Öl und Bewusstseinswandel. Amerika nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko

Am 20. April 2010 explodierte und sank die Bohrinsel „Deepwater Horizon“ 80 km vor der amerikanischen Küste südlich von Louisiana. Dabei kamen elf Menschen ums Leben, 23 wurden verletzt. Danach flossen bis zur Abdichtung des Lecks zwischen dem 4. und 6. August 2010 täglich zwischen 7 und 8,5 Millionen Liter Erdöl  ins Meer, nach vorsichtigen Schätzungen insgesamt 780 Millionen Liter. Das entspricht in etwa einer Ölmenge, die ausgetreten wäre, wenn sich eine Tankerkatastrophe wie die bisher größte, die der „Exxon Valdez“ im Jahr 1994, über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten alle viereinhalb Tage wiederholt hätte. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass das Leck auch nach seiner Abdichtung und zusätzlichen Entlastungsbohrungen zur Stabilisierung der Versiegelung noch Jahre lang Probleme bereiten könnte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Quell- und Entlastungsbohrungen bis zu 4.000 m unter den Meeresboden reichen und Abdichtungen noch nie in so großer Tiefe vorgenommen wurden.1 Voraussichtlich werden sich auch noch in Jahren Rückstände an Öl und Bekämpfungschemikalien im Meer befinden, die Fauna und Flora schädigen.2 Das massive Fische- und Artensterben an der Golfmündung des Mississippi mit Millionen toter Fische innerhalb weniger Tage im September 2010 – also mehr als einen Monat nach der Erstabdichtung des Lecks – könnte davon ein Vorbote gewesen sein (Jiménez 2010). Im schlimmsten Fall wird zumindest zeitweise und lokal aus dem brüchigen Grund des Ölfeldes 1.500 m unter der Wasseroberfläche – also in völliger und ununterbrochener Dunkelheit, in der flächendeckende Kontrollen nur schwer dauerhaft möglich sind – immer wieder Öl austreten, auch wenn es nach Angaben der Haupt-Betreiberfirma British Petrol (BP) und der US-Behörden bis zum 5. September 2010 gelang, den Ölaustritt dauerhaft zu stoppen und das Leck stabil abzudichten.3 Überraschenden Erfolgen bei der Säuberung des Meeres stehen Anfang 2011 negative Einschätzungen der langfristigen Folgen für Umwelt4 und Wirtschaft (vgl. Jakob 2010) gegenüber.

Das Ölleck im Golf von Mexiko war die größte Ölkatastrophe der Geschichte; es war zugleich die größte Umweltkatastrophe der USA seit deren Gründung. Da sie als solche ein historisches Symptomereignis des vergangenen Jahres mit kulturpsychologischen Wirkungen weit in die kommenden Jahre hinein war, lohnt ein Blick auf die Hintergründe und Folgen der Katastrophe. Vor allem der Bewusstseinswandel, der durch die Katastrophe im öffentlichen Diskurs der USA ausgelöst wurde, könnte in den kommenden Jahren für Politik und Gesellschaft bedeutend werden.

 

Eine Katastrophe und ihre psychologischen Folgen

Die Ölkatastrophe hat, was im Hinblick auf den globalen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel wichtig ist, auf dem nordamerikanischen Kontinent einen Bewusstseinswandel ausgelöst, der in der neueren Geschichte seinesgleichen sucht und dessen volle Auswirkungen noch kaum abzusehen sind. Laut einer Umfrage der renommierten Agentur „Gallup“ vom 27. Mai 2010 veränderte sie die Sichtweise der US-Amerikaner auf Fragen des Umweltschutzes und generell auf den Umgang mit der Natur und mit Ressourcen. Eine Mehrheit der US-Bevölkerung spricht sich nun – zum ersten Mal in der mehr als 230jährigen Geschichte des Landes – für einen staatlichen Schutz der natürlichen Umwelt und gegen die weitere Erschließung von Naturressourcen aus. Und dies trotz der Tatsache, dass die USA aufgrund von fehlgeleiteten Politiken und Überkonsum seit Jahren an einer Unterversorgung mit natürlichen Ressourcen leidet, die u.a. zu einer notorischen Knappheit von Elektrizität und wiederholten Ausfällen der Stromversorgung in ganzen Bundesstaaten (zum Beispiel Kalifornien) führen. Bei Gallup heißt es dazu:

„Zwischen März und Mai 2011 hat sich im Rahmen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko die Priorität der Amerikanerinnen und Amerikaner verändert: Vor die Wahl zwischen Umweltschutz und Energieproduktion gestellt, würden die Amerikaner heute, im Gegensatz zur früheren Ressourcen-Vorliebe, eine stärkere Umwelt-Präferenz wählen“ (Jones 2010).

„Noch im März 2010 sagten 50 Prozent gegenüber 43 Prozent der Amerikaner, dass es wichtiger sei, die Energieversorgung weiterzuentwickeln, als die Umwelt zu schützen. Diese Meinung war ein allgemeiner Trend seit 2007. Nun, im Gefolge der Ölkatastrophe, sagt die Mehrheit – 55 Prozent gegenüber 39 Prozent –, es sei wichtiger, die Umwelt zu schützen: das erste Mal seit mehr als einem Jahrzehnt“ (Jones 2010). Eine Mehrheit der Amerikaner sieht die Ölkatastrophe mittlerweile offenbar sogar als eine Chance, das Umwelt- und Konsumverhalten in den USA nachhaltig zu verändern. Insofern, so u.a. eine Erhebung des New Yorker „Time Magazin“, ist die Mehrheit der Amerikaner davon überzeugt, dass die Ölkatastrophe letztlich eine positive kulturelle Bedeutung für die Zukunft des Landes gehabt haben könnte (Walsh 2010).

Wenig überraschend ist, dass diese Meinung bei Wählern der Demokraten, also der nach amerikanischen Maßstäben Mitte-Links-Wählerschaft, weit ausgeprägter ist als bei den Mitte-Rechts-Wählern der Republikaner. Während demokratische Wähler bereits vor der Ölkatastrophe mehrheitlich Umweltschutz gegenüber Ressourcenerschließung bevorzugten, und zwar nicht zuletzt im Gefolge früherer Ölkatastrophen wie etwa derjenigen von Santa Barbara im Jahr 1969, haben republikanische Wähler auch nach der Ölkatastrophe ihre Meinung nicht geändert: Sie bevorzugen die Ausbeutung von Ressourcen gegenüber dem Umweltschutz nach wie vor im Verhältnis 2:1. Wichtig ist jedoch der Meinungswandel der unabhängigen Wechselwähler: Während noch im März 2010 die Mehrheit von ihnen mit den Republikanern war, ist nach der Katastrophe eine klare Mehrheit mit den Demokraten (Jones 2010).

