Zu Adornos hundertstem Geburtstag 2003 erschienen drei Biografien. Bei Wolfgang Abendroth, 2006, ist es gerade mal eine halbe.
Das Zahlenverhältnis hat wahrscheinlich weniger mit den beiden Personen (die übrigens ganz gut miteinander auskamen) zu tun als mit der Bekömmlichkeit dessen, was sie zu sagen hatten, für die Bundesrepublik.
Adornos Imperativ, alles zu tun, daß Auschwitz nicht wieder geschehe, ist alternativlos, und zwar auch für die deutsche Bourgeoisie. Nachdem der für sie geführte Krieg verloren war, konnte sie auf Fortsetzung des Begonnenen nur hoffen durch vollständige Distanzierung von ihren bisherigen zeitweise nützlichen Idioten. Horkheimers Diktum, wer vom Kapitalismus nicht reden wolle, solle vom Faschismus schweigen, ist eine erkenntnistheoretische Aussage. Das Eine sei ohne das Andere nicht verstehbar. Beide - und noch dazu der Stalinismus - waren für ihn Ergebnisse einer Dialektik der Aufklärung, eine Gewichtung zwischen den drei Elementen fand beim späten Horkheimer durch eine Betonung der zivilisatorischen Errungenschaften des Kapitalismus statt.
Wolfgang Abendroth fand, letztlich könne nur Beseitigung dieser Produktionsweise Sicherheit vor dem Faschismus geben, und so lange dies nicht möglich sei, müsse sie durch Gegenmacht der Arbeiterbewegung daran gehindert werden, ihre einfachsten Lösungen zu exekutieren. Daß die Bourgeoisie die Annahme dieser Lehre verweigerte, kann man begreifen.
Abendroth, geboren am 2. Mai 1906, war ein Gegner des Kapitalismus, bevor dieser sich faschistisch zeigte. Die Wende von 1933 bestätigte, was er vorher wusste und nach 1945 nicht zu vergessen brauchte.
Der Vierzehnjährige trat 1920 in die Freie Sozialistische Jugend ein. (1970 lud er unerwartet ein paar Leute zu sich nach Hause ein: es sei jetzt 50 Jahre her, daß er zur Arbeiterbewegung gehöre, und das wolle er ein wenig feiern.)
Die Freie Sozialistische Jugend stand der KPD nahe. Abendroth wurde deren Mitglied, sobald er erwachsen war, und geriet in ihre Fraktionskämpfe. Er war wohl eine Art Querläufer, den die Revolution gegen das Kapital interessierte, nicht aber jedes Spezial-Anliegen der Parteiwebel. Kein Wunder, daß er 1928 aus der KPD ausgeschlossen wurde. Nun war er in der „Kommunistischen Partei Deutschlands (Opposition)", abgekürzt: KPO. Die KPD bezeichnete diese Gruppe als „KPNull". So ging es Abendroth zeitlebens: wer die sozialistische Einheit wollte, wurde dadurch zum Sektierer.
Anfang der dreißiger Jahre aber war er wieder in der KPD. Er hatte sich einer Gruppe mit dem Namen „Neu Beginnen" angeschlossen. Diese setzte sich zum Ziel, in die beiden großen Arbeiterparteien hineinzuwirken. Also mußte man einer von ihnen angehören.
Er hatte Jura studiert und wurde 1933 aus dem Referendarsdienst entlassen. 1935 promovierte er in Bern mit einer völkerrechtlichen Arbeit. Aber er hielt es nicht in der Emigration aus. Er arbeitete in Berlin in einer Bank. 1937 wurde er verhaftet und zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, wegen „Vorbereitung zum Hochverrat". Der nervös und hektisch wirkende Mann, der sich immer zur Disziplin zwang, unbeholfen in allen Fragen des praktischen Lebens mit Ausnahme der Juristerei, überstand die höllischen Verhöre, ohne Aussagen zu machen. In der Untersuchungshaft unternahm er einen Selbstmordversuch, seine Verlobte tötete sich.
In der Dissertation von Andreas Diers über Abendroth wird ausführlich aus Briefen zitiert, die dieser damals aus dem Gefängnis an seine Familie geschrieben hat. Wer die liest und danach nicht ein paar Tage lang durch den Wind ist, mit dem ist wahrscheinlich auch sonst nicht viel anzufangen. Es finden sich ein paar Sätze, die Diers wohl nicht richtig interpretiert. Zum Beispiel: „Es ist arg, arg schwer, so für eine Sache leiden zu müssen, an die ich schon lange nicht mehr glaube." Diers nimmt an, Abendroth habe die Gestapo hinters Licht führen wollen. Es kann sich aber auch um etwas Anderes handeln: Während Abendroth in Berlin, Düsseldorf und Frankfurt gefoltert wurde, geschah dasselbe seinen Genossen in Moskau. Über Beides: seine Misshandlungen und die Stalinschen Säuberungen, hat er nie so ausführlich reden können, wie es nötig gewesen wäre, um im bürgerlichen Sinn wieder „normal" zu werden. Dies blieben seine beiden Traumata. Mit dem Faschismus hat er sich ein Leben lang auseinandergesetzt. Den Stalinismus hat er wissenschaftlich behandelt, systematisch eingeordnet, in selbst auferlegter Objektivierung. Aber verwunden hat er ihn nie: zu der Zeit, da andere, die in Freiheit waren, wegen der Moskauer Prozesse sich von der KPD lossagten, war es Abendroth unmöglich.
