The Power of Gender: Surrender?

Eine interdisziplinäre Konferenz in Berlin widmete sich erstmals der Verschränkung von Sadomasochismus und Queer Studies, versprühte internationalen Charme und hatte mehr als nur Vorträge zu biete

Als Konzept, das gegen normative Geschlechteridentitäten ankämpfen will, ist Queer mittlerweile besonders im englischsprachigen Raum als anerkannter Forschungsbereich etabliert. Der Begriff wird oft als Sammelbezeichnung für Schwule und Lesben gebraucht, bezieht sich jedoch auf alles, was geschlechtlich der Norm der Dominanzkultur widerspricht. Queer meint Transgenders und Bisexuelle ebenso wie SadomasochistInnen und wendet sich mit einem erweiterten Identitätsbegriff gegen die gesellschaftlichen Mechanismen von Unterdrückung und Heteronormativität.
Auch im deutschsprachigen Wissenschaftsraum denkt man zunehmend "queerer". Zu Recht, denn an der Forschungsrichtung kommt man im Rahmen feministischer Fragestellungen nicht vorbei, wenn es darum geht, traditionelle Vorstellungen von Sexualität zu durchleuchten. Sadomasochismus ist dabei einer von zahlreichen möglichen Schwerpunkten.
Die interdisziplinäre Konferenz "Performing and Queering Sadomasochism" vom 8.-11.2.2007 in Berlin hat dabei einen innovativen Kurs eingeschlagen. Zum einen, weil sie - sieht man von Themenabenden in der Subkultur und Tagungen aus dem sexualwissenschaftlichen Bereich ab - kulturwissenschaftliches Neuland darstellt. Zum anderen, weil neben der theoretischen Auseinandersetzung auch Projekte geboten wurden, die das dichte Vortragsprogramm künstlerisch ergänzten. Im Rahmen des Sonderforschungsbereiches "Kulturen des Performativen" der freien Universität Berlin konnte man von frühmorgens bis spätabends Stationen eines internationalen Wissenschaftsdiskurses durchlaufen.

Station 1: Performance und Politik.
Dass Sadomasochismus (SM) auch in Mainstream-Kulturen seinen Eingang gefunden hat, wurde im Vortrag von David Savran (New York) deutlich. Seit 1990 wird er auch in der Populärpresse nicht mehr ausschließlich als Krankheit rezipiert. Besonders der amerikanische Aktionismus kämpfte gegen eine Pathologisierung der Betroffenen. Auf politischer Ebene kritisierte Savran insbesondere die Vermengung zweier Welten: So wurde SM im selben Atemzug mit der Berichterstattung um die Foltermethoden im Irak genannt, eine Tendenz, die auch Margot Weiss (Durham) in ihrem Beitrag aufgriff. Statt SM wurde darum den Begriff "New Imperial Sadism" vorgeschlagen, der einer Re-Pathologisierung entgegenwirken soll.
"If I cut my body open, it is only because of my love for you." Lesbische Performances der Künstlerinnen Gina Pane und Catherine Opie standen im Mittelpunkt der Präsentation von Pawel Leszkowicz (Poznan).
Die Verkörperung von Schmerz wird in der Konzeptkunst der 1970er Jahre zum feministischen Statement. Pane, die in Weiß auftrat und Elemente wie Rosen und Rasiermesser miteinander verband, kann als kommerzielle queere Künstlerin bezeichnet werden. Liebesschmerz und die Position der Frau werden in ihrer Radikalität durch blutigen Aktionismus spürbar gemacht. Die Installationen verstehen sich als explizit lesbischer Kommentar zum Leiden in einer homophoben Umgebung.
Ein eigener Vortragsblock setzte sich mit der Möglichkeit, Politik durch Sadomasochismus zu durch"queeren", auseinander. Angieszka Weseli (Warszawa) stellte sich die Frage, wie lesbische Frauen in Polen mit SM umgehen und schlussfolgerte, dass Feminismus dort oft als ein Kontrapunkt zu SM erlebt wird. Während nahezu alle lesbischen Polinnen sich als Feministinnen definierten, leben wenige ihre sadomasochistischen Fantasien aus. Mangel herrscht auch an speziellen Interessensgemeinschaften bzw. Webseiten.
Die Führung durch die Ausstellung "normal love" begann mit den Fotografien einer "maid of all works" aus dem viktorianischen London. Hannah Cullwick war sehr stolz auf ihre Männlichkeit und ihre schmutzigen, großen Hände, mit denen sie von morgens bis abends putzte. Die ausgestellten Porträts sind Ausdruck eines sadomasochistischen Verhältnisses, in das Hannah mit einem Mann der bürgerlichen Klasse involviert war.
Um dieses historische Material sind weitere zeitgenössische Bilder, Videos und Installationen installiert. "normal love" versteht sich als eine Anregung, die historische sexuelle Arbeit in queere Politiken zu übersetzen.
Nach Beiträgen zu sadomasochistischen Elementen in Filmen der 1970er Jahre und Rainer Werner Fassbinders, bot sich die Möglichkeit, der Vorführung des in Deutschland indizierten Films "Verführung: Die Grausame Frau" (D 1985) in Anwesenheit der Regisseurin Monika Treut (Hamburg) beizuwohnen. Die anschließende Diskussion warf die Frage auf, inwieweit auch Indizierungsmechanismen durch bestehende Vorstellungen von Geschlechterrollen motiviert sein könnten. Vor allem aber wurde viel gelacht und gezeigt, dass Sadomasochismus kein todernstes Thema sein muss.

