Heldentod und Massenmord

Vom Sterben im Krieg

Die Herstellung gesamtgesellschaftlicher "Kriegstüchtigkeit" ist seit der "Zeitenwende" ein zentrales Ziel der herrschenden deutschen Politik. Zur gesteigerten Bereitschaft, Krieg zu führen gehört auch eine gesteigerte Akzeptanz des eigenen Todes im Krieg. "Für das Vaterland" zu sterben ist aber keinesfalls eine neue Idee. Die Geschichte, insbesondere des 20. Jahrhunderts, ist überfüllt mit Gräbern meist junger Männer, die, als "Heldentod" verklärt, auf den Schlachtfeldern ihr Leben ließen. Gisela Notz untersucht die Geschichte des Sterbens im Krieg am Beispiel des Ersten Weltkriegs.

Sterben und Tod als Forschungsgegenstand sind nicht nur, aber auch ein Thema für die Geschichtswissenschaften. Kriegs- und Militärgeschichte befasst sich meist mit den großen Kriegen, die große Männer führten. Die etablierte Geschichtsschreibung betrachtete Geschichte aus der Sicht der Herrschenden - mit den Schlachtentwürfen und dem Kriegshandwerk hoher Militärs; ganz selten mit den Überlebenskämpfen in den Schützengräben und mit den "einfachen" Soldaten, die die Kriege trugen und erlitten und so gut wie gar nicht mit deren Verweigerungsstrategien oder mit den psychischen und physischen Nöten von Personen aus der Zivilbevölkerung. Den "einfachen Menschen" wird der ihnen gebührende Platz meist nicht eingeräumt. Bertolt Brecht stellte dies in seinem Gedicht "Fragen eines lesenden Arbeiters", das er 1935 im Exil in Dänemark geschrieben hat, sehr eindrucksvoll dar. Er fragte: "Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?" Wer das Privileg hat, zum Gymnasium gehen zu können und Latein zu lernen, wird noch heute aus Cäsars Feder erfahren, wie es ihm gelang, sich selbst als einen der größten Feldherren aller Zeiten zu etablieren.1 Historische Untersuchungen über den "Krieg des kleinen Mannes" sind immer noch selten.2

Der Heldentod

Ein "Heldentod" ist der Tod eines Soldaten auf dem Kampfplatz, von einer Soldatin ist dabei (noch) keine Rede 3, denn Waffentragen und Kriegsführen waren - zumindest in unseren Breitengraden - lange Zeit männliches Recht, Pflicht und Privileg zugleich. Alle Soldaten im Ersten Weltkrieg, auf den ich mich im Folgenden vor allem beziehe, waren Männer; viele, die aus den unteren Schichten kamen, waren zum Kriegsdienst gezwungen worden. Frauen waren ohne Waffen.4 Das heißt nicht, dass sie friedfertiger waren. Sie waren moralische und seelische Stütze der eigenen Soldaten, Sorgende und Pflegende in den Lazaretten und bald auch an der Front und die Arbeiterinnen hielten die Rüstungsindustrie im Gang. An der "Heimatfront" waren bürgerliche wie sozialistische Frauen nicht weniger aktiv als Männer - so unterstützten sie das Morden der Männer. Viel zu wenige leisteten Widerstand.5

Sterben für Gott und Vaterland

Nahezu alle sozialistischen Parteien in den kriegführenden Ländern bekannten sich während des Ersten Weltkrieges zur "Verteidigung des Vaterlandes" und damit des bürgerlich-kapitalistischen Staates, dessen Sturz sie bis dahin angestrebt hatten. Sie stimmten damit ein in die Euphorie der Massen, die - so wird es heute oft erklärt - den Krieg als reinigendes Gewitter nach Jahren einer gewissen Übersättigung und Dekadenz begrüßten. In der freudigen Erwartung, spätestens zu Weihnachten siegreich wieder zu Hause zu sein, zogen die Soldaten ins Feld - begleitet von blumenstraußschwenkenden jungen Frauen. So zeigen es die fotografischen Überlieferungen. Sie sangen Lieder wie: "Siegreich wollen wir Frankreich schlagen" - denn Frankreich war der "Erbfeind".

