Exilpolitik, Global Sounds, Tropenmedizin

Deutsch-arabische Zusammenarbeit und der Erste Weltkrieg

in (29.07.2015)

Ein Jahrhundert nach seinem Beginn werden im Gedenken an den Ersten Weltkrieg in der Mitte der deutschen Geschichtsschreibung erstmals auch Kriegsgebiete außerhalb (West-)Europas mit in den Blick genommen. Die leise Öffnung des eurozentrischen Blicks fordert eingefahrene historische Narrative heraus. Gleichzeitig versperren nationalistische Historiographien in den europäischen sowie den relativ neuen Nationalstaaten der ehemaligen Kolonien, Protektorate und Mandatsgebiete die Sicht auf Wirren, Zwietracht, Pragmatismus, Lebendigkeit und Widersprüche von politischen und historischen Übergangsphasen. Biographien von Menschen im Exil sowie denjenigen, die unter ausländischem Schutz standen, weisen bis heute in der Heimat und in der Fremde Lücken auf, die zu historischen Ungereimtheiten führen. An Bespielen aus Berlin und Jerusalem zeichnet Irit Neidhardt Aspekte arabisch-deutscher Geschichte nach.

Die letzte Reise des Kaisers nach Tanger und seine berühmte Rede, in der er die Unabhängigkeit und Integrität Marokkos proklamierte, sind noch immer der Lieblingsgegenstand der Unterhaltung islamischer Kreise. Der englisch-französische Vertrag ist überall als die Einleitung der Besitzergreifung Ägyptens durch England und Marokkos durch Frankreich aufgefasst worden. Die kaiserliche Erklärung, dass Marokko unabhängig und Herr seines Schicksals bleiben solle, wurde allenthalben mit einer wohlbegreiflichen Freude aufgenommen. […] Da Deutschland keine muselmanischen Kolonien von Bedeutung hat und seinen Sinn nur auf wirtschaftliche und kommerzielle Ausbreitung richtet, so ist es besser als andere Mächte in der Lage, mit der muselmanischen Welt freundschaftliche Beziehungen zu pflegen. *** Aber es gibt eine Frage, die den ‚germano-islamischen‘ Beziehungen in hohem Grade im Wege steht, und ohne deren Lösung eine Freundschaft zwischen Deutschland und dem Islam schlechterdings unmöglich ist: die egyptische Frage“, schrieb der Rechtsanwalt und Journalist Moustafa Kamel Pascha1 anlässlich der Ersten Marokkokrise in seinem Leitartikel im Berliner Tageblatt vom 23.10.1905. Bereits 1904 hatte er auf der Titelseite derselben Zeitung in einem Interview ausführlich zur Entente Cordiale, dem 1904 geschlossenen Bündnis zwischen England und Frankreich, sowie zu anderen politisch brennenden Fragen gesprochen2. Seit seinem ersten Berlinaufenthalt 1896 äußerte sich Kamel (1874-1908) in der deutschen Presse.
1907 gründete der Nahdaist3 Kamel mit politischer und finanzieller Unterstützung Mohamed Farids die ägyptische anti-koloniale Nationalpartei (Hizb al-Watani). Nach dem frühen Tod ihres Gründers führte Farid die Partei weiter; seit seiner Flucht aus Ägypten 1912 aus dem schweizerischen und schließlich aus dem deutschen Exil. Am 15.11.1919 verstarb Farid (geb. 1868) in Berlin, seine Gebeine wurden auf dem islamischen Friedhof in Berlin-Hasenheide eingesegnet und 1920 nach Kairo überführt4. Begleitet von einem großen Trauerzug durch die Stadt wurde Farid am 9.6.1920 in seiner Heimat beigesetzt5.

