Bücherverbrennung 2019

Kein Buch verdient den Scheiterhaufen

Erich Kästner: „Mit solchen Methoden kann man zwar ein Volk vernichten, Bücher aber nicht. Sie sterben nur eines natürlichen Todes. Sie sterben, wenn ihre Zeit erfüllt ist. Man kann von ihrem Lebensfaden nicht eine Minute abschneiden, abreißen oder absengen. Bücher, das wissen wir nun, kann man nicht verbrennen.“

 

Am 31. März 2019, einem Sonntag, hat die polnische Stiftung „SMS aus dem Himmel“ auf ihrer Facebook-Seite Fotos einer Bücherverbrennung veröffentlicht. Die Priester dieser Stiftung haben mit Unterstützung ihrer Ministranten in Danzig zahlreiche Bücher verbrannt. Die für den Scheiterhaufen gewählten Titel sollen frevelhaft gewesen sein. Die Aktion wurde in Polen, als auch weltweit heftig kritisiert.

 

Okkultistische Hello Kitty

 

Für die Aktion verantwortlich waren die Priester der Kirchen „Ehrwürdigste Jungfrau Maria Mutter der Kirche“ und „Heilige Katharina von Schweden“ aus Danzig. Ihr erklärtes Ziel: Bekämpfung von Okkultismus und Heidentum. Als Gegenstände, die heidnische Rituale fördern sollen, wurden Bücher und Objekte im Zusammenhang mit der Verehrung anderer Religionen bestimmt. Unter den verbrannten Büchern befanden sich Harry Potter von J.K. Rowling und die „Twilight“-Saga, die schwarze Magie verbreiten sollen. Auf dem Haufen landeten auch ein Feng Shui-Lehrbuch, Fantasy Bücher von Kristin Cast und Phyllis Christine Cast oder die Lektüre des Pop-Philosophen Osho, der sich lose auf den Buddhismus bezieht. Ebenfalls wurden Objekte, wie eine traditionelle Maske afrikanischer Stämme, ein Regenschirm mit Hello Kitty-Logo und Elefanten mit erhobenem Rüssel [in Polen ein Zeichen für Glück, so wie das Schwein in Deutschland – M.K.] auf den Stapel geschmissen und in Gegenwart der Priester verbrannt.

Die Priester erklärten ihr Handeln in einem Facebook-Kommentar mit Hilfe einer Bibelstelle: „Die Schnitzereien ihrer Götter müsst ihr mit Feuer verbrennen; du darfst weder Silber noch Gold von ihnen begehren, du darfst es nicht für dich selbst nehmen, du sollst nicht dadurch straucheln, weil es Scheußliches für deinen Herrn Gott ist.“ [Buch 5. Mose, Kapitel 7 – M.K.]. Die Priester haben „dem Wort Gottes gehorcht“, indem sie sich auf den Katechismus der katholischen Kirche berufen, der von der Bekämpfung des Okkultismus spricht.

Das Foto-Material wurde jedoch nach einer Lawine der Kritik, die die Priester getroffen hatte, schnell entfernt. Mit biblischen Zitaten argumentierend, in denen Magie verurteilt wurde, meinten die Priester, dass alle Christen sich dem zentralen Thema der Magie in den (Jugend-)Romanen widersetzen sollten. Infolge der negativen Kommentare hat sich Pater Rafał Jarosiewicz bei allen entschuldigt, die sich verletzt fühlten: „[Die Bücherverbrennung – M.K.] war weder gegenüber einer sozialen Gruppe oder Religion respektlos, noch zielte es auf Bücher als solche oder auf Kultur ab“ – schrieb er und entfernte die Bilder, damit „es keine weiteren Emotionen auslöst“. Aber das Internet vergisst nie. Die Fotos haben sich online verbreitet und die Diskussion über die Geschehnisse in Danzig läuft weiter.

 

Keine Aprilscherze

 

Die Bücherverbrennung hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen: von Lachen, über Wut und Erstaunen bis zu Misstrauen. Jemand hat in einem Internet-Kommentar geschrieben: „Ich würde gerne glauben, dass es ein Witz ist... Im Ernst, verbrennen die Leute im 21. Jahrhundert in einem kranken Ritual Fantasy-Literatur?“ Viele Internetnutzer*innen waren schonungslos. Das Foto wurde zum Meme, das auf die Zeitumstellung am 31. März anspielte, mit der Unterschrift: „Wenn alle die Zeit um eine Stunde zurückstellen und du um 500 Jahre“.

