Von Wölfen, Pelzen und abwesenden „root causes“

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Zwischen Antisemitismus und Islamophobie. Vorurteile und Projektionen in Europa und Nahost
Editor:
John Bunzl und Alexandra Senfft
Publisher:
VSA
Veröffentlicht 2008 in
Hamburg
255
pages
Price:
19,80
Die Zusammenhänge und Verwicklungen der beiden Phänomene Antisemitsimus und Islamophobie unter Berücksichtigung ihrer Verschiedenheit und ihrer unterschiedlichen Ursachen zu beleuchten ist das Ziel des Sammelbandes. Damit aber nicht genug, fokussieren die darin versammelten Beiträge – wie der Untertitel bereits verrät – sowohl auf europäische Verhältnisse als auch auf jene im Nahen Osten. Nicht gerade wenig also haben sich die HerausgeberInnen vorgenommen, und tatsächlich bietet das Buch vielschichtige Einblicke in zwei der wohl brisantesten und umstrittensten politischen Thematiken der Gegenwart. Dass im Rahmen eines Sammelbandes keine allumfassende Behandlung der „Vorurteile und Projektionen“ zu erwarten ist, wird dabei niemanden verwundern. Positiv fällt die differenzierte und von identitätspolitischen Mustern weitgehend freie Auseinandersetzung auf, ist doch dergleichen – selbst unter sich als emanzipatorisch verstehenden Gruppierungen – gegenwärtig nicht selbstverständlich auf der Tagesordnung.

Der Band geht zurück auf eine im Mai 2005 an der Hebrew University in Jerusalem abgehaltene wissenschaftliche Tagung. Dies mag mit ein Grund sein, warum Stimmen aus sozialen Bewegungen nicht zu hören und die Problematisierung von Antisemitismus bzw. Islamophobie innerhalb gesellschaftskritischer politischer Initiativen und Bewegungen nur am Rande thematisiert werden. Dies schmälert zwar nicht den Erkenntnisgewinn, der aus den Beiträgen des Buches gezogen werden kann, verengt allerdings den Blick auf die Phänomene. Sichtbar wird dies beispielsweise, wenn politische AkteurInnen sich weitgehend auf Parteien und EU-Institutionen beschränken (wie im Beitrag von Elisabeth Kübler). Auffällig ist auch, dass – im Gegensatz zum Antisemitismus – ein scharf umrissener Begriff von Islamophobie fehlt. Letztere wird – und dem ist prinzipiell auch zuzustimmen – primär vor dem Hintergrund des Kolonialismus verhandelt. Ein etwas genauer auf die Geschichte der Kulturalisierung bzw. das Religiös-Werden des kolonialistischen und rassistischen Imaginären einzugehen, hätte allerdings nicht geschadet. Daniel Bar-Tals Text „Das Bild der Araber in der israelisch-jüdischen Gesellschaft“ ist zumindest ein Schritt in diese Richtung.

Der Sammelband gliedert sich in zwei Teile: Im ersten werden die europäischen Erscheinungsarten von Antisemitismus bzw. Islamophobie behandelt, im zweiten Teil ihre Ausformung in Nahost. Anstatt sämtliche in „Zwischen Antisemitismus und Islamophobie“ versammelten Beiträge kurz zu referieren, möchte ich lediglich auf einige ausgewählte Texte etwas ausführlicher eingehen. Dies soll jedoch die Bedeutung der unerwähnten Artikel nicht schmälern, bieten doch auch diese spannende Einsichten in verschiedene Aspekte der Thematik. Zunächst möchte ich auf den„europäischen Teil“ eingehen.

Brian Klugs Text „Die Sicht auf Israel als ‚Jude der Welt‘“ analysiert scharfsichtig die Strategien, mit der proisraelische Intellektuelle, JournalistInnenen und PolitikerInnen jede Kritik an der Politik des Staates Israel in Antisemitismus umdeuten. Ohne den Antisemitismus als solchen harmlos zu reden, zeigt Klug die Strategien und Muster der Verallgemeinerung auf, mit denen einerseits alle Jüdinnen und Juden mit Israel identifiziert werden und die andererseits die Ausgeliefertheit und Machtlosigkeit des militärisch überlegenen Staates des Nahen Ostens beschwören. Dabei wird nicht nur der Unterschied zwischen (Israel-kritischer) Politik und antisemitischer Projektion, sondern auch jener zwischen europäischen und arabischen Antizionismus und Antisemitismus unterschlagen. „Antizionismus“, so Klug, „kann eine Maske für Antisemitismus sein“ (83), muss es aber nicht. Bei dieser Unterscheidung geht es jedoch ums Ganze, sonst wäre die Metapher der Maske ebenso sinnlos wie die Figur des „Wolf[s] in einem Wolfspelz“ (ebd.). Zwei „einfache“ Fragen Brian Klugs treffen den Nagel auf den Kopf: „Warum kehren so viele gebildete, intelligente und informierte Menschen […] rationalen Argumenten den Rücken, wenn es um Israel und den israelisch-palästinensischen Konflikt geht? Was geschieht mit ihrer Fähigkeit zur Kritik?“

