1. EinführungDieser Aufsatz untersucht die ökonomischen und politischen Strategien, die seit den 1980er Jahren den High-Tech-Kapitalismus in den Neuen Industrialisierten Ländern (NICs) Ostasiens ..
... befördert haben. Ein wichtiger Aspekt dieser erneuerten der zwischenzeitlich von Japan und Europa bedrohten ökonomischen US-Hegemonie ist die sowohl symbolische als auch materielle Signifikanz des Silicon Valley als Beispiel für die Wettbewerbsstärke Amerikas in der neuen knowledge-based economy. Diese prägte seit den späten 1980er Jahren zunehmend die ökonomischen und politischen Strategien nicht nur der postfordistischen Regimes des entwickelten Kapitalismus, sondern auch anderer Ökonomien innerhalb der globalen Arbeitsteilung. Sie ist eine favorisierte Strategie der führenden internationalen Organisationen (wie OECD, UNCTAD, Weltbank, EU, APEC und ASEAN) und hat allmählich den Status eines techno-ökonomischen Wahrheitsregimes erworben, analog zum -- aber verschieden vom -- Washingtoner Konsens. Dieses neue Wahrheitsregime spiegelt sich in einer globalen >SiliconwelleHigh-Tech-Nabel der Welt< und als ein Entwicklungsmodell darstellt, dem viele Länder und Regionen nacheifern können (und sollen): die Imitationen reichen von New Yorks Silicon-Alley über Cambridges Silicon-Fen, Schottlands Silicon-Glen, Bangalores Silicon-Plateau und Österreichs Silicon-Alpen bis zu Israels Silicon-Wadi .
Beeinflusst durch diese neue große Erzählung haben führende ökonomische und politische Kräfte in den NICs ihre High-Tech-Zukunft hinsichtlich des Silicon Valley-Modells neu konzipiert. Öffentliche und private Institutionen/Akteure produzieren Diskurse, Strategien, Politiken und materielle Praktiken, durch die dieses hegemoniale High-Tech-Paradigma im nationalen und transnationalen Rahmen befördert, ergänzt, ausgeweitet und eingebettet wird, wie etwa . Singapurs Versuche , ein >Intelligent Island< zu werdenSie Durch Nachahmung des kalifornischen Modells soll versucht werden, sich in Richtung einer fest verankerten High-Tech-Zukunft hin zu bewegen -- oder zumindest in Richtung dessen, was sie als Erfolg des Silicon Valley erfahren haben. Das bietet die Grundlage für Akkumulationsstrategien, die auf der >Siliconization< von Institutionen, Organisationen und Subjektivitäten basieren, um eine kohärente Entwicklungsweise herzustellen und eine vorteilhafte Integration der entstehenden Silicon-Räume in die globale Arbeitsteilung zu befördern.
In Ostasien hat diese Strategie drei Hauptmerkmale: (a) Das Silicon Valley-Modell im Besonderen und die knowledge-based economy-Diskurse im Allgemeinen als den Weg vorwärts für die NICs zu privilegieren; (b) in der Umformung der techno-ökonomischen Subjektivitäten Produktions- und Konsumtionsnormen zu etablieren, die vorteilhaft für den High-Tech-Kapitalismus sind; und (c) die materiellen Praktiken und gesellschaftlichen Verhältnisse im globalen, regionalen und nationalen Maßstab neu zu ordnen, um das Entstehen neuer Akkumulationsregime zu optimieren. Ich möchte zunächst die allgemeine Situation in den ostasiatischen NICs darstellen und dann die Hauptmerkmale der >SiliconizationSilicon Valley< als ein neues Regime techno-ökonomischer Wahrheit
Die meisten Untersuchungen zum Silicon Valley interpretieren die Region als ein flexibel spezialisiertes High-Tech-Konglomerat mit einer dichten Konzentration von internetbezogenen und anderen computerbasierten Aktivitäten (Saxenian 1994). Lee u.a. (2000) beschreiben es als einen Lebensraum, der Menschen, Firmen, Institutionen und deren Netzwerke und Interaktionsweisen einschließt. Solche High-Tech-Netzwerke wurden von Kapitalbeteiligungsgesellschaften, fachlich spezialisierten Firmen, Universitäten und Forschungscentern geschaffen, die einer unternehmerischen Ethik anhängen und auf einem hohen Niveau zur Zusammenarbeit bereit sind. Mit dem Erfolg Beteiligter wie Intel, Cisco Systems und Hewlett-Packard ist Silicon Valley nicht mehr nur ein reales High-Tech-Cluster in Kalifornien, es ist auch ein neues Entwicklungsmodell, das von Business-Journalisten, Management-School-Akademikern, Think Tanks und staatlichen Technokraten angepriesen wird. Dieses Modell wird mit dem folgenden techno-ökonomischen Wahrheitsregime in Verbindung gebracht: a) dem Glaube ans