„Die Bewusstseinsveränderung der Amerikaner zeigt sich auch in einer weiteren Frage, nämlich in der Wahl zwischen Umwelt und wirtschaftlichem Wachstum. Nach der Ölkatastrophe ist hier die Meinung zugunsten der Umwelt gekippt, mit 50 Prozent zu 43 Prozent, also mit 7 Prozentpunkten Abstand. Nur einen Monat vor der Ölkatastrophe bevorzugte noch eine 15prozentige Mehrheit der Amerikaner, nämlich 53 Prozent zu 38 Prozent, Wirtschaftswachstum auch um den Preis der Umweltschädigung. Sogar eine kleine Anzahl der Republikaner hat sich in dieser Frage mittlerweile in Richtung Umwelt bewegt“ (Jones 2010).

Obwohl sich bei derartigen Erhebungen natürlich die Frage stellt, ob es sich nur um kurzfristige Stimmungsänderungen handelt oder ob sich daraus eine nachhaltige Bewusstseinsveränderung ablesen lässt, sind diese Daten doch zumindest an amerikanischen Maßstäben – insbesondere an deren Kultur- und Konsumpraktiken der vergangenen 40 Jahre – gemessen erstaunlich. Das zeigt sich an einer weiteren Erhebung, dem Rasmussen Report des US-Statistik-Instituts vom Juni 2010 zur Abhängigkeit der USA von Ressourcen und zur Frage der erneuerbaren Energien, der grundsätzlicher ausgerichtet ist:

„Die Erhebung ergab, dass im Gefolge der Ölkatastrophe 73 Prozent der erwachsenen Amerikaner glauben, dass es wichtig für die Vereinigten Staaten ist, ihre Abhängigkeit von Öl und nicht-erneuerbaren Energien insgesamt drastisch zu senken. 73 Prozent sagen, das sei zumindest bis zu einem gewissen Grad wichtig, während 42 Prozent sagen, dies sei sehr wichtig. Nur 23 Prozent sagen heute noch, das sei nicht wichtig. Betreffend die entsprechenden Regierungspolitiken sagen 41 Prozent der erwachsenen Bevölkerung heute, die Regierung solle Maßnahmen ergreifen, um den Verbrauch von Öl schwieriger und teurer zu machen und den Gebrauch alternativer Energien zu fördern. 43 Prozent glauben, dass die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko wahrscheinlich die Abhängigkeit der USA von Öl und nicht-erneuerbaren Energien in der nahen Zukunft verändern wird. Darunter sind 54 Prozent  der befragten Frauen. Offenbar hat die BP-Ölkatastrophe ganz klar die öffentliche Meinung der USA über die Umwelt verändert. Amerikaner im ganzen Land sind wütend über das Desaster, und diesmal nicht nur die Umweltschützer, sondern große Teile der Bevölkerung“ (Kaiser 2010).5

Obwohl zugleich eine Mehrheit nach wie vor der Meinung ist, dass Ölförderung vor den Küsten für die Energieversorgung des Landes vital bleibt und auch weiterhin erlaubt sein sollte, erklären „mittlerweile 48 Prozent der US-Bürger, dass sie sich in den nächsten 10 Jahren wahrscheinlich ein Auto mit erneuerbarem Energieantrieb kaufen werden. Und 63 Prozent sagen, dass die Investition in erneuerbare Energien wie Sonnen- und Windenergie die bessere Strategie für Amerika ist, verglichen mit der Investition in den Ausbau der Ölförderung und der traditionellen Energien“ (Kaiser 2010).

 

Öl am Überschneidungspunkt sozioökonomischer und kultureller Hintergründe

Dieser Meinungsumschwung ist umso erstaunlicher, wenn man den politischen Rechtsrutsch während der ersten zwei Amtsjahre Barack Obamas berücksichtigt, darunter den „neuen Kulturkampf“ um die Weltanschauungshoheit zwischen Republikanern und Demokraten (vgl. Benedikter 2010a) sowie den erdrutschartigen Sieg der Republikaner bei den „midterm elections“ vom November 2010. „Midterm elections“ sind „Zwischenwahlen“, die nach der Hälfte der Amtszeit eines jeden US-Präsidenten abgehalten werden und bei denen ein Drittel aller Parlamentarier neu gewählt werden, um der Bevölkerung eine Antwort auf die Politik des Präsidenten in Form einer Stärkung oder Schwächung der Opposition zu ermöglichen. Diese fanden noch ganz unter dem Eindruck der Ölkatastrophe statt, deren politische Handhabung Obama sehr schadete und entscheidend mit zu seiner Niederlage beitrug. Wie die genannten Erhebungen zum Bewusstseinswandel zeigen, unterscheiden die Amerikaner jedoch offenbar sehr genau zwischen politischer Verantwortung (und entsprechenden „Denkzetteln“ für Politiker) und den mittel- und langfristigen Anforderungen des Landes. Letzteres hat, und dies ist vielleicht die erstaunlichste Folge der Ölkatastrophe, dazu beigetragen, dass die Mehrheit der Amerikaner mittlerweile erkennt, dass es letztlich ihr Kultur- und Lebensstil ist, der die Katastrophe heraufbeschworen hat – und dass es daher in den kommenden Jahren weniger auf einen administrativen und sicherheitspolitischen, als vielmehr auf einen grundsätzlichen kulturellen und soziopolitischen Wandel ankommt.

