verqueert & verschränkt

Verqueerte Verhältnisse. Intersektionale, ökonomiekritische und strategische Interventionen.
Editor:
AG Queer Studies Hamburg
Publisher:
Männerschwarm Verlag
Veröffentlicht 2009 in
Price:
16,- Euro

Im jüngst erschienenen Reader „Verqueerte Verhältnisse“ wird Queer-Theorie wieder mit Kritik an gesellschaftlichen Hierarchien verlinkt.

Den Ausgangspunkt des Buches bildet das bereits bekannte Dilemma: Wie kann der Begriff Queer seine definitorische Unabschließbarkeit bewahren und zur Analyse unterschiedlichster Ungleichheitsverhältnissen herangezogen werden, ohne dass er dabei beliebig wird? Wie kann er als dezidiert intersektionale Forschungsperspektive weiterentwickelt werden, ohne dabei seine besondere Aufmerksamkeit für Geschlecht und Sexualität einzubüßen? Und wie lässt sich ihm die Notwendigkeit einer queeren politischen Praxis einschreiben?
Die Antwort darauf geben die Herausgeber_innen des aus einer Vorlesungsreihe an der Universität Hamburg entstandenen Sammelbands mit ihrer Textauswahl, die ausschließlich „Intersektionen“ und „Interventionen“ versammelt.

Die Beiträge des ersten Teils kreisen um die Interdependenz von Geschlecht und ethnifizierenden Diskursen. Jin Haritaworns Beitrag widmet sich dabei der medialen Inszenierung „sauberer“ schwuler Intimität (das beliebte Bild vom Kuss vor der Regenbogenfahne), die westlichen Narrativen von der eigenen Nation als Stätte toleranter und diversifizierter Buntheit dient – und damit immer auch der Abgrenzung von einer als repressiv und (homo)sexualitätsfeindlich imaginierten muslimischen Welt. Dass diese Imaginationen auch von linken Medien herbeigeschrieben werden, zeigt der Aufsatz mit einer Analyse der Berichterstattung von „Jungle World“ und „taz“, die 2008 einem Angriff auf Teilnehmer_innen eines Drag-Festivals folgte. Auch dort wird der Diskurs von „migrantischer Homophobie“ produziert, von der sich deutsche Offenheit und Differenzkultur bedroht sähen.
Felix Krämer und Nina Mackert vollziehen eine körpergeschichtliche Relektüre des Falls „Plessy vs. Ferguson“. Homer Plessy, der sich 1892 in New Orleans in ein für Weiße reserviertes Zugabteil setzte, um die geltende „one-drop-rule“ herauszufordern, dient ihnen als Figur für eine Parallelsetzung von queerem Passing und „passing as white“. Die Zitierbarkeit von Zugehörigkeit betrachten die Autor_innen hier wie dort als produktive Möglichkeit zur Neuverhandlung von Grenzziehungen.

Wie sich Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität mit neoliberalen Identifizierungen verschränken, ist Thema des nächsten Kapitels, in dem etwa Antke Engel für eine Politisierung der paradoxen Anforderungen plädiert, mit denen Menschen in neoliberalen Zeiten konfrontiert sind. Gibson-Graham folgend sieht sie etwa im neoliberalen Aufruf zu Autonomie und Eigenverantwortlichkeit, der mit der Forderung nach Loyalität und Fürsorgeleistungen im persönlichen Umfeld Hand in Hand geht, die Chance auf die Entwicklung von auch ökonomischer Diversität.
Nicht die Paradoxien selbst, sondern die aufgrund dieser Unvereinbarkeiten entstehende Scham möchte stattdessen Renate Lorenz politisieren. Der Vorgang des Sich-Schämens könne dann produktiv werden, wenn er dazu anleitet, nicht sich selbst, sondern die Verhältnisse ändern zu wollen.

Eine Möglichkeit für queere Praxis zeigt schließlich die Projektbeschreibung von „Monkeydick-Productions“, einem „Krisenexperiment“, das auch bei der Subversivmesse in Linz vertreten war und sich Irritation und die „Produktion vom Ambivalenz“ zum Ziel gesetzt hat.
Überzeugendere Beispiele für nicht-identitäre Arbeit liefert der Band mit einem Beitrag von Do. Gerbig, der sich mit den antirassistischen Strategien von Kanak Attak und den künstlerischen Interventionen der AG 1-0-1 (one ’o one) intersex beschäftigt. Sowie auch mit dem Aufsatz von Jo Bucher und Angelika Göres, der den antifaschistischen Widerstand von Claude Cahun und Marcel Moore als queerende Politik neu interpretiert (vgl. an.schläge 7-8/08).

„Heterogenität ist für sich genommen keine überzeugende Perspektive, wenn sie nicht mit Prozessen der Enthierarchisierung verbunden wird“, schreibt Antke Engel in Anlehnung an die Postcolonial-Theoretikerin Encarnación Gutiérrez Rodríguez. Mit seiner Schwerpunktsetzung hat der Band dies beherzigt und liefert so einen weiteren wichtigen Beitrag zu der sehr erfreulichen Tendenz der jüngsten Zeit, Queer-Theorie wieder stärker mit ökonomie- und herrschaftskritischen Ansätzen zu verbinden.

 

Dieser Artikel erschien in: an.schläge, das feministische Magazin,  www.anschlaege.at