Eine Idee wird 40
1986 haben Gentechnikkritiker*innen, Feminist*innen und Computernerds den Aufbruch gewagt, um das Gen-ethische Netzwerk (GeN) zu gründen. Wir erinnern an ihre Ideen und blicken auf die Entwicklungen, die die Informationsarbeit des Netzwerks seitdem mitgeprägt haben.
Alle Artikel im Schwerpunkt unter: https://www.gen-ethisches-netzwerk.de/publikationen/gid/278
Im Sommer 2023 steht ein großer Sperrmüllcontainer vor der Stephanstraße 13 in Berlin-Moabit – das GeN-Büro zieht um. Wochenlang hat das Büroteam sortiert, überlegt, gepackt. Eine große Aufgabe, denn aus den vier großzügigen Räumen mit eigenem Keller geht es in einen einzigen gemeinsamen Büroraum nach Kreuzberg. Wir trennen uns von Möbeln, Büchern, Zeitschriften – und entdecken im Keller alte Schätze, von Pappmaché-Maiskolben bis zu überdimensionierten Wattestäbchen. Alte Transparente und Kostüme, aber auch ein Paar Gummistiefel sind dabei und rufen die bewegte Geschichte des GeN wach. Sie erzählen von Protesten gegen Reproduktionstechnologien, Camps und Radtouren gegen die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen ebenso wie von sich wandelnden sozialen Bewegungen. Von vielem müssen wir uns schweren Herzens trennen, anderes geben wir vertrauensvoll in die Hände anderer Archive. Es ist nicht der erste Umzug des GeN, aber es soll der letzte sein.
Aufgebrochen, umgezogen, angekommen?
Seit seiner Gründung im Jahr 1986 ist das GeN viele Male umgezogen. Prägende Stationen waren die Winterfeldtstraße im damals noch geteilten Berlin sowie später die Brunnenstraße in Mitte. Dann stand der Verein plötzlich ohne Büro da. Zum Glück war Verlass auf unsere politischen Netzwerke: Der FAQ-Infoladen (feministisch, antisexistisch, queer) stellte vorübergehend einen Raum zur Verfügung. Klein, dunkel und mit einem Fenster zum Hinterhof – aber gerade noch rechtzeitig. „Was ihr damals alles weggeworfen habt“, sagte eine langjährige Wegbegleiterin noch diesen Sommer mit einer Mischung aus Empörung und Wehmut. Und trotzdem haben wir es nochmal getan – eine Verkleinerung, eine Art Häutung. In der Hoffnung, dass wir unseren Verein mit dem Umzug in die genossenschaftlich verwalteten Räume in der Kreuzberger Lausitzer Straße in einer Stadt mit rasant steigenden Mieten langfristig absichern können.
Und so stehen wir mit Staub in den Haaren zwischen Stapeln von Umzugskartons bei schummrigem Licht im Keller des GeN-Büros in der Stephanstraße. „Was ist das denn?“, ruft unsere studentische Mitarbeiterin und wedelt mit einer etwa handflächen-großen, grauen Platte. Was sie in der Hand hält, war schon out, als sie geboren wurde – es ist eine Diskette. Auch das hat sich verändert, seit Engagierte zunächst den GID und dann das GeN ins Leben gerufen haben: Während die GID-Pionier*innen Meldungen zunächst noch auf der Schreibmaschine abtippten und zusammenkopierten, swipen unsere Leser*innen heute auf Social Media durch unsere Beiträge.
Information ist keine Ware
Die Entstehungsgeschichte des GID ist eng mit dem Wandel von Informationstechnologien verknüpft. Inmitten der rasanten Entwicklungen im Bereich der Gen- und Reproduktionstechnologien wollte man eine Art unabhängiges und demokratisches Nachrichtennetz für die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen aufbauen – auch aus Frust über die Logik der Nachrichtenwelt. So heißt es in der Gründungsschrift des GeN: „Unsere Erfahrung lehrt, daß man Informationen nicht wie Ware behandeln darf. Information ist die Grundbedingung einer lebenden Demokratie“. Aufbauend auf dem Informations- und Materialaustausch mit dem Gen-Archiv Essen und nach dem Vorbild der Hackerzeitschrift „Datenschleuder“ aus dem Umfeld des Chaos Computer Clubs sowie einem Testlauf als Beileger des Rundbriefs der Hamburger Ärzteopposition sollte eine Art Nachrichtenagentur entstehen.
