anarchivieren im Buch

in (04.11.2011)
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Archivologie
by
Knut Ebeling und Stephan Günzel
Publisher:
Kulturverlag Kadmos
Veröffentlicht 2009 in
272
pages
Das Archiv ist zugleich Institution und Konzept. Als Institution bewahrt es und verschließt, es sammelt und schließt aus. Als epistemische Figur ist es mit „der Regelung und Verteilung des Wissens beschäftigt", wie Knut Ebeling und Stephan Günzel im Anschluss an Michel Foucault in der Einleitung zum Sammelband Archivologie erläutern. Das Buch versammelt zentrale Texte einer interdisziplinären Debatte sowieso einzelne Fallstudien. Es hat in dieser Mischung das Zeug zum Standardwerk. Nach Foucault ist das Archiv nicht einfach der Ort, an dem Wissen vor dem Vergessen bewahrt wird, sondern eine Maschine zu dessen Produktion, Kategorisierung und Verteilung. Die Frage nach herrschaftsfreien Produktions- und Distributionsweisen, nach Ordnungen ohne Ausschlüsse, liegt da nahe. Ob „ein Verstoß gegen die archivischen Prinzipien" sich aber, wie Monika Rieger im letzten Beitrag des Bandes („Anarchie im Archiv") meint, am besten darin äußere, sich von der Vergangenheit des Kollektivs ab- und der Gegenwart des Individuums zuzuwenden, ist durchaus fraglich. Schließlich war das Archiv immer auch Mittel zur (kollektiven) Ermächtigung. Als solches diente es, wie Anke Heimberg anhand eines schönen Überblicks über die Geschichte von Frauenarchiven aufzeigt, der Stiftung und Verhandlung kollektiver Identitäten. Publikationen wie jene zum feministischen Archiv in Marburg gibt es, obwohl Rolle und Funktion des Sammelns und Dokumentierens für soziale Bewegungen so offensichtlich bedeutsam sind, erstaunlich wenige. Für die Erfolge und Errungenschaften von Bewegungen gilt schließlich ohnehin, was Georges Didi-Huberman in Das Archiv brennt für die Versuche beschreibt, zugefügtes Leid und die Barbarei anderer vor dem Vergessen zu bewahren: „Das Eigentliche des Archivs ist seine Lücke, sein durchlöchertes Wesen." Und die Konstruiertheit des Archivs ermögliche, so Didi-Huberman, mehr als Identifizierung eine Fremdheit gegenüber sich selbst. Diese Distanz ist nicht gleich Fiktion, sondern ein vielleicht notwendiger Abstand.

 

In diesem Sinne argumentiert auch Suely Rolnik: Sie mahnt, zukünftige Archivpolitik müsse sich davor hüten, die „Beute eines kognitiven Krieges" mit zu produzieren. Dessen Kombattanten seien auch die großen Kunstinstitutionen. Die brasilianische Kulturkritikerin warnt mit ihrem Text Archivmanie am Beispiel der konzeptuellen Kunst im Lateinamerika der 1960er und 70er Jahre vor einer „Politik der Archivproduktion", die deren „kritisch-poetische(n) Virus" ausstreicht. Dass diese Gefahr vor allem von der kunsthistorischen Fokussierung auf die „ideologischen" und „(makro)politischen" Aspekte jener Konzeptkunst ausgehe, ist allerdings nicht gerade nachvollziehbar. Und die damit einhergehende Betonung, dass das Politische „nicht im Gegensatz zur Form" stehe, predigt im Kunstfeld wohl vor allem den Bekehrten. Die konzeptuelle Kunst aus Brasilien etwa, die Simone Osthoff untersucht, habe selbst eine postfundamentale Politik vorbereitet, in der die Grundlagen der Kritik ebenso ins Ephemere geraten wie die Möglichkeiten von Repräsentation. Am Beispiel konkreter Positionen (Clark, Oiticica, Bruscky, Kac) geht sie der Hypothese nach, dass das Archiv als Kunstwerk den auf Chronologie und Dokumentation gegründeten Begriff der Geschichte herausfordere.


Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lehrt an der Akademie der Bildenden Künste Wien.

Dieser Text erscheint in Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst, Wien, Herbst 2011, „anarchivieren".


George Didi-Huberman/ Knut Ebeling: Das Archiv brennt. Berlin 2007 (Kulturverlag Kadmos).

Knut Ebeling/ Stephan Günzel (Hg.): Archivologie: Theorien des Archivs in Philosophie, Medien und Künsten: Exterioritäten des Wissens in Philosophie, Medien und Künsten. Berlin 2009 (Kulturverlag Kadmos).

Anke Heimberg (Hg.): »...das erste und einzige feministische Archiv in Marburg«. 15 Jahre Feministisches Archiv Marburg: Ein Projekt der Studentinnen- und Frauenbewegung. Marburg 2005 (BdWi-Verlag).

Simone Osthoff: Performing the archive: The transformation of the archive in Contemporary art from repository of documents to art medium. New York/ Dresden 2009 (Atropos Press).

Suely Rolnik: Archive Mania/ Archivmanie. Bd. 22, 100 Notes - 100 Thoughts/ 100 Notizen - 100 Gedanken, documenta 13. Ostfildern 2011 (Hatje Cantz).