Zu allen Zeiten schien es ehrenvoll zu sein, für das Vaterland zu sterben. Viele Dichter und Denker verherrlichten den Heldentod. Schon Friedrich Hölderlin, der zu den bedeutendsten Lyrikern einer Zeit zählt, wollte "einst nicht sterben gemeinen Tods!" Er schrieb: "Umsonst zu sterben, lieb’ ich nicht, doch lieb‘ ich, zu fallen am Opferhügel. Für’s Vaterland, zu bluten des Herzens Blut."6 Er durfte Griechisch, Hebräisch, Latein und Rhetorik lernen, wurde Hauslehrer von Kindern wohlhabender Eltern, schrieb Gedichte. Ob er am Ende seines Lebens "geistig umnachtet" war oder seiner Umgebung nur etwas vorgespielt hat, weiß niemand. Jedenfalls lebte er bis 1843, umsorgt von seiner Tochter. In den Krieg ziehen, musste er - wie so viele, die den Heldentod verherrlichten - nicht.

Die Nazi-Faschisten waren von diesem Gedicht begeistert, sie ließen eine Hölderlin-Feldauswahl im Auftrag der Hölderlin-Gesellschaft und des Hauptkulturamts der NSDAP drucken und schickten sie an die Front, damit den Soldaten der Tod fürs Vaterland leichter fällt. Gymnasiallehrer brachten den Schülern Worte und Inhalte bei, bevor sie in den Krieg zogen. Vaterlandsliebe konnte nicht hoch genug gepriesen werden und die Flucht vor dem Feind nicht genug verachtet werden.

Die Gedichtzeile, dass es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben (Dulce et Decorum est) hingegen, die aus einem Gedicht des britischen Dichters Wilfried Owen stammt, der den qualvollen Tod eines unbekannten Soldaten nach einem Gasangriff Ende des Ersten Weltkriegs beschreibt, ist nicht heroisierend gemeint. Er verwendet ein viel älteres Zitat des römischen Dichters Horaz: "Süß und ehrenhaft ist der Tod für das Vaterland" ironisch, indem er am Ende seines Gedichtes schreibt: "Die alte Lüge: Dulce et decorum est / Pro patria mori." Wilfred Owen wurde am 4. November 1918, eine Woche vor Kriegsende in Frankreich ermordet. Der englische Komponist Benjamin Britten verarbeitete in seinem 1962 erschienenen War Requiem neun Gedichte von Wilfried Owen. Auf die Titelseite der Partitur schrieb er Owens Worte: "Mein Thema ist der Krieg und das Leid des Krieges. Die Poesie liegt im Mitleid… Alles, was ein Dichter heut tun kann, ist warnen." Das gilt auch heute noch. Als Lehrende haben wir allerdings auch den politischen Auftrag, darauf hinzuarbeiten, dass das "Leid des Krieges" endlich zu Ende geht.

Massenmord (nicht nur) auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges

Vier Jahre und drei Monate dauerte der Erste Weltkrieg. Er war der blutigste Konflikt gewesen, den die Menschheit bis dahin ausgefochten hatte. Erstmals wurde Giftgas eingesetzt. Mehr als 60 Millionen Männer kämpften mit den Waffen. Etwa 40 Länder waren beteiligt. Am 11. November 1918 wurde der Waffenstillstand unterzeichnet. Da hatte der Krieg schon ganze Männer-Jahrgänge ausgelöscht. Fast die Hälfte aller Ermordeten auf deutscher und britischer Seite war 19 bis 24 Jahre alt. 9.442.000 Soldaten wurden auf den Schlachtfeldern ermordet oder starben im Lazarett an den Folgen. Hinzu kamen etwa 78.000 Tote aus den französischen und 180.000 Tote aus den britischen Kolonien. Die USA "verloren" nach ihrem Kriegseintritt im April 1917 rund 117.000 Mann in Europa. Ungezählt bleiben mehr als sechs Millionen Zivilisten.7 Das waren Frauen, Kinder, Alte und andere, die nicht zu den toten Helden gezählt wurden. Zudem gab es 1918 in Deutschland rund 2,7 Millionen physisch und psychisch versehrte Kriegsteilnehmer. Der schreckliche Anblick von Entstellten und Verstümmelten mit Prothesen gehörte zum Alltag der Nachkriegszeit.