Unternehmertum; b) einer wichtige Rolle für Beteiligungskapital; c) der kritischen Beteiligung von Forschungsuniversitäten; d) einem soliden Angebot von hochqualifizierten Forschern; e) dem Nutzen von sich formenden, aneinandergereihten Firmen (agglomeration economies); und f) dem >Eingebettetsein< in eine Umwelt, die von den Doktrinen des freien Marktes geprägt ist. Diese Merkmale und ihre Artikulation können verschieden interpretiert werden -- und ergeben nicht immer eine neoliberale ökonomische und politische Strategie. Als solches bietet das Silicon-Valley-Modell einen wichtigen interdiskursiven Raum, in dem Akteure aus technologischen, wissenschaftlichen, geschäftlichen, akademischen, politischen, rechtlichen und anderen Feldern an der Diskussion und visionären Planung der High-Tech-Zukunft ihrer respektiven Ökonomien teilnehmen, um die umfassende Entwicklung einer wissensbasierten Wirtschaft voranzubringen.
Das Aufkommen dieses Wahrheitsregimes war eng verbunden mit den strukturellen Grenzen, mit denen die exportorientierte Wachstumsweise der NICs in den 1980ern konfrontiert war (Sum 1997): etwa ihren gestiegenen Produktionskosten und dem Aufstieg der postsozialistischen Länder, hier vor allem China und Vietnam, die in der Lage waren, billiger für die globalen Märkte zu produzieren. Bereits vor der >Asienkrise< haben öffentliche und private Akteure in den NICs nach Wegen gesucht, ihre Akkumulationsregimes durch das Erschließen neuer Produktionsbereiche und die Entwicklung neuer Regulationsweisen zu revitalisieren. Die knowledge-based economy und Silicon Valley-Diskurse, die die transnationale Arena so stark durchdrungen haben, stehen im Einklang mit den persönlichen Visionen von Staatspolitikern, Konzernmanagern, Planern, Beratern, Akademikern und Business-Journalisten. Dies verstärkt die Entschlossenheit der NICs, ihre Ökonomien durch die Orientierung an der high road of siliconization voranzubringen; durch eine diskursive und materielle Verschiebung vom >Angebot billiger Arbeitskraft< hin zum >Ausbau von Technologie und InfrastrukturSiliconization< in Ostasien und die Neuordnung gesellschaftlicher Verhältnisse
Die Strategie der >Siliconization< in Ostasien erschien zuerst in Staats- und Konzerndiskursen, die sich darum drehten, die Ökonomien der ostasiatischen NICs durch hochtechnologische, biotechnische und IT-Akkumulation neu zu >erfindenSiliconwelleGreen Silicon IslandIntelligent Island< zu machen. Dies war gekoppelt mit einer zunehmenden Betonung des ursprünglichen Silicon Valley als Modell in den 1990ern. 2000 lancierte Singapurs Premierminister Goh Choktong die Idee von der Schaffung eines >Silicon Valley of the MindSiliconwelle< schon im frühen Stadium unterstützten, waren die ökonomischen und politischen Eliten Südkoreas und Hongkongs bis zur Asienkrise 1997 weniger beeindruckt von der Anziehungskraft dieses Modells (Sum 2002). Die südkoreanische Ökonomie, die von riesigen Business-Gruppen im Bereich der Halbleiter und Petrochemie dominiert war, machte nach der Krise dramatische Veränderungen durch. Die riesigen Finanzgruppen erlebten Regierungszusammenbrüche und Umstrukturierungen, begleitet von hohen, noch nie da gewesenen Arbeitslosenzahlen von bis zu sieben Prozent. Teil der neuen Herangehensweise der Regierung war es, auf die >Siliconwelle< zu setzen, und sie begann, einige Aspekte dieses Modells zu fördern: die Ermutigung von >UnternehmertumMedia Valley< in Inchon wurde als >Koreas Silicon Valley< ausgemacht. Ebenso versuchte die Regierung von Hong Kong auf den fahrenden Silicon-Zug aufzuspringen; die Ökonomie sollte durch die identifikatorisch überformte Unterstützung für ein privates Projekt namens >Cyberport< angekurbelt werden. In diesem Projekt stellte die Regierung freies Land zur Errichtung eines strategischen Clusters von High-Tech-Firmen zur Verfügung, die globale Informationsströme anziehen und diese innerhalb des Service-Raums von Hong Kong und der weiteren Region verwalten sollen (Sum 2003). Hong Kongs Regierungschef Tung Chee-hwa besuchte Silicon Valley und errichtete neue Verbindungen zwischen den lokalen informational communities und der chinesischen Diaspora. Im weiteren Verlauf profilierte sich Hong Kong als ein >Internet-Nabel< mit den logistischen Kapazitäten für seine Region.
