Das weibliche Gesicht des Streiks

Der Kampf gegen die Abtreibungsgesetze in Polen

Am 4. Oktober 2017, dem Jahrestag des „Schwarzen Protestes“, sind wieder viele Frauen und Männer in Polen auf die Straßen gegangen, um gegen die weitere Verschärfung eines der schärfsten Abtreibungsgesetze in Europa zu protestieren. Obwohl die Proteste 2016 erfolgreich waren (vgl. GWR 413), ist das Thema immer noch aktuell.

 

Schwarze Proteste“

 

Nach dem Wahlsieg von „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS - „Prawo i Sprawiedliwo“) im Herbst 2015 regiert diese nationalkonservativen Partei mit absoluter Mehrheit. Es herrscht ein rechtspopulistisches Klima in der polnischen Gesellschaft. Dies hat zur Erneuerung der Debatte um die Anti-Abtreibungsgesetze geführt.

Die ideologisch der PiS nahestehende Bürgerinitiative „Ordo Iuris“ hat 2016 den Gesetzentwurf „Stopp Abtreibung“ („Stop Aborcji“) formuliert, mit dem fast jede Abtreibung unter Strafe gestellt werden soll. Abtreibung wird seit 1993 in Polen nur in drei Ausnahmefällen erlaubt: wenn das Leben oder die Gesundheit der Mutter gefährdet ist; wenn der Fötus eine schwere angeborene Störung hat; oder wenn die Schwangerschaft das Ergebnis von Vergewaltigung oder Inzest ist. Bislang galten die Frauen, die eine Abtreibung vornehmen lassen, nicht als Straftäterinnen.

Nach dem Willen von „Ordo Iuris“ soll sich das ändern. Selbst Fehlgeburten würden nach der Umsetzung der Pläne kriminalisiert, ebenso wären die oben genannten Ausnahmen bei Gefährdung der Gesundheit der Mutter, Schädigung des Fötus und Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung verboten.

Vergewaltigte Frauen würden dadurch in Polen gezwungen das Kind ihres Vergewaltigers auszutragen und es entweder nach der Geburt zur Adoption freizugeben oder mit ihrem (Ehe-)Partner aufzuziehen. Diese Idee hat die Zustimmung sowohl von Jarosław Kaczyński, dem Vorsitzenden der PiS-Partei, als auch der Kirche bekommen. Es wurden eine halbe Million Unterschriften für dieses Projekt gesammelt, um es zunächst dem polnischen Parlament zur Diskussion vorzulegen.

Parallel zum Gesetzprojekt „Stopp Abtreibung“ wurde die Gegeninitiative „Retten wir die Frauen!“ („Ratujmy kobiety“) initiiert.

Sie sammelte mit ihrer Petition für die Liberalisierung der Abtreibungsreglung in Polen über 200.000 Unterschriften. Sie wurde leider von den Abgeordneten abgelehnt, die das „Ordo Iuris“-Projekt zur Diskussion im Parlament bevorzugten. Dies hat zur landesweiten Empörung und eine große Welle von Protesten hervorgerufen. Sowohl in Groß-, als auch Kleinstädten wurden letztes Jahr mehrfach „Bügelmärsche“ organisiert (die GWR berichtete). Ihren Höhepunkt hatten die Proteste am 3. Oktober 2016, dem „Schwarzen Montag“, erreicht, da er als landesweiter „Frauenstreik“ („Strajk kobiet“) angekündigt wurde. Die schwarz angezogenen Frauen und Männer haben an diesem Tag ihren Arbeitsplatz verlassen, um zusammen gegen das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen und den damit verbundenen drohenden (Gefängnis-)Strafen für Frauen und Ärzte zu protestieren. Die Beteiligung an dem Frauenstreik hat die Erwartungen der Organisator*innen überstiegen, nicht nur in Bezug auf die Anzahl der Streikenden. Viele solidarische Frauen haben weltweit Proteste organisiert, die unter dem Hashtag #blackprotest (#czarnyprotest) im Internet initiiert wurden.

