätigt und vielleicht sogar noch befördert. Die Unterbringung in abgeschotteten Hotelburgen sowie die Kanalisierung der Touristenströme zu den in Reiseführern und -plattformen angepriesenen Highlights via ausgebauter Straßennetze und Parkplätze belassen ›Einheimische‹ und Touristen tendenziell in zwei getrennten ›Welten‹. Wenn ausländerfeindliche Ressentiments sowie der aktuelle Asyldiskurs in Europa und den USA auch in den touristisch überdurchschnittlich aktiven Mittelschichten Resonanz finden, dann spricht dies nicht für eine im Tourismus angelegte ›Völkerverständigung‹. Dass Dieser gleichzeitig einer der zahlreichen Geburtshelfer der (weiterhin prekären) europäischen Einigung war, steht dem nicht entgegen.

Alle vorgenannten Ebenen des Tourismus werden sechstens durch die soziale Ausweitung und siebtens durch eine - erneute - soziale Polarisierung des Reisens überwölbt, die spätestens seit der Hegemonie der mit dem Schlagwort "Neoliberalismus" (verkürzt) zusammengefassten sozialökonomischen Tendenzen immer schärfere Konturen gewinnt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts weitete sich der Tourismus aus: Lange Zeit weitgehend ein Privileg des Adels und eines patrizischen Bürgertums erfasste er zunächst immer größere bürgerliche, dann auch kleinbürgerliche Schichten. Mitte der 1920er Jahre kamen zunächst statistisch kaum signifikante Minderheiten der Angestellten- und Arbeiterschaft hinzu. Dieses Tourismussegment weitete sich im Deutschen Reich begrenzt in den 1930er Jahren aus. Ab den 1950er Jahren erhielt der ›Urlaub für alle‹ durch den Billigtourismus einen kräftigen Schub. Als letzte soziale Großgruppe erfasste der Tourismus schließlich auch die Landwirte.

In den letzten Jahrzehnten sind die sozialökonomischen Trends des Tourismus von einem Paradoxon geprägt: Auf der einen Seite konnten ihm die (retrospektiv:) leichten Rezessionen in den 1970er und 1980er ebenso wenig etwas anhaben wie die Krise 2007/08. Dies gilt grundsätzlich auch für die Covid-19-Pandemie: Die Corona-Jahre hatten zwar eine kräftige konjunkturelle ›Delle‹ mit 2020/21 einem Rückgang von fast 50% gegenüber 2019 zur Folge. Sie stärkten zudem zeitweilig den Inlandstourismus auf Kosten des Auslandstourismus, bescherten dem Camping-Urlaub, der sich prozentual gegenüber 2000 verdoppelte,6 einen unerwarteten Aufschwung sowie den Produzenten von Wohnmobilen eine Sonderkonjunktur, indes nur vorübergehend: Inzwischen hat sich das touristische Verhalten wieder weitgehend ›normalisiert‹.

Oberflächlich betrachtet scheint die Tourismusbranche mithin grundsätzlich krisenresistent und in einem steten Aufstieg zu sein. Laut den offiziellen Angaben des bundesdeutschen Tourismusgewerbes verdoppelte sich die Zahl der registrieren Urlauber ("Ankünfte" im Beherbergungsgewerbe, nur Inland) in nicht einmal drei Jahrzehnten von 90,3 Mio. im Jahr 1992 auf 190,9 Mio. (2019). Nachdem deren Zahl pandemie-bedingt drastisch schrumpfte, kam sie bereits 2023 mit 183,3 Mio. Touristinnen und Touristen fast wieder an das Vor-Corona-Niveau heran.7 2024 erreichte die "Urlaubsreiseintensität" mit etwa 80% der bundesdeutschen Gesamtbevölkerung einen Höchststand. 64% von ihnen verbrachten ihren Urlaub im Ausland (16% im außereuropäischen Ausland); der 2020/21 hohe Anteil des Inlandstourismus war drei Jahre später auf 36% zurückgegangen.8

