den USA schaut man etwa die Late-Night-Show »Jimmy Kimmel Live!« Diese Show ist um einiges klüger, unterhaltsamer und kritischer als man selbst oder die Verhältnisse. Nach einem Tag im Hamsterrad der Lohnarbeit führt man sich so eine unterhaltsame Show gerne einmal zu Gemüte.
Doch Schockschwerenot, ab dem 20. September lief die Show nicht mehr – aus politischen Gründen abgesetzt. Und das im Land der Meinungsfreiheit, denn die USA besitzen eine der stärksten Verfassungsnormen für Meinungsfreiheit überhaupt: das First Amendment, welches Kongressgesetze verbietet, die die Rede- oder Pressefreiheit einschränken. Kimmel‘s Absetzung erfolgte zwar nicht per Gesetz. Aber auch indirekte Hebel – wie hier mit Drohungen, Druck auf Sender und Eigentümer – beeinträchtigen die Meinungsfreiheit.
In unseren Heften über Pressefreiheit (iz3w 365) oder Kritischen Journalismus (iz3w 406) beschäftigt uns die ganze Klaviatur der Presseunfreiheit. Von China nach Kuba, von Indien bis zur Russischen Föderation, lassen sich die Spielarten der Unterdrückung der Pressefreiheit beobachten: Mittels Schlagstöcken, Verboten oder indirektem Druck und Einschüchterung. Und das jetzt im Land der Meinungsfreiheit. Was ist da los?
Auslöser der Kimmel-Absetzung war die Erwähnung des tödlichen Attentats auf den rechtsextremen Aktivisten Charlie Kirk. Kimmel sagte in seiner satirischen Zuspitzung, Trumps Trauer erinnere an die eines vierjährigen Kindes, das um einen Goldfisch trauert. Damit gerät Kimmel bei der autoritären Bande, die nunmehr die USA regiert, an die Falschen. Brendan Carr, Vorsitzender der US-Fernsehregulierungsbehörde FCC, warnt die Rundfunkanstalten, dass sie »dies entweder auf die leichte oder die harte Tour erledigen« (easy or hard way) könnten. Der von Trump installierte rechtskonservative Brendan Carr nutzt also seine Position, um öffentlich ‚Warnungen‘ auszusprechen, die Sendepläne betreffen.
Die Reaktionen? Lokale Sendergruppen (Nexstar, Sinclair) drohten, die Ableger des Mediennetzwerkes ABC (das »Jimmy Kimmel Live!« sendet) ganz aus ihrer Programmschiene zu nehmen – kurz nachdem Carr öffentlich intervenierte. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von Sendernetzen und Lizenzgenehmigungen erzeugt nun Druck zur ‚Zurückhaltung‘. Das zieht: Innerhalb von ABC hieß es gleich, man wolle »die Temperatur senken«. So entsteht ein Klima, in dem kritische Stimmen zunehmend vorsichtig agieren. Wohl gemerkt: Wir reden hier nicht von linken Medien wie in der immer diktatorischer werdenden Türkei. Wir reden von einer Mainstream-Unterhaltungssparte im Privatfernsehen der (noch) demokratisch verfassten USA.
Wie es sich für eine autoritäre Bande (iz3w 389) gehört, waren Carrs Warnungen, sich der Late-Night-Show per easy or hard way zu entledigen, mit weiteren Drohungen garniert. Carr sagte in einem rechten Podcast: »Wir werden diese Sender im öffentlichen Interesse zur Verantwortung ziehen«. Auch Donald Trump macht sich so seine Gedanken: »Wenn sie diese einfache Lösung nicht mögen, können sie ihre Sendelizenzen an die FCC zurückgeben. Ich denke, man sollte ihnen vielleicht die Lizenz entziehen«. Überraschenderweise sagte der republikanische US-Senator Ted Cruz dagegen, Carrs Drohung des Lizenz-Entzuges sei »verdammt gefährlich«, denn: »Das ist wie ein Mafioso, der in eine Bar kommt und sagt: 'Schöne Bar, die Sie hier haben. Es wäre schade, wenn ihr etwas zustoßen würde'«.
Nach der zeitweiligen Absetzung wird in »Jimmy Kimmel Live!« wieder auf Sendung kritisiert, debattiert und gelacht. Warum jetzt doch? Vielleicht ist es ja so, wie wir dauernd schreiben: Protest und öffentlicher Druck lohnen sich. Jedenfalls gab es eine breite Solidaritätswelle zugunsten der Late-Night-Show und jetzt ist sie wieder on air.
Kimmel spricht Klartext: Man dürfe nicht zulassen, dass »Regierungsbedrohungen uns zwingen, aufzuhören mit dem, was wir tun«. Und Kimmel spottet über Carr: »Er hat versucht, mich zu canceln, und dabei sein Bestes gegeben. Stattdessen hat er Millionen von Menschen dazu gezwungen, sich die Show anzusehen. Das ist gewaltig nach hinten losgegangen.«
Es gibt eigentlich wenig, das uns so ungefährdet erscheint, wie das, was wir abends vor dem Fernseher konsumieren. Aber »Jimmy Kimmel Live!« zeigt, dass Meinungsfreiheit immer und überall neu erkämpft werden muss. Auch das verbindet uns TV-Konsumierende aller Länder universell.