Es kam zu über 50 Solidaritätskundgebungen im Ausland, was diesen Tag im Endeffekt zum „Internationalen Frauenstreik“ („Międzynarodowy Strajk Kobiet“) machte. Niemand rechnete mit solchem Widerstand und der starken internationalen Solidarität, was auch dazu führte, dass das strikte Abtreibungsverbot durchgefallen ist. Dieser Erfolg scheint jedoch nur von kurzer Dauer zu sein. Für viele Frauen und Männer, die sich im Kampf um Reproduktionsrechte für Frauen engagiert haben, wurde klar, dass in naher Zukunft noch größere Restriktionsversuche bezüglich des Abtreibungsgesetzes zu erwarten sind.

 

Soziale Medien und Protest

 

Wir müssen demonstrieren und Unterschriften für unser Projekt sammeln. Wir gehen auf die Straße, weil der Kampf noch lange nicht vorbei ist. Es gibt neue Projekte, die uns unsere Freiheit und Würde wegnehmen und ein totales Abtreibungsverbot durchsetzen wollen“, so hat die Gruppe „Retten wir die Frauen!“ („Ratujmy Kobiety“) u.a. über Facebook zur Beteiligung an der landesweiten Aktion zum Jahrestag der „Schwarzen Proteste“ am 4. Oktober 2017 aufgerufen. Die große Rolle bei der Mobilisation haben – ähnlich wie zuvor – die Sozialen Medien gespielt. Dieses Jahr haben die Organisator*innen der Bürgerbewegung Unterschriften für einen Gegenentwurf zum Abtreibungsgesetz gesammelt, um sie später im Parlament abzugeben. Das Projekt garantiert den Frauen sowohl die Möglichkeit des legalen und sicheren Schwangerschaftsabbruchs, als auch vollständige gesundheitliche Betreuung während der Schwangerschaft. Es wird der Zugang zu modernen Verhütungsmethoden gefordert, da die Möglichkeit im Juli 2017 durch ein Gesetz eingeschränkt wurde. Einerseits braucht man ein Rezept, um die Antibabypille zu kaufen, andererseits weigern sich einige Ärzte jedoch, Kontrazeptiva zu verschreiben. Die Gruppe „Retten wir die Frauen!“ strebt auch einen verbindlichen Sexualkundeunterricht in den Schulen an. Die polnischen Bischöfe befürchten jedoch, dass die Aufklärung Schüler*innen dazu bringt, „Stammkunden von pharmazeutischen, erotischen, pornographischen, pädophilen und Abtreibungsunternehmen zu werden“.

Die Organisator*innen der Frauenproteste sehen keine andere Möglichkeit als den weiteren Kampf – egal, ob im Parlament oder auf der Straße. Der Anlass zur Intensivierung ihrer Aktivitäten um das Reproduktionsrecht der Frauen war einerseits die laufende Debatte zur Verschärfung des Abtreibungsgesetzes und andererseits das Projekt „Stopp Abtreibung“.

Die letzte Version des Vorschlags der Bürger-Initiative „Stopp Abtreibung“ wurde schon von 800.000 Bürger*innen unterschrieben und sieht nicht nur vor, die Abtreibung zu kriminalisieren, sondern auch Fehlgeburten als verdächtig einzustufen, sodass diese eine Untersuchung und eine Gefängnisstrafe nach sich ziehen können. Illegale Abtreibungen sollen künftig mit bis zu fünf Jahren Haft für die Ärzt*innen und die betroffenen Frauen bestraft werden.