In der Tat ist die Leitressource Öl entscheidend mit der Geschichte der USA und damit zugleich mit der Geschichte des modernen Merkantilismus, des modernen Kapitalismus und des modernen Materialismus verbunden – deren gemeinsames Wahrzeichen, ja Inbegriff seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht nur der einflussreichste italienische Dichter des 20. Jahrhunderts, Pier Paolo Pasolini (1922-1975), war der Ansicht, dass im „Petrolium“ alle Stränge der Neuzeit zusammenlaufen und ihre mit Abstand wichtigste symbolische Verdichtung erfahren: Von den Problemen des Kapitalismus und der Arbeitsteilung bis zur sozialen Ungleichheit; von den Chancen und Abgründen des (politisch Herrschaft asymmetrisch ausübenden) Imperialismus bis hin zum geographischen Nord-Süd-Gefälle des (nun ökonomisch Herrschaft asymmetrisch ausübenden) Postimperialismus; von der ursprünglichen Abhängigkeit von der Natur bis hin zur selbstzerstörerischen Ausbeutung der Natur im Spätkapitalismus; von der Modernisierungsideologie bis hin zum Festhalten am Althergebrachten, das dieser Ideologie paradoxerweise allzu oft zugrunde liegt: dem „Klebrigen“, „Rußig-Schwarzen“ einer hierarchisch und in Abhängigkeitsverhältnissen organisierten (Welt-)Gesellschaft und ihrer (im nur allzu wörtlichen Sinn) „zähen“ Vergangenheits-Anhaftung. Pasolini ging in seinem Spätwerk sogar so weit, das „Erdöl“ als das Symbol der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schlechthin zu erkennen, an dem sich die gesamte aufgeklärt-moderne Gesellschaft der westlichen Welt in ihrer „Stoffeigenschaft“ finden, analysieren und perspektivieren ließe – ein Symbol allerdings, das nicht für eine Zukunft, sondern für ein nahes „Ende der bisherigen Welt“ stehe. Für das Ende jedenfalls derjenigen Welt, die wir bisher kannten, und die sich nun aus ihren eigenen Unmöglichkeiten und existentiellen Widersprüchen heraus selbst zu unterminieren beginne.6 Pasolini fand dies so wichtig, dass er mit wenig mehr als 50 Jahren (1972) ankündigte, er werde im nächsten Jahrzehnt, vermutlich sogar bis zu seinem Tod, an nur noch einem einzigen Werk arbeiten – an dem Roman „Petrolium“, welcher die Phänomenologie eines unausweichlichen „Endes einer Welt“ aus seiner eigenen Logik heraus sowie dessen daraus erwachsende „Verwandlung in einen Neuanfang“ beinhalte.

In Anbetracht der amerikanischen Ölkatastrophe von 2010 erstanden für viele europäische Intellektuelle zentrale Ideologeme dieser Grundanschauung von „Öl“ neu. In jedem Fall schien die Katastrophe für die USA in der Tat „das Ende einer Welt“ einzustimmen – zumindest jener Welt, die die meisten Amerikaner bis dahin gekannt hatten.

 

Kulturpsychologische Veränderung mittels symbolischer Symptomereignisse

Dieses „Ende einer Welt“ kam für die Amerikaner ebenso überraschend wie hartnäckig. Und es folgte in seiner allmählichen Einprägung in die kulturelle Breiten-Psyche der USA einer Gesetzmäßigkeit sozialer Veränderung mittels symbolischer Symptomereignisse, die u.a. der französische Philosoph Gilles Deleuze (1925-1995) aufgezeigt hat. Deleuze hat darauf hingewiesen, dass sich öffentliche Bewußtseinshaltungen nicht aufgrund der Einmaligkeit von besonderen Ereignissen ins kollektive Bewusstsein einprägen (wie die klassische Soziographie und Historiographie glaubte), sondern mittels des Prinzips „Differenz und Wiederholung“ (Deleuze 2007; vgl. Benedikter 1999), genauer: mittels „Wiederholung desselben in Formdifferenz“. Erst indem sich dasselbe Symbolereignis mehrfach (Wiederholung) in verschiedenen Erscheinungsformen (Differenz) verwandt ereignet, beginnt es, das kollektive Bewusstsein in dessen bewussten und vor allem unbewussten Tiefendimensionen zu verändern. In diesem Sinn war die Ölkatastrophe ein Impuls zu sozialer Veränderung mittels der „differenzierten Wiederholung“ ein- und desselben zivilisatorischen Signalereignisses – mit Wirkung auf das kollektive Bewusstsein, aber sicher noch mehr auf das kollektive Unbewusste der USA, und damit auch auf Amerikas verinnerlichte Ideale, wie sie konzentriert sind im „amerikanischen Traum“. Denn was geschah zwischen April und September 2010?

Die Ölkatastrophe war nicht nur ein einmaliges Ereignis. Vielmehr erstreckte sich ihre Logik der „Wiederholung mittels Differenz“ über fast fünf Monate. Dazu trug bei, dass zahlreiche Versuche zur Eindämmung des Lecks immer wieder scheiterten. Die endgültige Versiegelung der Quelle wurde immer wieder neu verschoben und der Betreiber der Plattform änderte immer wieder den Zeitplan. Bis zu den ersten Erfolgen im Juli 2010 bedeckte der Ölteppich bereits ein Gebiet in der Größe von Deutschland. Er erreichte im Juli 2010 den westlich angrenzenden Küstenstaat Texas, überschritt den Kern-Golfbereich gleichzeitig auch nach Osten hin und erreichte Florida und den Golfstrom. Er machte damit im Prinzip auch Europa für Rückstände erreichbar.7

Unter dem Druck der zunehmend besorgten öffentlichen Meinung gerieten BP und die US-Regierung zeitweise in so große die Verzweiflung, ja Panik, dass der ernst gemeinte Vorschlag, eine Atombombe zu zünden, um das Leck „zuzuschmelzen“, wochenlang öffentlich diskutiert wurde – und das 40 Jahre nach Einsicht der ersten Mondfahrer in die Verletzlichkeit des blauen Planeten! Spätestens zu diesem Zeitpunkt wachte die amerikanische Öffentlichkeit auf, und mit ihr der einfache Durchschnittsamerikaner, für den Autofahren und billiges Benzin angesichts der Ausmaße des Landes in den vergangenen 60 Jahren so normal gewesen sind wie das tägliche Brot. Die Tatsache der bloßen Diskussion über eine Atombombenzündung in Nähe der US-Küste zeigt, welch außerordentlicher Schwellenpunkt erreicht war und bis zu welchem Punkt die utilitaristische Mentalität der führenden US-Persönlichkeiten im Umgang mit der Natur reichte. Viele Amerikaner fühlten sich wie in einem Traum – so sehr waren sie vor den Kopf gestoßen.