Heldengedenken

Aus einer 2.400 Einwohner zählenden Gemeinde in der Eifel mit einem wichtigen Eisenbahnnetz und einem hervorragenden Aufmarsch- und Mobilisierungsgebiet - ganz nahe am "Erbfeind" Frankreich - wird berichtet, dass etwa 70 Personen in den Krieg gezogen waren, "die meisten mit Begeisterung; 41 haben ihre Heimatstadt nicht mehr gesehen, ihre Namen sind auf den Tafeln des Ehrenmals am Brunnenplatz eingemeißelt".8

Entlang der deutsch-französischen Grenze kann man viele Grabsteine mit der Aufschrift "Er starb für Gott und das Vaterland" sehen. Die mit den französischen Aufschriften kennzeichnen die Gräber derer, die für Frankreich gekämpft haben, die mit den deutschen Aufschriften die Gräber derjenigen, die für Deutschland kämpften. Die Soldaten beider Seiten sind von der jeweils anderen Seite ermordet wurden. Auf beiden Seiten haben in den Truppen Personen gekämpft, die sich als Christen bezeichneten und glaubten, Gott wäre auf ihrer Seite gewesen, als sie gegeneinander kämpften. Beide Seiten glaubten, ihre Nation würde einen gerechten Krieg führen. Und beide gehorchten bedingungslos den Aufforderungen ihrer politischen und religiösen Führer, die ihnen versicherten, dass sie das Richtige tun.9 Der Tod als ständiger Begleiter der Frontsoldaten wurde auf beiden Seiten zum "Heldentod für das Vaterland" verklärt. Soldat sein ist eben kein Beruf wie jeder andere.

Mindestens 100.000 Kriegerdenkmäler gibt es in Deutschland, zahlreiche entstanden nach der Gründung des Kaiserreichs 1871 vor allem für die Toten des deutsch-französischen Krieges, die "mit Gott für Kaiser und Reich" ums Leben kamen. Heute stehen sie in beinahe jedem Dorf und sollen Orte der Trauer schaffen. Trauer, die den Soldatentod als "Heldentod" und als Opfertod für das Gott und das Vaterland verbrämt. Die christlichen Kirchen waren fast überall dabei. Man trauerte, aber nicht um die Opfer des Ersten Weltkrieges, sondern über die Niederlage des Deutschen Reiches. Häufig wurde auch zur Revanche gegen die Sieger aufgerufen: "Wir Toten fordern als unser Recht / Die alte Treue vom neuen Geschlecht", so steht es beispielsweise auf dem Kieler Nordfriedhof. Schlimmer noch: "Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen." Das ist ein Zitat des Dichters Heinrich Lersch, das sich auf Kriegsdenkmälern wie dem umstrittenen Kriegsklotz am Hamburger Dammtor-Bahnhof findet.

Es gibt in Deutschland deutlich mehr Kriegsdenkmäler als "Stolpersteine". So heißen die kleinen Gedenktafeln, die für die Opfer des Hitler-Faschismus verlegt wurden. Die Kriegerdenkmäler entstanden als Siegesdenkmäler und glorifizierten den Soldatentod fürs Vaterland. Die Stolpersteine sollen den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden und zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückgeben und die von Zeitzeuginnen oftmals vorgebrachte Schutzbehauptung, nichts von den Deportationen bemerkt zu haben, infrage stellen. Über die Steine muss man nicht wirklich "Stolpern". Ein Schüler erklärte den Namen des Projektes: "Nein, nein, man stolpert nicht und fällt hin, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen."10