Viele Kommentare drückten die Hoffnung aus, dass es sich um einen Aprilscherz handelt. Einige betonten, dass die Bücherverbrennung 2019 an die beschämenden Praktiken der 1930er Jahre erinnert. Tatsächlich weckt die katholizistische Aktion in Danzig auch Assoziationen mit den Bücherverbrennungen im „Dritten Reich“.

 

Bücherverbrennungen in Nazi-Deutschland 1933

 

Am 10. Mai 1933 hatte der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) in 22 deutschen Unistädten öffentliche Bücherverbrennungen inszeniert, bei der die Werke von B. Traven, Bertha von Suttner, Erich Mühsam, Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht, Erich Maria Remarque, Erich Kästner und zahlloser weiterer verfemter Autor*innen ins Feuer geworfen wurden. Die Bücherverbrennungen waren ein Höhepunkt der sogenannten „Aktion wider den undeutschen Geist“, mit der kurz nach der Machtübergabe an die Nazis die systematische Verfolgung jüdischer, marxistischer, pazifistischer, anarchistischer und anderer antifaschistischer Schriftsteller*innen begann.

 

Internet-Kommentare heute

 

Die Internet-Kommentare auf die Bücherverbrennung 2019 in Danzig beziehen sich nicht nur auf die Erinnerung an die Bücherverbrennungen in Nazideutschland.

Einige fragten, warum die Darstellungen von Katzen oder Elefanten Gott stören würden. Die Internetnutzer*innen haben zu Recht festgestellt, dass sie noch niemanden in ihrem Leben getroffen haben, der im Namen von Harry Potter vergewaltigt, gestohlen oder ermordet hat, während es im Namen der Bibel zu Tausenden oder sogar Millionen von Fällen gekommen ist.

In einem Interview sagte der Pfarrer Jan Kucharski diesbezüglich, er habe nicht erwartet, dass die Aktion so großes Interesse hervorruft. Er sagte, dass das Verbrennen von „magischen Gegenständen“ im Einklang mit der Heiligen Schrift durchgeführt wurde und nur diejenigen, die „Gottes Geist“ haben, die Zweckmäßigkeit dieser Handlung verstehen können.

Der bekannte Journalist Szymon Hołownia hat in seinem Beitrag auf Facebook dieses kontroverse Happening der Danziger Priester pointiert kommentiert: „Es ist der Tod der polnischen Kirche“. Er fügte hinzu, dass schöne Märchen für Kinder, auch Harry Potter, in einer Bibliothek noch viel Freude bereiten können. Die Verbrennung von Büchern, die angeblich heidnische Rituale fördern und magische Elemente enthalten, kommentierte die ehemalige Bildungsministerin Joanna Kluzik-Rostkowska damit, dass die Priester wahrscheinlich nicht wissen, was junge Leute wirklich gerne lesen. Sie twitterte: „Ich habe schlechte Nachrichten für kirchliche Bücherverbrenner, 2015 wählten die Schüler*innen Titel aus, die sie in Schulbibliotheken gerne haben würden.“ In der von ihr hinzugefügten Liste stand neben „Geschichten aus Narnia“, „Hobbit“, „Magic Tree“, natürlich auch „Harry Potter“. Sie fügte hinzu: „Harry Potter ist eines der wichtigsten Bücher für schon mehrere Generationen von Kindern. Es wird normalerweise mehrmals gelesen... ich habe keine negativen Auswirkungen bemerkt. Das kann man nicht über einige katholische Priester sagen, die irgendwie keine Probleme haben um über Exorzismen zu schwärmen.“

 

Kein Buch verdient einen Scheiterhaufen

 

Viele Internetnutzer*innen verspotteten in Bezug auf die Bücherverbrennung in Danzig die kurz vorher von der Nationalbibliothek veröffentlichte Statistik über die Leserschaft in Polen, die jedes Jahr schlechter aussieht. Die diesjährigen Zahlen zeigen, dass in Polen 37% nur ein Buch gelesen haben. Fast zwei Drittel der Polen haben innerhalb von zwölf Monaten nicht einmal „leichte Literatur“, wie einen Ratgeber, ein Album oder einen (Stadt-)Führer gelesen.

