Wie die Gen Z um demokratische Räume ringt
Spätestens seit diesem Jahr sind die Schlagzeilen gefüllt mit Berichten über Protestbewegungen, die vor allem von jungen Menschen angeführt werden: In unterschiedlichsten Ländern wie Nepal, Indonesien, Kenia und Serbien gingen trotz der unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben Zehntausende gegen ihre Regierungen auf die Straßen. Angesichts dessen entsteht der Eindruck einer weltweit zunehmend politisierten Gen Z.
Tatsächlich lässt sich seit den 2020er Jahren ein Anstieg von Protestbewegungen feststellen. Diese entstehen vor dem Hintergrund der gegenwärtigen krisenhaften Umbrüche, die weltweit spürbar sind: Die Welt ordnet sich neu und Demokratien befinden sich seit einigen Jahren in einer tiefen Repräsentationskrise. Während soziale Ungleichheit durch das neoliberale Paradigma zunimmt, gewinnen auch populistische sowie autoritäre Narrative und Akteur*innen an Einfluss. Die Anzahl der bewaffneten Konflikte steigt und Aufrüstung wird weltweit vorangetrieben. Über alldem hängt die Klimakatastrophe wie ein Damoklesschwert und macht perspektivisch global immer mehr Menschen zu Klimavertriebenen.
Der Katalysator
In dieser Gemengelage wirkte die Covid-19-Pandemie ab 2020 wie ein Brandbeschleuniger und verursachte massive soziale und ökonomische Verwerfungen – besonders im Globalen Süden. Die durch Lockdowns bedingte Schließung öffentlicher Räume veranlasste große Teile der Bevölkerung in Lateinamerika, Afrika, Asien und Europa dazu, diese zurückzufordern und ihre Rechte geltend zu machen. Insbesondere die Generation Z war betroffen: Die Interessen junger Menschen wurden bei der Gestaltung der Pandemiemaßnahmen nicht berücksichtigt. Die dadurch entstandene Unzufriedenheit traf auf die genannten multiplen Krisen und manifestiert sich vermehrt in breiten sozialen Bewegungen, die oftmals von betroffenen jungen Menschen angeführt werden: Neben den bereits genannten, auch in Nigeria, Bangladesch, Thailand und Sri Lanka (siehe Seite 6-7).
Gleichzeitig sind junge Menschen im politischen Raum kaum erforscht: Oftmals werden sie als defizitäre Akteur*innen wahrgenommen, wenn es um ihre aktive Rolle in politischen Gestaltungsprozessen geht. Das ändert sich seit ein paar Jahren und so gibt es vermehrt interdisziplinäre Forschung: Dabei werden junge Menschen, die sich durch neue Formate wie den sozialen Medien vermehrt in politische Debatten einbringen (wie etwa beim Klimaschutz oder bei Menschenrechtsfragen) als relevante Akteur*innen in den Mittelpunkt gerückt.
Wer sind die jungen Leute?
Wer ist gemeint, wenn wir von der Generation Z sprechen? Unter dem schillernden Begriff der Gen Z versteht man die Alterskohorte, die zwischen den Jahren 1995 und 2010 geboren wurde. Sie ist die erste Generation, die von klein auf mit digitalen Technologien und sozialen Medien aufgewachsen ist. Kennzeichnend für diese Alterskohorte ist, dass für sie globale Themen wie Klimaschutz, Menschenrechte und Geschlechtergerechtigkeit relevant sind. Globale Bewegungen wie Fridays for Future werden von der Gen Z angeführt und geprägt. Aber auch für eher individuelle Anliegen wie eine Work-Life-Balance setzt sie sich ein, weshalb ihr oft von älteren Generationen eine fehlende Arbeitsmoral und politisches Desinteresse zugeschrieben wird. Im Jahr 2025 umfasst diese Generation junge Erwachsene im Alter von 15 bis 30 Jahren – ein Alter, in dem oft ein politisches Bewusstsein entsteht.