Farid pflegte enge Kontakte in die deutsche Politik und arbeitete ab 1917 mit der Nachrichtenstelle für den Orient (NfO), einer Einrichtung des deutschen Generalstabs und des Auswärtigen Amts, zusammen. Ein Engagement, oder politische Taktik, die von anderen Antikolonialisten missbilligt wurde. Im Januar 1919 reiste eine ägyptische Delegation, die Wafd, unter Leitung von Saad Zaghlul zur Pariser Friedens Konferenz, um Großbritanniens Anerkennung der ägyptischen Unabhängigkeit zu fordern. Zaghlul lehnte die Idee, Farid mitzunehmen ab, da die ägyptische Gesandtschaft auf die Sympathie der Alliierten angewiesen sei. "Mohamed Farid's Kollaboration mit deren Feinden und seine Unterstützung des Khediven haben seinen Ruf in Europa sehr geschädigt. Wie Sie wissen, haben die Briten die Ägypter immer beschuldigt, dass ihre nationale Bewegung nicht aus eigenem Interesse sondern aus den Intrigen und Machenschaften der Türken und Deutschen entstanden sei. Mohamed Farid in die Delegation aufzunehmen, würde den Behauptungen unserer Gegner Glaubwürdigkeit geben.”6

Ein parteiinterner Widersacher des nationalistischen Farid war der pan-islamisch orientierte Abdul-Aziz Shawish (Abdel Aziz Gawish, 1876-1929). Er war 1915 von Konstantinopel nach Berlin übergesiedelt und arbeitete während des Krieges ebenfalls für die NfO. Diese trat auch als Mitherausgeberin von Die islamische Welt. Illustrierte Monatszeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur auf, die Shawish und Abdel Malik Hamsa von 1916 bis 1918 herausbrachten. Von 1919 bis 1922 war Shawish Vorsitzender der deutschen Sektion der ägyptischen Nationalpartei, seinen Lebensunterhalt bestritt er mit dem Import & Export Geschäft Wadi el-Nil. Shawishs Politik sorgte 1920 für Unruhe im ägyptischen Bildungsministerium sowie beim britischen Geheimdienst. Seit Ende 1919, dem Jahr der ägyptischen Märzrevolution, dem landesweiten Aufstand gegen die britische Kolonialmacht, kamen vermehrt ägyptische Studenten nach Deutschland, vor allem nach München und Berlin. Der britische Geheimdienst S.I.S. befand im Oktober 1920, es seien ungefähr 500 an der Zahl. Sie würden gezielt angeworben und vor allem aus Familien stammen, die Abdel Aziz Shawish nahe stünden. Shawishs Stellvertreter, Abd Al-Magid, warb in der ägyptischen Zeitung Al-Afkar für das Studium in Berlin und beschrieb die Lebensbedingungen aufgrund der Umtauschraten als günstig. Die Studenten jedoch seien oft mehr mit Politik als mit dem Studium beschäftigt, so der nachrichtendienstliche Alarm7, wobei im Falle anti-kolonialer Unabhängigkeitsbewegungen Bildung wesentlicher Teil des politischen Kampfes ist. Shawish kehrte 1923, nach offiziellem Ende des britischen Protektorats, nach Ägypten zurück und war dort Abteilungsleiter für Elementarerziehung im Bildungsministerium. Bei einer Konferenz zur Frage von schulischer Grundausbildung in Ägypten schlug er das Konzept der deutschen Volksschule vor, womit er sich nicht durchsetzen konnte8. Nach Abdel Aziz Gawish sind in Ägypten vor allem Grundschulen aber auch Straßen benannt.

 