Das feministische Motto „Mein Körper – meine Entscheidung“ (Moje ciało - mój wybór) wird in der öffentlichen Debatte inhaltlich entstellt und gegen die Frauen gerichtet. Ihr Selbstbestimmungsrecht über Körper und Sexualität wird als privat und dadurch obsolet betrachtet und ihr Kampf um Reproduktionsrechte ausgelacht. Dieser Diskurs ist ein Resultat der wachsenden politischen Macht der katholischen Kirche, deren religiös-konservative Stimme in den öffentlichen Debatten stärker wird. Genau wie in der laufenden Abtreibungsdebatte. Dass Abtreibung als „Mord des ungeborenen Lebens“ angesehen wird, deutet auf den starken Einfluss der katholischen Kirche auf das politische Leben und die Entscheidungen im Bezug auf die Reproduktions- und Selbstbestimmungsrechte der Frauen hin. So kommt Abtreibung (offiziell) nicht in Frage. In den Städten kann man große Poster-Kampagnen sehen – vor allem initiiert von kirchlichen Kreisen –, die einen Fötus als Kind bezeichnen. In diesem Kontext werden der Schwangerschaftsabbruch als Straftat und die Frauen als „Kindermörderinnen“ dargestellt und stigmatisiert. In den letzten Debatten wurden auch Gefängnisstrafen für Frauen und Ärzte ernsthaft diskutiert. Die Rolle der Frauen ist dadurch offensichtlich auf eine Gebärmaschine reduziert. Und sie werden auch dafür bezahlt. Schon 2016 – nach den Frauenprotesten – wurde das Gesetz „Fürs Leben“ (Za życiem) im Parlament abgesegnet, das den Schwangeren und Familien finanzielle Unterstützung bietet. Die Frauen sollen einmalig 1.000 Euro erhalten, wenn sie sich für die Geburt eines behinderten Kindes entscheiden, auch wenn es lebensgefährlich sowohl für das Kind als auch für die Mutter ist. Polens Regierungschefin Beata Szydło, die für die Verabschiedung des staatsbürgerlichen Projekts „Stopp Abtreibung“ ist, sagte: „Ich bin gegen eugenische Abtreibung“. Des Weiteren hat die Regierung das Kindergeld erhöht, vielleicht auch um insbesondere Frauen, die schlecht bezahlte Jobs ausüben, für ihre Politik zu gewinnen und sie dadurch ruhig zu stellen.

 

Pränatale Eugenik“

 

In der laufenden Debatte werden die Frauen zum Objekt degradiert. Ihre Fähigkeit für sich selbst entscheiden zu können, wird in Frage gestellt. Die Missachtung für Frauen und ihre Reproduktions- und Selbstbestimmungsrechte sind Tatsachen. Die Frauen seien – anders als Männer – „moralisch fragwürdig“ und in ihren sexuellen Entscheidungen zweifelhaft. Dieser doppelte Standard gilt für alle Lebensbereiche und ist besonders deutlich im Kontext der Debatte über den Zugang zu Verhütungsmitteln zu erkennen. Die „Pille danach“ soll nur noch gegen Rezept verkauft werden, während es sie im Rest Europas mittlerweile rezeptfrei gibt.

Da wundert es nicht, wenn selbst der Gesundheitsminister sagt: „Ich bin selbst Arzt und würde die Pille auch einem vergewaltigtem Mädchen verweigern“. Die Vergewaltigung sei kein Grund, um eine Abtreibung zu ermöglichen. Zudem behauptet er, dass die Pille zu Frühgeburten führt. Dieser frauenfeindliche Diskurs trägt dazu bei, dass Hass und Gewalt gegenüber Frauen zunehmen (vgl. GWR 413, November 2016).

Die laufende Debatte hat eine Frauenaktivität ausgelöst, die weit über feministische Kreise hinausgeht. Im ganzen Land entstanden und entstehen neue Gruppen, Initiativen und Kollektive, die meistens auf Basis von sozialen Netzwerken Kontakt aufnehmen. Manche Gruppen, z.B. „Mädels für Mädels“ („Dziewuchy dziewuchom“), begannen als Facebook-Gruppe und gewannen schnell zehntausende Mitglieder, die Bügelmärsche und Kundgebungen organisier(t)en. Die Frauen waren und sind wütend, dass die Kirche zunehmenden Einfluss auf ihr Leben nimmt.

