Zur politischen Gegenwart von Malcolm X
Am 27. April 1962 stoppte die Polizei von Los Angeles (LAPD) zwei Schwarze Männer vor einer Moschee der Nation of Islam (NOI). Die Kontrolle blieb ergebnislos – doch als einer der Männer gefesselt und gegen die Motorhaube gedrückt wurde, griff der andere ein. NOI-Mitglieder kamen aus der Moschee, Streifenwagen trafen ein, Schüsse fielen. Sechs unbewaffnete Männer wurden verletzt, der Moschee-Sekretär Ronald Stokes erschossen. Für Malcolm X, der den Tempel gegründet hatte und Stokes kannte, fiel in dem Augenblick die Maske der Demokratie. Gegenwärtig erinnert der Vorfall unweigerlich an die Ermordeten George Floyd, Tyre Nichols oder Lorenz A.
White Supremacy auf Steroiden
Nach dem Mord an Stokes veranstaltete Malcolm X ein improvisiertes Tribunal. Er kritisierte die »Gestapo-Taktiken« der LAPD, machte Stokes zum Märtyrer und sprach von einem Polizeistaat, dem international entgegenzutreten sei. Für Malcolm wurde der Ermordete Teil einer »dunklen Welt«, die im Namen der Menschheit gegen weiße Vorherrschaft kämpfte. In dieser Verbindung von Antirassismus und Antikolonialismus leuchtet Malcolms Erbe vielleicht am hellsten – eine Einsicht, die Reverend Al Sharpton zu Malcolms 100. Geburtstag am 19. Mai 2025 explizit würdigte. In Dreams from My Father feierte Barack Obama Malcolms »ständige Neuerfindung« und »schroffe Poesie«. Jetzt, da die Hoffnungen der Obama-Ära zerbrochen sind, kehrt Malcolm X zurück – in einer Zeit, die Sharpton »white supremacy on steroids« nennt.
Unter Trump bestätigt sich diese Diagnose: Er ordnete kürzlich beim »Blacksonian« eine politisch motivierte Überprüfung an und geißelte öffentlich, das Museum zeige nur, »wie schlimm die Sklaverei war ... nothing about brightness«. Während solche Revisionen institutionell wirken, greift er zugleich mit theatralischer Zerstörungslust ins Symbolische ein. Die erste Schwarze Direktorin der Library of Congress wurde entlassen; unter massivem Druck aus Washington wurden Schriftzug und Straßenschilder der Black Lives Matter-Plaza entfernt. In dieser Ära der Regression erscheint Sharptons Forderung, an Malcolm X anzuknüpfen, wie ein historischer Imperativ.
Der Pastor und der Partisan
Dass Sharpton heute so entschieden auf Malcolm X verweist, ist kein Zufall: Malcolm vermittelte seiner Generation einen rebellischen Stolz, der selbst die Predigten Martin Luther King Jr.s überstrahlte. Sharpton betonte, dass Malcolm nicht auf den engen Kreis Schwarzer Nationalisten reduzierbar sei. Seine Wirkung reichte weit darüber hinaus, bis in Milieus, die seine Theologie nicht teilten und seine Taktiken für zu radikal hielten. In der nationalen Mythologie ist King zur Projektionsfigur des sanftmütigen Schwarzen Anführers geworden, der die Nation geläutert habe. Im Licht, das King umgibt, erscheint Malcolm X wie sein dunkler Zwilling, ein Ikonoklast, der dem Narrativ der lernfähigen Nation misstraute. Kings Politik zielte auf Versöhnung, Malcolms auf die Wunde, die nicht heilen könne, solange ihre Ursache fortbesteht. Auch die Logik einer Befriedung ohne Gerechtigkeit wies er zurück. Sein Beharren, dass partielle Reformen nur den Status quo stabilisieren, findet im späteren Protestmantra »No justice, no peace« seine schärfste Form.
Dass King Bürgerrechtsgesetze verhandelte, während der Ku-Klux-Klan eine Kirche in die Luft sprengte, erschien Malcolm als moralische Kapitulation. Für ihn verkörperte King eine erbetene, nicht erkämpfte Freiheit. Malcolm stilisierte sich hingegen zum Guerillakämpfer der urbanen Asphaltplantagen, zur Geisel eines imperialen Regimes, das ihn nie als gleichberechtigten Bürger gelten ließ. »Ich bin kein Amerikaner«, resümierte er 1964: »Ich bin einer von 22 Millionen Schwarzen Menschen, die Opfer des Amerikanismus sind«. Seine kompromisslos anti-integrative Haltung bleibt herausfordernd. Doch gerade in diesem sprachlichen Maximalismus – dem nie Gewalt folgte – liegt sein Vermächtnis.
Biographie eines Suchenden
Während King als Sohn eines angesehenen Baptistenpredigers aufwuchs, war Malcolm ein Kind der Straße. Sein Vater fiel mutmaßlich einem rassistischen Mordanschlag zum Opfer; seine Mutter wurde psychiatrisiert, die Kinder auf Heime verteilt. In seinen Zwanzigern rutschte Malcolm in die Unterwelt von Boston und Harlem ab – seine intellektuelle Selbstbefreiung begann im Gefängnis.