Der Begriff wird global verwendet, allerdings weisen die Kohorten in den verschiedenen Regionen ganz unterschiedliche Demografien auf. Das ist wichtig, um ein nuanciertes Verständnis für soziale Dynamiken in den spezifischen Kontexten zu gewinnen. Während vor allem in Europa Geburten seit Jahren rückläufig sind, sind die jungen Alterskohorten, insbesondere die Gen Z, in Ländern des Globalen Südens zahlenmäßig sehr stark. Auf dem afrikanischen Kontinent macht beispielsweise der Anteil der Bevölkerung unter 25 Jahren etwa 60 Prozent aus.
Im Vergleich zum Globalen Norden sind diese allerdings stärker von existentiellen Herausforderungen betroffen: hohe Jugendarbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse und wenig berufliche Sicherheit. Ein fehlender Sozialstaat macht junge Menschen abhängiger von Familienstrukturen und der Alltag ist oftmals von Ungleichheit und Gewalt geprägt. Grundsätzlich haben junge Menschen, beispielsweise in (West-)Europa, durch relativ stabile Sozialsysteme und Arbeitsverhältnisse eine einfachere Situation, um ins Leben zu starten. So befinden sich beispielsweise rund 83 Prozent der 25 bis 29-Jährigen in Europa, Japan, Südkorea und Nordamerika in einem formellen Arbeitsverhältnis, während es in Afrika nur 15 Prozent sind, etwas unter 30 Prozent in Asien und nur etwas über 50 Prozent in Lateinamerika. Diese Daten zeigen, dass die jungen Generationen im Globalen Süden durch strukturelle Faktoren benachteiligt werden und allgemein in einem ökonomisch und politisch weniger stabilen und sicheren Umfeld aufwachsen.
Diese Herausforderungen sind sicherlich auf die dysfunktionalen politischen Systeme in vielen Ländern zurückzuführen, welche von Korruption, Nepotismus und der persönlichen Bereicherung politischer Eliten durchdrungen sind und die den Lebensrealitäten der breiten Bevölkerung diametral gegenüberstehen. Die Gen Z hat es sich zur Aufgabe gemacht, für die Verbesserung von Lebensbedingungen aller einzustehen und die korrupten politischen Eliten so zur Verantwortung zu ziehen. Diese zeichneten sich durch einen starken Reformunwillen aus, welcher zur Unzufriedenheit in vielen Ländern führt. Gleichzeitig fordert sie mehr Teilhabe an Entscheidungen und eine konsequentere und transparentere Umsetzung demokratischer Prozesse.
Ein Momentum für demokratische Teilhabe
Insbesondere seit den 2020er-Jahren verschärfen sich diverse Krisen global (Seite 20 - 21) wie auch in den jeweiligen innenpolitischen Kontexten, von denen die Gen Z überproportional betroffen ist: In Nigeria kam es in 2020 zu einer großen Protestwelle gegen staatliche Gewalt, ebenso wie in Kenia, wo eine Steuerreform in 2024 die prekäre finanzielle Lage junger Menschen noch zu verschärfen drohte. Mittlerweile richten sich die nicht endenden Proteste in einem viel umfassenderen Sinn gegen systemische Probleme wie Polizeigewalt und Korruption (Seite 32). Auch auf den Philippinen oder in Indonesien finden sich tausende junge Menschen auf den Straßen, um gegen ihre Regierungen zu protestieren. Auf den Philippinen kam es im September diesen Jahres zu großen Protesten gegen Korruption und in Indonesien löste eine Erhöhung von Wohnungskostenzuschüssen für Parliamentarier*innen eine riesige Protestbewegung aus.
Doch warum sind Massen-Protestbewegungen für die Gen Z das Mittel der Wahl? Konventionelle Arten der politischen Beteiligung wie etwa die Teilnahme an Wahlen oder auch eine Parteimitgliedschaft sind für viele junge Menschen oft nicht zugänglich oder attraktiv, gleichzeitig wird ihnen von älteren Generationen aber politisches Desinteresse vorgeworfen. Dabei werden junge Menschen von formalen Formen der Partizipation, in denen relevante Entscheidungen getroffen werden, wie beispielsweise eine Parteimitgliedschaft, regelrecht ausgeschlossen. In Ländern mit korrupten politischen Systemen ist der Zugang zur konventionell organisierten Politik noch schwieriger, da dieser oftmals an persönliche Kontakte oder finanzielle Ressourcen geknüpft ist.