Eine wichtige Rolle in der Abtreibungsdebatte spielt der Klerus, der die Initiative „Stopp Abtreibung“ als einen Teil der Mission gegen eine „Zivilisation des Todes“ („Cywilizacja śmierci“) betrachtet. Die Unterstützung der Kirche in der Parlamentswahl 2015 hatte eine Schlüsselbedeutung, um die Loyalität der religiös-konservativen Stammwählerschaft der PiS zu garantieren und im Endeffekt den Sieg zu sichern. Ohne die massive Unterstützung durch die katholische Kirche und den ihr nahe stehenden und eigenen Medien wäre die Entwicklung in Polen seit der Machtübernahme der PiS nicht möglich gewesen. Diese andauernde Symbiose zwischen der katholischen Kirche und der PiS ist nicht neu.

Seit der Wende 1989 kann man die Zusammenarbeit zwischen den Politiker*innen und den kirchlichen Institutionen beobachten, die sich u.a. in der Stärkung der religiös-konservativen Werte äußern. Die Kirche hat den Kampf und die Untergrundaktivitäten der „Solidarność“ unterstützt. Als diese nach der Wende die Wahl gewonnen hat, konnten die Politiker*innen die Forderungen der Kirche nicht ignorieren. Egal, welches politische Spektrum eine Regierung vertritt, sie muss auf die Meinung der Kirche hören. Diese kirchliche Herrschaft über die Politik hat sich vor allem in deren Ablehnung von Verhütungsmitteln und Abtreibung nach der Wende 1989 geäußert. Schon 1991 wurden die Subventionen für Antibabypillen gestrichen, was dauerhaft deren Preis auf dem Markt nahezu verdreifacht hat. Frauen, die meistens die Kosten der Transformation getragen haben, wurde so zusätzlich der Zugang erschwert.

Unter kirchlichem Druck wurde 1993 das Abtreibungsverbot in Form des Gesetzes über den „Schutz des ungeborenen Lebens“ eingeführt. Somit gewann die Kirchenobrigkeit einerseits politischen Einfluss auf Entscheidungen, andererseits nahm sie eine starke Position in der Öffentlichkeit ein. Der polnische Papst, Johannes Paul II, wird bis heute als populäre Figur und moralische Autorität in Sachen Familie und Frauenrechte gefeiert. In seinen Enzykliken, „Veritas Splendor“ und „Evangelium Vitae“, hat der Papst den Begriff „Zivilisation des Todes“ eingeführt, um die Einstellung der Menschen zum Leben widerzuspiegeln. Die katholischen Theologen behaupten, dass viele westeuropäische Länder „Die Zivilisation der Lebens“ („Cywilizacja życia“) aufgegeben haben. Der einzige Weg, um die „Zivilisation des Todes“ zu retten, sei die Kultivierung der Familienwerte und Heiligkeit des menschlichen Lebens.

Von daher verurteilt die Kirche u.a. auch Abtreibung, Homosexualität, Verhütung oder In-Vitro. Das Heimatland von Johannes Paul II gilt deshalb vielen als letzte Bastion der katholischen Werte in Europa. Basierend darauf hat die PiS ihre Agenda und das Wahlprogramm unter das Motto der „guten Veränderung“ („dobra zmiana“) gestellt und zum Symbol der moralischen Erneuerung der Gesellschaft gemacht. Durch die Parlamentsmehrheit der PiS zählt die Kirche auf die Rückkehr der traditionellen konservativen Themen auf die politische Agenda. Und es geschieht tatsächlich. Auch im Fall des „Abtreibungskompromisses“. Die Initiative „Stopp Abtreibung“ wurde von der polnischen Bischofskonferenz unterstützt, da sie „(...) auf einen besseren Schutz des Lebens eines Kindes abzielt, das unter dem Gesichtspunkt der wachsenden pränatalen Eugenik konzipiert ist. Bischöfe empfehlen diese Initiative und unterstützen die Sammlung von Unterschriften“.

