Atomwaffen stehen nicht alleine

Strukturen nuklearer Gewalt und pazifischer Widerstand

Mit verheerenden Folgen wurden im Pazifik über vier Jahrzehnte durch heutige NATO-Staaten Atomexplosionen durchgeführt. Als sogenannte »Tests« standen sie im Zeichen der Wissenschaft und dienten zugleich der gezielten politischen Darstellung von nuklearer Potenz. Die Folgen stehen in engem Zusammenhang mit sozial-­ökologischen Krisen in der Region, seien es Gesundheitskrisen, der Klimawandel, die Erosion kultureller Integrität, Naturzerstörung oder (post-)koloniale Abhängigkeiten. Der Beitrag legt einige der genannten Verknüpfungen beispielhaft dar und wirft einen Blick auf Kämpfe um (nicht nur) nukleare Gerechtigkeit und Unabhängigkeit.

Zwischen 1946 und 1996 detonierten in der »See der Inseln« (Hau'ofa 1994) etwa 300 Kernwaffen, gezündet von den drei Atommächten der heutigen NATO. Die USA hatten in der Folge des Zweiten Weltkriegs die Kontrolle über die Marshallinseln als UN-Treuhandgebiet übernommen. Statt jedoch den humanitären Pflichten dieser Position nachzukommen, nutzten sie die Marshallinseln, um militärische Stärke zu demonstrieren. Zwischen 1946 und 1958 detonierten sie hier 67 Bomben auf den Atollen Enewetak und Bikini.1 Insgesamt wurde Energie in Höhe von 108,5 Megatonnen TNT-Äquivalenten freigesetzt. Über die 12 Jahre der »Tests« gerechnet, entspricht dies mehr als 1,6 Hiroshimabomben am Tag (vgl. Bennett et al. 1994, S. 19). Im Rahmen des sogenannten »Bravo-Tests« detonierte hier am 1.3.1954 die stärkste jemals von den USA gezündete Wasserstoffbombe.

Raketen mit Bomben für atmosphärische Höhentests starteten die USA in den Folgejahren (1958-1962) auf dem Johnston-Atoll und von nahegelegenen U-Booten aus. Hier wurden 1962 zudem fünf Atombomben aus Flugzeugen abgeworfen. Das nicht menschlich bewohnte Atoll liegt etwa 500 km südöstlich von Hawaii.

Das dritte Gebiet, in dem die USA bombardierten, waren die heute zu Kiribati zählenden Atolle Kiritimati2 und Malden (1962, 24 atmosphärische Tests). Hier wurde Infrastruktur des Vereinigten Königreichs genutzt, unter dessen Kolonialherrschaft das Gebiet stand. Dieses hatte hier selbst bereits 1957-1958 neun atmosphärische Wasserstoff- und Atombomben gezündet, nachdem Bombenzündungen in Australien von der dortigen Regierung nicht mehr akzeptiert worden waren.

Ab 1966 zündete Frankreich 193 Bomben auf den Atollen Moruroa und Fangataufa in Mā’ohi Nui (bzw. Französisch-Polynesien; ab 1974 unterirdische Explosionen). Algerien hatte zuvor die Unabhängigkeit erreicht, weshalb die Bombardierungen dort gestoppt wurden – Mā’ohi Nui ist bis heute nicht von Frankreich unabhängig. Begleitet von weltweiten Protesten zündete Frankreich noch 1996 eine letzte Bombe.3 Im gleichen Jahr trat es, wie alle offiziellen Atommächte, dem umfassenden Atomteststoppvertrag bei.

Die Atomwaffentests in der »See der Inseln« sind Resultat und Fortsetzung kolonialer und rassistischer Gewalt. Im Folgenden sollen drei typische Muster dieser Gewalt hervorgehoben werden: Peripherisierung, Abwertung und Landnahme.

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