»In Erwägung, dass da Häuser stehen ...«

Der dritte Anlauf. Alle Macht den Räten
by
Manfred Sohn
Publisher:
PapyRossa Verlag
Veröffentlicht 2012 in
Köln
180
pages
ISBN-13:
978-3-89438-491-3
Price:
12,90 €

Wenn Bert Brecht den Aufbau des Sozialismus in seinem Werk zu gestalten suchte, richtete er sein Augenmerk nicht in erster Linie auf die Erfolge des Sowjetstaates. Sein Interesse galt vielmehr den konkreten Schritten im Leben der Menschen in den Städten und Dörfern, die die neue Ordnung aufscheinen ließen. Da sind die Teppichweber von Kujan-Bulak, die auf eine Lenin-Büste verzichten, um stattdessen Petroleum zur Bekämpfung des Fiebers in ihrem Ort zu kaufen. Mit diesem Schritt – so schrieb Brecht – ehrten sie Lenin, indem sie sich nutzten. Mit der Mutter Pelagea Wlassowa ist sich Brecht sicher, dass RevolutionärInnen stets den Kampf um den Lohngroschen, um das Teewasser und um die Macht im Staat miteinander zu verbinden hätten. Schließlich ließ der Dramatiker die Pariser KommunardInnen des Jahres 1871 auftreten. Sie beschlossen im Theaterstück (und nicht nur dort) in die leerstehenden Häuser einzuziehen, weil es ihnen in ihren »[...] Löchern nicht mehr passt.« (Brecht) Der Sozialismus ließ sich für Brecht nicht per Dekret einführen, sondern brauchte das Engagement der großen Masse, wie für ihn auch die revolutionäre Organisation nicht in einem großen Haus mit Telefonen operierte. Ihren Mitgliedern rief er stattdessen zu: »In deinem Anzug steckt sie, Genosse, und denkt in deinem Kopf. / Wo ich wohne ist ihr Haus, und wo du angegriffen wirst, da kämpft sie.« (Brecht)

 

Auch Manfred Sohn ist sich sicher, dass ein neuer Anlauf zur Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse nur gelingen kann, wenn er von den Menschen getragen und vor allem von ihnen gestaltet wird. Aus diesem Grunde plädiert er in seinem neuen Buch dafür, diesen neuen Sozialismus in den Städten und Dörfern zu verankern, auf die Selbstorganisation der Menschen zu vertrauen und den alten Gedanken der Rätedemokratie wieder mit Leben zu füllen. Dabei knüpft er sowohl an die Erfahrungen, die in der Sowjetunion und in den ihr folgenden Ländern gemacht wurden, als auch an die historischen Lehren aus der Pariser Kommune an. In Auswertung dieser Quellen formuliert Manfred Sohn die Leitfrage seiner Bemühungen: »Wo sind die Hauptlehren, wo die institutionellen Sicherungen dagegen, dass nicht ein dritter Anlauf zum Sozialismus ähnlich entgleist wie der zweite 1989 endgültig entgleist ist?« (52) Anders als Brecht kann sich  die Linke nach der großen Niederlage aber nicht damit begnügen, Visionen zu entwerfen. Ihre Überlegungen müssen sowohl die historischen Gründe des Scheiterns reflektieren, als auch realistische Ansätze für den neuen Anlauf skizzieren.

 

Manfred Sohn kommt dieser Aufgabe mit dem vorliegenden Buch nach und richtet seine Analyse konsequent an der Frage aus, welche Folgen die dezentralen Strukturen der Commune und welche Resultate der Zentralismus in den Staaten hatte,  die sich in der Tradition der Oktoberrevolution sahen. Sein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Untersuchung des Zusammenhangs von Zentralismus und der Herausbildung bestimmter Geschlechterverhältnisse. Auf diese Weise gelingt ihm der Nachweis, dass Frauen immer dann eine entscheidende Rolle in revolutionären Prozessen spielen, wenn sie »[...] die Morgenluft von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit wittern« (64) und sich aus den Auseinandersetzungen zurückziehen, wenn sich wieder Machtstrukturen durchsetzen. In einem nächsten Schritt zeichnet der Autor die Zentralisierungen im staatlich organisierten Sozialismus nach, die er stets als Demokratieabbau bewertet. Schließlich skizziert er die Grundzüge eines modernen Sozialismus, der aus der direkten Aktivität der Menschen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld erwachsen müsse. Bei der Gestaltung dieses Entwurfs orientiert Sohn sich vor allem an den Arbeiten von Marx und Luxemburg, ohne die neueren Debatten über Staat, Macht und Markt zu ignorieren. Dadurch gewinnt sein Konzept an Lebendigkeit, die zum Nachdenken anregt.

 

Auch weil  der geringe Umfang des Buches an vielen Stellen nur eine kursorische Behandlung der Probleme zulässt, wäre ein Verzeichnis der vielfältigen verarbeiteten Literatur wünschenswert, um tiefer in die referierten wissenschaftlichen Debatten eindringen zu können. Dessen ungeachtet ist dem Autor aber zu attestieren, dass er mit seinem Buch eine gelungene Einführung in die notwendige Diskussion über Alternativen zum herrschenden System geschrieben hat.