Sonst bräuchten wir keine Literatur

unterwegs verloren. Erinnerungen
by
Ruth Klüger
Publisher:
Zsolnay
Veröffentlicht 2008 in
Wien
Price:
19,90

 

Mit „unterwegs verloren" liegt nun das zweite Erinnerungsbuch der jüdischen Feministin Ruth Klüger vor.  

Ruth Klügers erstes Erinnerungsbuch „weiter leben" ist soeben bei der alljährlichen Wiener Gratisbuch-Aktion „Eine Stadt. Ein Buch" in einer 100.000er-Auflage verteilt worden. Klügers neue Veröffentlichung „unterwegs verloren. Erinnerungen", hätte sich dafür wohl weniger gut angeboten. Denn es ist „unerschütterliche Undankbarkeit", die sie darin als Kennzeichen ihres Verhältnis zu ihrer Geburtstadt nennt. Allerdings besteht auch nicht der geringste Grund zur Dankbarkeit. Klüger wurde als Mädchen aus Wien deportiert und überlebte vor ihrer Emigration in die USA die Lager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt. Österreichische  Preise, die ihr Jahrzehnte später verliehen wurden und Anlass für Besuche in der Stadt ihrer Eltern waren, ändern an solch einer Erfahrung verständlicherweise nichts. Doch bei Klügers späten Österreichreisen präsentierte sich ihr auch kein gewandeltes Wien. Das Gastsemester, das die Literaturwissenschaftlerin einer Einladung der Universität folgend 2003 hier verbringt, wiederholt die Ablehnung. „Niemand hieß mich bei meiner Ankunft willkommen, niemand sagte Dankeschön, als ich ging." Dazwischen Desinteresse und Respektlosigkeiten. 

Die Zumutungen des amerikanischen Universitätsbetrieb, die Klüger in ihrem nun vor allem der Zeit nach ihrer Emigration gewidmeten jüngsten Buch, schildert, unterscheiden sich jedoch auch nicht wesentlich von den Wiener Gepflogenheiten. Als Studentin wird ihr die Teilnahme an einem Seminar verweigert, nachdem der lehrende Altnazi ihre KZ-Nummer entdeckt hat. Als junge Wissenschaftlerin erlebt sie, dass selbst ehemalige Hitlerjungen auch an US-Unis eher Anstellungen finden als sie, später dann Ignoranz gegenüber ihrer Forschungsarbeit. 

„Bücher wie dieses hier werden in Rezensionen oft ‚erschütternd‘ genannt. Der Ausdruck bietet, ja, er biedert sich an," hatte Klüger in „weiter leben" höhnisch geschrieben. Die tiefe Erschütterung, die dieses frühere Buch tatsächlich hinterlässt, verdankt sich in erster Linie seiner präzisen, im Tonfall beispiellosen, beinahe nonchalanten Offenlegung des Grauens, die nahezu ungerührt wirkt. Während es dort gerade diese pathosfreie Distanz ist, durch die eindringliche Dokumentation gelingt, scheint die Aneinanderreihungen von Anwürfen in Klügers aktuellem Buch mitunter zu gehässiger Abrechnungsliteratur zu werden. Gerade weil es vor allem einzelne Menschen (hauptsächlich: Männer) sind, mit denen die jüdische Feministin ihre zahllosen sexistischen und antisemitischen Diskriminierungen abrechnet. So zum Beispiel in der von ihr geschilderten „Schmierfink-Affäre." Bei einem Abendessen wurde ihr der - urösterreichische - Vorwurf der Nestbeschmutzung an den Kopf geworfen, ihre Empörung über den traditionell antisemitischen Ausdruck „Schmierfink", mit dem sie dabei bedacht wurde, war den anderen unverständlich - als Einzelfall wurde das ganze abgetan. Das „Unbehagen in der Kultur" auf einzelne abwälzen, nennt Klüger diese weit verbreitete Strategie. Und genau diese Strategie droht man wohl erneut zu bedienen, würde man diese Schilderungen als kleinliche Empfindlichkeiten abwerten, statt sie als das zu interpretieren, wofür sie Klüger Exempel sind: ihr unüberwindbares Unbehagen in der Kultur eben. Zumal diese exemplarischen Analysen häufig von beeindruckender Klarheit und Klugheit sind und stets Allgemeingültiges über die Befindlichkeit des postnazistischen Österreich und Deutschland offenbaren. Wie ihr offener Brief an ihren Lebensfreund Martin Walser etwa, mit dem sie nicht nach seiner Rede in der Paulskirche bricht, sondern erst nach der Veröffentlichung seines Romans „Tod eines Kritikers": „Als eine Jüdin, die sich beruflich mit deutscher Literatur befasst und sich mit Dir und Deiner Familie befreundet glaubt, fühle ich mich von Deiner Darstellung eines Kritikers als jüdisches Scheusal betroffen, gekränkt, beleidigt. Du würdest sicherlich antworten: Aber du bist doch nicht gemeint, ich hab doch nichts gegen Juden, nur gegen diesen einen, illegitime Macht Ausübenden, der zufällig Jude ist. Doch der Zufall hat zwar einen Platz in der Wirklichkeit, aber nicht in der Literatur. Sonst bräuchten wir die Literatur gar nicht."

Und zugleich zeichnen sich diese Erzählungen überdies oft durch Klügers gewohnt lapidaren Witz aus - wie beispielsweise die Bilanz ihrer Ehe: „Der Mann hat's nicht bös gemeint, aber gut gemeint hat er's auch nicht."