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Bernd Huettner Geschichte (28.04.2006)
REZ.: Kritische Geschichte. Perspektiven und Positionen

Der Band ist als kritische Intervention in die Geschichtswissenschaft gemeint und sticht durch die Formulierung politischer Beweggründe heraus: >Wie kann eine Geschichtswissenschaft aussehen, die nach demokratischen Alternativen zu den kapitalistischen Produktions- und Lebensweisen fragt?< (7) Er geht auf die Tagung >Making History<, 2003 veranstaltet vom Arbeitskreis Kritische Geschichte zurück.

  von Gottfried Oy (Frankfurt/M)

Einer der Schwerpunkte ist die Geschichte neuer sozialer Bewegungen. Hüttner formuliert eine scharfe Kritik an deren Umgang mit der eigenen Geschichte, insbesondere der innerhalb der neuen sozialen Bewegungen agierenden radikalen, undogmatischen Linken. Deren Geschichtsschreibung habe einen eingeschränkten Blickwinkel und sei methodisch veraltet. Hüttner erinnert daran, dass Kultur und dissidenter Lebensstil zwar das ^Hinterland^^ seien, auf dem die neuen sozialen Bewegungen und die autonomen Bewegungen aufbauten, doch komme diese in den Geschichtsbüchern nicht vor. Es gebe Untersuchungen über das Trinkverhalten Hamburger Hafenarbeiter, eine historische Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwischen kollektiven Wohnformen und linksradikaler Politik ist indes bis heute ausgeblieben. Methodisch stehe die Geschichtsschreibung der (radikalen) Linken heute dort, >wo die Geschichtsschreibung über die Arbeiterbewegung vor 30 Jahren stand: vor ihrer Weiterentwicklung durch die Alltagsgeschichte, die oral history und andere verwandte Methoden< (120). Während innerhalb der Akademien soziale Bewegungen zu einem, wenn auch randständigen, Forschungsgegenstand unter anderen werden, fehle es außerakademisch an Ansätzen, die politische Fragestellungen mit methodisch und inhaltlich innovativen Ansätzen verbinden. -- Dem >Zusammenhang von Hegemoniebildung, sozialen Bewegungen und Geschichtsschreibung< (87) widmen sich Anja Ebersbach und Richard Heigl. Mit Gramsci verstehen sie Hegemonie als pädagogisches Verhältnis (87) und verweisen auf die Rolle von Historikern als ^Fachleute^^ für Identitätsstiftung und historische Veränderung in der kontinuierlichen Formierung von Hegemonie und Gegenhegemonie. Eine kritische Geschichte müsse historisch und soziologisch klären, wann Solidarität (nicht) zustande kam und sollte dazu beitragen, Hegemonieverhältnisse nicht mehr als Hierarchien, sondern als selbstbestimmte Verhältnisse zu gestalten(110). Mit Beispielen bürgerlich-demokratischer (Karl von Rotteck) und sozialistischer Geschichtsschreibung (Wolfgang Abendroth) wird auch der Wandel kritischer Geschichtsarbeit skizziert. Waren dort historische Lernprozesse noch als Frontalunterricht für Individuen angeordnet, so konzeptionierte Abendroth historische Analyse als Diskussion von Oppositionspolitik. Kritischer Geschichtsschreibung gehe es seit der Aufklärung um das Aufzeigen von Veränderlichkeit und gesellschaftlichen Widersprüchen, also >um die Vermittlung des durch menschliche Entscheidungen Geworden-Seins des nur scheinbar Selbstverständlichen< (109).

Marcel van der Linden diskutiert die Entwicklung der Sozialgeschichte, einer der avanciertesten Methoden, Kämpfen und sozialen Auseinandersetzungen jenseits von Partei, Staat und Institutionen nachzuspüren. Er übernimmt dabei eine Definition von Peter Stearns, nach der Sozialhistorikern insbesondere auf gesellschaftliche Gruppen achten, >die vom Machtzentrum weit entfernt< (134) seien. Während somit einer zunehmenden kulturellen Repräsentanz der Subalternen (Stuart Hall) Rechnung getragen wird, entpuppt sich die Sozialgeschichte allerdings auch als westlich borniert. Zwar haben die subaltern studies in Indien und die History-Workshop-Bewegung in Südafrika als exponierte Schulen des Südens auch Eingang in die Diskussionen im Norden gefunden, ansonsten herrscht aber eher Ignoranz vor. -- Peter Birke widmet sich den Spuren der Autonomie in sozialen Kämpfen. Anhand wilder Streiks, spontaner Arbeitsniederlegungen und anderer Formen der Verweigerung in der dänischen Industrie Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre entwickelt er die Geschichte des Begriffs Autonomie und der Forderung nach Wiederaneignung der Kontrolle über die eigenen Tätigkeiten und des eigenen Lebens -– eines der Essentials von ^68^^. Seine eigene historische Forschung ordnet er folgerichtig in die Auseinandersetzungen um Autonomie ein: Es gehe darum, an den >Auseinandersetzungen um diese Spuren [der Autonomie] teilzunehmen, im Bewusstsein, dass diese wertvoll sind, weil sie umkämpft sind und damit zerbrechlich, prekär und immer wieder vom Vergessen bedroht< (167).

Wolfgang Fritz Haug wendet sich gegen einen radikalen Konstruktivismus, dem er vorwirft, als unparteiisch aufzutreten und so unweigerlich zum Sprachrohr hegemonialer Kräfte zu werden. Er rekonstruiert die dialektische Subjekt-Objekt-Relation bei Marx. Mit einer Analyse von Max Weber, Walter Benjamin und Antonio Gramsci entwickelt Haug das untrennbare Verhältnis von Parteilichkeit und Objektivität.

Einen Einblick in die praktische politische Arbeit kritischer Historiker geben Ralph Klein, Regina Mentner und Stephan Stracke in ihrem Beitrag über die Kampagne >Angreifbare Traditionspflege< gegen die Leugnung der Kriegsverbrechen der 1. Gebirgsjägerdivision, einer Elitetruppe in Wehrmacht und Bundeswehr. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Nachkriegsgeschichte wie mit dem Unvermögen der Neuen Linken, Kriegsverbrecher nicht nur abstrakt moralisch zu verurteilen, sondern sich auch für deren juristische Verfolgung einzusetzen, mündet in eine politische Kampagne. In Unterstützung Überlebender von deutschen Gebirgsjägern u.a. in Norwegen, Frankreich, Jugoslawien und Griechenland verübten Kriegsverbrechen geht es darum, die, so Gebirgsjägerkamerad Edmund Stoiber, >unangreifbare Traditionspflege< der Elitetruppe angreifbar zu machen.

Heigl, Richard, Petra Ziegler, Philip Bauer (Hg.), Kritische Geschichte. Perspektiven und Positionen, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2005 (215 S., kt., 28 €)


Manuskript für eine Veröffentlichung in der Zeitschrift "Das Argument". Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.




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