Auf der anderen Seite verschärft sich jedoch - als Effekt des ›Neoliberalismus‹ - die soziale Polarisierung innerhalb des Tourismus. Der Umsatz steigt, die Touristenzahlen sinken, global und national. Mit Blick auf das touristische "Luxus-Segment" freute sich der Deutschland-Chef des Marktführers TUI 2023 über "starke Zuwächse". Gleichzeitig machten sich Lobbyisten wie der Präsident des Deutschen Reiseverbands "Sorgen über den Kundenschwund".9 Dieser "Schwund" lag bei den bundesdeutschen Tourismusanbietern bis Herbst 2023 im Vergleich zu 2019 bei 16%, bei einem gleichzeitig kräftigen "Umsatzplus" auf mehr als 83 Mrd. € (2023).10

Mit anderen Worten: Zunehmend breitere Bevölkerungsschichten müssen sparen und können sich einen Urlaub finanziell nicht mehr erlauben. Gleichzeitig boomt der Luxustourismus. Die kommerzielle ›Reise in den Weltraum‹ oder in die tiefsten Tiefen der Ozeane markieren nur Extremformen. Auch in etablierten Formen des Tourismus gewinnt das Luxus-Segment an Boden, z.B. innerhalb des Campingurlaubs.11

Wie durch ein Brennglas lassen sich die hier nur angedeuteten problematischen Aspekte des derzeitigen Massentourismus durch ein gegenwärtig omnipräsentes Phänomen exemplifizieren: durch Airbnb. Dieses erst 2008 gegründete und verharmlosend ›Plattform‹ genannte Unternehmen bot in den letzten Jahren mehr als 8 Millionen Unterkünfte in 150.000 Städten an; es zählte fünf Millionen "Gastgeber", machte elf Milliarden Dollar Jahresumsatz und hat an der Börse einen Unternehmenswert von 85 Milliarden Dollar.

Airbnb ist (ähnlich wie z.B. "booking.com") nicht nur ein augenfälliges Beispiel für eine inzwischen selbstverständliche allgemeine Digitalisierung der Reiseplanung auf Basis einer sich rasant entwickelnden KI. Die inzwischen marktbeherrschende, fast monopolartige ›Buchungs‹-Plattform, "die das Reisen erst revolutionieren, dann korrumpieren und schließlich zum Menetekel [ein]es immensen Schadens werden sollte", bahnt (wie die FAZ unlängst kritisch kommentierte) einem "entfesselten, unkontrollierten, allein den Gesetzen des Marktes gehorchenden Tourismus" den Weg. Nicht zuletzt Airbnb forciert die Gentrifizierung: Die für Touristen lukrativen Angebote der Plattform treiben die Mieten nach oben, so dass es für die Einheimischen keine bezahlbaren Wohnungen mehr gibt. Durch den "Raubtierkapitalismus" (FAZ) von Airbnb werden die städtischen ›Ureinwohner‹ zudem dadurch vertrieben, dass durch die von dieser und ähnlichen Plattformen in attraktive Orte und Wohnviertel gelenkten Touristenmassen die bislang vertraute Umgebung auch infrastrukturell umgemodelt wird. Dies erklärt, warum es in den letzten Jahren vor allem "in den Stadtvierteln und Dörfern, in denen Touristen bis vor zehn Jahren noch eine Ausnahmeerscheinung waren", zu Massenprotesten kommt, und nicht in den despektierlich oft "Touristenghettos" genannten "monofunktionalen Küstenorten".12