Ein weiterer Aufsehen erregender Punkt in der Entwicklung war drei Monate nach der Katastrophe erreicht. Das Bohrloch war Anfang Juli zeitweise abgedeckt, als aus der umgebenden Region des Meeresgrundes die Erde „Öl zu bluten“ begann, wie es die Religiösen und Konservativen in den USA wahrnahmen und begrifflich fassten. Damit erreichte die öffentliche Symbolik eschatologische und religiöse Ausmaße. Diese sind in den USA bei Symbolereignissen besonders bedeutsam, da die überwiegende Mehrheit der Amerikaner in verschiedenen Abstufungen religiös ist und ohne Berührung dieser Dimension kaum größere Veränderungen in der allgemeinen Bewußtseinshaltung möglich sind. Bis Anfang Juli hatten die Religiös-Konservativen auch angesichts des Ölteppichs und seiner Zerstörungen noch laut einem Bibelwort darauf beharrt, „der Mensch müsse sich die Erde untertan machen und ihre Früchte ernten“. Das heißt, der Mensch habe ein Recht auf die Schädigung der Natur zum eigenen Vorteil, und das Ölleck ändere daher nichts Grundsätzliches am Ressourcenverbrauch und an der Naturbeziehung der USA als „Gottes eigener Nation“. Als jedoch die Erde „Öl zu bluten“ begann, deuteten dies eben jene religiösen Kreise als eine Art Kreuzigung der Erde – zur tiefen Erschütterung der amerikanischen Öffentlichkeit, auch der säkularen. Man betete für ein Gelingen der Abdichtung, ja sogar für das ausströmende Öl, um es zu besänftigen. Nicht wenige begannen, das übermäßig ausströmende „Geschenk Gottes“ als eine Art „Vergeltung“ für überzogenen Ressourcenverbrauch anzusehen – als ein Zeichen, dass es wie bisher nicht mehr weitergehe und eine Transformation mittels einer regelrechten Transfiguration bevorstehe.

Zu dieser „Transfiguration“ zählten später viele Amerikaner auch die überraschende Entdeckung vom August 2010, dass sich der Ölteppich mithilfe einer bisher unbekannten Mikrobenart schneller abbaue als erwartet: „Eine bisher unbekannte Mikrobenart könnte die gewaltigen Öl-Schwaden, die in rund 1100 Metern Meerestiefe gefunden wurden, bereits komplett abgebaut haben, hieß es in einer vom Fachjournal ‚Science’ veröffentlichten Untersuchung. Die auf den Öl-Konsum spezialisierten Bakterien seien erstaunlich effektiv... Nach dem Untergang der BP-Bohrinsel ‚Deepwater Horizon’ hatten Forscher im Juni eine rund 35 Kilometer lange Wolke aus kleinen Öl-Tröpfchen entdeckt. Die neu entdeckte Mikrobenart verwendet beim Fressen des Öls kaum Sauerstoff... die Bakterien sind in ungewöhnlich großer Menge in den Schwaden aufgetreten. Bei dem Tempo, in dem sie das Öl zersetzten, könnte die Öl-Wolke schon bald verschwunden sein, schreiben die Wissenschaftler – allerdings sei das nicht sicher und müsse noch überprüft werden“.8 Man muss kein Feind von Science Fiction sein, um – wie die Mehrheit der Amerikaner – solche Entdeckungen mit gemischten Gefühlen zu begleiten.

Die Art, wie in den USA im öffentlichen Diskurs mit dem Desaster umgegangen wurde, geriet angesichts der Dauer der Katastrophe sowie im Gefolge der genannten proto-religiösen und futurologischen Einschübe ebenso widersprüchlich wie zum Teil hollywood-reif. Vor allem aber war sie ungewöhnlich reich an kulturellen Anspielungen. So setzte der Schauspieler Kevin Kostner mit viel öffentlichem Glamour im Gefolge einer offiziellen Anhörung im US-Kongress eine von ihm patentierte neuartige Maschine zur Ölabsaugung und zur Trennung von Öl und Wasser ein – auch letzteres eine (proto-)religiöse Anspielung wider Willen. Kostner hatte das Patent im Gefolge seines Films „Waterworld“ (1995) entwickelt, der in einer apokalyptischen Zukunft spielt, in welcher die Pole abgeschmolzen sind und die Welt fast vollständig von Wasser bedeckt ist. Die Idee kam ihm, als die Filmarbeiten die Meereswelt beschädigten. Daneben wurde – ebenfalls mit viel öffentlichem Aufsehen – das größte Arbeitsschiff der Welt, „A Whale“, dazu bestimmt, das ausgetretene Öl aufzunehmen. Dabei hätte dieses Schiff eigentlich gar nicht vor der US-Küste arbeiten dürfen, da geltende US-Gesetze fremden Schiffen das Operieren in Küstennähe untersagen. Anfang Juli 2010 hieß es: „In A Whale werden große Hoffnungen gesetzt: Das Schiff von der Größe von vier Fußballfeldern soll täglich bis zu 80 Millionen Liter ölverschmutztes Wasser aufsaugen und reinigen können; fast so viel, wie alle anderen Schiffe zusammen in zehn Wochen säuberten“.9 Auch diese Meldungen elektrisierten die amerikanische Öffentlichkeit aufgrund ihrer symbolischen Signal-Bezüge: Geltende Gesetze – in welche Amerikaner im allgemeinen aufgrund ihres positiven, ja emphatischen Nationenbegriffs viel größeres Vertrauen setzen als Europäer – erwiesen sich als ungeeignet, ja hinderlich. Hollywoodstars mussten Phantasiemaschinen aus apokalyptischen Filmen einsetzen – so schlimm war die Lage. Im Gefolge der „Moby-Dick“-Assoziation (Melville 2009), welche für das moderne amerikanische Identitätsbewusstsein und seine Symbolik der Tiefenambivalenz von „gut“ und „böse“ überaus bedeutsam ist und tief in die Alltagskultur insbesondere der Westküste eingeprägt bleibt, erneuerte schließlich die Metapher des fremden, riesigen „Wals“, der helfen müsse, das Unglück wieder gutzumachen, die religiöse Metaphorik (Jonas und der Wal) bis zu einem Punkt, der für viele gläubige Menschen die Grenzen der Spannung erreichte.

Doch der kultur- und sozialanthropologischen Bezüge war damit noch kein Ende. Wochenlang wurde in US-Boulevardzeitungen darüber diskutiert, dass – und warum – das Leck ausgerechnet im Ölfeld „Macondo“ lag. Denn „der Name Macondo bezieht sich auf eine Phantasiestadt, in welcher der (in den USA populäre, R.B.) Roman ‚Hundert Jahre Einsamkeit’ von Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez spielt. Ölfördernde Unternehmen vergeben häufig Codenamen, welche den genauen Fundort nicht verraten und einprägsamer sind als technische Bezeichnungen oder Koordinaten“.10 Besser als mit „hundert Jahre Einsamkeit“ hätte man die Hilflosigkeit der meisten Amerikaner angesichts der nicht enden wollenden Reihe gescheiterter Abdichtungs- und Säuberungsversuche und der zum Teil phantastischen Vorgänge vor ihren Küsten nicht beschreiben können. Das geflügelte Wort „hundert Jahre Einsamkeit“ wurde aber 2010 auch zum Synonym für eine Hochrisiko-Ölförderung, die sich ganz offensichtlich von der Bevölkerung und ihrer Regierung abgekoppelt hatte und völlig selbstständig ohne Rücksicht auf andere ihren Geschäften weit draußen im Meer „einsam“ nachzugehen schien. Millionen Amerikanern wurde erst durch das Nachdenken über den literarischen Sinnbezug deutlich, welche Diskrepanz sich zwischen der strukturellen Unabhängigkeit und sozialen Regellosigkeit des „neoliberalen“ Wirtschaftsgebarens und dem gesellschaftlichen Allgemeinwohl in den Bush-Jahren 2001-2009 mit ihrer radikalen Deregulierung aufgetan hatte – und zwar nun erstmals auch den Konservativen und den oppositionellen „Republikanern“.