Äußerst instruktiv ist auch Paul A. Silversteins Beitrag „Der Zusammenhang von Antisemitismus und Islamophobie in Frankreich“, bietet dieser doch nicht weniger als einen Schnelldurchgang durch die Geschichte des französischen Kolonialismus, dessen postkoloniale Variante sowie den Widerstand dagegen. Der „Krieg gegen den Terror“ begann in Frankreich schon lange vor 9/11 und ist mit der Reduktion von maghrebinischen Zuwanderern und FranzösInnen aus den ehemaligen Kolonien auf ihre (vermeintliche) Identität als Muslime eng verknüpft. Diese Anrufung zeitigt jedoch auch bei den Angerufenen selbst Wirkung und so sehen viele französischer MaghrebinerInnen „die amerikanische Besetzung von Afghanistan oder des Irak oder auch die Zweite Intifada [auch als] ein Abbild des Kampfes, den sie in ihrem täglichen Leben führen.“ (109) Die frühe Integration von Jüdinnen und Juden in die französische Gesellschaft passt vom Standpunkt der diskriminierten „Beurs“ vortrefflich in das Bild vom „Anderen“. Dies wirkt als Triebkraft für antisemitsiche Ideologie. Wenn aber der hegemoniale Diskurs antisemitsiche Aussagen und Angriffe primär als „islamistisch“ beschreibt, so wirkt dies doppelt: Zum einen werden rassistische und antisemitische Übergriffe durch „weiße“ FranzösInnen aus dem Blickfeld gerückt, zum anderen wird vom kolonialen Erbe und dessen antiislamischen Implikationen abgelenkt. Das „der Islam“ als einheitliches Gebilde nicht existiert, zeigt wiederum der – leider etwas zu kurz geratene – Epilog aufs allerschönste: Hier wird auf die symapthisierenden Beziehungen zwischen moslemischen BerberInnen und Juden bzw. Jüdinnen hingewiesen, und so ist Silverstein voll und ganz zuzustimmen, wenn er schreibt: „Unsere Analyse von Antisemitismus und Islamophobie in der heutigen Welt muss diese Orte betrachten, an denen unsere Kategorien der Betrachtung versagen.“ (116)

Im Folgenden möchte ich auf drei Texte aus dem Nahost-Teil des Buches eingehen. Sowohl Omar Kamils Beitrag „Die arabischen Intellektuellen und der Holocaust“ als auch jener von Michael Rothberg, „Der Holocaust, Kolonialfantasien und der Israel-Palästina-Konflikt“, beschreiben das sich wechselseitig beeinflussende Verhältnis zwischen der Erinnerung an den Kolonialismus und jener an den Holocaust. Die Auseinandersetzungen arabischer Intellektueller mit dem Holocaust sind nach wie vor beeinträchtigt bzw. verzerrt durch die Konstruktion einer Konkurrenz des Leidens der AraberInnen im Verhältnis zum jüdischen Leiden im Holocaust (vgl. 162). Dies führe zu einer Beschränkung in der Wahrnehmung historischer Tatsachen: Die Verortung der Ursachen sowohl des Holocausts als auch des Kolonialismus in Europa ist ein wesentlicher Aspekt bei der Erforschung beider. Die ungebrochene Einschreibung der Geschichte Israels in jene des Kolonialismus – ohne Rücksicht auf die Verbindung seiner Gründung mit der Erfahrung des Holocaust – führt jedoch noch immer zu „Wahrnehmungsdefizigen“ unter arabischen Intellektuellen – und dies trotz der verstärkten Auseinandersetzung arabischer Intellektueller mit dem Holocaust, durch deren Geschichte Kamils Beitrag uns führt.