Es zeigen sich auch Unterschiede in den Altersgruppen. 55% zwischen dem 15. und 24. Lebensjahr lasen ein oder mehrere Bücher. Bei Menschen im Alter 60+ lag dieser Prozentsatz bei nur 33%. Angesichts solcher Statistiken wundern sich manche nicht, dass es zu solchen Aktionen wie der Bücherverbrennung in Danzig kommt.

Als Gegenaktion zur Bücherverbrennung haben die Einwohner*innen von Danzig den Tausch „verbotener Bücher“ organisiert. Es wurde an demselben Ort organisiert, an dem in der Woche zuvor die Priester einen Haufen „gefährlicher Titel“ entzündet haben. Der Büchertausch war sehr beliebt und hauptsächlich junge Menschen und Eltern mit Kindern nahmen daran teil.

Unter den Titeln, die auf Initiative von Aktivist*innen erschienen, waren unter anderem „Herr der Ringe“ und „Hobbit“ von J.R.R. Tolkien, „The Da Vinci Code“ [dt. „Sakrileg“] oder „Angels und Demons“ [dt. „Illuminati“] von Dan Brown. Natürlich war „Harry Potter“ auch dabei. Die Danziger Einwohner*innen haben die Literatur zu religiösen, wissenschaftlichen und sexuellen Themen mitgebracht. Der Büchertausch wurde von Mitgliedern der „Feministyczna Brygada Rewolucyjna“ [dt. „Feminisitischen Revolutionären Brigade“, FebRA], der lokalen Gruppe „Dziewuchy Dziewuchom“ [dt. „Mädels den Mädeln“, siehe GWR 425] und der Partei „Razem“ [dt. „Zusammen“] organisiert. Die Organisator*innen betonten, dass es kein Buch verdient verbrannt zu werden. „Gut, dass wir zumindest ihre Autor*innen nicht mehr verbrennen“ – ergänzte einer der Teilnehmer*innen.

Erwähnenswert ist auch der Vorstoß von Anti-Smog-Aktivist*innen aus Rybnik namens „Smog Alarm“ (siehe GWR 438), die die Bücherverbrennung als Straftat angezeigt haben.

In Danzig wurden nicht nur die Bücher, sondern auch Gegenstände aus Kunststoff wie Plastikfiguren oder farbige Umschläge von Büchern oder Plastikmaterialien verbrannt, dabei entstehen krebserregende Verbindungen, die lebens- und gesundheitsgefährlich sind. Den Priestern drohen laut Gesetz bis zu fünf Jahre Gefängnis.

 

Rückkehr nach 1933?

 

Anlässlich der Geschehnisse wurden in den polnischen sozialen Medien Fotos mit einem Zitat von J.K. Rowling verbreitet: „Ich möchte der polnischen Kirche für ihre Vergebung danken, sie haben nur mein Buch verbrannt, und mich könnten sie auch“ – sollte sie geschrieben haben. Es wurde bislang nicht bestätigt, ob das Zitat wirklich von Rowling stammt. Die Antwort der Internetnutzer*innen kam sofort. Es wurden Vergleiche mit den Ereignissen in den 1930er Jahren in Deutschland gemacht. Einige gingen noch einen Schritt weiter und verglichen den Klerus mit den Nazis, die in den 1930ern sogenannte dekadente Bücher öffentlich verbrannten. Zunächst wurden die Werke jüdischer Schriftsteller*innen verbrannt und die Autor*innen selbst wurden Opfer rassistischer Ideologie. In diesem Kontext wurde auch an die Worte von Heinrich Heine erinnert, dass „dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“

Zwei Tage nach dem Vorfall in Danzig wurde auf der Webseite der Nationalbibliothek Polens ein Kommunique in Bezug auf die Bücherverbrennung veröffentlicht: „Bei öffentlichen Handlungen sollten deren Konsequenzen berücksichtigt und mögliche Reaktionen vorhergesehen werden. Die öffentliche Verbrennung von Büchern in Polen weckt außergewöhnliche Assoziationen. Es offenbart historische Zusammenhänge, insbesondere hier – in einem Land, das von einer äußerst grausamen Barbarei der Totalitarismen betroffen ist, die die Bücherverbrennung zu einem Symbol der Zerstörung machten – in einem Land, in dem 70% der Bibliotheksressourcen während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurden und dessen Nationalbibliothek als Symbol der Unabhängigkeit bewusst von den deutschen Besatzern in Brand gesetzt und damit fast völlig vernichtet wurde – hier muss das Verbrennen von Büchern, unabhängig von Motiven und Absichten, als unangemessen angesehen werden und berechtigte Einwände erwecken. Dies ist eine gefährliche Form der pastoralen Tätigkeit.“

Während des Zweiten Weltkriegs erlitt Warschau große Verluste. Unter anderem brannten dort die Załuski-, Krasiński- und Zamoyski-Bibliotheken. In Flammen gingen auch die Sammlungen der Nationalbibliothek, der Öffentlichen Bibliothek der Stadt Warschau, der Sejm-Bibliothek [Sejm ist eine Kammer des polnischen Parlaments – M.K.], der Bibliothek der Technischen Universität Warschau und der Bezirksbibliotheken auf.