Es waren nicht zuletzt diese Bezüge mittels „Differenz und Wiederholung“, die die Wut und Sorge vieler Amerikaner schrittweise anstachelten – nun zunehmend auch jener schweigenden Mehrheit, welche seit den 1960er Jahren gewohnt war, Umweltkatastrophen angesichts der Größe der amerikanischen Landmasse als wenig belangvoll oder aber als notwendige, temporäre Nebenwirkungen des „guten Lebens“ anzusehen. Erst mit der Ölkatastrophe setzte in den USA der Nach-Bush-Ära eine breitere und rapide Bewusstwerdung darüber ein, was im Verhältnis zwischen Wirtschaft, Natur und gesellschaftlichem Allgemeinwohl vorging, welche ungelösten Probleme die Bush-Administration hinterlassen hat, und dass es sich dabei nicht nur um etwas Äußerliches, sondern um ein zentrales Problem von grundsätzlichen Dimensionen für Amerika und seine Zukunft handle.

Es war daher eine Ironie der Geschichte, dass genau zu dem Zeitpunkt, als sich dieses Bewusstsein unter dem Eindruck der Katastrophe in der amerikanischen Öffentlichkeit zu entwickeln begann, zwei weitere, subtil unterbewusst wirksame „Wiederholungen mittels Differenz“ gewissermaßen noch eine Betonung auf die Grundsatzbedeutung der Vorgänge draufsetzten. Anfang August 2010 ereignete sich eine in mancherlei Hinsicht vergleichbare Ölpest in China, welche eine ganze Stadt verwüstete und zahlreiche Tote forderte. Diese Katastrophe wurde in ihren Analogien in den USA, die unter Obama bereits weniger in den Atlantik, als vielmehr in den Pazifik hinein, nämlich auf die künftige Kooperation und Konkurrenz mit der neuen Weltmacht China orientiert sind, viel stärker wahrgenommen als in Europa (vgl. Benedikter 2009 u. 2010a). „Mit ungeheurer Wucht explodierten am 16. Juli 2010 zwei Ölpipelines in der Hafenstadt Dalian am Gelben Meer, rund 800 Kilometer östlich von Peking. Das Unglück geschah bei der Entschwefelung von Rohöl. 15 Stunden brauchte die Feuerwehr zum Löschen – die Stadt versank unter dichten Rauchschwaden. Nur mit Atemmasken und schweren Schutzanzügen konnten die Feuerwehrleute auf der Unglücksstelle arbeiten. Bei der Explosion liefen etwa 1,5 Millionen Liter Rohöl ins Meer, nach Schätzungen der New York Times eine der größten Ölkatastrophen Chinas in den vergangenen Jahren“.11 Doch damit nicht genug. Anfang September, als das BP-Leck gerade abgedichtet war, ereignete sich eine beinahe identische Explosion bei einer zweiten Ölplattform vor der US-Südküste nur wenige hundert Kilometer westlich der „Deepwater Horizon“. Auch wenn diesmal nur vergleichsweise wenig Öl austrat, war die Wahrnehmung dieses „Duplikatsereignisses“ seitens der amerikanischen Öffentlichkeit übergroß. Die zweifache neue „Wiederkehr“ des Öls im Osten und im Golf von Mexiko verankerte das Trauma der Katastrophe und das Nachdenken über grundsätzliche Zusammenhänge zwischen Öl, Technologie, Kapitalismus, erneuerbaren Energien, Umweltschutz und Zukunft weiter im öffentlichen Bewusstsein.

 

Innenpolitische Wirkungen

Der aus alledem mittels „Differenz und Wiederholung“ nicht mehr nur einfach, sondern nun „geschichtet“ erwachsende kollektive Veränderungsimpuls zeitigte zusammenfassend Wirkungen nicht nur ökonomischer, sondern auch politischer und kultureller Art. Denn er erzwang politische Reaktionen ebenso, wie er bestehende Verhältnisse verbildlichte – und zwar nicht nur im Hinblick auf die Stopfung des Lecks und die Säuberung der US-Golfregion, sondern auch bezüglich der Möglichkeit tiefer gehender diskursiver und begrifflicher Veränderungen in Umweltfragen.

Unter diesen Effekten war einerseits eine folgenreiche Begriffsveränderung zu vernehmen: Erdöl wurde in der US-Öffentlichkeit vom „schwarzen Gold“ zum „schwarzen Gift“, und vom „Ölsegen“ zur „Ölpest“. Der pejorative Dauergebrauch dieser neuen Begriffsassoziationen im Gefolge der Katastrophe scheint bis heute die prinzipielle Wahrnehmung des Erdöls von „uneingeschränkt positiv“ über „zweifelhaft“ bis zu „ersetzungsbedürftig“ zu verändern – auch wenn unklar ist, ob der Durchschnitts­amerikaner dabei nur an den Rohstoff Erdöl oder auch an seine wirtschaftlich und kulturell breitenrelevanten Derivate wie Landnahme und Landverbrauch, Treibstoff oder Plastik denkt, was der eigentlich entscheidende Punkt wäre, um Verhalten im konkreten Alltag der Lebensführung zu verändern! Und auch, wenn die Frage offen ist, wie lange diese negativen Begriffsassoziationen im Gebrauch bleiben werden ob sie sich also als dauerhaft bis zum voraussichtlichen „Ende des Öls“ in etwa 30-50 Jahren erweisen werden, oder ob sie nur eine Tages- oder Jahreserscheinung sind.