Heldengedenktag - Volkstrauertag

Seit 1952 wird zwei Sonntage vor dem ersten Advent der "Volkstrauertag" begangen. Er geht auf das Gedenken an die ermordeten Soldaten im Ersten Weltkrieg zurück. 1922 fand im Deutschen Reichstag in Berlin die erste offizielle Feierstande statt. Sozialdemokraten, Gewerkschaften und andere damals sozialistische Organisationen und pazifistische Gruppen standen dem Gedenktag ablehnend gegenüber, weil sie - zu Recht - befürchteten, dass er zum nationalistischen Heldengedenken benutzt werden könnte und der Stärkung deutschnationaler und revanchistischer Bestrebungen dienen könnte. So kam es auch und so ist es bis heute geblieben. Die Veranstaltungen wurden in den Folgejahren immer stärker von martialischen Reden, militärischer Symbolik und nationalen Mythisierungen geprägt. Nach der Machtübergabe an die Hitler-Faschisten bestimmte das neue Regime per Gesetz den Volkstrauertag zum Staatsfeiertag und "Heldengedenktag", dessen Träger die Wehrmacht, die NSDAP und Propagandaminister Joseph Goebbels waren. Nach 1945 sollte es eigentlich keine Heldengedenktage mehr geben; auch keine Heldentode. Schon 1950 zelebrierte man aber im Deutschen Bundestag die erste zentrale Feierstunde des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Und auch heute werden alljährlich am "Volkstrauertag" Kränze für die "gefallenen" (das meint: ermordeten) Soldaten niedergelegt. Den meisten Kriegerdenkmälern waren die Namen der im Zweiten Weltkrieg ermordeten Soldaten beigefügt worden. Die aktuellen Reden und Rituale sind immer noch geprägt vom Lobpreis der Tapferkeit deutscher Soldaten, seit vielen Jahren auch von ihrem Vorbildcharakter für die Bundeswehr.

Was unterbleibt ist eine Auseinandersetzung mit der Schuldfrage, die auch die ermordeten Soldaten betrifft und ebenso die Kirchen, die die Waffen segneten und den Kriegen für Gott und Vaterland zustimmten. Nicht zu übersehen sind heute die Neo-Nazi-Gruppen, Burschen- und Landsmannschaften sowie die AfD-Gruppen, die sich am Volkstrauertag an Kriegerdenkmälern versammeln. Mit dem AfD-Spitzenmann Alexander Gauland behaupten sie: "Wir haben das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen". "Wir" haben jedoch die Pflicht, an Deutschlands Verantwortung für zwei Weltkriege zu erinnern und neuerliche Aufrüstungs- und Bundeswehrpflichtprogramme abzulehnen.

Nie, nie woll’n wir Waffen tragen!…

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, das 1949 verabschiedet wurde, sah keine Bundeswehr und keinen Wehrdienst vor.11  80 Jahre nach dem Zweiten und 107 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg erinnert sich kaum jemand an die Parolen "Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!".

Nicht nur die Tatsache, dass Ende 1953 die ersten nuklearen Raketen aus den USA in Westdeutschland eintrafen, sondern auch die Änderung des Grundgesetzes, die Verabschiedung der Wehrgesetze und die damit verbundene Wiederbewaffnung Deutschlands sowie die Einführung der Wehrpflicht für alle jungen Männer im März 1956, waren harte Schläge für die Frauenfriedensbewegungen, die sich in der BRD formiert hatten. Schwer, mitunter unmöglich war es, die zunehmende Ost-West-Konfrontation, die sich im Zeichen des Kalten Kriegs verschärfte, zu überwinden. Staatliche Repressionen waren immer wieder die Antwort auf die antimilitaristische Haltung auch von anderen Frauengruppen.12 Nach der Gründung der Bundeswehr 1955 waren Frauen zwar von sämtlichen militärischen Aufgaben ausgeschlossen, konnten jedoch in zivilen Funktionen für die Bundeswehr tätig werden. Seit dem 1. Januar 2001 sind in Deutschland alle Laufbahnen der Bundeswehr uneingeschränkt für Frauen geöffnet. Ermöglicht wurde dies durch eine Verfassungsänderung, die nach dem Urteil des EuGH erforderlich war. Die haben Frauen selbst erstritten. Allerdings dürfen sie nach Art.12a des Grundgesetzes "auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden." Dass die bis Juni 2011 bestehende allgemeine Wehrpflicht nur Männer betraf, steht nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes nicht im Widerspruch zum Gleichberechtigungsgrundsatz von Artikel 3GG. Den Heldentod dürfen auch die Freiwilligen sterben.

