Lebendige Arbeit, enteigneter Intellekt

Die technologische Neuordnung von Arbeit, Wissen und Macht

Künstliche Intelligenz, so argumentiert Torsten Bewernitz im folgenden Beitrag, ist eine sozial determinierte Technik: als solche ist sie sowohl von kapitalistischen als auch autoritären Entwicklungen abhängig und von diesen nicht zu trennen. Ebenso wenig zu trennen ist sie jedoch auch von der menschlichen Arbeit.

Die Formulierung, dass der Mensch "verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand"1, hat Michel Foucault den Vorwurf eingebracht, ein Anti-Humanist zu sein. Dieses Missverständnis basiert auf einer oft fehlenden Differenzierung von Zeitdiagnose, Theorie und Utopie bei der Kritik poststrukturalistischer Theorien. Foucaults Aussage über das Subjekt ist eine Zeitdiagnostische, keine von ihm Gewünschte: Im zitierten Die Ordnung der Dinge analysiert Foucault Wissenssysteme, bei ihm: Episteme.2 Die formulierte These ist, dass solche mit Macht verbundenen Wissenssysteme keinen ewigen Bestand haben und durch "ein Ereignis, dessen Möglichkeit wir höchstens vorausahnen können" sich ein radikal anderes Wissenssystem durchsetzen könnte, in deren Mittelpunkt nicht mehr das menschliche (Kollektiv-)Subjekt und seine gesellschaftliche Geschichte stünde.

Wenn ich davon ausgehend die These formuliere, dass durch die sogenannte "Künstliche Intelligenz" die drohende Möglichkeit eines solchen anderen Wissenssystems mit erheblichen Auswirkungen auf unser Verständnis von Wissen und dem Menschen sehr viel konkreter geworden ist, so bleibt das eine Vorausahnung, die sich nicht so sehr von der Zeit beispielsweise Foucaults unterscheidet: Das Wissen zeigte sich auch seinerzeit durch technologische Entwicklungen bedroht, darauf verweisen u.a. die Technikkritiken aus der Kritischen Theorie, dem Poststrukturalismus und dem Operaismus. In den 1970er und frühen 1980er Jahren sind soziale Bewegungen und die Humanwissenschaften von den technischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf das Wissen - und auch auf die Zukunft der Arbeit - zutiefst beunruhigt.

Diese Beunruhigung fällt in den "ersten KI-Sommer", den Rainer Mühlhoff auf die Jahre 1956 bis 1974 datiert, beginnend mit der Entwicklung des Chatbots ELIZA. Sie gründet, ebenso wie aktuell, nicht auf den von den BigTech-Konzernen geschürten Mythen einer "Singularität" (dem Foucaultschen Ereignis), der Mutation der KI3 in eine übermächtige und tatsächlich "intelligente" AGI (Artificial General Intelligence), sondern auf den real existierenden Maschinen, die so bezeichnet werden, ohne intelligent zu sein, und ihrer Funktion im Kapitalismus: Die Beunruhigung rührt nicht daher, dass eine KI das Wissen enteignet, akkumuliert und umdefiniert, sondern die hinter dieser KI stehenden menschlichen Akteure mit konkreten Interessen, aber auch Ideologien einerseits das Wissen akkumulieren, andererseits sowohl dieses wie auch die menschliche Arbeit völlig umstrukturieren. Die neue Technologie ist ein Hilfsmittel dafür und dies ist ihre einzige Funktion.

Manufacturing Artificial "Intelligence"

Ein Haken an Foucaults Episteme-Analyse ist, dass sich Episteme nur im Nachhinein analysieren lassen, für die Zukunft bleiben sie spekulativ - wie etwa auch die "Singularität" des "Futuristen" und Google-Direktors Raymond Kurzweil. Gleiches gilt für die Analyse wirtschaftlicher Entwicklungen, in diesem Fall konkret der Analyse Kondratjewscher Konjunkturwellen und deren Bedingtheit durch Basisinnovationen4: Aus einer seiner zyklisch auftretenden Krisen rettet sich der Kapitalismus in der Regel durch eine neue technische Basisinnovation: Solche waren etwa die Dampfmaschine, die Eisenbahn, die Elektrizität und als Basis des jüngsten Zyklus seit den 1960ern Container und Mikrochip, die beiden Technologien, die globale Liefer- und Distributionsketten ermöglichten. Der Beginn des letzten Kondratjewschen Zyklus fällt mit dem "ersten KI-Sommer" zusammen.

Seit der 2007 begonnenen Weltwirtschaftskrise, die vielen als Ende dieses Zyklus gilt, wird heftigst über eine neue Basisinnovation spekuliert, die den Karren aus dem Dreck ziehen soll: Humangenetik, Nanotechnologie, BigPharma, "grüne" Technologien und eben auch die KI konkurrieren um den Titel. Es handelt sich bei Letzterer schon deswegen nicht um eine Basisinnovation, weil sie nichts grundsätzlich Neues ist. Erstens sind die Grundlagen immer noch die, selbstredend weiterentwickelten, technologischen Innovationen der 1960er Jahre. Zweitens sind die Large Language Models á la ChatGPT, Gemini, Claude etc., um die es im aktuellen KI-Hype geht, Teil eines bereits länger andauernden "KI-Sommers", der mit Digitalisierung, Smartifizierung und vor allem BigData (als Grundvoraussetzung für KI) vor 20 Jahren begonnen hat. Und drittens ist überhaupt anzweifelbar, ob eine technologische "Basisinnovation" so funktioniert wie bis dato unter den Bedingungen eines in erster Linie auf Distribution orientierten Finanzkapitalismus, der auf zukünftiger (und daher unkalkulierbarer) menschlicher Arbeitskraft beruht: Vermeintlich "jetziger" Wert basiert auf Arbeit, die erst noch zu leisten ist. Um den Kapitalismus aus der Wirtschaftskrise ab 2007 (die durch Finanzialisierung herausgezögerte Krise der 1970er Jahre) zu retten, müsste man auf zukünftige Basisinnovationen spekulieren.

Basisinnovation oder Bubble?

Basisinnovationen funktionieren nur dann, wenn sie ein neues Akkumulationsregime begründen können. Dies geschieht durch eine regelmäßige Neuzusammensetzung der lebendigen Arbeit, also der menschlichen Arbeitskraft, indem der Komplex von vermeintlichem Wissen (Kopfarbeit) und Arbeit (als körperlicher Prozess, der "künstlich" von diesem Wissen abgespalten wird) neu sortiert wird. Der durch die Krise ins Stocken geratene (oder unterbrochene) Mechanismus von (Re)Produktion, Distribution und Akkumulation muss durch neue Arbeitsorganisation, neue Produktion und die Möglichkeit erweiterter Akkumulation neu gestartet werden. Es ist nicht die Erfindung an sich, die den neuen Zyklus ausmacht - es braucht einen Moment der ursprünglichen Akkumulation, etwas Neues, das angeeignet werden kann. Es geht darum, eine Technologie zu erfinden, die es möglich macht, ein kollektives Wissen zu enteignen und zu privatisieren, das bisher noch nicht verwertbar war. Damit geht es auch immer um Kapitalisierung dieser Wissensbestände einerseits und Proletarisierung von Menschengruppen andererseits. KI ist die Abspaltung des menschlichen Wissens von der Arbeitswelt und sein Verkauf als Ware, als vermeintliches Wissen der eben deswegen fälschlicherweise intelligent genannten KI.5 Sie verkaufen uns mal wieder, was uns sowieso gehört.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die KI sogar mehr als eine Basisinnovation: Ihr wird eine ihr eigene Ethik angedichtet, sie sei auf dem Weg, die menschliche Intelligenz einzuholen, sie könne dann entweder "wahres Eden der angebornen Menschenrechte"6 bedeuten oder aber á la dystopischen fiktionalen Werken wie Terminator oder Matrix das Ende oder die langfristige Unterdrückung der Menschheit durch denkende, selbstbewusste Maschinen. Das ist reine Science Fiction, aber auch Marketing: Nahezu jedes im Bereich KI tätige Unternehmen betont die potentielle Gefahr durch eine "böse" AGI und kontrastiert diese mit dem utopischen Potential einer - selbstverständlich vom eigenen Unternehmen zu entwickelnden - "guten" AGI.

Die Kapitalfraktion hinter diesem Hype, die BigTech-Industrie, ist aktuell einerseits die dominierende (man betrachte dafür einfach die globale Reichtumsverteilung) und gleichzeitig diejenige, die hinter dem Faschismus steht. Das ist kein Zufall, die Funktionsweise "künstlicher Intelligenz" korrespondiert mit deren Interessen und Ideologien: "Der Begriff von technologischem Fortschritt, der durch Tech-Ideologien und populäre KI-Narrative transportiert wird […] beruht auf Eugenik, Rassismus, Hierarchisierungen von Menschen und rechtfertigt soziale Ausschlüsse und Ungleichheit […]".7 Die tatsächlich bestehende Singularität besteht darin, dass sich die Branche ein Oligopol geschaffen hat, das eine bisher ungeahnte Machtkonzentration bedeutet, die über die bisher übliche Reichtumsakkumulation hinausgeht: Selten hat sich eine neue Technologie auf weniger Konzerne gestützt, nie waren einzelne Menschen dermaßen reich, wie wir es eigentlich nur aus James Bond-Filmen kennen. Obwohl die KI als solche keine Basisinnovation im klassischen Sinne ist, verändert sie den Kapitalismus als Ganzen bis an die Grenzen der Unkenntlichkeit - in einen eugenischen Sozialdarwinismus, den man trotz aller historischen Unterschiede als einen Weltfaschismus verstehen kann, eine karikaturhafte Übertreibung des Kapitalismus. Das ist das (vorläufige) Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen.

Deswegen wird auch die übliche Funktion der Basisinnovation aufgehoben und wir haben es eher mit einer epistemischen Verschiebung zu tun. Diese Aufhebung ist aber verbunden mit dem Quell von Mehrwert: der menschlichen Arbeitskraft (lebendige Arbeit) - und hier liegt auch die einzige Möglichkeit, die aktuelle Entwicklung zu stoppen.

Das Potential der lebendigen Arbeit

Mythisch aufgeladen ist die KI auch mit der Erwartung, sie würde schwere Arbeit erleichtern. Im Negativen zeigt sich dies in einer vermuteten Bedrohung durch Arbeitslosigkeit. Deutlich wurde dies in der 2013 erschienenen Studie The Future of Employment von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne (beide Universität Oxford), nach der die aktuelle Automatisierung binnen der kommenden zehn bis zwanzig Jahre (also bis etwa 2033) global ca. 47 Prozent der aktuellen Arbeitsplätze ersetzen könnte. Nicht in Rechnung stellte die Studie allerdings den Aspekt der Kosten für die Automatisierung einerseits und die Höhe der Lohnkosten andererseits. D.h. der Einsatz der Algorithmen ist ein Einsatz gegen die strukturelle Arbeiter*innenmacht.

Im Rahmen des Streiks der Drehbuchautor*innen in den USA 2023, oft als "erster Streik gegen KI" bezeichnet, wurde der Ausspruch populär, dass die "künstliche Intelligenz" nur die kreative Arbeit übernehmen würde, die Spaß macht, aber die stupiden und anstrengenden Arbeiten weiterhin den Menschen überlassen würde. Das stimmt offensichtlich und trifft den Kern der Funktionsweise von KI: Jede Maschine, einschließlich der KI, ist "tote Arbeit", die auf dem Einsatz "lebendiger Arbeit" beruht. Es ist jede Menge sehr anstrengender menschlicher Arbeitskraft notwendig, um den kaum beachteten Input in die Datenmaschinen zu realisieren. Alles, was die Large Language Models am heimischen PC, Tablet oder Smartphone ausspucken, wurde auch irgendwann einprogrammiert bzw. eingegeben. Der "stochastische Papagei" kennt nur die Begriffe, nicht aber die Bedeutung: Jeder Gegenstand muss von Menschen benannt werden, jeder Gesichtsausdruck beschrieben, jedes Buch digitalisiert etc. Das Ausgeben (Output, Vorgaukelei) dieser von Arbeiter*innen eingegebenen Informationen (Input) als originäres Wissen der Maschinen, die wiederum Eigentum der BigTech-Kapitalfraktion sind, ist die Essenz der KI: sie sind Datenverwertungsmaschinen.

Das wirft u. a. ein Licht auf die sogenannten Click- oder Ghostworker vor allem auf dem afrikanischen Kontinent, die zu Minimallöhnen und in prekärsten Arbeitsverhältnissen für die Large Language Models Bilder beschreiben, verschiedene Aspekte markieren, Videos schauen und beschreiben etc.8 Während diese Arbeitsverhältnisse in ihrer prekarisierten Form noch als Parallele zur Frühindustrialisierung erscheinen mögen, ist die noch stärkere Überausbeutung für die Basis des Funktionierens der "künstlichen Intelligenz" noch gar nicht benannt. Der Energiehunger und Wasserdurst dieser Technologie führt nicht nur zu einer Renaissance des Raubbaus an der Natur (Bergbau-Boom!), sondern auch zu teils sklavereiähnlicher Arbeit, teils schlicht zu Sklaverei. Hinzu kommt die recht klassische, aber überausbeuterisch gestaltete, Industriearbeit bei der Hardware, insbesondere Microchips.

Die mit der KI einhergehende Ideologie von der "natürlichen" (und im Sinne der BigTech-Kapitalfraktion naturrechtlich zu bewahrenden) Ungleichheit der Menschen legitimiert das: Das Subjekthafte wird den Menschen, und insbesondere den arbeitenden Menschen, prinzipiell abgesprochen und auch tatsächlich genommen. Im Falle der Clickworker, aber auch der "qualifizierteren" Techworkers, den Autor*innen der Algorithmen bzw. den Lektor*innen der KI-generierten Algorithmen, ist dies eine direkte Uminterpretation ihres Wissens: Es wird zum Eigentum der BigTech-Industrie.

Neben der expliziten (Lohn-)Arbeit, die KI erst möglich macht, indem sie den Sprachmodellen mühsam beibringt, was was ist, "arbeiten" auch die Konsument*innen für die KI, um aus ihrem Wissen ein vermeintlich technisch generiertes Wissen zu machen. Das vor Jahrzehnten als Web 2.0 eingeführte Internet zum Mitmachen, heute in erster Linie Social Media oder Messenger, sind gigantische Datensammelmaschinerien. Es wurde von ebenjenen BigTech-Unternehmen quasi-monopolisiert, die nun die KI als neue Basisinnovation anpreisen. Diese Arbeit geschieht vor allem nach einem Lust- wenn nicht Suchtprinzip.

Die Abspaltung von Wissen von den Arbeitenden ist letztlich nichts Neues, sondern war von Charles Babbages "Analytical Engine" (1830er Jahre) über den Taylorismus bis hin zur Computerisierung und Robotisierung der Arbeit immer Ansinnen technologischer Innovation: Das Wissen von der Arbeit trennen, und damit auch die vermeintliche Wissens- oder Kopfarbeit von der körperlichen Arbeit zu trennen: So wird aus "lebendiger Arbeit" "tote Arbeit".9 KI treibt diese Entwicklung auf die Spitze, indem sie Denkprozesse "outsourct" und die menschliche Arbeit unter ein neues Kommando stellt. Obwohl dieses kein Kommando der Maschinen ist (wie auch bei allen vorherigen neuen Technologien nicht), hat das eine neue dystopische Qualität.

Damit ist aber auch klar, dass der Entzug dieser lebendigen Arbeit der KI und dem Entstehen eines neuen antihumanistischen bzw. "transhumanistischen" Epistemes die Grundlage nehmen würde. Das verweist zunächst auf das konkrete Potential des Streiks. Nicht zufällig hat sich jedoch mittlerweile eine noch kleine Berufung auf den historischen Luddismus entwickelt, in dem auch weitere Aspekte der ökonomischen Direkten Aktion, Boykott und Sabotage, eine Rolle spielen: Ausstieg aus den "sozialen Netzwerken", Boykott von Produkten der BigTech-Unternehmen, ökologisch motivierter Widerstand gegen den Bau energieintensiver Serverfarmen und selbstverständlich Hacking.10 Die Berufung auf die Tradition der Maschinenstürmer des frühen 19. Jahrhunderts ist plausibel: Wie Sozialhistoriker wie E.P. Thompson, Eric Hobsbawm oder David Noble gegen die vielfache, auch linke, Kritik am Luddismus11 aufgezeigt haben, war den Luddit*innen durchaus bewusst, dass sie keine an sich "böse" Maschine angriffen, sondern deren Funktion im Kapitalismus. Den Luddit*innen wie den Neoluddit*innen war und ist klar, dass "tatsächlich […] nicht die Technik das Gefährliche [ist}, sondern die politökonomischen Zwecke […]"12 - in dieser Absolutheit unterschätzt die Aussage aber die soziale Determiniertheit der entwickelten Technologien, ihre politökonomische (und im Fall KI auch ihre politische) Funktion ist ihnen immanent.

Fazit

KI ist Vorzeichen einer neuen Regierungsweise (gouvernementalité), d.h. konkret: erst durch die Neuordnung des Zusammenspiels von Macht, Wissen und Arbeit formiert sich eine neue Herrschaft. Wir stehen vor einem neuen Herrschaftsregime, indem nicht die KI ein eigenständiger Akteur ist, sondern BigTech. Dass hier ein neues Episteme im Entstehen ist, heißt nicht, dass wir es mit einer unvermeidlichen Situation zu tun haben. KI und Digitalisierung sind eben keine automatisch funktionierenden Systeme, die von sich aus Arbeit und Wissen neu koordinieren, sondern dahinter steckt die erklärte Absicht, Arbeit und Wissen neu anzuordnen. Das faschistische Grundrauschen der BigTech-Kapitalfraktion basiert auf dem Interesse, die Kontrolle über Arbeit und Wissen (geistige oder "Kopf"-Arbeit) auch politisch zu bekommen. Dieser Prozess ist gewollt und wird forciert.13

Technik ist sozial determiniert, sie hängt von sozialen Interessen ab. KI ist deswegen an sich eine autoritäre Technologie, sie ist auch nicht alternativ "demokratisch" oder für soziale Gleichheit nutzbar, sondern der Autoritarismus ist Teil ihrer Programmierung, wie Roberto Simanowski in der letzten Forum Wissenschaft ausgeführt hat. Hier wird auch die nachvollziehbare Empörung über Foucaults Bonmont von dem verschwindenden Subjekt deutlich: Wenn diese aus der Gleichung herausgenommen wird, verschwindet das Primat der Demokratie. Das ist nicht die bewusste Entscheidung einer KI, sondern der Akteure der BigTech-Industrie, denen es nicht lediglich in herkömmlicher Weise um Profit geht, sondern auch um politische Macht, kurzum um die Ersetzung der demokratischen Rationalität durch eine marktförmige Rationalität.

Jaques Bidet hat in seinem Buch "Foucault mit Marx" argumentiert, die beiden Theoretiker zusammenzudenken, indem wir die zwei gleichermaßen wirkmächtige Machtkomplexe: Eigentum / Macht (Marx) und Wissen / Macht (Foucault) gemeinsam betrachten müssen.14 M. E. müssen wir einen Schritt weiter bzw. vielleicht zurück gehen. Herrschaft wird nicht in dem einen oder anderen Zusammenhang als zwei verschiedene Machtkomplexe deutlich, sondern ist von Anfang an ein Komplex von Arbeit, Wissen und Macht: Wo diese drei Aspekte eine gemeinsame Wirkung entfalten, entsteht Herrschaft. KI verdeutlicht das stärker als bisherige (globale) Regierungsweisen, weil Herrschaft hier tolldreist ohne die übliche konsensuale Camouflage daherkommt. Der Zusammenhang ist nicht neu, tritt nun aber besonders deutlich zu Tage.

Auf theoretischer Ebene zeigt die Auseinandersetzung um KI, dass Marx Foucault einen Punkt voraus ist: Auch wenn das Subjekt aus dem Diskurs verschwindet, bleibt die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen - das war schließlich auch bereits vor dem Auftauchen des aktuellen Episteme der Historizität so. Dass KI potentiell die Wahrnehmung von Geschichte und damit von Wahrheit verändern kann, ist keine Frage von Technik, sondern von Machtverhältnissen. Die BigTech-Kapitalfraktion verfügt nicht nur über eine bislang singuläre ökonomische Macht, sondern auch über politische, öffentliche und soziale. "An dieser Stelle muss man den Begriff der Herrschaft einführen" muss Foucault kleinlaut zugeben.15 Nicht durch Hegemonie, sondern durch Zwang versucht die BigTech-Kapitalfraktion ihr ganz neues Wissenssystem durchzusetzen. Weil es eben nicht nur um amorphe Macht (einer "künstlichen Intelligenz"), sondern um Herrschaft (einer real existierenden Kapitalfraktion) geht, ist hier eine Gegenposition möglich. Diese muss aber radikal sein, sie kann nur in Totalverweigerung bestehen: Neoluddismus, einschließlich Konsumboykott, also die konsequente Nicht-Nutzung von Large Language Models und der sofortige Ausstieg aus den "sozialen Netzwerken", um der extrem rechten BigTech-Kapitalfraktion nicht unsere Daten frei Haus zu liefern,16 ist die aktuelle Handlungsmaxime.

Selbst wenn KI keine neue technologische Basisinnovation ist, könnte sie ein neues Episteme oder Dispositiv darstellen und als solches eine radikale Veränderung der Wahrnehmung von Mensch, Arbeit und Wissen initiieren. Ganz ohne Terminator oder Matrix - es ist die Existenz der real existierenden datenverarbeitenden Algorithmen, die das globale Denken verändert. Das neue Episteme, das sich hier - vielleicht historisch erstmals willentlich gesteuert - entwickelt, basiert auf der Wahrscheinlichkeit sozialer Ungleichheit. Als solches ist es die konsequente Fortsetzung des Kapitalismus und ideologisch des Neoliberalismus. Das sind die gesellschaftlichen Prämissen, unter denen KI entwickelt wurde. In seiner Priorisierung von Wahrscheinlichkeiten entspricht die Funktionsweise von KI den als "natürlich" geltenden Regeln einer "unsichtbaren Hand des Marktes". Wie im Markt, so werden auch in der KI dadurch Minderheiten, Marginalitäten, Prekaritäten ignoriert: Sie sind zwar real, aber statistisch irrelevant und damit im Sinne des "KI-Wissens" nicht wahr. Das entstehende Episteme besteht in der Gleichsetzung von Wahrscheinlichkeit und Wahrheit (was empirisch arbeitende Sozialwissenschaftler*innen einen kritischen Blick auf die eigene Professionspraxis werfen lassen sollte) und in der Gleichsetzung von Bezeichnendem (Signifikant) und Bezeichnetem (Signifikat), da die Large Language Models keine Welt außerhalb von Text kennen.[/i]

Das Verschwinden des menschlichen Subjekts "wie ein Gesicht im Sand" wäre in bitterer Ironie menschengemacht. Das ist aber auch das Element des aktuellen Wissensregimes, dass diese Dystopie - die Herrschaft des Tech-Faschismus - aufhalten kann, denn die Technologie bleibt abhängig von menschlicher Arbeit - geleistet eben von jenen Minderheiten, Marginalen und Prekären, die per KI aus dem Diskurs ausgelöscht werden sollen. Die lebendige Arbeit bleibt notwendig subjektgebunden. Richtig angewendet kann das dazu führen, dass die KI verschwindet in einem Meer aus Nullen und Einsen - denn mehr ist sie nicht.