 

Frauenstreik

 

Die starke mediale Präsenz der „Ordo Iuris“ mit ihrem „Stopp Abtreibung“-Projekt einerseits und die Gegeninitiative „Retten wir die Frauen!“ andererseits, hat eine öffentliche Debatte über die Abtreibung ausgelöst. Die Bügelmärsche und der Frauenstreik haben das ganze Klima noch erhitzt. Das Thema wurde nicht nur in den Medien von Politiker*innen, Kirchenpatriarchen und Experten, sondern auch von den Bürger*innen auf den Straßen und an den Arbeitsplätzen lebendig diskutiert. Dadurch kam die Debatte in eine neue Phase. Die bislang tabuisierte Abtreibung wurde in der Öffentlichkeit thematisiert.

Schätzungsweise hatten ein bis drei Viertel der Frauen einen Schwangerschaftsabbruch. Die Abtreibung hat ein konkretes Gesicht bekommen - egal, ob die Nachbarin, eigene Mutter oder die Freundin. Das Problem der illegalisierten Abtreibungen soll nicht mehr als „privat“ betrachtet werden. Der seit Jahren angestrebte und erhaltene „Abtreibungskompromiss“ wurde dadurch in Frage gestellt.

Das Abtreibungsverbot aus dem Jahr 1993, das als sogenannter Kompromiss gilt, war ein Deal zwischen der Kirche und konservativen Politikern, der die Interessen verschiedener Gruppen, insbesondere der Frauen ignorierte. Meinungsumfragen haben damals gezeigt, dass die Mehrheit der Gesellschaft gegen das Verbot war. Das Abtreibungsverbot wurde sowohl von der Kirche, als auch von den Neoliberalen begrüßt.

Einerseits wurde die politische Position der Kirche dadurch gestärkt, andererseits konnten die Neoliberalen ihre Reformen der Befreiung des Markts vom Staat durchführen. Die wachsende politische Bedeutung der Kirche führte in den folgenden Jahren zur Stigmatisierung der abtreibenden Frauen und ihrer Ärzte, die sich auf eine Gewissensklausel berufen können, um eine Abtreibung abzulehnen. So gibt es seitdem praktisch keinen Zugang mehr zu einem legalen und sicheren Abtreibungsverfahren. Somit blieb der „Abtreibungskompromiss“ der von Politiker*innen etablierte Status Quo, um keine Reaktion in der Gesellschaft zu wecken. Die Massenproteste der Frauen und die daraus entstandene Bewegung haben jedoch deutlich gezeigt, dass das seit Jahrzehnten herrschende Schweigen endlich gebrochen und das Abtreibungsverbot in der Öffentlichkeit thematisiert werden muss. Im Kontext des Streiks wurde plötzlich der Raum eröffnet, was es auch den an den Protesten beteiligten Frauen ermöglichte, über ihre Erfahrungen und Emotionen zu sprechen. Die Frauen waren wütend und motiviert gegen den Gesetzesentwurf zu einem vollständigen Abtreibungsverbot in Polen auf die Straße zu gehen.

Die Widerstandsform Streik war bislang mit Männern verbunden, während für die Frauen nur Gespräche angemessen waren.

Bedeutend war neben der Beteiligung an den „Schwarzen Protesten“ auch Alter, Ausbildung, Herkunft, sozio-ökonomischer Status und das politische Spektrum der Frauen. Somit kann man die „Schwarzen Proteste“ und den Streik der Frauen als Wendepunkte in der öffentlichen Debatte über Abtreibung betrachten.