Soziale Bewegungen sind hingegen dezentral organisiert und können systemische Missstände adressieren oder sich gegen spezifische politische Entscheidungen oder Gesetzesentwürfe richten. Sie finden sich in nahezu allen politischen Systemen unterschiedlicher Schattierungen. Wichtig für die Analyse ist die Frage, ob eine Protestbewegung revolutionären Charakter hat und Herrschaft in Frage stellen kann oder ob sie zum Beispiel einen Regierungswechsel bewirkt, der systemische Wandel aber ausbleibt.
Wie ein Blick in gegenwärtige soziale Bewegungen zeigt, werden innovative Formen der Partizipation und der öffentlichen Deliberation oftmals von jungen Leuten initiiert und gestaltet. Diese kreieren alternative Räume, um ihre Themen zu adressieren – über konventionelle Partizipationsformen hinweg: Online-Kampagnen, Klimastreiks, Graffiti, Fotografie oder auch Musik. Die
Gen Z zieht sich damit also nicht aus der Politik zurück, sondern schafft neue demokratische Räume, die von der Basis ausgehend entstehen. Hierbei spricht die Gen Z aus einer Perspektive der Marginalisierung heraus, was ihr nicht nur Authentizität verleiht, sondern aufgrund der systemischen Probleme, die sie aufgreift, wie Korruption, soziale Ungleichheit oder auch Polizeigewalt, oftmals breitere gesellschaftliche Gruppen anspricht, die sich auch als benachteiligt begreifen.
Die Gen Z in Südasien
Soziale Bewegungen sind immer in einem spezifischen Kontext verortet, weisen aber dennoch transnationale Gemeinsamkeiten auf. Das zeigt sich etwa in den südasiatischen Ländern Sri Lanka, Bangladesch und Nepal, wo jüngst Protestbewegungen die Regierungen stürzten. Die Auslöser waren unterschiedlich: In Bangladesch begannen die Proteste 2024 als Studierendenbewegung, die sich zunächst gegen das ungerechte Quotensystem richtete, das die Nachkommen von »Freiheitskämpfern« aus dem Unabhängigkeitskrieg für Regierungsjobs bevorzugt. Ausgehend von den Studierenden formierte sich schließlich eine breite Bewegung gegen das Regime von Sheikh Hasina. In Nepal wurden die Proteste 2025 durch eine Sperrung sozialer Medien ausgelöst und richteten sich dann gegen Korruption, Ungleichheit und Nepotismus (die bevorzugte Behandlung von nahestehenden Menschen). In Sri Lanka kam es in 2022 zu massiven Protesten in Folge einer Wirtschaftskrise, die zu einer hohen Inflationsrate, Stromausfällen und hohen Gas- und Ölpreisen führte. Die »Aragalaya«-Bewegung, von jungen Aktivist*innen angeführt, übte einen solchen Druck aus, dass der damalige Präsident Rajapaksa die Flucht ergriff.
Während die drei Länder durchaus verschiedene historische und kulturelle Kontexte aufweisen, lassen sich doch relevante demografische Gemeinsamkeiten feststellen: Fast 50 Prozent der Gesamtbevölkerung in allen drei Ländern ist unter 28 Jahre alt. Die Alphabetisierungsrate liegt bei über 70 Prozent, während das BIP in allen drei Ländern weit unter dem globalen Durchschnitt liegt. Die demografischen und sozioökonomischen Faktoren treffen wiederum auf eine politische Elite, die Vetternwirtschaft betreibt und dysfunktionale politische Systeme, die oftmals von Korruption durchdrungen, den Zugang zur jungen Generation und ein Verständnis für deren Lebensrealitäten verloren hat. Hinzu kommt, dass die Gen Z in allen drei Ländern mit der globalen Finanzkrise 2008-09 und Covid-19 bereits zwei ökonomische Krisen in ihrem Leben miterlebt hat. Während der rigide implementierten Lockdowns, die Teil der drastischen Pandemiemaßnahmen in allen drei Ländern waren, stieg die Jugendarbeitslosigkeit signifikant an und in der Folge intensivierte sich die digitale Kommunikation über verschiedene Kanäle enorm.