Und heute?

Deutschland muss wieder kriegstüchtig werden. Das kostet Geld. Dafür wird im Bildungs- und Sozialbereich ebenso gespart, wie im Kulturbereich. Die Waffenindustrie boomt, neue Märkte, die Destrukte13 statt Produkte herstellen, entstehen und die Begeisterung, das Vaterland zu verteidigen, soll schon im Kindergarten und in der Schule geweckt werden.

Ich will nicht als Soldat sterben

Aufsehen erregte der Podcaster und Autor Ole Nymoen: er wolle nicht als Soldat sterben oder gesundheitliche und psychische Langzeitschäden durch einen Fronteinsatz in Kauf nehmen, sagte er in einem Artikel, den er in der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichte. Daraus entstand sein Buch mit dem Titel: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit14

Die Reaktionen auf den Zeit-Artikel waren "Hohn, Spott - und viel Verachtung. Hunderte Kommentare und Dutzende Leserbriefe". Vorgehalten wurde ihm, dass er "ein vaterlandsloser Geselle und Egoist" sei.

Die Diskussion durfte er am 25. März 2025 in der ARD-Talkshow hart aber fair, mit einem Influencer für Verteidigungsthemen und Jugendoffizier bei der Bundeswehr in einer "hitzigen Debatte" um die Verteidigungspolitik Deutschlands weiterführen. Der Offizier, wie Ole Nymoen ein junger Mann, wollte dessen Staatskritik in die Mangel nehmen: "Für mich ist Deutschland, dass das Grundgesetz uns schützt. Und wir trotzdem, egal wie kritisch wir mit dem Staat sind, vor dem Gesetz gleich sind", sagte er. Dafür bekam er viel Applaus. "Der Applaus, den ich dafür bekommen habe, hat mich ehrlich berührt", schrieb er später auf seiner Website15. Nach der Show war er in den Medien "der Soldat, der für Deutschland einsteht". Danach, ob er dafür auch gerne den Heldentod sterben würde, wurde nicht gefragt. 2026 beendet der Offizier seinen Dienst bei der Bundeswehr.

Das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz (WDModG)

Am 27. August 2025 verabschiedete das Bundeskabinett das von Boris Pistorius auf den Weg gebrachte WDModG. Kurz vorher war im Juni bekannt geworden, dass die Anforderungen der NATO an die Truppengröße der Bundeswehr zahlenmäßig erheblich höher liegen als bislang gedacht. Deshalb wurden die Zwangsschrauben im Gesetz auch schon vor der möglichen Wiedereinführung der alten Wehrpflicht verschärft angezogen.

Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren unterliegen ohnehin nach wie vor der Wehrpflicht. Ausgesetzt wurde 2011 lediglich der Wehrdienst in Friedenszeiten. Der Aussetzungsparagraf umfasst eine automatische Wiedergeltung der Wehr- und Kriegspflicht für den Spannungs- und Verteidigungsfall. Durch das WDModG werden einige zentrale Teile des WPflG wieder in Kraft gesetzt, wodurch vor allem die Datenweitergabe von Meldebehörden an die Bundeswehr, Auskunfts- und Meldepflichten sowie Erfassungen und Musterungen der Wehrpflichtigen möglich werden.