Eine andere Briefstelle: „Ich glaube jetzt bald, immer mehr, daß Treue und zuverlässige Liebe zu einem anderen Menschen nur innerhalb der gleichen Blutsgemeinschaft denkbar sind." Diers sieht hier wiederum einen Versuch Abendroths, „seine Ankläger zu täuschen und ein milderes Urteil zu erwirken". In Wirklichkeit ist hier aber nicht von einer Rasse die Rede, sondern von der Familie. Es ist fast unglaublich, wie sehr dieser längst schon erwachsene Mann an seinen Eltern, seiner Schwester, deren Mann und ihren Kindern hing. Bis ihrem Tod, da war er selbst bereits über sechzig, war seine Mutter für ihn eine beherrschende Figur. Sie hat ihm zweimal das Leben gerettet. In der Haft hat er ihr versprochen, keinen Selbstmordversuch mehr zu unternehmen. Als er entlassen wurde, wandte sie sich an einen seiner ehemaligen Schulkameraden, der jetzt eine große Nummer bei der SA war und den ersten nationalsozialistischen Polizeipräsidenten von Frankfurt kannte. Sie erreichte, daß der Sohn nicht ins Konzentrationslager kam.
In einem Brief klagt er sich an, nicht für die Haft geeignet zu sein: „nämlich an meinem Charakter hier liegt's leider; der ist viel zu weich und energielos geraten". Wir stoßen hier vielleicht auf den Grund dafür, daß er durchkam: Er hielt sich für schwach und suchte dies in Übereinstimmung mit dem zu bringen, was er meinte sich abverlangen zu müssen. Wer in der nächsten Generation mit ihm zu tun hatte, traf einen Mann, der es hinter sich hatte und es niemanden spüren ließ. So schützte er sich vor Vereinsamung.
1943 kam er ins Strafbataillon. Er ging 1944 zu den griechischen Partisanen über. Sie mussten ihn als Kriegsgefangenen an die Briten ausliefern. Diese versuchten ihm Informationen über Standorte der griechischen Widerstandbewegung abzupressen. Er wurde in Ägypten interniert und kam dann nach Großbritannien. Dort trat er 1946 der SPD bei. Ihm hatte es wohl die Labour Party angetan. Schon Lenin hatte seinen Genossen geraten, sich ihr anzuschließen. Bei Abendroth kam hinzu, daß er wusste, er könne organisatorisch nicht mehr dorthin zurück, wo er 1933 war.
Von Großbritannien aus ließ er sich in die Sowjetische Besatzungszone entlassen. Das hatte keine politischen Gründe. Seine Eltern lebten dort. Außerdem hatte er in der SBZ die Möglichkeit, schneller das Assessorexamen abzulegen.
Abendroth wurde mit offenen Armen aufgenommen. Er absolvierte nicht nur die zweite Staatsprüfung, sondern habilitierte sich auch in Öffentlichem Recht, wurde Dozent in Halle, Professor in Leipzig und Jena, arbeitete in der Justizverwaltung und bildete Richternachwuchs aus.
Natürlich erkundigte sich eine Kaderabteilung nach ihm. Ein ehemaliger Mitgefangener aus dem Zuchthaus Luckau berichtete ihr: „Es gab keine Einschätzung der politischen Lage, in der wir eine gemeinsame Auffassung hatten. So vertrat er die Meinung, dass der Faschismus eine sozialistische Planwirtschaft einleite, schätzte die Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion außerordentlich negativ ein und vertrat beim Abschluß des Freundschaftsvertrages zwischen Deutschland und der Sowjetunion im Jahre 1939 die Parole ‚Auflösung des Paktes'. Persönlich ist A. ein sehr angenehmer und anständiger Charakter. Er ist ausserordentlich intelligent und es gibt kaum ein Wissensgebiet, das er nicht kennt. Allerdings ist die praktische Anwendung seines Wissens immer außerordentlich abstrakt und losgelöst von der Wirklichkeit."
Ein Kadermensch kommentierte mit Bleistift: „Mit Melsheimer gesprochen. Wird so beschäftigt, daß er nicht schaden kann. Soll persönlich absolut sauber sein." Melsheimer war der spätere Generalstaatsanwalt der DDR.
