Schulausbildung und Militarismus

Die türkischen Streitkräfte, ein wesentlicher Akteur der türkischen Politik, sowie ihre nationalistische Ideologie nehmen im Lehrplan der Gymnasien einen wichtigen Platz ein und werden im Fach „Nationale Sicherheit“[1] unterrichtet. Alle Studierenden müssen diesen Unterricht im zweiten Jahr der Gymnasiumsausbildung zwingend besuchen. Aber nicht nur im Fach „Nationale Sicherheit“ kommen die Themen „Die Prinzipien von Atatürk“ und „Die Bedeutung der Streitkräfte“ zu Sprache. In einem weiteren Unterrichtsfach, „Die Prinzipien von Atatürk und Geschichte der türkischen Revolution“, geht es um den Verlauf des Befreiungskrieges von 1919 bis 1922, das Leben von Atatürk und die von ihm initiierten Reformen. Die Lehrpläne dieser Unterrichtsfächer werden vom militärischen Generalstab vorbereitet und von Offizieren in Uniform unterrichtet. Militarismus und Schulausbildung sind so eng miteinander verstrickt. Im Folgenden soll die Entwicklung des Unterrichtsfaches „Nationale Sicherheit“ dargestellt werden.

Vom „Militärdienstunterricht“ zum Fach „Nationale Sicherheit“

Der Unterricht in „Nationaler Sicherheit“ hieß ursprünglich „Militärdienstunterricht“ und wurde in Gymnasien seit 1926 zwingend unterrichtet. Der Zweck dieses Unterrichts laut den Richtlinien für nationale Sicherheit, die 1965 veröffentlicht wurden, war: „Parallel zu anderen Fächern werden Sie im Laufe der Zeit mit der Hilfe des Unterrichts in nationaler Sicherheit im Sinne der Lehren Atatürks erkennen, warum wir in den zukünftigen Kriegen für unsere Heimat sterben und töten müssen. Dadurch werden Sie zu bewussten Helden.“[2] Die Konditionierung der Individuen im Ausbildungsalter zum Töten und Sterben, egal wofür und warum, ist eine der wichtigsten Ursachen der sozialen und gesellschaftlichen Gewalt. Als ob die Gewalt im Alltag und in den Medien nicht genug präsent wäre, wird in diesen Lernmaterialien das Töten und Sterben verherrlicht, anstatt für das Leben und die Toleranz einzutreten.

Auch im Lehrbruch des Schuljahrs 2007/08 finden sich die gleichen Gedanken, bloß leicht umformuliert: „Die Heimat ist für uns das Brot (Geschenk) unseres Schwertes. Wir mögen sie immer mehr als uns selbst und sind bereit, jederzeit unser Leben für sie opfern.“[3] „Der beste Ausdruck der Treue zu unserer Heimat ist es, das Leben gerne für sie opfern, wenn es nötig ist.“[4] Ziel und Zweck des Unterrichts in „Nationaler Sicherheit“ wird in diesem Lehrbuch folgendermaßen zusammengefasst: „Der Zweck der Ausbildung in nationaler Sicherheit ist es, die türkische Jugend zum Schutz und zur Verteidigung der von Atatürk errichteten Republik zu erziehen. Dieser Unterricht hilft gleichzeitig dazu, die benötigte Bereitschaft der Jugend zu fördern, sich in diesem Sinne zu engagieren.“[5]

Auch wenn die heutigen Lehrinhalte im Vergleich zur Vergangenheit weniger offen Gewalt verherrlichen, bleibt die inhaltliche Ausrichtung im Wesentlichen unverändert. Im Jahre 1998 wurde der Lehrplan bezüglich der Darstellung der türkischen Streitkräfte sowie des Militärdienstes überarbeitet und wird seitdem nach zwei Dokumenten unterrichtet: „Der Kemalismus und die Prinzipien von Atatürk – nationale Gemeinschaft und Solidarität“ sowie „Die Lage der Türkei, die Bedrohungen durch die Nachbarländer und unsere Beziehungen zu internationalen Institutionen.“ Wie an der Themenstellung ersichtlich, geht es vor allem um Politik und Außenpolitik. Wenn überhaupt, dann wird in türkischen Gymnasien in diesen Fächern über Politik gesprochen. Man kann sogar sagen, dass dies der einzige Unterricht ist, in dem man über Politik sprechen „darf“. Dass Politik eine Angelegenheit des Militärs ist, wird durch den Unterricht durch zumeist uniformierte Offiziere unterstrichen.