Phonograph und Grammophon

Nicht nur politisch war arabisches Leben im Berlin des frühen 20. Jahrhunderts rege. Auch kulturell tat sich viel. Die berühmte Grammophonfirma Baidaphon (auch Istiwanat al-Ghazalah oder Disques Ghazala), z.B., wurde ca. 1906 in Beirut von den fünf Cousins Butrus (Pierre), Jibran (Gabriel), Michel, Farajallah und Spiridon der libanesischen Familie Baida (Bayda) gegründet. Was die technische Seite der Musikaufnahmen angeht, konnten sie zunächst einen Kooperationsvertrag mit den Berliner Lyrophonwerken in Kreuzberg aushandeln, deren Anlagen die Baida Cousins nach dem Aufkauf der Lyrophon durch die Carl Lindström AG in Berlin-Weißensee im Jahr 1912 vermutlich übernahmen. Zumindest war die alte Lyrophon-Adresse, die Gitschinerstrasse 91 in Berlin-Kreuzberg, von nun an die Anschrift der Baidaphon, die im August 1912 als Warenzeichen eingetragen wurde9. Während die Musiker für die ersten Aufnahmen noch nach Berlin gereist waren, wo der Baidaphon Mitgründer und unternehmerische Kopf Michel Baida lebte, wurden die Tonaufzeichnungen bald von deutschen Technikern in der arabischen Region vorgenommen. Auslandsreisen für Tonaufnahmen waren zu jener Zeit nicht ungewöhnlich, ein fortlaufender Reisebericht der neun-monatigen Beka Aufnahme-Expedition in den Jahren 1905/6 etwa wurde in der Phonographischen Zeitschrift abgedruckt10. Die Lyrophon publizierte Platten mit echten oder vermeintlichen Originaltönen fremder Welten, vornehmlich Tango11.

Baidaphon war das einzige nicht-europäische Grammophon Unternehmen, das im Nahen Osten und in Nord Afrika tätig war - und das mit großer Fortune. Als Import- & Exportfirma für Sprechapparate, Zubehör und Schallplatten zunächst in Hamburg und bald in Berlin registriert, hatte die Baidaphon noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges Dependancen in Berlin, Kairo, Jaffa und Tripolis und errichtete neben Beirut, Berlin und Kairo Aufnahmestudios in Damaskus, Tunis und Marrakesch12. Sämtliche Pressungen fanden bis Anfang der 1930er Jahre in Berlin statt. Der Erfolg wird der hervorragenden Tonqualität zugeschrieben, dem breit gefächerten musikalischen Angebot und der Zusammenarbeit mit StarsängerInnen wie Abdel Hayy al-Hilmi oder Munira al-Muhdiyya aus Kairo13. Die Vertrautheit mit der Musik und der arabischen Sprache mögen ihr Übriges beigetragen haben. Durch die Deviseneinnahmen konnten die Baida Brüder den Ersten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Berlin finanziell gut überstehen14. Kataloge aus den 1920er Jahren tragen auf der Titelseite unter dem Firmenlogo jetzt die Städtenamen: Beirut, Berlin, Kairo, Jaffa, Mossul, Bagdad, Basra, Kermenschah, Teheran und Vertriebspartner gab es zumindest für Tunis, Marrakesch und Damaskus. Die Bestelladresse von Baidaphon-Platten für Europa sowie Nord- und Südamerika war die Mittelstrasse 55 in Berlin (Ecke Friedrichstrasse, neben der Polnischen Apotheke). Für die Jahre 1929 bis 1934 ist Dr. Michel Baida, der neben dem Musikgeschäft auch Immobilienhandel15 betrieb, als Eigentümer des Hauses, das heute unter Denkmalschutz steht, gelistet. In seinem Orientreisebericht Am Kreuzweg der Welten (1930) schreibt Armin T. Wegner, dass Michel Baida „den ganzen Orient mit Spielplatten arabischer Lieder versorgt. Er hat die besten Volkssänger, Musikanten und Sängerinnen im Lande dafür angeworben und in kurzer Zeit ein Millionenvermögen dabei verdient.“16

Während sich die Carl Lindström AG, ähnlich dem heutigen Aufkauf von Start-up Unternehmen, sukzessive junge Plattenfirmen wie Lyrophon und Beka einverleibte und schnell multi-national sowie marktbestimmend wurde, manifestierte die Baidaphon ihren eigenständigen Status. Nicht nur hat Michel Baida mit seinem unternehmerischen Geschick offensichtlich die Maschinen der Lyrophon übernommen, er agierte im Einzelfall auch als Subunternehmer für Lindström17. Der Besitz von und Handel mit Tonaufnahmegeräten ist insofern bemerkenswert, als dass Produktionsmittel nur äußerst selten in den Händen von nicht-Europäern lagen.