Station 2: Körper und Macht.
Die Vorträge rund um Transsexualität (Susan Stryker, San Francisco) und "Body Modification" im Rahmen eines neo-primitivistischen Diskurses (Christian Klesse, Manchester) rückten den Körper ins Zentrum des queeren Interesses. Der Beitrag von Camel Gupta (London) thematisierte die heilenden Möglichkeiten von SM. Sie verwies auf den Film "Secretary" (Stephen Shainberg, 2002), in dem die Protagonistin ihre Selbstverletzung durch die sadomasochistische Beziehung zu ihrem Chef überwindet. Abseits dieser oberflächlichen Betrachtung kreiere der Film aber neue Schranken: SM werde positiv erlebt, dies geschehe aber nur in einer heteronormativen Umgebung.
Nina Degele (Freiburg) legte dar, wie Schmerz zur Konstruktion sozialer Normen verwendet wird. Dass dieser zwar vermieden werden will, aber auch als Sinnstifter funktionieren kann, legte sie anhand auffälliger Parallelen zwischen MasochistInnen und SportlerInnen dar. Die Strategie dahinter bleibt letztendlich dieselbe: Schmerz fungiert als Medium für Exklusivität und steht ganz im Sinne sozialer Errungenschaften: "No pain - no gain."

Station 3: Subkultur und Repräsentation.
Stéphanie Kunert und Céline Belledent (Paris) gingen der Frage nach, inwieweit queere und sadomasochistische Elemente in der Populärkultur oder Werbung vorhanden sind. So sehr mit "einschlägigen" Elementen gespielt wird, so selten sind spezifische Untergruppen sexueller Identitäten. Die Vortragenden vermissten besonders die Figur der dyke bzw. eine "butch-femme"-Dynamik in kommerziellen Abbildungen.
Auch Daunja Brill (Berlin) kommt in Ihrem Beitrag über Repräsentationen von SM und Gender in der Gothic-Subkultur zu dem Schluss, dass dort nicht alle geschlechtlichen Positionen gleichermaßen vertreten sind. So scheint gerade die Kultur der "Gothics" eine Feminisierung von Männern oder lesbische Aktivitäten zu begünstigen, während sie viele subversive Möglichkeiten durch die Herstellung eines subkulturell und medial präsentierten Schönheitsideales ausklammert.

Station 4: (T)Raum und Utopie. Oder: All good things must die.
Wir verlassen Berlin-Kreuzberg nach einer inspirierend-produktiven Konferenz und müssen einsehen, dass auch die traumhaftesten Räume, in denen Geschlechterrollen einmal nicht festgeschrieben sind, mit dem Austritt aus der (diesmal wissenschaftlichen) Subkultur irgendwann ihr Ende haben.
"Performing and Queering Sadomasochism" war eine reibungslos organisierte Tagung, die interdisziplinäre Teilbereiche wie Recht, Filmtheorie, Soziologie oder Psychologie verband. Wer genauer nachlesen will, sollte nach dem Tagungsband, der im Sommer erscheinen und die Beiträge der Konferenz beinhalten wird, Ausschau halten.

Links
Sonderforschungsbereich "Kulturen des Performativen"
http://www.sfb-performativ.de
Ausstellung: "normal love. precarious sex, precarious work." 19.1.-4.3.2007
www.normallove.de

Dieser Artikel erschien in: an.schläge, das feministische Magazin,
www.anschlaege.at