In verschiedener Hinsicht besetzten die Silicon Valley-Diskurse in den späten 1980ern und 1990ern die Vorstellungskraft vieler führender Figuren und Kräfte in den ostasiatischen NICs. Obwohl das >Platzen< der >Technologieblase< im Mai 2000 auf die Region als Schock wirkte, wurde die starke Unterstützung für dieses Paradigma nicht wirklich unterminiert. Tatsächlich wurden Shenzhen, Beijing und Shanghai erst zu Schlüsselfiguren in der Entwicklung von >Chinas Silicon Valley< stilisiert, nachdem die Blase geplatzt war. Allerdings hat es in vielen Fällen ein Paradigmenwechsel weg von der nur temporären Faszination von dot-coms und e-commerce hin zu solideren Formen von High-Tech-Industrie wie integrated circuits, Software, Biotechnologie und Biomedizin. Diese kurze Diskussion des Silicon Valley als eines neuen Regimes techno-ökonomischer Wahrheit wäre nicht komplett, wenn die Frage fehlte, wie es die Versuche Ostasiens lenkt, gesellschaftliche Verhältnisse umzuordnen. Dementsprechend werde ich jetzt auf einige der Haupttendenzen in der Reorganisierung der Produktionsform, der Arbeitsprozesse und der Staatsform zurückblicken.
3.1. Produktionsform
Wir können eine Reorganisierung der Arbeitsteilung in der Produktion durch die Emergenz von Netzwerken beobachten, die das ursprüngliche Silicon Valley mit analogen Clusters anderswo verbinden. So hat zum Beispiel Singapur gute Verbindungen zum Silicon Valley etabliert, Bangalore in Indien und CyberCity in Shenzhen. Ähnlich hat Hong Kong die Hong-Kong-Silicon-Valley-Assoziation 1999 ins Leben gerufen, um den Austausch von Wissen, Kompetenz und Arbeitskraft zwischen beiden Seiten zu verbessern. Südkorea gab 2001 die Gründung eines >Bio Valley< in San Diego bekannt, um den Aufbau von Verbindungen zwischen Koreas Unternehmen und der dortigen Bio-Tech-Industrie zu unterstützen. Im Fall von Taiwan und seines Industrial Park Hsinchu wurden die Verbindungen zu Kaliforniens Silicon Valley bereits in den 1980ern aufgebaut.
Bei der Silicon Valley-Hsinchu Verbindung vermittelten Techniker und Kapitalgeber aus der chinesischen Diaspora, die dort schon seit über einer Dekade studiert und gearbeitet haben. Viele von ihnen sind im Rahmen eines umgekehrten brain drain zu Rückkehrern geworden und brachten dabei technische Fähigkeiten, Manager-Wissen, unternehmerische Erfahrungen und Verbindungen zu ICT-Märkten in den USA mit. Saxenian (2001) argumentiert, dass Hsinchu ebenso wie das Silicon Valley charakterisiert ist durch intensiven Wettbewerb und Zusammenarbeit zwischen Firmen kleiner und mittlerer Größe sowie Abteilungen größerer Unternehmen. Zusammen stellen sie die Komponenten und den Design-Service, der benötigt wird, um Desktop-Computer, Notebooks und andere Informationsgeräte und elektronische Systeme zu produzieren -- Monitore, Scanner, Mäuse, Stromversorgung, Drucker, Karten und Peripheriegeräte. In dieser Hinsicht obliegt die Organisation der Produktion einem lokalen Cluster von spezialisierten Produzenten mit engen ökonomischen Verbindungen untereinander, aber auch zum ursprünglichen Silicon Valley. Man kann dies als ein System vertikal desintegrierter Firmen betrachten, die nationale Grenzen überschneiden. Die spezialisierten Produzenten sind in dichte Netzwerke von Konsortien, Joint-Ventures und Partnerschaften einbezogen. In der entstehenden Arbeitsteilung setzt Hsinchu schwerpunktmäßig auf die Fertigung von PCs und Notebooks sowie auf Herstellungsgeräte und Logistik; umgekehrt behält das Silicon Valley in Kalifornien seine Rolle als ein Zentrum neuer Produktdefinition und durchschlagenden Innovationen.