In der gesamten arabischen Welt ist Baidaphon, deren Ende in der Forschung unerwähnt bleibt, bis heute ein Begriff und steht für die Aufnahmen von unsterblichen Ikonen wie Mohamed Abdel-Wahab, Farid el-Atrash, Om Kalthoum oder Asmahan. Dass die Medientycoone der Familie Baida ihr Imperium bis Ende der 1920er Jahre hauptsächlich aus Berlin führten ist unbekannt. Was Berlin selbst angeht, beschränkt sich die Erinnerung vornehmlich auf eine Sammlung von ca. 200 Baidaphon-Aufnahmen im Besitz des Berliner Phonogramm-Archivs. Das Archiv „mit ersten Aufnahmen ab 1900, befand sich bis 1923 im Besitz des Instituts für Psychologie der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität. Es umfasst mehr als 16.000 originale Phonogramme, die zwischen 1893 und 1943 in den verschiedensten Regionen der Welt aufgenommen worden sind. Ergänzt wird diese Sammlung durch ca. 2.000 Schellackplatten mit außereuropäischer Musik. 1934 wurde diese Sammlung dem Museum für Völkerkunde (heute: Ethnologisches Museum) in Berlin-Dahlem angegliedert“18.


Arzt, Volkskundler, Mikrobiologe und Tropenmediziner Dr. Tawfiq Canaan

In arabischen Ländern, seinerzeit Teil des Osmanischen Reiches, gab es enge Kontakte und Kooperationen vor allem in Palästina und etwas weniger in Ägypten. Sie waren oft durch die Kirche und die dazu gehörigen Schulen und karitativen Einrichtungen geprägt. Wilhelm II war nicht nur Deutscher Kaiser sondern auch König von Preußen und damit Oberhaupt der protestantischen Preußischen Staatskirche. „Im Habit eines Johanniterordensritters, eine Rolle, die ihm als Ordensmeister automatisch zu stand“19, weihte er auf seiner Orientreise im Jahr 1898 die Erlöserkirche in Jerusalem ein. Sie wurde auf den Ruinen des Muristan, des 1099 vom Hospitaliterorden (Johanniterorden) gegründeten Hospizes erbaut und ist bis heute Zentrum der deutschen evangelischen Gemeindearbeit. Nach der Orientkrise 1840 hatten England und Preußen ihre Einflussnahme im politisch zunehmend schwachen Osmanischen Reich ausgebaut und dabei den Schutz der protestantischen Nation festgeschrieben. Die protestantischen Gemeinden in Palästina waren insgesamt sehr klein und die Mission unter der arabischen Bevölkerung nicht erfolgreich. 1896 hatte die arabische lutherische Gemeinde 120 Mitglieder20, was nicht ausreichte, dass Preußen tatsächliche als Schutzmacht hätte auftreten können.
Ziel verschiedener protestantischer Bildungseinrichtungen in Syrien, wozu damals auch der Libanon und Palästina gehörten, war es, eine protestantische Bildungselite zu schaffen. Ihr ist u.a. der renommierte Arzt und Volkskundler Dr. Tawfiq Canaan (1882-1964) zu zurechnen. Sein Vater war der erste arabisch-lutherische Pastor, der von der deutschen evangelischen Palästinamission beschäftigt wurde. Tawfiq Canaan erhielt seine schulische Ausbildung in der vom Berliner Jerusalemverein unterstützen deutschen evangelischen Schule in Beit Jala bei Bethlehem und dem Jerusalemer Syrischen Waisenhaus, auch als deutsche protestantische Schneller-Schule bekannt. Sein Medizinstudium absolvierte er am Syrian Protestant Collage in Beirut, das später in American University Beirut umbenannt wurde. Zurück in Jerusalem wurde Canaan Assistenzarzt im Kaiserswerther Diakonissenhospital und war von 1910 bis 1912 Leiter der städtischen Polyklinik in der Jerusalemer Altstadt. In den folgenden zwei Jahren spezialisierte er sich in Hamburg auf dem Gebiet der Tropenmedizin und Mikrobiologie und wandte sich nach seiner Rückkehr nach Palästina der Erforschung von Tuberkulose und Malaria sowie Fragen der Gesundheitsversorgung im Lande zu21.