Und Nachrichten gab es zu der Zeit gefühlt im Stundentakt. 1976 war in den USA mit Genentech Inc. das weltweit erste Biotechnologieunternehmen an den Start gegangen, 1982 folgte das erste gentechnisch hergestellte Medikament und es kam das erste in Deutschland mithilfe von In-vitro-Fertilisation gezeugte Kind zur Welt. 1983 wurden Pflanzen erstmals erfolgreich gentechnisch verändert, 1989 die ersten Genehmigungen zu deren Ausbringung in der BRD erteilt. Deutschland sollte aber erst 1990 ein Gentechnikgesetz erhalten. Und 1985 wurden die ersten transgenen Schweine erzeugt – dabei war man vier Jahre zuvor noch bei Mäusen gewesen.(1)
Dem gegenüber stand damals eine große und aktive gentechnikkritische Bewegung – und genau für diese war der GID gedacht. So heißt es in der 1985 erschienenen Nullnummer: „Unser Ziel ist es, den Aufbau dieser Gentechnik-Gruppen in der Bundesrepublik zu unterstützen, beispielsweise durch Terminankündigungen, Presseübersichten, Literaturhinweise, Gruppenvorstellungen, Unterstützungsaufrufe bei Aktionen und Recherchen. In einzelnen Ausgaben von GID sollen Schwerpunktthemen behandelt werden. […] Gedacht ist an die Bereiche Pharmazie, Nahrungsproduktion, Rüstung, Landwirtschaft, die Forschungssituation in der Bundesrepublik, Dritte Welt sowie der Gesamtbereich Frauen. […] Dieser Dienst soll von allen bestehenden und sich noch gründenden Gruppen getragen werden, aber nicht von einzelnen Gruppeninteressen dominiert werden.“
Verbreitung nach Schneeballprinzip
Der GID ist damals ein No-Budget-Projekt: Ehrenamtlich getragen und für 3,50 Deutsche Mark pro Stück vertrieben soll er bei der Verbreitung von Informationen helfen. Nicht die Verkaufszahlen sollen steigen, sondern vor allem die Zahl der tatsächlichen Leser*innen: „Da wir selbst nicht im Geld schwimmen, müssen wir die Produktionskosten auf ein absolutes Minimum drücken. Wir meinen, wer abonniert, sollte sich bietende Möglichkeiten nutzen, zum Nulltarif zu fotokopieren. Wir sparen hohe Versandkosten zugunsten wichtiger Selbstkostenanteile wie Telefon oder Archiv und Büromaterial. Durch dieses Schneeballprinzip bleibt die Verbreitung durch persönliche Kontakte bestimmt, was uns in dieser Phase sinnvoll erscheint.“
Computernerds bleiben für den GID eine unerlässliche Stütze. So schreiben die Verfasser*innen nach den ersten zwölf Monaten, man habe durch die Unterstützung des Chaos Computer Clubs und der Autonomen Arbeitsgruppe für politisches Computern auf Textverarbeitung umgestellt. Der GID wird seine Leser*innen in der Zukunft durch eine ganze Reihe informationstechnologischer Neuerungen mitnehmen – auch bei ihren ersten Schritten im Internet (damals wirklich noch Neuland). So heißt es im GID Nr. 114 von 1996: „Schon verkabelt? Hier ein paar Infos für alle, die inzwischen in den Cyberspace vorgedrungen sind: Es gibt mehrere interessante www-Seiten sowie Mailinglisten zum Austausch kritischer Gentechnik-Informationen. Eine Mailingliste funktioniert wie eine elektronische Gesprächsrunde: Jeder hingeschickte Beitrag landet im Postfach sämtlicher Mitglieder.“ Fortan enthielt der GID Informationen zu thematisch relevanten Mailinglisten und Websites.