Anlässlich des 70. Jahrestags der Bundeswehr bekräftigte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seinen Ruf nach einer weit gefassten Dienstpflicht im Militär und der Zivilgesellschaft. "Nach meiner Überzeugung, lassen Sie mich das sagen, wäre langfristig eine Pflichtzeit für alle am gerechtesten, die die einen bei der Bundeswehr, die anderen in sozialen Bereichen verrichten", sagte er angesichts der angeblichen Bedrohung durch Russland bei einem feierlichen Gelöbnis zum 70. Gründungstag der Bundeswehr am 11.11.2025.

Hat die Jugend "Bock auf Krieg und Heldentod?"

Eine neue Wehrpflicht wird kommen. Die Frage ist, ob die Menschen das hinnehmen werden. Das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung wird wieder relevant. 60 Prozent der Menschen sagen jetzt schon, sie seien nicht bereit, für Deutschland mit der Waffe zu kämpfen. Vielleicht hängen die Menschen einfach an ihrem Leben. Sie zu ermutigen und zu unterstützen einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung zu stellen ist die Aufgabe von uns allen. Ebenso wie die Unterstützung von Deserteuren, egal woher sie kommen sowie von allen die es vorziehen, Produkte für das Leben, statt Waffen für den Tod zu produzieren.

Anmerkungen

1) Gaius Julius Caesar: Commentarii de Bello Gallico, Lingua Latina, bei verschiedenen Verlagen erhältlich.

2) Wolfram Wette (Hg.) 1992: Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München/Zürich.

3) http://www.wortbedeutung.info/Heldentod/.

4) Einzelne Geschichten berichten von "Heldenmädchen" sowie "Heldenjungfrauen", das waren Frauen die sich im Ersten Weltkrieg als Soldatinnen in Männeruniformen an die Front begaben.

5) Gisela Notz 2015: "Widerstand sozialistischer Frauen gegen den Krieg", in: Bernd Hüttner (Hg.): Verzögerter Widerstand. Die Arbeiterbewegung und der Erste Weltkrieg, Berlin: 20-30.

6) Friedrich Hölderlin: Der Tod fürs Vaterland, online: http://poesie-oase.de/gedichte/friedrich-hoelderlin-der-tod-fuers-vaterland/.

7) Erster Weltkrieg. Mittelmächte und Entente im Vergleich. http://www.welt.de/geschichte/article160308222/Erster-Weltkrieg-Mittelmaechte-und-Entente-im-Vergleich.html.

8) Karl-Heinz Böffgen: "Wir wollen Frankreich schlagen". Gerolstein 1914 am Beginn des Ersten Weltkrieges, http://www.heimatjahrbuch-vulkaneifel.de/VT/hjb2014/hjb2014.114. htm.

9) John M. Drescher 2002: Das "Nein" meines Gewissens: Warum mein Gewissen den Kriegsdienst verweigert, Berlin.

10) Arte TV vom 1. Juli 2008. Das Interview führte Angelika Schindler im Januar 2008.

11) Vgl. hierzu: Gisela Notz / Christl Wickert 2009: Die geglückte Verfassung, Bonn. Neuauflage 2024 zur Feier von 75 Jahren Grundgesetz.

12) Gisela Notz: "Frauenfriedensbewegung im Kalten Krieg", in: Birge Krondorfer / Irmtraud Voglmayr (Hg.) 2025: Krieg und Friedensbewegung: Feministische Perspektiven, Wien: 31-40.

13) Destrukt steht im Gegensatz zu Produkt. Der Begriff ist im Duden nicht zu finden. Dort finden wir lediglich das Adjektiv destruktiv. Als Beispiel dient u.a. destruktiv arbeiten. Das kann sich auf den Produzenten beziehen, aber auch auf das Produkt, das er herstellt oder herstellen muss. Nach meiner Definition ist ein Produkt, das der Destruktion (Zerstörung) dient, ein Destrukt.

14) Ole Nymoen 2025: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde, Hamburg.

15) https://davidmatei.de/2025/03/25/auftritt-bei-hart-aber-fair-ein-ruckblick/.