 

Abtreibung zum Schutz des Lebens“

 

Nach der Transformation wurde die politische Position von Frauen – obwohl sie Teil der demokratischen Opposition waren – geschwächt, so dass sie ihre Interessen kaum einbringen konnten. Die Verschlechterung der Situation der Frauen nach der Wende 1989 wurde nicht nur im politischen Bereich, z.B. im Bezug auf die Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch, deutlich, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt. Frauen wurden öfters als Männer von Arbeitslosigkeit getroffen, blieben länger arbeitslos und dadurch öfters von Armut und Obdachlosigkeit bedroht. Sie verdienen deutlich weniger als Männer, was auch niedrigere Renten und drohende Altersarmut bedeuten kann.

In diesem Kontext spricht die polnische Soziologin Krystyna Slany über die „Feminisierung der Armut“. Die Kosten der sozio-ökonomischen Transformation haben vor allem die polnischen Frauen getragen. Auch wenn es um ihre Reproduktions- und Selbstbestimmungsrechte geht. Durch den fehlenden Zugang zu legalen und sicheren Abtreibungsverfahren, suchen viele Frauen, die es sich leisten können, Hilfe im Ausland (sogenannter „Abtreibungstourismus“, „Turystyka aborcyjna“). Jedoch hat nicht jede Frau Informationen, um diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Und nicht jede Frau hat die finanziellen Mittel, um sich den Zugang zu Reproduktionsrechten zu kaufen. Für die Mehrzahl bleiben entweder Kontrazeptiva oder Notfallkontrazeptiva, die sehr schwer zu bekommen sind.

Von daher wirken die Versuche, das Abtreibungsverbot noch zu verschärfen, zusammen mit dem erschwerten Zugang zu Verhütungsmitteln, diskriminierend auf die Situation der Frauen.

Um dieses Bewusstsein über die lebensgefährlichen Konsequenzen des geltenden (Reproduktiven-)Rechts in Polen zu verbreiten, haben die Protestierenden den Slogan der „Ordo Iuris“ zum „Schutz des Lebens und der Gesundheit“ ins Motto: „Abtreibung zum Schutz des Lebens“ umgearbeitet. Auf die Antwort der Bürger-Initiative „Stopp Abtreibung“ mussten die Feminist*innen nicht lange warten. Schon nach den diesjährigen Protesten wurde ein zusätzliches Rechtsgutachten seitens „Ordo Iuris“ veröffentlicht. Infolgedessen sollte jedeR bestraft werden, der/die z.B. durch Informationen, wie man Pillen oder Kliniken im Ausland benutzt, eine Abtreibung unterstützt. Der Kampf geht also weiter. Viele bislang politisch inaktive Frauen (und Männer) schließen sich der selbstorganisierten sozialen Bewegung an. Es bleibt ihnen nichts mehr übrig außer der Streik.

Diese Form der landesweiten Proteste bezüglich sozialer und wirtschaftlicher Themen ist in Polen verboten. Aber diese Idee hat Unterstützung bekommen und viele Frauen haben angefangen, sich im Internet zu organisieren. Ähnlich wie 2016, wurde 2017 zu anderen Streikformen aufgerufen. Zur aktiven Beteiligung an den Frauenstreiks hat u.a. auch die Basisgewerkschaft Arbeiter-Initiative aus Polen (Inicjatywa Pracownicza, IP) aufgerufen (vgl. GWR 424). Diese sagt, dass alle am Frauenstreik teilnehmen sollen, die Arbeit verweigern oder einfach nicht am Arbeitsplatz erscheinen, oder – auf Nachfrage – unbezahlten Urlaub nehmen sollen. Wenn es nicht anders geht, soll man auch Blut spenden gehen. Egal wie, egal wo, alle sollen an diesem Tag solidarisch aktiv an den Protesten teilnehmen. Der Kampf um die Reproduktionsrechte wurde mit dem Aufruf um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Entlohnung erfolgreich verknüpft. Dadurch werden Frauen öfters gewerkschaftlich aktiv, was auch langsam zur Übereinstimmung der Forderungen der Frauenbewegung mit den Arbeiter*innen-Bewegung führt. Der Aktivismus der an der Frauenbewegung beteiligten hat auch einen Nerv getroffen.