Gebunden ist die von Airbnb und ähnlichen Einrichtungen (mit)angestoßene Entwicklung an die kapitalistische Profitorientierung. Unausweichlich ist dieser Prozess jedoch nicht: Denkbar sind auch genossenschaftliche oder vergesellschaftete, gleichzeitig global vernetzte kommunale Plattformen, die die Gentrifizierung nicht begünstigen und ihrer Vermittlungstätigkeit ökologische Kriterien zugrunde legen - und über die auch ›kleine‹ Anbieter von Unterkünften und Touren selbst in ›unentwickelten‹ Ländern der ›Dritten Welt‹ per Internet in Kontakt mit einer potentiellen Kundschaft treten. Den Touristinnen und Touristen wird es dadurch zudem möglich, sich aus der Abhängigkeit von den klassischen Tourismusveranstaltern zu befreien. Neuere Plattformen wie GuestToGuest, "Haustauschferien", HomeLink und Intervac könnten hier, obwohl gleichfalls profitorientiert, einen Schritt markieren. Der Weg zu einer nicht-profitorientierten und sozialverträglichen ›Tourismus-Anbahnung‹ ist freilich noch weit. Derzeit scheint die Entwicklung weiter in die entgegengesetzte Richtung zu gehen.

Das erst 2016 eingeführte Schlagwort des "Overtourism"13 bringt die angedeuteten mannigfaltigen negativen sozialen, ökologischen und kulturellen Auswirkungen eines immer breiter gestreuten, durchkommmerzialisierten Massentourismus und einer globalen Nivellierung der touristischen Infrastrukturen auf den Begriff. Nicht nur Venedig, Barcelona und Amsterdam leiden unter Overtourism. Das liegt in der Natur eines entgrenzten Massentourismus: Die für ihn typische unstillbare Sucht nach Neuem, die Faszination des Unberührten, unterwirft schließlich den ganzen Erdball dem Tourismus - und mit dem Tourismus einer tendenziell entgrenzten marktwirtschaftlichen Ökonomie.

Die ökologischen Folgen eines ungebremsten Massentourismus wären ein eigenes Thema. Welche Tourismusformen in den Vordergrund drängen, welche verschwinden werden, ist hier ebenfalls nicht zu diskutieren, mit einer Ausnahme: der Katastrophentourismus dürfte an Bedeutung gewinnen. Schmelzende Gletscher, die die Wintersaison sukzessive obsolet werden lassen, und rutschende Berghänge nicht nur in der Schweiz und den Alpen, sondern mit weit gravierenderen Auswirkungen im Himalaja und in Hochgebirgen anderer Weltregionen.

Exorbitant hohe Temperaturen sowie brennende Wälder etwa im Mittelmeerraum, das Austrocknen ganzer Regionen Afrikas, Asiens und Südamerikas, kurz: die ökologischen Katastrophen, die in einem sich beschleunigenden, rasanten Tempo auf uns zu rasen, werden neuntens den Tourismus nicht unberührt lassen, ihn langfristig vielleicht ganz unmöglich machen.14 Mittelfristig werden sich die Tourismusströme angesichts der Klimaerwärmung umorientieren: innerhalb Europas weg von den zahllosen Hotelburgen an den immer stärker verbrannten Mittelmeerküsten hin zum (ebenfalls zunehmend weniger) kühlen Norden, insbesondere nach Skandinavien. Funktionieren wird das nur für überschaubare Zeiträume. Eine offene Frage bleibt, ob mit den kaum mehr vermeidbaren ökologischen Katastrophen, von den aktuellen und sich vermutlich ausweitenden Kriegen ganz abgesehen, die Menschheit überlebt - und mit dieser der Tourismus.

Anmerkungen

1) Zu Definition und Etymologie des Begriffs: Rüdiger Hachtmann 2007: Tourismus-Geschichte, Göttingen; hier: 10-14. Soweit nicht gesondert ausgewiesen, gehen die folgenden Ausführungen auf diese Einführung zurück sowie auf: ders.: Tourismus und Tourismus-Geschichte 1.0., in: Docupedia-Zeitgeschichte (Hg.), 22.12.2010 http://docupedia.de/zg/Tourismus und Tourismusgeschichte (demnächst: 2.0.). Als Überblick zur deutschen Tourismusgeschichte vgl. außerdem bes. Hasso Spode 2003: Wie die Deutschen "Reiseweltmeister" wurden, Erfurt (sowie diverse Aufsätze dess.).