Canaans Aufgaben und seine Rolle im Ersten Weltkrieg präzise zu beschreiben scheint im Rahmen eines Artikels kaum möglich. Die Literatur ist widersprüchlich und Forschungsquellen sind selten angegeben. Für Biographien arabischer Persönlichkeiten jener Zeit ist das nicht ungewöhnlich. Canaan war christlicher Palästinenser, der im Osmanischen Reich geboren wurde, Bürger des britischen Mandatsgebiets war, nach 1948 als Flüchtling im jordanischen Ostteil Jerusalems lebte und arbeitete und sich stets in einem deutschen Milieu bewegte. Er hatte eine deutsche und US-amerikanische Ausbildung und eventuell auch die deutsche Staatsbürgerschaft, war Nahdaist, ein berühmter Arzt, Leiter militärischer und ziviler Krankenhäuser, erster einheimischer Ethnograph Palästinas, Verfasser politischer nationaler Schriften und medizinscher sowie volkskundlicher Publikationen, Mitglied im Rotary Club, nach dem Krieg Präsident des YMCA - seiner Zeit einer der beliebtesten und internationalsten Treffpunkte Jerusalems - sowie einer der wenigen nicht deutsch geborenen Angehörigen der lutherischen Erlöserkirch-Gemeinde22. Er war in der Mandatszeit Mitglied in der Palestine Oriental Society und zeitweise Herausgeber deren Journals sowie Mitbegründer und Präsident der Palestine Arab Medical Association (PAMA) und Redaktionsmitglied der Verbandszeitschrift. Er soll Träger des Eisernen Kreuzes sein und 1951, im ersten Stiftungsjahr, wurde ihm das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Seit 1912 war er mit Margot Eilender, Tochter eines deutschen Geschäftsmanns in Palästina verheiratet. Am 16. Januar 1964 fand der Trauergottesdienst für Tawfiq Canaan in der deutschen Jerusalemer Erlöserkirche statt.

VerfasserInnen von Texten über Canaan sind selten aller Sprachen mächtig, in denen er publizierte und arbeitete oder in denen Akten über ihn archiviert sind. Eine umfassende Biographie Canaans liegt nicht vor. Seine Tagebücher wurden grade erst gefunden; sie sind auf Deutsch und in Sütterlinschrift verfasst und werden von seinem Enkel für die Veröffentlichung bearbeitet. Die Vielseitigkeit von Canaans Beschäftigungen, Sprachbarrieren sowie die fundamentalen politischen Umwälzungen seiner Zeit begünstigen, dass analytische Blicke jeweils nur auf einen Ausschnitt seines Schaffens fallen. So wurden seine deutschen und englischen Texte erst im Zuge nationalistisch-folkloristischer Bewegungen im Palästina der 1970er und 80er Jahre ins Arabische übersetzt und, wie der Historiker und Soziologe Salim Tamari konstatiert, hagiographisch rezipiert23. Dass die Schriften oft in explizit kolonialen Verlagen und Kontexten erschienen wird ignoriert oder euphemisiert. Canaans Standardwerk Aberglaube und Volksmedizin im Lande der Bibel beispielsweise erschien 1914 in den Abhandlungen des Hamburgischen Kolonialinstituts, die bei L. Friedrichsen & Co. verlegt wurden. Khaled Nashef, Direktor des Palestinian Institute of Archaeology an der palästinensischen Bir Zeit Universität rekonstruiert Canaans Biographie unter anderem anhand der Erinnerungen seiner Kinder und schreibt bezüglich des Buches Aberglaube und Volksmedizin im Lande der Bibel: „[…] Daraus können wir schließen, dass Canaan sich in Hamburg auf Tropenmedizin spezialisierte und während seines Aufenthalts eventuell das Verlagshaus L. Friedrichsen & Co., das sich auf die Veröffentlichungen von Studien zur Dritten Welt (sic!) spezialisierte, kontaktiert hat, um sein Buch Aberglauben und Volksmedizin zu veröffentlichen.“24 Viele von Canaans politischen Texten erschienen im Jerusalemer Journal of the Palestine Oriental Society (1920-48), dessen Schirmherrschaft Feldmarschall Allenby und Sir Herbert Samuel inne hatten. Taufik Canaan ist der einzige nicht-westliche Arzt, der in G. Olpps Hervorragende Tropenärzte in Wort und Bild (München 1932) einen Eintrag bekommen hat. Das lexikalische Werk ist mit den Begriffen Kolonien; Kolonialwesen; Tropenmedizin; Medizingeschichte verschlag wortet. Ebenso wie die Schallplatten der Musikmagnaten von Baidaphon ins Berliner Museum für Völkerkunde verbannt wurden, ist Canaan mit seinen medizinischen Forschungen in Deutschland heute unbekannt.

Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass Informationen über Canaan bezüglich des Ersten Weltkrieges anscheinend Ungereimtheiten aufweisen. Tamari schreibt, er sei der Direktor des osmanischen Militärkrankenhauses in Jerusalem gewesen25, nach Schwake war er einer der ersten Offiziere, die Ende 1914 an die Sinai-Front einberufen wurden und gleichzeitig in Verbindung mit dem Auguste Victoria-Hospiz sowie dem St. Paulus-Hospiz in Jerusalem stand26. Borgo führt an, Canaan sei Sanitätsoffizier in der türkischen Armee und Direktor der Malaria-Abteilung des Internationalen Gesundheitsbüros gewesen27. Laut der palästinensischen Nachrichtenagentur WAFA war er Leiter der türkischen Lazarette von Beersheba im Negev bis nach Aleppo im nördlichen Syrien28. Bourmaut konstatiert, dass Canaan während des Krieges in der Region bleiben und in dieser Zeit um die 200 medizinethnologischen Artefakte sammeln jedoch kaum forschen konnte29.
Wie passt das zusammen? Im Ersten Weltkrieg kämpften deutsche Truppen gemeinsam mit der osmanischen Armee an der Palästinafront und zwar zunächst in osmanischer Uniform. In einem Fotoalbum aus dem Ersten Weltkrieg, das eventuell Canaan gehörte, gibt es ein Gruppenfoto von deutschen Militärärzten und Nonnen mit osmanischer und deutscher Reichsflagge, unter ihnen der Stabsarzt Tawfiq Canaan. Eine weitere Aufnahme zeigt zwei Männer im Auto in einer öden Landschaft. Die Bildunterschrift besagt, Dr. Canaan säße auf der Rückbank von Jamal Paschas (Oberbefehlshaber der 4. Armee in Syrien) Privatwagen, der von Friedrich Fast, dem Besitzer des berühmten Hotel Fast in Jerusalem gefahren werde. Fast sei für die Truppenversorgung zuständig gewesen.30 Wege in Palästina sind relativ kurz, so dass möglich sein kann, einen Stabsarzt mal im Feldlazarett im Süden und mal im Jerusalemer Militärkrankenhaus anzutreffen. Laut dem militaria-begeisterten Chris Flaherty gab es in Jerusalem sechs osmanische Militärkrankenhäuser mit osmanischem und deutschem Personal. Beide trugen die osmanische Militärunform, nur das Emblem des Äskulapstabs an der Schulter unterschied sich31. Es ist nicht auszuschließen, dass Canaan Leiter im deutschen Auguste Victoria-Hospiz war. „Im November 1914 wurde das Gebäude Lazarett für die türkisch-deutsche Armee, deren Befehlshaber Jamal Pascha hier sein Hauptquartier aufschlug“32. Das Auguste Victoria Krankenhaus war 1905 der erste und vor seinem Tod der letzte Arbeitgeber Canaans, die Verbindungen waren eng. Es kann durchaus das osmanische Militärkrankenhaus sein, von dem Tamari spricht. Nach der Übergabe der Stadt an die Briten 1917 zog sich die türkisch-deutsche Armee (Asienkorps) Richtung Norden zurück und zwar über Nazareth und bis nach Aleppo. Damit sind die Stationen abgedeckt, die die WAFA in ihrem Online-Dossier über Canaan angibt. Während seiner Tätigkeit als Arzt hat er Hunderte von ethnomedizinischen Artefakten gesammelt und als Grundlage seiner volkskundlichen Forschungen genutzt. Dass er dies während des Krieges, und grade bei der Durchquerung des Landes, nicht unterbrochen hat, liegt nahe.