Somit wurden die Aktivist*innen zu einem Symbol des Widerstands gegen eine steigende Welle des Rechtspopulismus in Polen. Sie kämpfen nicht nur im Parlament mit deren Initiative „Ratujmy kobiety“, sondern auch auf den Straßen, indem sie aktiv am „Unabhängigkeitstag“, am 11. November 2017, gegen den Marsch der rechtsextremen Organisation „Nationalradikales Lager“ (Obóz Narodowo-Radykalny, ONR) demonstrierten. Sie haben vor allem gegen Slogans wie „Nicht islamisch, nicht laizistisch, Polen kann nur katholisch sein“ („Nie islamska, nie laicka, tylko Polska katolicka“) oder „Europa wird weiß sein oder entvölkert“ („Europa będzie biała albo bezludna“) ihren Widerstand gezeigt. Auch in anderen Städten wurde an diesem Tag gegen die National-Konservativen aktiv demonstriert.

Manche Frauen, die Blockaden organisiert haben, wurden dabei verletzt. Interessant ist, dass die Frauen öfters ihren Kampf um die Reproduktionsrechte mit anti-kapitalistischen, anti-rassistischen und anti-sexistischen Werten verbinden.

Die selbstorganisierte Frauenrechtsbewegung ist die einzige politische Kraft in Polen, die aktiv die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen thematisiert und anstrebt.

Die Frauen engagieren sich auch in der Mieter*innen-Bewegung, in Antirassismus-Initiativen und gewerkschaftlichen Aktivitäten. Mit ihrem Slogan „Genug Ausbeutung! Wir widersprechen dem Dienst zu Hause und am Arbeitsplatz!“ („Dość wyzysku! Wymawiamy służbę w domu i w pracy!“) haben die Frauen dem Streik eine neue Bedeutung gegeben.

 

Für Selbstbestimmung

 

Der Frauenstreik hatte einen sozialen Charakter. Es war nicht wie üblich, eine geregelte Form der Aushandlung zu bestimmender Beschäftigungsbedingungen. Die Frauen zeigten, dass der Streik viel mehr ist und mehr bedeuten kann. Niedrigere Löhne, Schikanen oder sexuelle Belästigung sind Teil ihrer ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und Formen der Diskriminierung, die sie nicht nur am Arbeitsplatz erfahren.

Die Ausbeutung der Frauen bezieht sich auch auf die Reproduktionsarbeit – die Geburt und Erziehung von Kindern, Pflege der älteren Menschen, Haushaltsarbeit usw. – die größtenteils auf ihren Schultern ruhen.

Diese sozialen Bedingungen, die die Position von Frauen definieren, haben eine globale Dimension und sind Teil der neoliberalen Ordnung. In dieser Situation muss der Streik auch zu Hause, in Schulen, Krankenhäusern usw. stattfinden.

Der Streik der Frauen ist sozialer Natur, weil er die gesamte soziale Organisation in Frage stellt“, wie es die Aktivist*innen der IP geschrieben haben.

Die Frauen in Polen haben es begriffen und langsam steigt deren Bewusstsein, dass der Kampf um Reproduktionsrechte in einem breiteren Kontext gesehen werden soll. Letztendlich wird der Kampf um die Reproduktionsrechte der Frauen zum Kampf um deren Selbstbestimmung, egal um welchen Bereich ihres Lebens es sich handelt.

 

Monika Kupczyk


 

Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 425, 47. Jahrgang, Januar 2018, www.graswurzel.net