Die Begegnung mit der NOI gab ihm ein stabiles – wenn auch überdogmatisches – Denkraster. Aus Malcolm Little wurde Malcolm X; der Buchstabe X stand fortan für eine Schwarze Identität, die ihre verlorene afrikanische Herkunft weder erinnern noch vergessen konnte. Nach seiner Entlassung 1952 stieg Malcolm zum zentralen Vertreter der NOI auf. Er machte die Grenzen einer liberalen Reformpolitik sichtbar, die Gleichheit versprach, ohne Machtverhältnisse anzutasten. Freiheit, so erklärte er, müsse erkämpft werden – »mit allen notwendigen Mitteln«.
Mit der Trennung von der NOI 1964 wendete er sich von einem identitär verengten Verständnis von Schwarzsein ab. Auf seiner Pilgerreise nach Mekka entdeckte er einen universalistischen Islam und die Möglichkeit globaler Bündnisse. So kehrte er mit einem Blick zurück, der Rassismus, Kolonialismus und Kapitalismus zusammendachte. Lange bevor die postkoloniale Theorie ihre Begriffe prägte, verkörperte er ihre Einsicht, dass Befreiung nur als planetarisches Projekt gelingen kann.
Diese neue Offenheit machte ihn verwundbar. Am 21. Februar 1965 wurde er in Harlem während einer Rede erschossen – mutmaßlich von ehemaligen Weggefährten, unter den Augen von FBI und NYPD. Malcolm hatte kurz zuvor begonnen, Beweise für die systematische Gewalt gegen Schwarze zu sammeln, um die Diskriminierung in den USA als Verletzung der Menschenrechte vor die UN zu bringen. Anders als King starb er nicht als geehrter Märtyrer, sondern als unbequeme Figur, die niemand vereinnahmen wollte.
Politik der Metamorphosen
Dass sein Tod kaum betrauert wurde, steht im Widerspruch zu seiner Größe. Malcolm X war eine fleischgewordene Provokation, die Kameras suchte und fand. Doch das Bild bleibt unvollständig, wenn man seine Spannungen unterschlägt. Die NOI gab ihm ein geschlossenes, teils verschwörungsgläubiges Weltbild und ein patriarchales Geschlechterverständnis, das hinter seinem eigenen Freiheitsanspruch zurückblieb. Seine Lust an Zuspitzung trieb ihn bisweilen ins Absolute, seine Selbstinszenierung ins Karikatureske. Für viele wirkte er sektiererisch: kämpferisch gegen die weiße Nation, aber ausschließend gegenüber weißen Verbündeten. Vielleicht betonen auch deshalb posthume Darstellungen Malcoms Mekka-Phase, als wäre seine frühere Militanz ein jugendliches Fieber.
Eine lineare Erzählung, die Malcolm von der Separatisten-Wut zur universellen Menschenrechtsrhetorik immer näher an King heranrücken lässt, griffe zu kurz. Als wäre er, wenn er nur länger gelebt hätte, irgendwann sanft in der Mitte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gelandet. Malcolm sorgte dafür, dass der Zorn der Schwarzen nicht zu früh entwaffnet, nicht moralisch sublimiert wurde. Ohne ihn – so könnte man sagen – wäre Kings Traum zu leicht verdaulich gewesen.
Der Blick über die Grenzen
Malcolms Mekka-Phase gilt gemeinhin als Ausdruck interkonfessioneller Toleranz; sein Internationalismus wird jedoch oft geglättet. Mit jedem Ort, den er bereiste, wuchs sein Widerstand gegen Rassismus zu einer Kampfansage an die gesamte Weltordnung. Seine Reisen nach Kairo, Ghana und Gaza waren der Versuch, den afroamerikanischen Freiheitskampf weltgeschichtlich zu verorten. Auch seine Kritik an der israelischen Politik war Teil einer Analyse kolonialer Machtverhältnisse, in der Palästina zum Prüfstein universeller Befreiung wurde. Wer Malcolms Aussagen auf Antisemitismus verkürzt, kappt den Faden, der ihn mit den Black Panthers, der Third World Liberation Front, dem Pan-African Congress, den Anti-Apartheid-Kampagnen und Black Lives Matter verbindet – und unterschätzt den globalen Anspruch seiner Politik.
In einer politischen Kultur, die nur maßvollen Protest belohnt, verstand Malcolm Schwarze Wut als Erkenntnismittel, das nicht vorschnell wegtherapiert werden darf. Selbstverteidigung war für ihn kein Ruf zur Gewalt, vielmehr ging es ihm um die Demaskierung des Ideals, das Duldsamkeit zur Tugend erhebt. »Sei friedlich, sei höflich, befolge das Gesetz«, sagte er, »doch wenn jemand Hand an dich legt, schick ihn ins Grab«. Diese Härte macht klar: Black Lives Matter – und zwar im Moment der Gegenwehr, nicht erst, wenn ihre Körper leblos auf dem Asphalt liegen. Heute, da die Empörung nach George Floyd in symbolische Diversity-Programme kanalisiert und unter Trump zerschlagen wird, fehlt eine Stimme, die Protest nicht in Versöhnungsrituale versickern lässt, sondern als politische Ressource ernst nimmt – als Kraft, die Kritik am Gewaltmonopol wachhält.