1 Meist wird der Name als Mustafa Kamil transliteriert. In seinen Veröffentlichungen in der deutschen Presse hat der Name jedes Mal eine andere Schreibweise. Hier werden bei Zitaten alle arabischen Namen transliteriert wie im zitierten Text. Als „ägyptische Frage“ wurde die finanzielle und politische Abhängigkeit Ägyptens von europäischen Großmächten, zunächst durch hohe Verschuldung des Landes, dann durch die britische Okkupation, bezeichnet.

 

2 Berliner Tageblatt, Morgen=Ausgabe, 4.10.1904: Bei Mustapha Kamel Pascha. Ein Interview.

 

3 Die Nahda (Renaissance), die politische, kulturelle und religiöse arabische Erneuerungsbewegung, begann im Zuge der Landung Napoleonischer Truppen in Ägypten Ende des 18. Jahrhunderts. Sie sollte die arabische Welt zu ihrer früheren Stärke zurückführen und dazu die Errungenschaften der Wissenschaft, des technischen Fortschritts und der Industrialisierung Europas nutzen. Seit den 1820er Jahren wurden Studienmissionen nach Europa geschickt.

 

4 Höpp, Gerhard (1996): Tod und Geschichte oder Wie in Berlin prominente Muslime bestattet wurden. In: ders. und Gerdien Jonker (Hgg.): In fremder Erde. Geschichte und Gegenwart der islamischen Bestattung in Deutschland. Berlin: Das Arabische Buch, S. 22f.

 

5 Rizk, Yunan Labib: Al-Ahram: A Diwan of contemporary life (289), Al-Ahram Weekly, 10 - 16 June 1999, Issue No. 433, weekly.ahram.org.eg/1999/433/chrncls.htm

6 Aus den Memoiren Abdel-Rahman Fahmis, Parteisekretär der Wafd, zitiert nach Rizk.

7
Höpp, Gerhard: „Die Sache ist von immenser Wichtigkeit…“ Arabische Studenten in Berlin. Manuskript, S. 3ff zmo.de/biblio/nachlass/hoepp/07_08/07_08_005.pdf

8
Rizk, Yunan Labib: Al-Ahram: A Diwan of contemporary life (379), Al-Ahram Weekly On-line, 1 - 7 March 2001, Issue No.523, weekly.ahram.org.eg/2001/523/chrncls.htm

9
Siehe Gunrem, Michael, Rainer Lotz und Stephan Puille: Das Buch der deutschen Etiketten (AT). recordingpioneers.com/docs/BAIDA-TheGerman78rpmRecordLabelBook.pdf

10
Bumb, Heinrich: Unsere Reise um die Erde. Skizzen von der großen „Beka“-Aufnahme-Expedition. Neuauflage, illustriert und annotiert von Hugo Strötbaum, 2014, Kairo siehe S. 11-22. recordingpioneers.com/docs/Unsere_Reise_um_die_Erde_BEKA_ILLUSTRATED.pdf

11
Siehe Gauß, Stefan (2009): Nadel, Rille, Trichter: Kulturgeschichte des Phonographen und des Grammophons in Deutschland (1900-1940). Wien, Köln, Weimar: Böhlau, S. 202 ff.

12
Min al-tarikh (aus der Geschichte), Episode 41, Webradio der Sharjah Art Foundation http://www.sharjahart.org/programmes/web-radio/episode-41-amin-al-tarikha

13
Siehe Racy, Ali Jihad (1976): Record Industry and Egyptian Traditional Music: 1904-1932. In: Ethnomusicology, Vol. 20, No. 1, pp. 23-48, S. 39ff, höre Tonbeispiele Min al-tarikh / Sharjah

14
Es gibt Adressbucheinträge von Michel Baida in Berlin von 1915 bis zur letzten Ausgabe der Adressbücher 1943. Seine Brüder Pierre und Gabriel waren immer wieder in Berlin registriert. Siehe Gunrem / Lotz / Puille

15
Während der Wirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre verlor Baida seine Häuser aus bisher ungeklärtem Grund. Siehe Gesemann, Frank, Gerhard Höpp und Haroun Sweis (2002): Araber in Berlin. Berlin, Die Ausländerbeauftragte des Senats, S. 32f.

