Ein Rückblick auf die 30. Linke Literaturmesse Nürnberg, 31.10. bis 2.11.2025
Die Linke Literaturmesse Nürnberg findet seit 1996 einmal im Jahr Ende Oktober/Anfang November im städtischen Kulturzentrum Künstlerhaus (K4) statt. Sie gilt als größte linke Buchmesse in Deutschland. Das dreitägige Event kombiniert eine Buchausstellung von rund 80 linken Verlagen mit Lesungen und einem umfangreichem Veranstaltungsprogramm.
Besonders toll war, dass ich dort Gisela Notz, Vera Bianchi, Elisabeth Voss, Michael Halfbrodt und viele andere Genoss*innen, Freund*innen, Graswurzelrevolution-Autor*innen, -Mitherausgeber*innen und -Leser*innen getroffen habe. Ende Oktober stecke ich normalerweise in der GWR-Endproduktion. Tatsächlich war es meine erste Lesung im K4. Das K4 ist 1996 hervorgegangen aus dem KOMM, einem der ersten selbstverwalteten, autonomen und soziokulturellen Zentren in Deutschland. Zusammen mit Sevgi habe ich am 1. November aus dem von mir im Oktober 2025 im Verlag Graswurzelrevolution herausgegebenen Buch „Die Kriegslogik durchbrechen! Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg“ gelesen. Die leider auf eine Stunde begrenzte Lesung war gut besucht, aber einige Leute haben sie frühzeitig verlassen. Vielleicht weil sie nicht bereit waren, sich mit einer anarchistischen und antimilitaristischen Position auseinanderzusetzen, die Empathie für die Opfer beider Kriegsparteien hat und sich sowohl gegen die islamistische Terrororganisation Hamas als auch gegen die extrem rechte Netanjahu-Regierung stellt?
Auf große Resonanz traf auch die Buchvorstellung von Bewegungsaktivistin Clara Tempel, die ihr 2025 im Verlag Graswurzelrevolution erschienenes Buch „Politische Geborgenheit. vor*ankommen in sozialen Bewegungen“ vorstellte.
Das Thema Vietnamkrieg ist momentan offenbar out und Lou Marins Lesung aus dem Buch „‚Hell no, we won’t go!‘ 50 Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs: Der antimilitaristische Widerstand in der US-Armee und der US-Zivilgesellschaft“ (Verlag Graswurzelrevolution 2025) hatte leider nur wenige Zuhörer*innen. Rund um die Uhr fanden insgesamt etwa 80 Lesungen statt. Die Räumlichkeiten im K4 sind phänomenal. Anarchie und Luxus, könnte mensch sagen, wenn da nicht die autoritär-leninistische Dominanz wäre. Wie sehr sich der autoritäre Zeitgeist und die voranschreitende Zensur auch im „revolutionären Alltag“ und in einem linken Freiraum wie dem K4 breit macht, demonstrierte die Stadt Nürnberg mit der Drohung, von ihrem „Hausrecht“ Gebrauch zu machen, weil in einem Ankündigungstext für eine Lesung des trotzkistischen Mehring-Verlags vom „Genozid in Gaza“ und den „Kriegsverbrechen der deutschen Regierung“ gesprochen wurde. Siehe dazu das Statement der Verlage auf der Linken Literaturmesse auf dieser Seite.
Am Graswurzelrevolution-Verlagsstand, bei Edition AV, Alibri, Edition Nautilus, Unrast, Mandelbaum, Schmetterling Verlag, Die Buchmacherei, Assoziation A und anderen libertär-sozialistischen Verlagen war die Stimmung ausgelassen. Es gab tolle Gespräche und positive Rückmeldungen auch zur Graswurzelrevolution und zu den Büchern des Verlags. Neben den befreundeten anarchistischen und undogmatisch linksradikalen Verlagen, dominierten autoritär-staatssozialistische Verlage das Erscheinungsbild der Messe. Besonders leid tat mir der Genosse Gerald Grüneklee, der in einem Nebenraum mit seinem kleinen anarchistischen Anares-Verlag zwischen einem grotesk realsatirischen Verlag von Freunden der nordkoreanischen Diktatur und anderen überwiegend stalinistischen Verlagen samt Lenin-Büsten und Co. platziert worden war. Da konnte ich ihm nur aufmunternd zurufen: „Halte durch, Genosse! Du bist nicht allein!“
Back to the seventies?
Die stalinistisch-maoistische MLPD, deren lokaler Vertreter mir schon vor Jahren angedroht hat, dass ich „nach der Revolution ins Gulag“ komme, Die Kleine Partei (DKP), die Freunde des Schlächters von Kronstadt (Trotzki) und viele skurrile Kommi-Sekten machten den Eindruck, als seien wir mit einer Zeitmaschine in die 1970er Jahre katapultiert worden, als die K-Gruppen noch über 100.000 Mitglieder in Deutschland zählten. „Wie immer ist in Nürnberg der Begriff ‚Linke‘ sehr breit repräsentiert gewesen und umfasste allerlei stalinistisch-trotzkistisches Zeug, mit dem wir nix zu schaffen haben“, kommentierte GWR-Verleger Lou Marin.
Danken möchte ich den ehrenamtlichen Organisator*innen der Messe. Ihr macht eine tolle Arbeit!
Im Oktober/November 2026 sind wir gerne wieder in Nürnberg dabei. Aber ebenso freue ich mich auf die Anarchistische Buchmesse in Mannheim im Mai 2025. Endlich wieder ein anarchistisches Familientreffen – ohne autoritär-stalinistische Vettern und Cousinen.
Bernd Drücke
[Im Kasten:]
Nein zur politischen Zensur auf der Linken Literaturmesse Nürnberg
Statement der Verlage auf der Linken Literaturmesse Nürnberg gegen die Zensur einer Buchvorstellung des Mehring Verlags durch die Stadt Nürnberg
Als Verlage, die auf der Linken Literaturmesse Nürnberg ausstellen, protestieren wir aufs Schärfste gegen die Zensur des Veranstaltungstexts des Mehring Verlags durch die Stadt Nürnberg. Die Stadt hatte gefordert, die Formulierungen „Völkermord in Gaza“ und „Kriegsverbrechen“ der Bundesregierung aus der Beschreibung der Buchvorstellung des Mehring Verlags auf der Linken Literaturmesse am 2. November 2025 zu löschen, andernfalls würde sie die Buchvorstellung verbieten. Wir weisen die Verleumdung der Stadt Nürnberg zurück, dass diese Aussagen verfassungs- und gesetzeswidrig sein könnten. Sie sind eindeutig und vollständig durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Daher stellt das Vorgehen der Stadt einen Akt der politischen Zensur dar, den wir als Verlage nicht hinnehmen. Über die Inhalte der Buchvorstellungen unserer Messe entscheiden das Organisations-Team und die Verlage und nicht die Stadt Nürnberg. Diese Zensur richtet sich nicht nur gegen den Mehring Verlag, sondern gegen alle Verlage der Buchmesse, die fürchten müssen, dass ihre Buchvorstellungen verboten werden, wenn sie nicht auf Zustimmung der Stadtverwaltung treffen. Wir fordern die Stadt Nürnberg daher auf zukünftige Zensurversuche gegen Buchvorstellungen der Linken Literaturmesse zu unterlassen.
Verlage der Linken Literaturmesse, 2. November 2025
Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 504, Dezember 2025, www.graswurzel.net