Durch die verstärkte digitale Beteiligung wurden Wege geschaffen, die Unzufriedenheit mit dem bestehenden System einfach und effektiv zu demonstrieren. Zudem formulierte die Gen Z in allen drei Ländern eine glaubwürdige Vision einer gerechteren politischen und ökonomischen Zukunft und konnte durch diesen sozioökonomischen Fokus breitere Bevölkerungsgruppen für sich gewinnen und ein jeweiliges politisches Momentum für sich nutzen.
Die Kehrseite
Doch Protestbewegungen nehmen nicht immer progressive Ausgänge. Im Gegenteil – sie können auch Unsicherheit und Chaos auslösen. Dieses Machtvakuum können sich fundamentalistische und autoritäre Kräfte zu Nutze machen: In Bangladesch ist momentan nicht sicher, was auf das Regime von Sheikh Hasina folgen wird. Die Sicherheitslage bleibt nach wie vor angespannt, religiöse Spannungen gegenüber Minderheiten sind spürbar und das entstandene politische Vakuum könnte auch fundamentalistischen Kräften Einzug gewähren. Auch bei den Protesten, die man dem sogenannten »Arabischen Frühling« zuordnet, konnte beispielsweise in Ägypten nach den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz keine gesellschaftliche demokratische Mehrheit gefunden werden. Seither befindet sich das Land fest in autoritärer Hand. Und dennoch: Die Politisierungserfahrung der Revolutionen in Nordafrika und Westasien hat die Fundamente dortiger Gesellschaften tief geprägt.
Politische Rückschritte treffen momentan besonders auf Europa und Nordamerika zu, wo, nach einigen sozialen Errungenschaften, die extreme Rechte zunehmend erstarkt. Hier geht es einem großen Teil der Bevölkerung um die Verteidigung weißer und oftmals männlicher Privilegien sowie um Vorherrschaft – eine Bewegung, die auch in der Generation Z einige Anhänger*innen hat, wie Marius Fröhle und Kira Kurz in diesem Dossier zeigen (Seite 22-23).
Auch die sozialen Medien befeuern teilweise extreme politische Pole. Während in den 2010er-Jahren noch die Utopie vorherrschte, dass die sozialen Medien als demokratische Werkzeuge fungieren würden, wurde über die Zeit hinweg festgestellt, dass diese auch immer mehr zur Manipulation von Wahlen und der politischen Diskurse genutzt werden. Mittlerweile ist klar: die Geschäftsmodelle der großen Tech-Konzerne befeuern polarisierende Filterblasen, um maximale Gewinne einzufahren.
Neue Räume
Junge Menschen wurden seit jeher als defizitäre politische Akteur*innen wahrgenommen und marginalisiert. Gegenwärtige Wandlungsprozesse gehen mit einer Politisierung der jungen Generationen global einher, die sich von diesen Zuschreibungen freikämpft und die Beteiligung an politischer Macht einfordert. Insbesondere die Gen Z aiert als Protagonistin und öffnet auf kreative Weise neue Räume des Protestes on- und offline. Dabei gestaltet sie demokratische Protestformen neu und dezentral – mit teilweise revolutionären innenpolitischen Folgen, wie dem Umsturz von Regierungen.
Literatur
Bessant, J./Collin, P./, Watts, R. (2024): A revisionist account of the crisis of democracy and ‘youth participation’ , in: Bessant, J./ Collin, P./ O’Keeffe, P.: Research Handbook on the Sociology of Youth.
Bevins, Vincent (2025): »Mass Protests Without Revolutions«, in Green European Journal, Vol.29: Unbound: The Battle Over Freedom.
Cooper, A./Swartz,S. (2024): Towards a sociology of global south youth: navigating material differences and false binaries, in: Bessant, J./ Collin, P./O’Keeffe, P.: Research Handbook on the Sociology of Youth.
Nilan, P./Gentles, T. (2024): Thinking sociologically about young people and the far right, in: Bessant, J./ Collin, P./ O’Keeffe, P.: Research Handbook on the Sociology of Youth.
Youngs, R./Panchulidze, E./Magoga, C. (2025): A new phase of civic movements: Implications for Democracy Support, European Democracy Hub.