16
Zitiert nach ebd. S. 32.

17
Mohsen Mohammadi (2010) Persian Records by the Lindström Company: Triangle of Political. Relationships, Local Agents and Recording Company. Paper präsentiert beim 11. Diskographentag 7.-9.5.2010 in Hildesheim. dspace.library.uu.nl/handle/1874/221012

18
sammlungen.hu-berlin.de/sammlungen/50

19
Krüger, Jürgen (2008): Kirchenbau als politisches Programm: die Erlöserkirche in Jerusalem. In: Jakob Eisler (Hrsg.): Deutsche in Palästina und ihr Anteil an der Modernisierung des Landes. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag (in Kommission), S. 33. Bis heute bekleidet der preußische Hochadel das höchste Amt im Johanniterorden. 1999 übernahm S.K.H. Dr. Oskar Prinz von Preußen das Amt des Herrenmeisters von seinem Vater, dem Enkel Wilhelms II. Wie viele von Bismarcks war auch Reichskanzler Otto von Bismarck Mitglied im Johanniterorden, seit 2006 ist Ulrich von Bismarck Kommendator der Provinzial-Sächsischen Genossenschaft der Johanniter. Krankenpflege und Diakonie sind seit den Kreuzzügen der Schwerpunkt des Ordens, der breiten Öffentlichkeit ist er durch die Unfallhilfe bekannt.

20
Siehe Löffler, Roland (2008): Protestanten in Palästina. Religionspolitik, Sozialer Protestantismus und Mission in deutschen evangelischen und anglikanischen Institutionen des Heiligen Landes 1917-1939. Stuttgart: Kohlhammer, S. 357.

21
Siehe Borgo, Melania (2013): Tawfiq Canaan. The life of a physician and the Palestinian history. In: Biografie Mediche, Numero 2. S. 29-30. Die Angaben widersprechen z.T. denen in Philippe Bourmaud (2012): „A Son of the Country“. Dr. Tawfiq Canaan, Modernist Physician and Palestinian Ethnographer. In Levine, Mark und Gershon Shafir: Struggle and Survival in Palestine/Israel. University of California Press, S. 109

22
Die deutsche evangelische Kirche in Jerusalem trennte zwischen ihren deutschen und ihren arabischen Mitgliedern, siehe Löffler o.a., S. 453.

23
Siehe: Tamari, Salim (2008): Mountain Against the Sea. Essays on Palestinian Society and Culture. Darin: Lepers, Lunatics, and Saints: The Nativist Ethnography of Tawfiq Canaan and His Circle, S. 93-112.

24
Nashef, Khaled (2002): Tawfiq Canaan: His Life and Works. In: Jerusalem Quarterly 16, S. 16

25
Tamari, Salim (2011): Year of the Locust. A Soldier’s Diary and the Erasure of Palestine’s Ottoman Past. University of California Press, S. 59f

26
Schwake, Norbert (2014): The Great War in Palestine: Dr. Tawfiq Canaan’s Photographic Album. In: Jerusalem Quarterly 56 & 57, S. 148f. online palestine-studies.org/sites/default/files/jq-articles/JQ56-57TheGreatWar.pdf

27
Borgo a.o., S. 29. Das International Health Bureau taucht bei gängigen Recherchen nur im Zusammenhang mit der Biographie Tawfiq Canaans und immer ohne Quellenangabe auf.

28
Tawfiq Canaan wafainfo.ps/persons.aspx?id=578

29
Bourmaud a.o., S. 111

30
Schwake a.o., S. 149

31
ottoman-uniforms.com/ww1-turkish-medical-branch

32
Fliedner Kulturstiftung Kaiserswerth, Bestand 3-2/1 Kaiserin Auguste Victoria-Stiftung, S. 3