Die Gründung als Verein sollte ein verlässliches Gerüst für die Produktion des GID schaffen – aber gleichzeitig noch viel mehr sein. Mit einer explizit internationalen Ausrichtung wollte man die eine kritische, weltanschaulich unabhängige und grenzüberschreitende Auseinandersetzung über die Ziele der Gentechnik ermöglichen. Der Begriff „Netzwerk“ war den Gründungsmitgliedern, die unter anderem von Organisationen wie dem Feminist International Network of Resistance to Reproductive and Genetic Engineering (FINRRAGE), dem GID und den GRÜNEN kamen, besonders wichtig. Das GeN sollte kein Dachverband sein, sondern „persönliche Begegnungen und Gespräche zwischen den Menschen unterstützen und damit die vielfältigen Aktivitäten national und international“ verbinden. Neben der Herausgabe des GID sollten Referent*innen für Vorträge vermittelt, ein Archiv aufgebaut und ein Pressespiegel bereitgestellt werden.
Konstruktiver Streit – Brüche als Konstante
Über die Jahre arbeiteten viele verschiedene Leute beim GeN – ehrenamtlich, als ABMler*innen, hauptamtlich oder als FÖJler*in.(2) Mal engagierten sie sich einige Monate, mal blieben sie viele Jahre. Einige kamen als Mitarbeiter*innen und wurden zu Vorständen, Beirät*innen oder wichtigen Netzwerkpartner*innen. Und tatsächlich ist das schon seit der Entstehung von GID und GeN so. In einem Brief an die „LeserInnen“ schreiben die damaligen Redaktionsmitglieder Jürgen Wiekmann und Uta Gertz 1987: „Die Gründungsmitglieder des GeN gehörten ausnahmslos zu dem Personenkreis, ohne dessen tatkräftige Hilfe G.ID. niemals eine solche Verbreitung gefunden hätte. Die üblichen Schwierigkeiten bei Vereinsgründungen blieben aber auch diesem Kreis nicht erspart. Da treten unterschiedliche Interessen zu Tage und es kommen neue Leute mit neuen Ideen dazu. Allerlei Chaos sägte an den Nerven der Beteiligten. Dennoch wurde aus dem G.ID.-Förderverein ein richtiges Netzwerk, in dem sich die Initiativen gegenseitig unterstützen.“
Auch unter Leser*innen und Mitgliedern gab es schon immer (meist) konstruktiven Streit – teilweise dokumentiert in zahlreichen Leser*innenbriefen. Darin werden unterschiedliche politische Strömungen, innerlinke Debatten um Militanz und Radikalität, das Ringen von Frauen und marginalisierten Gruppen um ihren Platz in Bewegung und Forschung sowie viele andere Bruchlinien deutlich. So findet sich 1989 ein Eintrag im GID, der den Vorwurf erhebt, „die Autonomen“ hätten die Gentechnik-Kritiker*innen gespalten, indem sie mit einer Gruppe von vierzig Leuten eine Podiumsdiskussion der Initiative Fra-GEN mit der Hamburger Mikrobiologin Dr. Regine Kollek vom Öko-Institut in Freiburg und dem Virologen Dr. Roloff Johannsen vom Pharmaunternehmen Behringwerke durch Buhrufe und Pfeifen störten, weil sie Johannsen keinen Raum für Gentechnologie-„Propaganda“ bieten wollten.
Und mit der Berichterstattung des GID sind auch nicht immer alle einverstanden. Nach dem Frankfurter Frauenkongress wendet sich eine Gruppe aus Hamburg an die GID-Redaktion: „Unsere Auswertung des Frankfurter Frauenkongreßes entspricht nicht dem positiven Bild von Nina Anders in GID Nr. 39. Unsere Hoffnungen auf diesen Kongreß wurden enttäuscht. Statt auf politisch entschlossene Diskussionen trafen wir auf eine Art Sommer-Uni, in deren Seminaren Informationen vermittelt wurden, die ohne Konsequenzen buchstäblich in den Räumen hängen blieben“.