Der realpolitische Effekt jedenfalls waren Verbote von Tiefsee-Ölbohrungen in den USA und Europa, sog. „Ölmoratorien“. „Angesichts der Ölkatastrophe forderte die EU-Kommission einen Stopp für Tiefsee-Bohrungen in der Nordsee. EU-Energiekommissar Günther Oettinger rief die Mitgliedsstaaten dazu auf, für europäische Gewässer neue Bohrungen unter extremen Bedingungen vorerst nicht mehr zu genehmigen. Umweltschützer fordern ein Verbot für alle Bohrungen unterhalb von 200 Metern Tiefe. Einen Grenzwert will Oettinger aber nicht festlegen. US-Präsident Barack Obama hat bereits einen befristeten Bohrstopp verkündet. Ein halbes Jahr lang (bis Ende November 2010, R.B.) durften in Tiefsee-Gewässern vor den US-Küsten keine neuen Probebohrungen gemacht werden. Mit diesem Vorstoß scheiterte Obama allerdings bereits zwei Mal vor Gericht, so dass sein Innenministerium mehrere Neufassungen des Moratoriums entwerfen musste“.12

Allerdings besteht auch in diesen – zumindest vorläufigen – realpolitischen Effekten eine verborgene Ironie, die zwar vielen Amerikanern sehr wohl, den meisten europäischen Lesern aber bislang nicht ausreichend bewusst sein dürfte. Weniger als drei Wochen vor der Ölkatastrophe, am 31. März 2010, hatte Obama trotz des bekanntermaßen erheblichen Risikos eine Offensive für neue Ölbohrungen vor der US-Küste öffentlich eingeleitet, wobei die Genehmigungspraxis auf den im Wesentlichen unveränderten ultra-deregulativen Bestimmungen seines Vorgängers Bush basieren sollte. Anders als im Bereich der globalen Klimapolitik, in dem er für  Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls eintritt, und im Gegensatz zu anderen bedeutenden Zukunftsfragen gab es hinsichtlich des Umgangs mit der „US-Natur“, die er kaum je als eigene Aufgabe und Herausforderung betrachtete, bei Obama von Sinneswandel kaum realpolitische Anzeichen. Bis zur Ölkatastrophe.

Nicht zuletzt diese Katastrophe führte zum beschleunigten Aufstieg des Klimaschutzes zu einer  Kernagenda Obamas. Dass jedoch Mitte Juli 2010, auf dem Höhepunkt der Ölkatastrophe, das erste umfassende US-Klimaschutzgesetz, das eine Reduktion der Emissionen der USA bis 2020 auf 17 Prozent unter das Niveau von 2005 vorsah, wegen des anhaltenden Widerstands der Republikaner nach mehr als einjährigen Verhandlungen im US-Senat scheiterte13 und die regierende Demokratische Partei diesbezüglich – zum Teil im unheiligen Tausch mit anderen Agenden – relativ kampflos aufgab, ist kein ermutigendes Zeichen für die Zukunft. Es zeigt, dass der politische Rechtsschwenk des Landes dem Eindruck der Ölkatastrophe entgegenwirkt. Dies nicht zuletzt, indem die Katastrophe in führenden „rechten“ Medien wie FoxNews von einflussreichen Meinungsmachern wie Mike Huckabee, Newt Gingrich, Bill O’Reilly oder Sean Hannity systematisch kleingeredet wird. Beispielhaft dafür sind nicht zuletzt die Auftritte von Sara Palin, der republikanischen  Präsidentschaftskandidatin in spe für die Wahlen 2012. Palin betrieb bereits während ihrer Amtszeit als Gouverneurin Alaskas offenen Lobbyismus für die Ölindustrie und bezeichnete die durch Alaska führende Hauptpipeline der USA als „Werk Gottes“, das von keinem Menschen hätte gebaut werden können. Der Bau einer weiteren Pipeline sei ebenfalls Gottes direkter Wille.14 Der Kampf um den Wert des Öls als Kulturgut der USA ist für Palin Teil des großen „Weltanschauungskampfes“ zwischen Republikanern und Demokraten um die „Seele Amerikas“, in dessen Rahmen die Republikaner über vor- und kontextpolitische Strategien der Beeinflussung der öffentlichen Meinung und anerkannter Diskursformen dem Muster von Obamas Wahlkampf folgen und die politische Macht mittels des Gewinns der „Weltanschauungshoheit“ zurückerobern wollen. In ihrer Reality TV-Naturshow „Alaska“, die zwischen November 2010 und Januar 2011 auf dem landesweiten Sender TLC ausgestrahlt wurde und beim Publikum parteiübergreifend erfolgreich war, behauptete Palin, dass das „Land der Pipeline“ zugleich das ultimative Naturparadies sei, dass also rücksichtslose Ressourcenausbeutung und Naturbelassenheit keine Gegensätze seien.15 Wenn Palin programmatisch und mit zunehmender Aggressivität vom Prinzip der „Restauration“ des amerikanischen Traums und damit der „Seele Amerikas“ spricht, das dem Prinzip der „Transformation“ Obamas entgegengesetzt werden müsse (Gibbs 2010), dann spielt die Ölfrage und die Frage des sozusagen „frei ausbeuterischen“ Umgangs mit der Natur eine entscheidende Rolle. Allerdings hatte Obama auch noch während der Anfänge der Ölkatastrophe den Republikanern im Tausch gegen ihre – letztlich verweigerte – Zustimmung zum Klimaschutzgesetz neue Hochsee-Ölbohrungen (sogenanntes Offshore drilling) weit vor der US-Südküste sowie in Kalifornien und Alaska in Aussicht gestellt.16 Dass das Bohrverbot für „offshore drilling“ in den USA entgegen aller Expertenmeinungen bereits während der Katastrophe wieder gelockert17 wurde und Obama die Bohrerlaubnis bereits vor Ablauf des Moratoriums ab Oktober 2010 wieder offiziell erteilte18, ist ebenfalls paradox. Es ist ein Zeichen dafür, wie überproportional schnell auch in den „neuen“ USA unter Obama kulturpsychologische Vergessensprozesse greifen, weil die öffentliche Rationalität anders als in Europa nicht von Gegenwart oder Vergangenheit, sondern vergleichsweise eindimensional von der Zukunft eingenommen, wenn nicht gar besessen ist.