Nachdenklich muss auch die Aussage über die erweiterten Funktionen und Aufgaben der türkischen Streitkräfte stimmen, die da lautet: „Die türkischen Streitkräfte sind die bedeutendste Schule.“[6]  Anstatt zu hinterfragen, warum Menschen im Militärdienstalter nicht schreiben und lesen können, wird mit Fotos und Berichten die Ausbildung in verschiedenen – auch berufsbildenden – Fächern im türkischen Militär gepriesen und dadurch die türkischen Streitkräfte als geradezu heldenhafte Organisation dargestellt. Wenn wir jedoch die Sozialausgaben mit den Ausgaben für das Militär vergleichen, liegt eine bessere Lösung für Bildung und Ausbildung der Menschen auf der Hand. Aufmerksamkeit verdient auch eine Aussage im Abschnitt: „Die speziellen Gesetze der türkischen Streitkräfte“: „Die Militärausbildung wird mit echten Waffen und Kugeln durchgeführt. Das kann natürlich zu Todesfällen führen. (In allen Berufsarten können trotz aller Sicherheitsmaßnahmen Betriebsunfälle vorkommen. Solche Vorfälle kommen in allen Streitkräften vor.)“[7]  Mit dieser Aussage wird klar, dass die Todesfälle beim Militärdienst für normal gehalten werden. Wie groß der Wert des menschlichen Lebens veranschlagt wird, ist aus diesen Sätzen klar erkennbar.

Welcher Kemalismus?

Der ideologisch wichtigste Abschnitt des Lehrbuches ist mit „Der Kemalismus und die Prinzipien von Atatürk – nationale Gemeinschaft und Solidarität“ übertitelt und stellt den Versuch dar, allen Studierenden den durch die Streitkräfte definierten Kemalismus als einzig „richtige Ideologie“ zu vermitteln. Die folgenden zitierten Beispiele könnten beliebig vermehrt werden: „Nationalismus im Sinne von Atatürk erkennt keine Ideologie an, die den Begriff Nation und die Prinzipien des Nationalismus nicht akzeptiert. Wie uns die Geschichte gelehrt hat, ist das Nationalgefühl und die wirkliche Nation kritischen Gegenströmungen immer überlegen.[8] „Unser Etatismus hat mit Kommunismus oder dem kollektivistischen Sozialismus, der die Produktionsmittel der Individuen enteignet oder kein privates Unternehmertum erlaubt, absolut nichts zu tun.“[9] „Der kemalistische Populismus erachtet die soziale Gerechtigkeit, die soziale Sicherheit, die Unterstützung von ökonomisch schwachen Schichten des Volks und eine gerechte Gewinnverteilung für entscheidend, verwirft jedoch entschieden den Klassenkampf.“[10]

Aus diesen Beispielen geht hervor, dass die kemalistischen Prinzipien (die in Wirklichkeit je nach momentaner Konstellation höchst unterschiedlich interpretiert und definiert werden) totalitär als einzig richtige Lehre und Orientierung erachtet werden. Auch wenn das Recht auf Gedanken- und Glaubensfreiheit betont wird, bedeutet die Überschreitung der kemalistischen Doktrin automatisch Landesverrat und Separatismus.

