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Henrik Lebuhn Kultur (27.02.2006)
Follow the Leader
"...EVIL!" Wie eine schwere Wolke hängt das Wort im Saal. Der Applaus brandet ohrenbetäubend. Das Publikum ist von den Sitzen aufgesprungen und klatscht ekstatisch. Ein Meer aus Krawatten, Halbglatzen, dunkelblauen Anzügen und konservativen Kostümen, dazwischen einige versprengte Uniformen und gelangweilte Kinder.
Dann wird die Leinwand schwarz und das Geschehen blendet aus. Das Wort 'Evil' bleibt in grossen Buchstaben an der Wand stehen. Sechs Männer und Frauen in merkwürdig steifen Anzügen aus braunem Packpapier mäandern durch den Raum. "Evil... evil... evil!" Immer wieder wiederholen sie das Wort und nicken zustimmend. Dann schütteln sie sich gegenseitig und den Zuschauern, die im Raum herumstehen, die Hände. Die Stimmung ist alles andere als locker: "So good to see you! So glad you made it! Its such a great speech! What do you think? Evil - that's so true! Isn' it? Evil..." Was das alles zu bedeuten hat, bleibt allen Anwesenden unklar.
Es ist Donnerstagabend im Yerba Buena Kunstmuseum von San Francisco. Die beiden Gruppen 'Instantcoffe' und 'The Royal Art Lodge' haben den Künstler Chris Sollars mit Freunden zu einem 'one-night-event' in ihre aktuelle Ausstellung 'Peer Pleasure' eingeladen. Das Motto der Veranstaltung: 'Follow the Leader'.
Nach einigen Minuten wird auch das Wort 'Evil' langsam ausgeblendet. Die Leinwand ist einen Moment lang komplett schwarz. Im Yerba Buena Museum herrscht eine unangenheme Stille. Die Blicke der sechs Papieranzugträger und ihrer Gäste sind halb verlegen unbd halb erwartungsvoll auf die Leinwand gerichtet. Jeder der Besucher wurde per Handschlag begrüßt und hat mit dem Hinweis "dresscode required" eine Papierkrawatte um den Hals gebunden bekommen. Etwa 40 Gäste haben ihren Weg zu 'Follow the Leader' gefunden. Auf der Leinwand wird nun wieder der große Saal eingeblendet. An einem Pult vor einer riesigen US-amerikanischen Flagge steht der Redner, doch ist er aus der Kameraperspektive schwer zu erkennen und seine technisch verzerrte Stimme kaum zu identifizieren.
"...Families!" Das Wort kommt völlig unvermittelt und aus dem Kontext gerissen. Offensichtlich ist es das letzte Wort, bevor der Redner eine kurze Pause einlegt und der Applaus im Saal auf der Leinwand erneut losbrandet. Auch die Papieranzugträger klatschen begeistert mit. Die Besucher im Yerba Buena Museum lassen sich davon gern anstecken. Einer der sechs Papieranzugprotagonisten, ein blonder Mann mit Brille und Schnurrbart, stelzt umständlich durch den Raum und legt seine Hand aufs Herz: "Families! That always touches me right here!" Inbrünstig umarmt er einen älteren Mann, der verlegen zur Seite schaut.
Eine junge Besucherin des Yerba Buena Museums kann sich kaum halten vor Lachen. Ihr Blick schweift hin und her zwischen der lächerlichen Veranstaltung auf der Leinwand und der lächerlichen Veranstaltung im Raum. Andere Zuschauer reagieren eher irritiert auf die sinnentleerten Wortfetzen, können sich jedoch nicht wirklich vom Geschehen losreißen. Wieder andere fragen, was das ganze eigentlich soll.
"...protection! Applaus...border! Applaus...security! Applaus...get! Applaus...freedom! Applaus...winning! Applaus...Washington, D.C! Applaus...strategy! Applaus...mission! Applaus...welcome! Applaus...humanity! Applaus...weapons! Applaus...Iran! Applaus...act! Applaus...again! Applaus...America!"
Nach genau 52 Minuten ist alles vorbei. Die Gruppe von Chris Sollars scheint mindestens ebenso froh zu sein wie ihre Gäste, das anstrengende Spektakel endlich hinter sich gebracht zu haben. Alle schütteln sich die Hände und umarmen sich erleichtert - auf der Leinwand wie im Yerba Buena Museum: "...so good you made it! Such an important speech! I am glad you could come!"
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Alison Pebworth, Mark Shunney, Chris Sollars, Jerome Waag: FOLLOW THE LEADER. Mit: Henrik Lebuhn und Megan Saperstein.
- Alison Pebworth: http://www.alisonpebworth.com
- Mark Shunny: http://markshunney.com/
- Chris Sollars: http://www.667shotwell.com
- Yerba Buena Center for the Arts: http://www.ybca.org
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PS: Am 31. Januar 2006 hielt George W. Bush in Washington, D.C., die alljährliche 'State of the Union Address'. Mit 52 Minuten Dauer war sie eine der längsten Reden, die Bush während seiner bisherigen Amtszeit gehalten hat. Im Internet steht sie als Volltext unter: http://www.whitehouse.gov/news/releases/2006/01/20060131-10.html
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