Eine letzte, in die kommenden Jahre hinein weiterwirkende historische Symptomatologie der US-innenpolitischen Konstellation der Ölkatastrophe 2010 schließlich war, dass viele Angehörige der Unter- und Mittelklasse in den US-Golfstaaten trotz des allgemeinen Schocks froh sein mussten – und tatsächlich waren –, dass sie aufgrund der Ölkatastrophe zusätzliche Einkommensmöglichkeiten, sprich „Jobs“ erhielten. Paradoxerweise herrschte bei nicht geringen Bevölkerungsteilen in den unmittelbar an die Katastrophe angrenzenden Regionen des tief religiösen „Bible Belt“, den mit Abstand ärmsten Staaten der USA, nicht nur Verzweiflung, sondern auch Freude über den Ölaustritt. Denn viele Arbeitslose, von denen nicht wenige ihre Arbeit in Folge des Hurricans „Katrina“ vom August 2005 verloren und seitdem keine neuen Erwerbsmöglichkeiten gefunden hatten, konnten nun mittels Ausgleichs- und Säuberungs-Geldern von BP und verschiedenen US-Staatsfonds im Rahmen von Säuberungsaktionen beschäftigt werden. Zwar stieg die regionale Arbeitslosigkeit im ersten Halbjahr 2010 dennoch leicht an (um 0,2 Prozent).19 Doch muss man dazu zweierlei wissen:

Erstens, steht dieser Anstieg in keinem Vergleich zu dem hohen Zuwachs der nationalen Arbeitslosenquote in Folge der Finanzkrise 2007-2010, der mit 4-5 Prozent beziffert wird (vgl. dazu ausführlich Benedikter 2010b). Zweitens, ist die Arbeitslosigkeit im Süden nicht zuletzt deshalb die höchste in den USA, weil die Südküste (mit Ausnahme von Texas) im Unterschied zu anderen Teilen der USA (z.B. Alaska) von „ihrem“ schwarzen Gold praktisch nichts hat, da fast alle entsprechenden staatlichen Erträge an die Nationalregierung in Washington DC fließen. Daher fühlt sich der Süden zu Recht binnennational ausgebeutet. Faktisch sind die meisten ehemaligen „schwarzen Südstaaten“, darunter vor allem Louisiana, immer noch US-interne Kolonien; sie werden jedenfalls so behandelt. Die Angehörigen der erwerbstätigen Unterschicht und zum geringeren Teil auch solche der Mittelklasse dieser Region befinden sich daher permanent in einer prekären Lage, die systemisch bedingt ist und als solche von der „schweigenden Mehrheit“ der US-Bevölkerung entweder gebilligt oder ignoriert wird. Diese Gruppen waren nachvollziehbarer Weise froh über die Katastrophe, weil sie im „Normalsystem“ faktisch bis heute im Erwerbszyklus benachteiligt sind.

Auch diese beiden Aspekte traten durch die Ölkatastrophe seit langer Zeit erstmals wieder ins breitere Bewusstsein der Amerikaner – wohl so stark, wie seit dem Ende des Bürgerkriegs von 1868 nicht mehr. Auch hier lautet die Frage allerdings, als wie dauerhaft sich diese Einsicht erweisen wird und ob das Bewusstsein von US-internen Reichtums- und Verteilungs-Asymmetrien ein Anlass zu nachhaltiger Neuorientierung sein kann. Obamas Administration ist im Gefolge der Katastrophe jedenfalls in diesen Punkten von einer zunehmend breiten Öffentlichkeit herausgefordert.

 

Die Ölkatastrophe: Drei Tschernobyls in einem?

Insgesamt häufte sich im Umfeld der Katastrophe eine ungewöhnliche Vielzahl symbolischer Ironien, die beispielhaft sind für jene „Epoche der Übergänge und der Enden“, in welcher die Mehrheit der Amerikaner heute die historische Situation ihrer Nation ansiedelt (vgl. Klein 2010). Diese Häufung erfolgte erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr nur im Bewusstsein der Eliten, die bekanntlich in der anglo-amerikanischen Welt traditionell weit wichtiger und einflussreicher sind als in Europa (vgl. Quigley 1975, 1981), sondern nun offen vor den Augen der breiten Öffentlichkeit. Viele US-Amerikaner wurden durch die Katastrophe zum ersten Mal auf zentrale Systemprobleme der USA aufmerksam. Diese verdichteten sich im Bild der Ölkatastrophe und ihrer zahllosen, medial auf tausenden US-Fernseh- und Radiokanälen über Monate allgegenwärtigen Begleiterscheinungen zur individuellen und kollektiven Imagination.20

Die Ergebnisse dieses Prozesses waren vielschichtig. Nennen wir hier der Kürze halber nur die drei wichtigsten:

Mittelbar vielleicht am wichtigsten ist, erstens, die wachsende Einsicht einer Mehrzahl der Amerikaner, dass „leichtes Öl“, das an der Erdoberfläche oder in geringer Meerestiefe gefördert werden kann, zu Ende geht, und dass die Risiken des „schwierigen Öls“, das wie im Fall der „Deepwater Horizon“ aus 4.000 m Meerestiefe und 1.500 m Bodentiefe gefördert werden muss, zu hoch werden, um dauerhaft eine stabile Zukunft zu sichern (Böhm 2010). Hier beginnt sich im Gefolge der Katastrophe in den USA die Einsicht durchzusetzen: Öl steht für eine Epoche, deren Zeit abgelaufen ist. An seine Stelle muss etwas anderes treten. Die Ölkatastrophe war in dieser Hinsicht tatsächlich bis zu einem gewissen Grad das symbolische „Tschernobyl“ jenes Öl-Zeitalters der vergangenen zwei Jahrhunderte, als das sie verschiedentlich apostrophiert wurde (vgl. Amann/­von Petersdorff 2010).