Auch der Begriff der „Treue“ wird verwendet. Wie wird Treue nun definiert? „Ein guter Staatsbürger und guter Mensch erkennt die Treue als einen Grundwert an und verhält sich dementsprechend. Entscheidend ist jedoch, wie und welchen Prinzipien man die Treue hält. Ein guter Staatsbürger und guter Mensch hält vielen Prinzipien und Institutionen die Treue. Es ist jedoch besonders wichtig, dem Volk, dem Staat und den Gesetzen die Treue zu halten, denn diese Institutionen sichern uns ein glückliches Leben.“[11] So werden die Begriffe „guter Staatsbürger“ und „guter Mensch“ durch den Begriff der „Treue“ definiert wie auch umgekehrt. Soll aber Erziehung nicht viel mehr Klischees hinterfragen anstatt sie zu produzieren? Diese Frage wäre in einem weiteren Artikel zu erörtern. Aber die oben zitierten Beispiele lassen erkennen, wie eine Weltsicht entsteht, die nicht hinterfragt und nachdenkt, sondern nur akzeptiert.

Der letzte Abschnitt heißt „Die Lage der Türkei, die Bedrohungen durch die Nachbarländer und unsere Beziehungen zu internationalen Institutionen“. In diesem Abschnitt wird die geopolitische und geostrategische Bedeutung der Türkei betont und daraus eine interessante Schlussfolgerung gezogen: „Damit unser Staat und unser Volk in der Lage ist, Lösungen für die wahrscheinlichen Krisen in unserer Region zu entwickeln, benötigen wir unbedingt starke Streitkräfte. Starke Streitkräfte sichern den Frieden, weil dadurch andere Akteure abgeschreckt werden, falsche und gefährliche Pläne zu schmieden. Dafür gibt es in der jüngsten Vergangenheit viele Beispiele.“[12] Die Haltung, die Sicherung des Friedens durch starke Streitkräfte zu sichern, ist auch in der Politik virulent und verhindert eine Kontrolle der budgetären Ausgaben für das Militär. In einem Abschnitt wird auch die Existenz struktureller Konflikte behauptet, die Quelle aller Probleme läge jenseits der Grenzen der Türkei: Griechenland verfolge noch immer die „große Idee“ (Megali Idea) eines Großgriechenlandes, Iran möchte die theokratische Regierungsform über seine Grenzen hinaus verbreiten und Armenien habe die Absicht, einen Teil von Anatolien ins eigene Land einzugliedern. Es zählt also die Behauptung zum Lehrplan, starke Streitkräfte wären die einzige Möglichkeit, fremde Mächte abzuschrecken und Landesverräter sowie Separatisten unwirksam zu machen.

Militarismus, Nationalismus und Klischees in den Lehrbüchern der Gymnasien sind ein wichtiger Faktor für die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung und stehen in Verbindung mit sich ausbreitendem rassistischen Nationalismus, der unhinterfragten Akzeptanz der Streitkräfte als politischer Faktor und dem Vertrauen in den Staat und die Streitkräfte. Ausgehend von allen diesen Aussagen kann man als Schluss eine Frage stellen: Liegt das Problem beim Mangel an Erziehung, oder bei Erziehern und beim Erziehungssystem selbst?

Güney Isikara studiert seit 2007 Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien.



[1] Türkisch: Milli Güvenlik

[2] Nationale Sicherheit I, 1965 (Milli Güvenlik Bilgileri I, 1965)

[3] Nationale Sicherheit 2007:73 (Milli Güvenlik Bilgisi 2007:73)

[4] Nationale Sicherheit 2007:117 (Milli Güvenlik Bilgisi 2007:117)

[5] Nationale Sicherheit 2007:1 (Milli Güvenlik Bilgisi 2007:1)

[6] Nationale Sicherheit 2007:39 (Milli Güvenlik Bilgisi 2007:39)

[7] Nationale Sicherheit 2007:32 (Milli Güvenlik Bilgisi 2007:32)

[8] Nationale Sicherheit 2007:94 (Milli Güvenlik Bilgisi 2007:94)

[9] Nationale Sicherheit 2007:98 (Milli Güvenlik Bilgisi 2007:98)

[10] Nationale Sicherheit 2007:97 (Milli Güvenlik Bilgisi 2007:97)

[11] Nationale Sicherheit 2007:116 (Milli Güvenlik Bilgisi 2007:116)

[12] Nationale Sicherheit 2007:137 (Milli Güvenlik Bilgisi 2007:137)