In den 1990ern wurde es noch reizvoller, die grenzüberschreitenden Produktionsverbindungen mit dem Silicon Valley in Kalifornien aufrechtzuerhalten. Dies war auf folgende Faktoren zurückzuführen: a) drastische Lohnerhöhungen in Taiwan, b) die Wertsteigerung des taiwanesischen Dollars im Vergleich zum US-Dollar, c) die Annahme strengerer Umweltverordnungen in Taiwan, und d) die Herausforderungen und Gelegenheiten, die der Öffnung Chinas und des ASEAN für Auslandsinvestitionen folgten. Teile der spezialisierten Produktion in dem Hsinchu-Cluster wurde angesichts billiger (un-)ausgebildeter Arbeitskräfte, günstiger Steuern, flexibler Gesetze, eines ständigen Angebots von Produkten und eines großen Marktpotenzials nach China verlegt. Beispielweise wurde zu Beginn der 1990er die Produktion von einfachen Geräten wie Keyboards, Mäusen, Monitoren und die Konstruktion von Desktop-PCs an lokale Standorte wie die Shenzhen- und Dongguan-Gegenden in Südchina verlegt. Anfang 1999 setzte in Nordchina, etwa in Shanghai, die Herstellung von hochwertigen Produkten wie Motherboards, Videokarten, Notebooks und integrated circuits ein.
Diese Form der transnationalen Produktion ist durch Flexibilität und Geschwindigkeit charakterisiert. Ihre dezentralisierte Struktur erhöht die Flexibilität, denn sie ermutigt das Experimentieren mit verschiedenen Produktionsformen und Koordinationsmustern zwischen unterschiedlichen Firmen innerhalb der jeweiligen Cluster und über sie hinaus. Hinzu kommt, dass sowohl den einzelnen Firmen als auch dem Cluster als Ganzem durch die wichtige Rolle von Operationen kleinerer und mittlerer Reichweite ermöglicht wird, durchschlagende Innovationen im Silicon Valley in kommerzielle Produkte in Hsinchu umzumünzen. Zugleich wird die Herstellung von Produkten, die nicht das cutting edge der Produktion bedeuten, wie z.B. 8 Inch Wafers, von Hsinchu weg zu Partnern nach Shanghai, Dongguan oder Kunshan in China verlegt.
3.2. Der Arbeitsprozess
Diese Organisation der Arbeitsteilung in der Produktion hat Implikationen für den ganzen Arbeitsprozess. Angesichts der engen Verbindungen des High-Tech-Clusters in Hsinchu mit dem Silicon Valley treten neue Formen transnationaler Arbeit besonders für das höhere Management auf. Wissensarbeiter, die auch als >Astronauten< bezeichnet werden, pendeln mindestens einmal im Monat zwischen dem Silicon Valley und Hsinchu hin und her. Sie verbringen viel Zeit in Flugzeugen und arbeiten häufig zu flexiblen und langen Zeiten an unterschiedlichen Standorten. Statt durch den mechanischen Rhythmus eines Fabrikregimes diszipliniert zu werden, wird ihre Arbeit durch die Erfordernisse von Wissensmanagement kontrolliert. Was hier zählt, ist die Zeit und Geschwindigkeit, in der Informationen über Investitionen, Märkte und Technologie zwischen dem Silicon Valley und Hsinchu transferiert werden können. Diese Art von Arbeit setzt eine neue Geisteshaltung voraus, die abwechselnd als >flexibelinnovativmobilzeitbewusstinformations- und gelegenheitssensitiv< sowie als >lebenslanges Lernen< definiert wird. Singapurs Premierminister fasste diese Subjektivität als Silicon Valley of the mind zusammen. Die Wende zu >innovativerkreativer< und >informationssensitiver< Arbeit unter großem Zeitdruck ist verbunden mit Veränderungen in der Lohnform. Den hochqualifizierten Wissensarbeitern werden verschiedene Formen der Angestellten-Partizipation wie Aktienkapital-Optionen und Profitteilung angeboten. Diese Pläne wurden nicht nur entwickelt, um Anreize zu schaffen, sondern auch, um Wissensarbeiter dazu zu bringen, sich mehr als >Unternehmer< denn als >Angestellter< zu identifizieren. Hinzu kommt, dass einige von ihnen nicht nur über Grenzen hinweg mobil sind, sondern auch zwischen den öffentlichen und privaten Sektoren, zwischen Universität und Unternehmen oder zwischen dem Herstellungssektor und der Beteiligungskapital-Industrie pendeln. Diese verschiedenen Formen von Mobilität relativieren weiter ihre >AngestelltenTalente< firmieren, herrscht angesichts des globalen Andrangs auf allen Ebenen, sich die knowledge-based economy aufzuschließen, eine große Nachfrage. Der globale und regionale Wettbewerb um IT->Talente< ist ein gemeinsames Merkmal der meisten NICs. Alle haben eine Art >TalenteAdmission of Talent Scheme< in Hong Kong), was in einiger Zeit zu neuen Visa-Kriegen zwischen den Regionen führen mag. Die aktive Beförderung und Anwerbung von Experten koexistiert mit einheimischer Arbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung, die eine Folge des Standortwechsels vieler Industrien nach China sind. Arbeiter in den einheimischen Service- und Produktionsbereichen, die eine weniger Ausbildung benötigen, werden in kontingente Formen der Arbeit gezwungen, die flexible Teilzeit-, On-Call- oder Tagesarbeit beinhaltet.