So viele Gedanken hätte man sich gar nicht machen müssen. Abendroth wollte nämlich von vornherein nicht in der SBZ bleiben. Er war weiterhin in der SPD, die es dort gar nicht mehr gab. 1947 bemühte er sich um die Stelle eines Stadtrechtsrats in Frankfurt/Main. Die Bewerbung schickte er, obwohl er in der Sowjetischen Besatzungszone wohnte, von Westberlin aus ab und bat darum, auch die Antwort dorthin, an einen Verwandten, zu adressieren.
Nachdem die Frankfurter Bewerbung fehlgeschlagen war, bemühte Abendroth sich um eine Professur an der neu zu gründenden Hochschule für Arbeit, Wirtschaft und Politik in Wilhelmshaven. Es gab noch nicht die beiden deutschen Staaten, Annahme eines Rufes von einem Land in ein anderes (egal, ob SBZ oder eine Westzone) war legal. Am 11. Dezember 1948 erging an Abendroth die Mitteilung, daß er seine Lehrtätigkeit in Wilhelmshaven am 1. Januar 1949 aufnehmen könne.
Zwei Tage vor dieser Nachricht, am 9.12., aber wurde aus dem regulären Umzug doch eine Flucht. Ein Kurier des Ostbüros der SPD hatte Abendroth besucht (vielleicht wollte er den Mitgliedsbeitrag kassieren). Auf dem Rückweg wurde er verhaftet. In Abendroths Abwesenheit sprachen Ermittler in seiner Wohnung vor. Er entschied sich deshalb zur Flucht. In einem aus Bremen datierten Brief an die thüringische Ministerin für Volksbildung kritisierte er die Berlinpolitik der Sowjetunion sowie die Differenz zwischen Rechtstheorie und -praxis in der SBZ. Zugleich bekannte er sich zu den Grundsätzen der Oktoberrevolution.
Hier endet das Buch von Andreas Diers. Für die Zeit ab 1949 müßte ein anderes geschrieben werden. Hier wäre dann zu lesen, wie Abendroth bis zu seinem Tod (1985) immer wieder dagegen ankämpfen mußte, daß ihm der Boden unter den Füßen entglitt. Gewiß, er war Professor, erst in Wilhelmshaven, dann in Marburg. Aber die Organisationswelt der Weimarer Republik und der internationalen Arbeiterbewegung, in der er sozialisiert worden war, waren untergegangen. Das Poletariat bildete sich aus einer „Klasse für sich" zur „Klasse an sich" zurück.
Abendroth behalf sich mit einem Konstrukt und dem Versuch einer Rekonstruktion.
Das Konstrukt: im Grundgesetz von 1949 sei eine offene gesellschaftliche Situation abgebildet, die durch eine kampfstarke Arbeiterbewegung wiederhergestellt und genutzt werden könne.
Der Rekonstruktionsversuch aber galt dieser Arbeiterbewegung selbst. Wiedererweckung von Klassenbewusstsein: dies hielt Abendroth für seine Aufgabe als sozialistischer Intellektueller.
Allerdings gilt im Ergebnis für diesen Appell dasselbe wie für die interessengeleitete Reaktion der alten und neuen Eliten auf alle Versuche einer tatsächlichen Neuordnung nach 1945: Annahme verweigert. 1961 flog Abendroth endlich aus der SPD.
Zur Zeit sieht es ein wenig nach einer kleinen Renaissance für sein Werk aus. Richard Heigl hat gerade eine Dissertation über Abendroth 1948 - 1985 abgeschlossen. Friedrich-Martin Balzer brachte die zweite Auflage einer Bibliographie mit mehr als 1000 Titeln als CD-ROM heraus. Im Offizin Verlag beginnt eine Werkausgabe zu erscheinen.
Es gibt Anknüpfungspunkte. Abendroths Überlegungen zum Sozialstaat lohnen eine neue Lektüre in einem Moment, da dieses Gebilde von der Großen Koalition auseinandergenommen und entsprechend den veränderten Bedürfnissen des Kapitals neu zusammengesetzt wird. Vielleicht kann ja auch die Linkspartei etwas mit diesem Theoretiker anfangen.
Dies alles ist gut und schön, berührt aber nicht den Kern dessen, was Wolfgang Abendroth wirklich interessierte. Er war - in verschiedenen Organisationen, Funktionen und Umständen - ein revolutionärer Kommunist. Das ist eine Sache nicht von heute, sondern von übermorgen.
Diers, Andreas: Arbeiterbewegung - Demokratie - Staat. Wolfgang Abendroth. Leben und Werk 1906 - 1948. Hamburg: VSA-Verlag 2006. 619 Seiten.