Michael Rothbergs Beitrag hingegen verweist auf die Verknüpfung kolonialer Fantasien mit der Erinnerung an den Holocaust in Israel. Er fokussiert – gleichsam als Gegenstück zum Text von Kamil –auf „die Existenz apokalyptischer Kolonialfantasien neben der Holocausterinnerung eine enge und beunruhigende Verbindung zwischen europäischen und israelischen Subjekten und Landschaften beweist.“ (181) Nach einem an Foucault orientierten Exkurs zur Diskussion um Vergleichbarkeit bzw. Einzigartigkeit des Holocaust in verschiedenen Diskursen wendet sich der Text konkreten Beispielen zu. Hier zeigt sich auch wie nahe der argumentative Rückgriff auf den Holocaust bei dessen Verharmlosung liegen kann, beispielsweise wenn er für wildeste Kolonialfantasien in den Dienst genommen wird: Benni Morris, der ja vor nicht allzulanger Zeit auch in Wien bei einer vorgeblich progressiven Veranstaltung Atombombenabwürfe auf den Iran empfahl, will in einem Interview mit der israelischen Zeitung Ha´aretz die wilden Tiere (=PalestinenserInnen!) in einen Käfig sperren und rechtfertigt mithin die ethnische Säuberung von 1948. (186 f.) In einem anderen Interview gibt er sich apokalyptischen Fantasien über den Ablauf des „zweiten Holocaust“ hin, im Zuge dessen die iranischen Mullahs unter „einem Portrait des stählern dreinblickeneden Ajatollah Khomeinei“ die atomare Vernichtung der israelischen Bevölkerung befehlen werden (189). Unter Bezugnahme auf psychoanalytische Ansätze betrachtet Rothberg die Verbindungen von Erinnerungen, Fantasien und Identifikationen als Einschreibung europäischer kolonialistischer Diskurse in die gegenwärtige Nahost-Politik: „Statt das Verbrechen des Genozids als Teil einer langen Geschichte von Eroberung und Gewalt gegen andere Nationen, Ethnien und Rassen zu verstehen, werden die Vertreter des Kolonialismus mit den Opfern des Holocausts verglichen und als potenzielle Opfer eines ‚zweiten Holocaust‘ dargestellt.“ (191) So wird letztlich durch den Vergleich eine „‚verletzliche‘ europäische“ Position eingenommen“ (ebd.), „(d)er Wettkampf der Erinnerungen entfesselt einen Exzess“. (193) Einen argumentativen Exzess, möchte ich hinzufügen, der in diesen Tagen seine militärische Entsprechung im Krieg gegen die Bevölkerung des Gazastreifens gefunden hat.

Herbert C. Kelmans Reflexionen über „Antisemitismus und Zionismus in der Debatte der Palästinafrage“ beschliessen den Band. Im Rückgriff auf die Beiträge von John Bunzl und Brian Klug lotet Kelman die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus aus. Ohne auf die – von Kelman auch mit Nachdruck betriebene – Kritik an der Politik Israels zu verzichten gelte es, das Verschwimmen der Grenze hin zum Antisemitismus zu verhindern, wenn zum Beispiel in der UN-Resolution von 1975 Zionismus einfach mit Rassismus gleichgesetzt und somit unter anderem auch die verschiedenen Ausprägungen des Zionismus unter den Tisch gekehrt werden. Kelman verweist hier auf progressive Zionisten wie Martin Buber oder linkszionischtische Friedensbewegungen.

Wie ich zu zeigen versucht habe, spricht gerade die thematische Breite des Sammelbandes für seine Lektüre. Aber fehlt da nicht was? Sind sowohl Europa als auch der Nahe Osten nicht Klassengesellschaften? Sollten in einem Buch, zu dem – zumindest früher – marxistische WissenschaftlerInnen maßgeblich beigetragen haben, Klassenkämpfe, gesellschaftliche Arbeitsteilung (sowohl zwischen Hand- und Kopfarbeit als auch zwischen den Geschlechtern) zumindest EINE Rolle in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Islamophobie spielen? So wichtig die Beforschung kultureller Projektionen, postkoloniale Repräsentationskritik und die Auseinandersetzung mit politischen (Herrschafts)Institutionen auch ist, wer die sozioökonomischen Bedingungen in ihrer Umkämpftheit außer Acht lässt, löst das im Vorwort gegebene Verprechen „der Debatte eine solide Grundlage hinzu[zufügen]“ (12) nur bedingt ein – zumal sich auch in den hier nicht besprochenen Beiträgen keiner ernsthaft „die soziale Frage“ stellt. Von einer Auseinandersetzung mit der Hegemonie islamistischer Diskurse infolge des Bedeutungsverlustes des Marxismus im arabischen Raum beispielsweise hätten die in den diskutierten Texten verhandelten Themen mit Sicherheit profitiert.

Es mag an der Verfasstheit des akademischen Diskurses liegen, aber das, was Mitherausgeber John Bunzl beinahe verschämt ganz ans Ende seines Beitrages verbannt hat, sollte in künftigen kritischen Analysen des Themas wohl am Anfang stehen: Eine Auseinandersetzung mit den „verdammten ‚root causes‘“ (141). Die abschließende Fußnote (!) klärt auf: „Gemeint sind regionale und soziale Formen von Ungleichheit und Unterdrückung, vor allem aber die koloniale und repressive Politik Israels gegenüber den Palästinensern sowie die Rolle der USA dabei.“ (ebd.) In älteren Publikationen Bunzls sind diese „root causes“ übrigens durchaus auffindbar. Trotz oder vielmehr wegen dieses doch nicht unwesentlichen Problems ist das Buch zu empfehlen, als Nachweis, dass die Verhältnisse so klar und eindeutig nicht sind, wie uns viele glauben machen wollen – und als Mahnung für die kritische Wissenschaft: Niemals den Klassenkampf vergessen!