Der Süden im Bilde
Call for Papers
CfP: Der Süden im Bilde
Wie in keiner anderen Epoche sind im Kontext der aktuellen Globalisierungsprozesse Erfahrungen, Wissen, Weltbilder massenmedial und kulturindustriell vermittelt. Von besonderer Bedeutung ist hierbei der wirklichkeitsstrukturierende Beitrag von Bildern, so dass nach dem linguistic turn bereits von einem visual turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften gesprochen wird. Die Konstruktion und Wahrnehmung (globaler) Weltbilder und die Inszenierung (identitäts)-politischer Konflikte ist von postkolonialen Machtstrukturen durchzogen. Der Zugang zu Mitteln der Kulturproduktion und -distribution regelt nicht nur Partizipations- und Gestaltungspotenziale von sozialen Gruppen, durch die aktuellen medientechnologischen Umbrüche verändern sich zudem Vorstellungen von öffentlichem Raum und identitären Gemeinschaften. Dies findet in einer fortschreitenden Transnationalisierung, der Ausbildung von globalen consumer identities und kosmopolitischen Identitäten seinen Ausdruck. Doch nicht nur globale Zusammenhänge, auch die Erfahrung von beispielsweise urbanen lokalen Räumen ist zunehmend medial vermittelt.
Die Produktion der Bilder, mit denen Wirklichkeit konstruiert wird, ist größten Tteils warenförmig organisiert. Bilder lassen sich verkaufen und Kultur ist eine Ressource, die von Medienkonzernen vermarktet wird. Dabei erscheint die Entwicklung der globalen Medien- und Kulturindustrie im Informationszeitalter paradox:
Einerseits ist die Produktion von Nachrichten, Filmen und Musik weltweit in den Händen immer weniger Konzerne konzentriert, die sowohl die technische Seite wie die Inhalte kontrollieren. Die Zentralen dieser Unternehmen sitzen in den USA, Westeuropa und Japan. Nur einige Kulturindustrien der Peripherie haben regionale- und Nischenmärkte besetzen können, wie Indiens Bollywood, Nigerias Nollywood und die Telenovelas aus Mexiko, Brasilien und Kolumbien.
Andererseits eröffnen die neuen digitalen Medien und Distributionskanäle, allen voran das Internet, neue Möglichkeiten, die es vielen kleinen Gruppen und Einzelpersonen erlauben, Gegeninformationen schnell weltweit zu verbreiten und globale Netzwerke von Gleichgesinnten aufzubauen. Mit relativ preiswerten Videokameras und Schnittcomputern entstehen no- und low-budget -Produktionen, die über das Internet und DVD-Straßenhändler Vverbreitunget findenwerden, zunehmend sogar ihren Weg auf internationale Filmfestivals finden.
Diese Ambivalenzen gilt es näher zu untersuchen. Der medientechnologische Wandel hin zu digitalen Produktionstechniken bewirkt trotz des weiterhin tiefen digital divide eine VerbreiterAusweitung medialer Produktions- und Partizipationsmöglichkeiten. Im Internet gibt es über Plattformen wie Youtube einen Boom autoethnographischer Repräsentationen, die mit relativ geringenm technologischenm Aufwand auch von Akteuren aus der "Dritten Welt" genutzt werden. Die jüngste, von CNN übertragene Debatte demokratischer Präsidentschaftskandidaten, zu der das Publikum in den USA über Youtube intervenieren konnte, mag andeuten, wie sich die Wahrnehmung auch von öffentlichen Räumen dadurch verändert. Allerdings sind Gratisdienste wie Youtube, die auch als Plattform zur Verbreitung alternativer Inhalte dienen, im Besitz von Großkonzernen. Nichtkommerzielle Alternativen wie Indymedia drohen dagegen ins Abseits zu geraten. Auch wer im unübersichtlichen Internet Gegeninformationen finden will, greift meist auf kommerzielle privat kontrollierte Suchdienste wie Google zurück.
Länder, die sich wie z.B. Indien, Argentinien, Mexiko, Brasilien, eine regionale Kulturproduktion erhalten haben, produzieren zunehmend global orientiert. In der Musikindustrie begann in den 1980er Jahren ein Paradigmenwechsel in der weltweiten Vermarktung lokaler Traditionen unter dem Stichwort "world music". Während Folklore noch versprach, die Zuhörenden mit exotischen Klängen in authentische in fremde Kulturen zu entführen, bringt world music lokale Tonfolgen in das Format marktgängiger Musikgenres, die universell verankert und von westlichen Hörgewohnheiten geprägt sind. Was die Musikindustrie begann, setzt sich im Filmbereich fort. War beispielsweise in der Hochzeit des "Neuen Lateinamerikanischen Kinos" (1960er bis 1980er Jahre) Film überwiegend ein Mittel der Reflexion und Agitation im Kontext lokaler und regionaler sozialer Kämpfe, so orientieren sich lateinamerikanische Produzenten seit den 1990er Jahren zunehmend auf internationale Koproduktionen, die durch die Verbindung von Genrekino und Lokalkolorit weltweit einen Markt finden. Auch Bollywood ist längst zu einer Marke für exotische Kitsch-Musical-Filme geworden, die weit über die Herkunftsregion hinaus Verbreitung finden. Erfahrungen aus ganz anderen Gesellschaften und Kulturen werden dabei lokal assimiliert und in neue Sinnzusammenhänge gestellt - man vermerke nur die erstaunliche Tatsache, dass in einer stark hinduistisch geprägten Lebenswelt spielende Bollywood -Love-Stories im muslimischen Norden Nigerias ein Millionenpublikum finden. Gleichzeitig regen derartige Exportproduktionen vielerorts zur Entwicklung eines eigenständigen, lokalen Filmschaffens an, das insbesondere die Möglichkeiten der Videoproduktion nutzt und den internationalen Produzenten in der Gunst des Publikums teilweise schon den Rang abläuft. Wie sich diese Spirale weiter drehen wird, ist völlig offen.
Für ein PERIPHERIE-Schwerpunktheft mit dem Titel "Der Süden im Bilde" erwarten wir uns empirische sowie theoretische Beiträge:
- zu lokalen Filmproduktionen (von Independent bis Bollywood) in Asien, Afrika, Lateinamerika
- zur Rezeption solcher Produktionen auf regionaler wie überregionaler Ebene
- zur Konstruktion und konfliktiven Aushandlung globaler Wirklichkeit im Medienbereich im Kontext der aktuellen Globalisierungsprozesse
- zur Vermittlung von lokalen und globalen Erfahrungsräumen im und durch Film
- zur Bedeutung der neuen digitalen Medien und Distributionskanälen für die Produktion und Verbreitung von Filmen
Redaktionsschluss: 16. 9 2008