2) Vgl. Rüdiger Hachtmann 2020: "Fordistischer Massentourismus im kurzen 20. Jahrhundert und die ›Nationalsozialistische Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude‘‹ (KdF)", in: Christian Vaih-Baur, Dominik Pietzker (Hg.): Ökonomische und soziologische Tourismustrends. Strategien und Konzepte im globalen Destinationsmarketing, Berlin: 71-84.

3) Vgl. als Überblick: Martin Scheutz 2018: "Die Geschichte der Reisebüros - eine Leerstelle der Tourismusforschung", in: Ferdinand Opll / Martin Scheutz (Hg.): Fernweh und Stadt, Innsbruck/Wien/Bozen: 135-180; hier: 172. Angesichts der rapide schrumpfenden Zahlen ist unklar, wie viele Reisebüros in der BRD aktuell genau existieren. Vgl. z.B. o.V. 2025: "Zahl der Reisebüros: Das große Fragezeichen", in: touristik aktuell, vom 22. April 2025; URL: https://www.touristik-aktuell.de/nachrichten/reisevertrieb/news/datum/2025/04/22/zahl-der-reisebueros-das-grosse-fragezeichen/ (Zugriff: 03.06.2025).

4) Vgl. die Beiträge von Klaus-Dieter Groß und Gerlinde Irmscher im vorliegenden Heft.

5) Vgl. hierzu den Aufsatz von Martina Backes / Rosaly Magg im vorliegenden Heft.

6) 2000 lag der Anteil der Camper (auf offiziellen Plätzen) bei 4,8%, 2020 und 2021 bei 9,9% bzw. 9,4%. Trotz absolut steigender Zahlen sank er bis 2023 auf 6,2%. Diese und die folgenden Zahlen nach: Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025 - Stand: 26.05.2025 (Zugriff: 05.06.2025), eigene Umrechnung.

7) Destatis, 2025 (s. Anm. 6).

8) Statista 2025; URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4838/umfrage/urlaubsreiseintensitaet-der-deutschen-seit-1972/ (Zugriff: 05.06.2025).

9) Nach: Timo Kotowski 2023: "Die verteuerte Reiselust", in: FAZ vom 15. Juni 2023: 21.

10) Ders. 2023: "Der nächste Urlaub sorgt für Spannung", in: FAZ vom 13. Okt 2023: 25.

11) Vgl. z.B. Andreas Lesti 2019: "Raus hier. Wieso wollen alle plötzlich campen?", in: FAZ vom 26. Mai 2019: 49.

12) Judith Lembke / Jakob Strobel y Serra 2025: Kann man guten Gewissens bei Airbnb buchen? Auf: FAZ-online vom 03.06.2025, 06:17 (inkl. Zahlen und Zitate); URL: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/massentourismus-kann-man-guten-gewissens-ueber-airbnb-buchen-110512772.html (Zugriff: 04.05.2025). Vgl. auch den Beitrag von Johannes Novy im vorliegenden Heft.

13) Vgl. Rafat Ali [2018]: The Genesis of Overtourism: Why We Came Up With the Term and What‘s Happened Since (14. Aug. 2018); URL: https://skift.com/2018/08/14/the-genesis-of-overtourism-why-we-came-up-with-the-term-and-whats-happened-since/. Vgl. exemplarisch Florian Eggli u.a. 2020: "Overtourism", in: Dominik Pietzker / Christina Vaih-Baur (Hg.): Ökonomische und soziologische Tourismustrends, Heidelberg: 173-191; hier: 174 f.

14) Freddy Langer 2023: »Nordwärts!«, in: FAZ vom 17. Aug. 2023: R 1.

Rüdiger Hachtmann, Prof. Dr., Senior Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam