Ein Interview mit Lea Bonasera, die als Mitgründerin der Letzten Generation kriminalisiert wird
Lea Bonasera, geboren 1997, hat Internationale Beziehungen in Oxford studiert und schreibt dort gerade ihre Doktorarbeit zum Thema „Scheitern der Klimagerechtigkeitsbewegung“. Sie ist Autorin von „Die Zeit für Mut ist jetzt!“ (1) und betreibt mit Dalilah Shemia den Podcast „Tee & Taktik“ (2). 2021 hat Lea die Letzte Generation mitgegründet. Sie hat auf der Straße, vor Ministerien und im Hungerstreik Zivilen Widerstand geleistet. Momentan ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft München gegen sie und Melanie Guttmann, geboren 1995, wegen der „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ (§ 129 StGB). Die beiden gewaltfreien Aktivistinnen seien „Rädelsführerinnen“ einer „kriminellen Vereinigung“. (GWR-Red.)
Graswurzelrevolution (GWR): Du bist aktiv in den Sozialen Bewegungen. Was waren Erfahrungen und prägende Erlebnisse, die Dich dazu inspiriert haben?

Lea Bonasera: Bei mir waren es zwei miteinander verbundene Erfahrungen. Einerseits war ich tief bedrückt, als ich mich zum ersten Mal bewusst mit Themen wie Tierleid und der Klimakrise konfrontiert habe – mir wurde klar, wie ernst die Situation ist und dass Milliarden Menschen und Tierleben auf dem Spiel stehen. Andererseits habe ich während meines Studiums über die Wirksamkeit friedlichen Protests gelesen. Das war ein entscheidender Moment für mich: Ich merkte, dass es Wege gibt, aktiv zu werden und aus dem Gefühl von Ohnmacht und Überforderung herauszufinden. Diese Erkenntnis hat mir Mut gemacht, mich selbst für Veränderung einzusetzen.
GWR: Was bedeutet Ziviler Ungehorsam für Dich?
Lea: Für mich bedeutet Ziviler Ungehorsam, dass Menschen sich friedlich zusammenschließen, um gemeinsam für ihre Rechte einzutreten und gesellschaftliche sowie politische Veränderungen anzustoßen. Dabei geht es nicht nur um Pazifismus, sondern auch um den bewussten Einsatz von Gewaltfreiheit als strategisches Mittel, um politische Wirksamkeit zu entfalten.
Auch in Deutschland blicken wir auf eine eindrucksvolle und vielfältige Protestgeschichte zurück – von den Gebrüdern Grimm über den Kampf um Helgoland bis hin zur Friedlichen Revolution, der Anti-Atomkraft-Bewegung und dem Volkszählungsboykott. Diese und viele weitere Beispiele greifen wir auch in unserem Podcast auf, um zu zeigen, wie kraftvoll zivilgesellschaftliches Engagement über die Jahrzehnte gewirkt hat.
GWR: Im Podcast „Tee & Taktik“ interviewt Ihr einmal im Monat Aktivist*innen des Zivilen Ungehorsams, darunter erfreulich viele Autor*innen der Graswurzelrevolution. Magst Du etwas zum Konzept und zur Perspektive des Projekts erzählen?
Lea: Ich habe den Podcast gemeinsam mit meiner Kollegin Dr. Dalilah Shemia-Goeke, Protestforscherin und Geschäftsführerin des Bundes für Soziale Verteidigung (BSV), ins Leben gerufen. Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in einer zugänglichen und leicht verständlichen Sprache aufzubereiten – also Wissen aus der Forschung mit den Erfahrungen aus sozialen Bewegungen zu verbinden. Vor allem möchten wir Menschen ermutigen und ihnen zeigen, dass ihr Handeln einen Unterschied machen kann. Viele fühlen sich angesichts der aktuellen Krisen ohnmächtig. Wir wollen mit dem Podcast Wege aufzeigen, wie Engagement Kraft geben und zu realen Veränderungen führen kann. Wir haben viele spannende Themen, zuletzt Kriegsdienstverweigerung und Richter*innen im Protest.
GWR: Wie sieht Deine Utopie aus?
Lea: Meine Utopie ist eine Welt, in der Frieden und Gleichberechtigung selbstverständlich sind und wir die Klimakrise, so gut es noch geht, abmildern – eine Welt, in der es allen Menschen gut geht. Ganz persönlich träume ich von einem Hof mit vielen verschiedenen Gemüsesorten, gutem Essen, lieben Menschen und meinen Büchern – einem Ort, an dem sich politisches Denken, Leben und Gemeinschaft miteinander verbinden.
GWR: Du hast 2021 die Letzte Generation mitgegründet. Was hat Euch dazu inspiriert?
Lea: Ich war schon vorher in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv und hatte viele Erfahrungen gesammelt. Aus meiner Sicht reichten vereinzelte Aktionen nicht mehr aus – sie sind weniger effektiv. Es brauchte vernetzte, koordinierte Kampagnen, die zusammenlaufen und strikt friedlich bleiben.
GWR: Wie blickst Du heute auf die Aktionen der Letzten Generation zurück?
Lea: Die Letzte Generation wird in der Boulevardpresse oft als chaotisch, teilweise sogar als schädigend dargestellt – das ist eine sehr einseitige Sicht. Wenn man die Fakten betrachtet, dann hat die Klimagerechtigkeitsbewegung nachweislich politische Agenden geprägt, die öffentliche Meinung verschoben und sogar Wahlverhalten nach grün-links geschoben. Proteste wirkten sich auf parlamentarische Debatten aus, und das bei der Mobilisierung von Tausenden Menschen auf friedliche Weise.
Es ist der Letzten Generation leider nicht gelungen, diese Impulse nachhaltig in Gesetze zu verankern, die über die Kampagne hinaus wirken.
Für mich ist der Protest der Letzten Generation auch irgendwann stärker aktionsorientiert geworden – mit mehr Fokus auf Selbstwirksamkeit statt auf der effektivsten Strategie. Deshalb bin ich dann auch ausgestiegen.
GWR: Aktivist*innen der Letzten Generation haben sich auf Straßen festgeklebt, den Verkehr blockiert, Weihnachtsbäume und Kunstwerke in Museen mit oranger Farbe besprüht. Diese Protestformen haben Aufsehen erregt, wurden aber von einem großen Teil der Öffentlichkeit abgelehnt. Es gab massive Übergriffe auf Aktivist*innen und Kriminalisierung. Möchtest Du dazu etwas sagen?
Lea: Aufmerksamkeit war natürlich wichtig – Proteste müssen gesehen werden, um Wirkung zu entfalten. Aber es ging mir nie nur darum. Wir haben intensive Vernetzungsarbeit geleistet, mit Politiker*innen, Poli-zist*innen, Kirchen, Museen und Künstler*innen – das wird leider fast immer totgeschwiegen.
An vielen Stellen hat das geklappt: Polizist*innen, die uns unterstützt haben, Kirchen, die sich öffneten. So konnten wir Menschen für den Klimaschutz gewinnen, auch wenn nicht jeder die Aktionsform selbst umsetzen wollte.
GWR: Die Graswurzelrevolution hat sich immer mit den kriminalisierten Klimaaktivist*innen solidarisiert. In der GWR gab es aber auch Kritik, weil sich die gewaltfreien Aktionen der Letzten Generation nicht gegen Klimakillerkonzerne wie RWE richteten, sondern gegen Menschen von nebenan, z. B. die Hebamme auf dem Weg zur Arbeit. Dabei sind laut Carbon Majors Report (4) seit 1988 nur 100 Konzerne, darunter RWE, für 71 % der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Und es kommt darauf an, die Menschen zu gewinnen und über Macht- und Herrschaftsverhältnisse aufzuklären, anstatt sie zu verärgern. Die Letzte Generation wurde in der GWR als zu hierarchisch, die Forderungen als zu „reformistisch und staatsgläubig“ (5) kritisiert. Wie antwortest Du diesen gewaltfrei-anarchistischen Kritiker*innen?
Lea: Ich stimme absolut zu, dass klimaschädliche Konzerne in die Verantwortung genommen werden müssen. Deshalb möchte ich korrigieren: Es gab viele Proteste der Letzten Generation an Ölpipelines und Ministerien (Verkehrsministerium, Umweltministerium, Bundestag etc.). Aber genau an der gestellten Frage zeigt sich, wie erfolglos diese Formen oft waren – sie sind untergegangen oder wurden von der Polizei extrem schnell unterbunden und die Öffentlichkeit wurde auch nicht überzeugt.
Auch ich habe immer mit Straßenblockaden gehadert, denke aber, dass disruptive Methoden im Angesicht der Klimakatastrophe gerechtfertigt waren. Ich frage mich immer wieder: Wie findet man beim Thema Umweltschutz eine Protestform, die so disruptiv ist, dass sie nicht ignoriert wird, aber gleichzeitig positiv und einladend wirkt? Die „Essen retten“-Aktionen mit Containern waren gut, aber selbst die sind irgendwie untergegangen. Es ist eine echte Herausforderung, friedliche Störung und Konstruktivität zu verbinden.
GWR: Die Münchener Staatsanwaltschaft wirft Dir und Melanie Guttmann vor, mit der „Letzten Generation“ eine kriminelle Vereinigung gegründet zu haben. Sie ermittelt nach §129 StGB (6). Damit greift der Staat in Eure Grundrechte ein. Wie geht Ihr mit dieser massiven Einschüchterung um? Kannst Du uns etwas zum Stand der Ermittlungsverfahren gegen Euch sagen?
Lea: Wir sind insgesamt zwölf Angeklagte, davon sieben in München und fünf in Potsdam. Zum Glück ist Miri nicht mehr angeklagt in Flensburg. Der Paragraf 129 StGB ist eigentlich für organisierte Kriminalität und Terrorismus gedacht – er wird immer wieder gegen friedliche, demokratische Proteste missbraucht. Die Konsequenzen sind massiv, besonders wenn man als „Rädelsführerin“ angeklagt ist wie wir: Hohe Strafen bis zu fünf Jahren Gefängnis, Hausdurchsuchungen, Kontenüberwachung, Telefonabhörungen, Observationen. Ein erheblicher Teil der Beweise basiert sogar auf Abhörungen des Pressetelefons mit Journalist*innen, die dagegen Verfassungsbeschwerde eingelegt haben.
Besonders besorgniserregend: Die Münchner Staatsanwaltschaft verwendet boulevardeske Begriffe wie „Klimachaoten“ und macht absurde Vorwürfe – etwa, wir hätten nur „junge Frauen mit traurigem Gesicht angeworben, um zu emotionalisieren“. Statt fairer juristischer Aufarbeitung scheint sie vorab zu verurteilen und hetzerische Sprache zu bemühen.
Bundesinnenminister Dobrindt hat die Stimmung bereits vor Jahren mit Begriffen wie „Klima-RAF“ vorbereitet, um jetzt härtere Strafen zu rechtfertigen. Diese ganzen Entwicklungen und staatlichen Repressionen reihen sich in einen globalen, systematischen Anstieg von Repression gegen Klimaproteste, der von den Vereinten Nationen und Amnesty International scharf kritisiert wird. Neue Gesetze, zweckentfremdete Strafverfolgung, entpolitisierte Gerichtsverfahren, die es verbieten, Klimawandel als Verteidigungsargument anzuführen, harte Polizeipraktiken, Delegitimierung – der Staat hat ein ganzes Arsenal entwickelt, um friedliche Proteste systematisch zu ersticken.
GWR: Das Landgericht Flensburg hat am 6. April 2026 festgestellt, dass die Letzte Generation keine kriminelle Vereinigung ist und die Aktionen keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen. Wie beurteilt Ihr das? Hat das Auswirkungen auf Eure Verfahren?
Lea: Das Urteil des Landgerichts Flensburg vom 6. April ist ein wichtiger Präzedenzfall: Die Letzte Generation ist keine kriminelle Vereinigung, und unsere Aktionen stellen keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar. Ähnlich wurde es zuvor schon in Berlin festgestellt.
Die Münchner Staatsanwaltschaft wird natürlich alles versuchen, um ihre Anklage durchzusetzen – aber das Verfahren muss sofort eingestellt werden. § 129 StGB darf nicht länger missbraucht werden, um demokratischen Protest zu kriminalisieren.
Diese Anklage ist ein Warnsignal: Wenn gewaltfreier Protest als kriminell gilt, geraten Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte ins Rutschen.
Die Auswirkungen sieht man bereits: Eine Studie zeigt, dass über 80 % der Klimaprotestierenden Polizeigewalt erlebt haben oder fürchten – ein Drittel passt sein Verhalten im Alltag daran an. Das ist Selbstzensur – ein riesiges Demokratieproblem.
Der Staat sollte nicht die Warner*innen bekämpfen, sondern die Ursache: Jetzt klimapolitisch handeln, zum Schutz heutiger und zukünftiger Generationen.
GWR: Wie können wir und die Leser*innen der Graswurzelrevolution Euch unterstützen?
Lea: Jeder kennt jemanden, der wiederum jemanden kennt – das ist unsere größte Stärke. Sprecht mit Freundinnen, Kolleginnen, Nachbarinnen: Lehrerinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstler*innen, Eltern, Studierenden – alle, die eine lebendige Zivilgesellschaft wollen. Teilt, was passiert, in Euren Netzwerken. Jede Unterhaltung schafft Bewusstsein und Solidarität.
Besonders in München und Potsdam brauchen wir Unterstützung – durch Gespräche, Veranstaltungen, Spenden oder einfach Sichtbarkeit. Es geht um Demokratie, Freiheit und das Recht, für Gerechtigkeit einzutreten.
Ein Weckruf: 2024 hat CIVICUS die Bundesrepublik Deutschland erstmals von „offener“ auf „beeinträchtigte Zivilgesellschaft“ herabgestuft – wegen Demonstrationsverboten und Verfolgung von Klimaengagierten. Das zeigt: Wir müssen Freiheitsrechte jetzt aktiv verteidigen.
GWR: Angesichts von ungebremstem Klimawandel, Artensterben, Kriegspolitik und Rechtsruck, welche Chancen für ein Wiedererstarken der Klimagerechtigkeitsbewegung siehst Du?
Lea: Natürlich stehen wir vor großen externen Herausforderungen – es gibt massive politische Rückabwicklungen: Die USA sind unter Trump aus dem Pariser Abkommen ausgetreten, die CDU debattiert Klimaneutralität, während Kanzler Merz fossile Energiepartnerschaften mit Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) aushandelt. Obwohl der Glaube an Klimawissenschaft stark und stabil bleibt, polarisieren rechte Akteure Klimapolitik. Und dann natürlich die steigenden staatlichen Repressionen gegen Klimaprotestierende.
Trotzdem sehe ich Chancen: Wir können neue Taktiken ausprobieren – weg von übernutzten Demos hin zu Nonkooperation und Streiks. „Wir Fahren Zusammen“ hat den „Klima-Arbeiter-Wandel“ angestoßen und es ist wichtig, daran anzuknüpfen, um Berufsgruppen wie Fahrer*innen, Landwirt*nnen oder Pfleger*innen hinter dem Klimathema zu vereinen. Online-Proteste bleiben in Blasen stecken; wir brauchen zusätzlich langfristige Offline-Kampagnen, die aufeinander aufbauen. Die Bewegung braucht Ressourcen: Aktuell lastet Klimaschutz auf unbezahlter, freiwilliger Care-Arbeit – das führt zu Burnout. Achtsamkeit gegenüber Protestierenden ist essenziell: Eine tolle Kampagne scheitert, wenn Menschen ausbrennen. Mit finanzieller Unterstützung, starken Strukturen und innovativen Strategien können wir erstarken.
GWR: Was fehlt Dir? Möchtest Du unseren Leser*innen noch etwas mit auf den Weg geben?
Lea: Die Klimakrise ist keineswegs vorbei, auch wenn es manchmal so scheint. Die Welt rast auf eine Drei-bis-Sechs-Grad-Erwärmung zu, sieben von neun planetaren Grenzen sind überschritten, und 2026 überschreiten wir 1,5 °C zum dritten Mal in Folge, mit UN-Warnungen vor Wassermangel, Überschwemmungen in Spanien und Waldbränden in Chile und Argentinien. Man kann traurig, wütend oder ängstlich sein – das geht mir genauso. Wichtig ist aber, sich nicht unterkriegen zu lassen und gemeinsam dranzubleiben. Ich glaube daran, dass wir das noch besser können – mit riesigen, effektiven Protesten, wie in den letzten Monaten in Serbien, in der Türkei oder in Indonesien.
GWR: Herzlichen Dank!
Interview: Bernd Drücke
Anmerkungen:
1) S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2023
2) https://www.podcast.de/podcast/3510507/tee-taktik
https://open.spotify.com/show/1HsUdNunaJmFBcicJ6OZUH
3) Siehe: https://taz.de/Umweltaktivistin-ueber-ihre-Selbstanzeige/!5829359/
4) https://www.energiezukunft.eu/wirtschaft/100-unternehmen-verursachen-70-der-globalen-emissionen/
5) Siehe z. B.: https://www.graswurzel.net/gwr/2022/12/fallstricke-des-gewaltfreien-reformismus/
6) https://taz.de/Bildung-einer-kriminellen-Vereinigung/!6160483/
Interview aus: Graswurzelrevolution Nr. 509, Mai 2026, www.graswurzel.net
[Bildtext:]
Gegen die gewaltfreien Aktivistinnen Melanie Guttmann und Lea Bonasera wird nach §129 StGB ermittelt. Foto: Hermann Bredehorst