 

Wer möchte die Bücher verbrennen?

 

Die Suche nach Wissen und unabhängigem Denken ist für Regierende gefährlich. Im 21. Jahrhundert werden in Polen Bibliotheken unter dem Vorwand von „Budgeteinsparungen“ liquidiert. Die Leserschaft sinkt und macht die Gesellschaft immer anfälliger für Manipulationen. Es werden Archive zerstört, die historisch unbequeme Fakten bewahren. So wird es ermöglicht, Bildung in einen Mechanismus zur Gehirnwäsche umzuwandeln, der darauf abzielt, eine neue Generation von Menschen hervorzubringen, die unkritisch auf das Wohl des Status Quo vertrauen. Politiker*innen wollen alles, was eine vereinfachte Sicht auf die Welt und Gehorsam gegenüber der Macht herausfordert, aus dem sozialen Bewusstsein herausnehmen.

Brennende Buchsammlungen und Angriffe auf Bibliotheken stehen in Zusammenhang mit Kriegen, Kolonialisierung, Eroberungen und Unterdrückung. Die Büchersammlungen sind auch Insignien der Macht und stellen die Errungenschaften der Existenz einer menschlichen Gruppe dar.

Die Geschichte wird von den Siegern nicht nur geschrieben, sondern auch ausgelöscht, wenn sie unliebsam ist. Die bekanntesten Beispiele aus der Antike sind die Verbrennung der Bibliothek von Ashurbanipal, der königlichen Bibliotheken in Persepolis und Alexandria. Noch in der Moderne gibt es leider viele Beispiele. Die Spanier zerstörten die Maya- und Aztekenbücher, und die Briten verbrannten 1885 die Königliche Bibliothek in Mandalay, Burma.

Während der Belagerung Sarajevos durch die Serben im Jahr 1992 war die bosnische Nationalbibliothek eines der am heftigsten bombardierten Objekte.

Es wurde auf jeden geschossen, der versucht hat, die historische Büchersammlung zu retten. Ähnlich war es in Abchasien, einer autonomen Republik, die zu Georgien gehörte, die ihre Unabhängigkeit erklärte und von der georgischen Armee angegriffen wurde. Die Bibliothek der abchasischen Sprach- und Kulturgeschichte in Sochumi wurde 1992 zerstört.

Bibliotheken und Museen im Irak erlitten während der US-amerikanisch-britisch-polnischen Invasion im Jahr 2003 große Verluste. Die Universitätsbibliotheken wurden von Dieben geplündert und dann in Brand gesetzt, um Beweise für Verbrechen zu verbergen. Die dramatischen Szenen aus dem Bürgerkrieg im Irak und später auch in Syrien haben an die barbarischen Praktiken der Nazis erinnert. Ein ähnliches Schicksal traf die Bibliothek des „Egyptian Scientific Institute“ (Institut d‘Égypte), die 2011 während des „Arabischen Frühlings“ in Flammen aufging.

Bücher als Träger des kollektiven Gedächtnisses werden angegriffen, wenn sie eine mit der nationalistischen Ideologie oder dem religiösen Fanatismus unvereinbare Geschichte darstellen. In Huntington State Beach in Kalifornien bereitet im August 2017 eine rechtsextreme Gruppe die Verbrennung von Büchern mit linkem, liberalem und demokratischem Inhalt sowie Büchern und Zeitschriften, in denen Sexualität beschrieben wird, vor. Dieses Ereignis wurde schließlich abgesagt, nachdem ein Anhänger der US-amerikanischen extremen Rechten in Charlottesville einen Terroranschlag verübt hatte.

Auf Wikipedia wurde Danzig 2019 unter dem Begriff „Bücherverbrennung“ zu einer langen Liste hinzugefügt.

 

Monika Kupczyk


 

Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 440, Sommer 2019, www.graswurzel.net