Anmerkungen

1) Michel Foucault 1971: Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main (hier 462).

2) Roberto Simanowski benennt KI parallel dazu ebenfalls mit dem späteren Foucaultschen Begriff Dispositiv: Roberto Simanowski: "Fortschrittsfalle KI. Roberto Simanowskis Plädoyer für eine philosophische Medienkompetenz", in: Forum Wissenschaft 1/2026: 40-42.

3) Wider besseren Wissens bezeichne ich die Technologie hier der Einfachheit halber als "KI" - die eigentlich notwendigen Anführungsstriche fielen der Kürzung zum Opfer.

4) Meine Erläuterungen zu den Zyklen und Basisinnovationen basieren auf: Karl Heinz Roth 2010: Die globale Krise. Globale Krise - Globale Proletarisierung - Gegenperspektiven, Hamburg. Die Dauer der Zyklen und die Frage, was als Basisinnovation zählt, variiert in den verschiedenen Interpretationen Kondratjews.

5) Eva von Redecker spricht im gleichen Sinne von einer Akkumulation der Sprache: Eva von Redecker 2025: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus, Berlin: 164.

6) MEW 23: 189. Das Zitat geht weiter: "Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham" - das verweist einerseits auf Foucaults Studie Überwachen und Strafen (und zeigt deren Nähe zur Marxschen Analyse), andererseits auf die Überwachungs- und Kontrollfunktion der KI.

7) Rainer Mühlhoff 2025: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus, Stuttgart (hier 145).

8) Ausführliche Beschreibungen liefern Ingo Dachwitz, Sven Hilbig 2025: Digitaler Kolonialismus. Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen, München; sowie James Muldoon, Mark Graham, Callum Cant 2025: Feeding the Machine. Hinter den Kulissen der KI-Imperien, Hamburg.

9) Vgl. ausführlich: Matteo Pasquinelli 2024: Das Auge des Meisters. Eine Sozialgeschichte künstlicher Intelligenz, Münster.

10) Siehe allgemein dazu exemplarisch: Gavin Mueller 2021: Maschinenstürmer. Autonomie und Sabotage, Hamburg [Insb. 127-170].

11) Vor allem im frühindustriellen England wurden die Maschinenstürmer*innen nach einem mythischen Anführer Ned Ludd so benannt. Mehrere Gruppen benutzten diesen Namen.

12) Peter Schadt, Luise Schaller 2025: Zwischen Terminator und Taschenrechner. Künstliche Intelligenz im Zeitalter ihrer ökonomischen Nutzbarkeit, Maro, Augsburg (hier 13).

13) Vgl. zum Zwangscharakter am Beispiel Hochschule und Universität: Joseph Steinbeiß: "Lücken in der Rechnung. Warum die Diskussion um die Digitalisierung der Hochschulbildung keine wissenschaftliche ist", in: Graswurzelrevolution 508, April 2026: 14f.

14) Jaques Bidet 2023: Foucault mit Marx, Berlin.

15) Michel Foucault 2005: "Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit", in: Dits et Ecrits, Schriften Bd. 4. Frankfurt a. M.: 875-902, (hier 877).

16) Matthieu Amiech, Gary Libot und Valentin Martinie 2025: Technofaschismus. Ein Vorschlag, so schnell wie möglich alle sozialen Netzwerke zu verlassen, Heftchen für Autonomie Nr. 2, herausgegeben vom Verein für das Studium und die Förderung der Autonomie, Göttingen.

Torsten Bewernitz, lehrt zu Gesellschaftlichen Transformationsprozessen und kollektivem Handeln in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Darmstadt und ist ehrenamtlicher Redakteur bei express. Zeitung für sozialistische Beriebs- und Gewerkschaftsarbeit. Kontakt: torsten.bewernitz@h-da.de