3.3. Staats-/Regimeformen
Um zu wissensökonomischen Staats- und Regimeformen zu kommen, vollziehen die ostasiatischen NICs einen Wandel von einem ricardianischen/listianischen Workfare-Regime, das von einer simplen Niedrigkostenproduktion geprägt war, hin zu einem schumpeterianischen Workfare-Regime, das der High-Tech-Produktion in einer neoliberalen globalen Ökonomie angemessener ist. Weil diese Begriffe nicht jedem vertraut sein mögen, werde ich sie hier kurz vorstellen. Sie beabsichtigen die spezifischen ökonomischen und sozialen Politiken herauszustreichen, die der Staat einsetzt, um zentrale Bedingungen für die profitable Expansion von privatem Kapital und die soziale Reproduktion von Arbeitskraft als fiktive Ware herzustellen (Sum 1994 und 1998; Jessop 1999, 2002). Staatsformen richten sich nicht nur nach der Beschaffenheit des Akkumulationsregimes und seiner Regulationsweise, sondern auch nach der Position der relevanten Ökonomien innerhalb der globalen Arbeitsteilung und nach den spezifischen Strategien, die entwickelt wurden, um diese Position aufrechtzuerhalten oder zu transformieren.
Hong Kong ist mit seinem kolonialen Status, seiner Rolle als Umschlaghafen und seinem exportgeführten Wachstum auf der Basis von Niedrigkosten ein gutes Beispiel für die ricardianische Regulationsweise. Allgemein beinhaltet das ricardianische Workfare-Regime idealtypischerweise a) öffentlich-private Netzwerke mit der Kapazität, den Arbeitsmarkt durch flexible Löhne, flexible Zeit und flexible Räume den globalen Wettbewerbschancen anzupassen (z.B. durch Hausfrauenarbeit); b) spontan organisierte Netzwerke von Firmen, die auf Grundlage internationaler Subverträge und einem dementsprechend gebundenen Managment organisiert sind; und c) eine Kooperation zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor, in der versucht wird, Niedriglohnarbeitskraft durch subventionierte Löhne indirekte Subventionen wie öffentlichen Wohnungsbau und Bildung zu reproduzieren.