Ein anderes Thema, das die Gemüter erhitzte, war die Einführung des Binnen-I. So schreibt ein Leser: „Es unterbricht den Gedankenfluß, es stört, vermindert die Aufmerksamkeit. […] Beim Vorlesen für andere gibt es sowieso Schwierigkeiten, denn dann muß man des Verständnisses wegen das männliche Wort (Bezeichnung) dazu lesen.“ Auch dieses Streitthema scheint eine Konstante zu sein: Obwohl es schon ab 2012 eine schrittweise Einführung des sogenannten Gendersternchens bei einzelnen Artikeln gab, erreichen uns noch heute E-Mails mit Beschwerden über den gestörten Lesefluss. Da gilt das gleiche, was die damalige Frauenministerin Ursula Lehr dem GID schon 1989 auf Anfrage sagte: „[W]enn so viele Reaktionen auf einen einzigen Buchstaben kommen, dann hat er seinen Zweck sicherlich erfüllt“.
Immer wieder wackelig – und solidarisch getragen
Ungeachtet aller Kontroversen ist das GeN über die Jahrzehnte hinweg unabhängig geblieben. Gelungen ist das nur durch Spenden und die Unterstützung der Mitglieder. Insbesondere das Engagement der ehemaligen GeN-Vorständin Ruth Tippe hat Anfang der 2000er eine finanzielle Basis für die Vereinsarbeit geschaffen und es ermöglicht, viele Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Ende 2024 wendete sich das Büroteam jedoch mit einem verzweifelten Hilferuf an Mitglieder und Unterstützer*innen: „Nach fast 40 Jahren unermüdlichem Einsatz für einen verantwortungsvollen Umgang mit Gentechnik und Fortpflanzungstechnologien kämpft das Gen-ethische Netzwerk e. V. jetzt ums Überleben.“ So brachen angesichts aktueller Krisen die Spendeneinnahmen ein – bei zugleich steigenden Kosten. Die Geschäftsstelle stand kurz vor der Schließung. Doch die Rettung ist (vorerst) geglückt. Knapp zwei Jahre später dürfen wir das 40. Jubiläum des GeN feiern – weil unser Netzwerk uns getragen hat. Finanzielle Engpässe hat es in der Geschichte des GeN immer wieder gegeben: Im GID wandten sich die Herausgeber*innen wiederholt mit Bitten um Unterstützung an die Leser*innen. So wünschten sie sich 1996 etwa „ein Advanced Oxford Dictionary of Current Englisch“, „ein paar bequeme oder auch nur rückenverträgliche Schreibtischstühle“, „ein Gratis-Abo der Zeitschrift BioTechnology“ und „eine Bratpfanne“.
Dennoch steht das GeN weiterhin vor großen Herausforderungen, die Suche nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten drängt. Dafür haben wir uns Zeit genommen, professionelle Unterstützung gesucht und Prioritäten gesetzt. Und wir besinnen uns auf das zurück, womit die Gründer*innen von GID und GeN vor vierzig Jahren aufgebrochen sind: auf die Informationsarbeit als Kerngeschäftt – weil Information noch immer „die Grundbedingung einer lebenden Demokratie“ ist. Wir hoffen, dass unser Netzwerk auch diesen Umbruch mitträgt.
Anmerkungen und Referenzen:
(1) Salem, S. (19.08.22): Am Anfang war die Erbse. Kleine Geschichte der Gentechnik und ihrer Rezeption. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), www.bpb.de.
(2) ABM steht für „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“, FÖJ für das „Freiwillige Ökologische Jahr“.
BU: Beim Umzug in die Lausitzer Straße stieß das Büroteam auf alte Schätze wie das überdimensionierte Wattestäbchen „Willi Watte“.