Südkorea und Taiwan (und bis zu einem gewissen Grad Singapur) haben im Kalten Krieg exportorientierte und importsubstituierende Strategien kombiniert, um die ökonomische Entwicklung unter dem Einfluss nationaler Sicherheitserwägungen voranzubringen. Dies wurde mit einem listianischen Workfare-Regime verbunden. Allgemein besteht ein solches Regime darin, die nationale ökonomische Entwicklung durch merkantilistische Staatsinterventionen voranzubringen; es beinhaltet idealtypischerweise Subventionen für entstehende Idustrien, Importkontrollen und die Ausbildung von >MarktintelligenzMarktintelligenz< für die IT-Industrie zu unterstützen. Teilweise beeinflusst durch den Rat von chinesischen Experten in den USA gründete das Ministerium für ökonomische Angelegenheiten 1980 den Industrial Park von Hsinchu. Er wurde in der Nähe der ITRI-Laboratorien und zweier der führenden Technischen Universitäten Taiwans, Qinhua und Jiaotung angesiedelt. Der Plan besteht darin, im Bereich von High Tech und wissensbasierten Industrien die Kooperation zwischen Regierung, Universität und Industrie zu ermutigen. Die Regierung bot Anreize für Forschungsfirmen und Beteiligungskapital, sich im Park niederzulassen. Die Universitäten handeln als ökonomische Akteure und fördern hochtechnologische Spin Offs und Start Ups. Zugleich unterstützen die Mitarbeiter des ITRI und High Tech-Rückkehrer aus den USA die Industrien dabei, bereits entwickelte Technologien zu kommerzialisieren. Die Aktivitäten von Regierung, Universitäten und Industrien verbinden sich derart zu einem tripple helix model (Etzkowitz/Leydesdorff 1997), um einen innovativen öffentlich-privaten Raum zu schaffen, der dem Austausch von Erfahrungen und der Optimierung der strukturellen Wettbewerbsfähigkeit von Taiwans exportorientierter Ökonomie förderlich ist. Dieses Modell hat es Taiwans High Tech-Produktion ermöglicht, ein bedeutender OEM-Produzent für US-amerikanische und japanische Markennamen wie Dell, Gateway und Toshiba zu werden. Angesichts des Erfolges von Hsinchu in der globalen Produktionskette hat der Nationale Wissenschaftsrat den Bau von Satelliten-Industrie-Parks in Chunan und Tunglao 1998 empfohlen, um Taiwan zu einer >Wissenschaftsinsel< zu machen (Sum 2003).
Abgesehen von ihrer Bemühung, Taiwans technologische Infrastruktur zu stärken, bietet die Regierung auch substanzielle Anreize, um ausländische, einheimische und >rückkehrende< Investitionen in forschungsintensiven Firmen und der Beteiligungskapital-Industrie zu unterstützen. Zum Beispiel werden qualifizierte Firmen fünf Jahre lang von der Business-Einkommenssteuer befreit, hinzu kommt eine maximale Steuerpflicht von 22% nach diesem Zeitraum, die Befreiung von Zöllen auf den Import von Maschinen und die Befreiung von Business-Steuern auf den Export. Dazu kommt, dass regierungseigene Banken auch anbieten, in bis zu 49% der Anteile von Joint Ventures zu investieren. Auch fördert die Regierung eine Diaspora-Politik, die darauf abzielt, das Problem des Brain Drain umzukehren und ihre High-Tech-Arbeiterschaft zu reproduzieren. Schon in den 1970ern gründete sie eine Abteilung auf Kabinettsebene, um hochausgebildete, im Ausland lebende Fachkräfte zur Rückkehr nach Taiwan zu bewegen. Dieses Programm selektierte Individuen nach Kriterien wie der Aktualität ihrer Promotion, ihrer momentanen Position, der Anzahl veröffentlichter Artikel und ihrer Relevanz für nationale Prioritäten. Den ausgewählten Individuen wurde dann eine Bandbreite von materiellen Anreizen wie Umzugskostenerstattung, Gehaltserhöhung und bezuschusste Hypotheken für den Hauserwerb angeboten. Die Regierung nutzt auch ein- bis zweimal pro Jahr stattfindende >Nationale Entwicklungskonferenzen< als Gelegenheit, um im Ausland lebende Landesangehörige mit ihren lokalen Counterparts zusammenzubringen. Dieses Programm war besonders effektiv in den frühen 1990ern, als tausende chinesische Techniker nach Taiwan zurückkehrten, entweder um Unternehmen zu gründen oder um für Start Ups oder etablierten High-Tech-Firmen zu arbeiten.
4. Abschließende Bemerkungen Die neue Identität der wissensbasierten Arbeiter und der abhängige Charakter der Arbeit mit nur niedrigem Ausbildungsniveau haben Implikationen für den institutionalisierten Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit, von dem das Modell abhängt. Hier lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen, ob die Veränderungen in der Produktionsweise, in den Arbeitsprozessen und der Staats-/Regimeform sich konsolidieren, d.h. eine strukturierte Kohärenz annehmen werden, die mit nachhaltiger Akkumulation kompatibel ist und die Basis für einen neuen institutionalisierten Kompromiss schaffen wird. Dabei ist besonders wichtig, in dieser Hinsicht vorsichtig zu sein -- wegen der fortwährenden Turbulenzen in der Weltökonomie ebenso wie wegen der politisch-militärischen Instabilität der >Neuen Weltordnung^Creating a >Silicon Valley of the Mind