Ergebnis war zweitens die Frage vieler Amerikaner: Wie ist es möglich, dass einerseits seitens der neuen US-Führung ein Umdenken in Sachen Umwelt erfolgt, andererseits aber die Nation, ihr „amerikanischer Traum“ und ihre globalen Strategien der Vorherrschaft weiterhin auf einem völlig unrealistischen, nicht nachhaltigen Lebensstil des billigen Benzins, der billigen Energie und des billigen Öls aufgebaut bleiben – ja dass der amerikanische way of life sich heute sogar noch auf den „Gebrauch“ von Ebenen der natürlichen Welt ausdehnt, die bisher verschont geblieben waren? Wie ist es – um nur ein Beispiel zu nennen – möglich, dass die natürliche Umwelt zunehmend als Waffe konzipiert und gebraucht wird? Die Umwelt und mit ihr die natürliche Welt insgesamt wird heute seitens der Führung der USA viel weitergehend als jemals zuvor zum Bestandteil von Macht- und Kriegsstrategien – wenn auch angeblich nur „zur Verteidigung“ vor ähnlichen Strategien potentieller Gegner, womit im Regelfall, wenn auch meist wohlweislich noch unausgesprochen, China gemeint ist. Eine größere Anzahl von Amerikanern wurde durch die Ölkatastrophe auf die grundsätzliche Problematik des wachsenden militärischen Umwelt-Utilitarismus aufmerksam. Diese zeigt sich u.a. in der intensiven Arbeit des US-Militärs an einer „Neurokriegsführung“ (neurowarfare) mittels technischer und chemischer Eingriffe in die natürliche Physis des Menschen sowie in die Biosphäre (insbesondere den Wasserkreislauf), die für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts avisiert ist (Lynch 2009), wie auch am sog. „climate engineering“ (auch „geoengineering“ genannt), bei dem Aluminium- und andere Nanopartikel in der Atmosphäre versprüht und damit künstliche Wolkengebilde geschaffen werden, u.a. um eigene militärische Anlagen vor Satelliteneinblicken zu schützen (vgl. Feichter/­Leisner 2009). Ursprünglich als Gegenmaßnahme gegen die globale Klimaerwärmung konzipiert,21 driftet das „climate engineering“ heute zu großen Teilen in militärische Anwendungen ab. Doch wie kontrollierbar sind militärische Techniken wie Neurokriegsführung, Klimamanipulation oder die künftig angestrebte künstliche Erzeugung von Erdbeben, wenn die „größte Nation der Erde“ trotz aller Anstrengungen und Milliardenaufwand ein örtlich begrenztes Ölleck vor ihrer Küste nicht unter Kontrolle bringen kann? Die Verdeutlichung der Nicht-Nachhaltigkeit der eigenen Lebensstile und die gleichzeitige Vorbereitung von Umwelt-Kriegsführung bezeichnen in den Augen vieler Amerikaner eine weitere Paradoxie. Diese könnte ein „Tschernobyl Amerikas“ (Nadal 2010) begründen, d.h. einen Abstieg des Landes, wenn diese Paradoxien nicht behandelt und gelöst werden. Für viele Amerikaner war die Ölkatastrophe Inbegriff und Sinnbild der Möglichkeit eines solchen „Tschernobyls Amerikas“.

Drittens stabilisierten sich die Zustimmungswerte für Obama im Verlauf der Katastrophe auf einem neuen Allzeit-Tief seiner Amtszeit, nämlich auf zeitweise unter 40 Prozent – und das vor den für ihn und die Zukunft seiner Reform- und Erneuerungspolitik so wichtigen US-„Zwischenwahlen“ im November 2010. Dass Obama diese Wahlen deutlich verlor, war keine Überraschung, und zwar auch wegen der Ölkatastrophe (zu anderen Gründen vgl. Benedikter 2010a). Die Mehrzahl der US-Bevölkerung hatte, nicht zuletzt wegen des langen Andauerns der Katastrophe und dem paradoxen Scheitern von Obamas modernisierungs- wie oppositionsfreundlichem Klimaschutzgesetz, den Eindruck, dass der US-Präsident und sein Beraterstab umwelt- und ressourcenpolitisch auf der Stelle traten und sich gegen die Lobby-Mentalität des „alten“, traditionell „umweltverschwenderischen“ Systems in Senat und Kongress nicht durchsetzen konnten. Dieses System ist in der Tat nur allzu eng mit der Wall Street, der internationalen, meist noch immer umweltneutralen bis umweltschädigenden  Finanzspekulation sowie den Interessen global agierender Großkonzerne des Ressourcengeschäfts (darunter BP) verbunden. Zugleich blockiert die radikal-konservative Opposition, die mit diesen Interessen eng verflochten ist, Obama seit seinem Amtsantritt immer wieder erfolgreich im US-Kongress. Zudem instrumentalisierte sie die Probleme bei der Bekämpfung der Ölpest geschickt für ihre Propaganda. Auf andere vor- und kontextpolitische Strategieerfolge der Rechtskonservativen im Kampf um die „Weltanschauungshoheit“, ihre wachsende Medienmacht und ihre „vorpolitische Bürgerbewegung“ wie die Tea Party- und die Reverse the Myth-Bewegung sei hier nur verwiesen (vgl. ebd.). Insofern war die Ölkatastrophe zumindest temporär auch eine Art innenpolitisches „Tschernobyl Barack Obamas“ (vgl. Bleskin 2010),22 zeitweise auch als der  „‚Hurrikan Katrina‘ Barack Obamas“ (Marschall  2010; Rüb 2010; Hall et al. 2010) bezeichnet.

Zusammenfassend zeigt eine kritische Beobachtung, dass die Ölkatastrophe aus binnenamerikanischer Sicht einer dreifachen Einsicht zum zumindest unbewusst empfundenen Durchbruch verholfen hat, wenn auch zunächst möglicherweise nur vorläufig und temporär:

(1) Die Öl-Katastrophe war das „Tschernobyl des Öl-Zeitalters“. Dass dessen Ende bereits begonnen hat, wurde durch sie in das breitere amerikanische Bewusstsein gehoben.

(2) Sie markierte ein „Tschernobyl der bisherigen USA“, da sich in ihrem Gefolge die Einsicht durchzusetzen begonnen hat, dass auch die USA mit ihren riesigen Naturressourcen zur Nachhaltigkeit kommen müssen, wenn sie ihre führende Rolle in der Welt in den kommenden Jahrzehnten behalten wollen.

(3) Sie war zu einem gewissen Grad auch das innenpolitische „Tschernobyl Barack Obamas“, zumindest im Hinblick auf die Zwischenwahlen im November 2010, die Obama zur lame duck, also zu einer „lahmen Ente“ degradiert haben, einem Präsidenten, der sich auf keine Mehrheit im Kongress stützen und daher nur schwer Gesetze ohne größere Kompromisse durchbringen kann. Ob das Tief im Wählerzuspruch für Obama, das damit auch politisch konkret manifest geworden ist, anhalten wird, wird von einer Vielzahl von Faktoren abhängen, die sich gegenwärtig nicht vollständig vorhersehen lassen.

 

Schlussfolgerungen und Ausblick

Der offen bleibenden Fragen, die aus dieser mit der Ölkatastrophe zumindest temporär mehrschichtig geöffneten Situation entstehen, sind viele. Selbst wenn sich im Gefolge der „drei Tschernobyls“ neue Formen der Energiegewinnung und -versorgung in den USA durchsetzen, bleibt offen, ob sie nicht in derselben Geisteshaltung wie bisher den Platz des Öls einnehmen werden. Auch ob es in den USA der „lahmen Ente“ Obama bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen 2012 zu einem echten Umdenken über den „Geist des Öls“, welcher der Geist des 19. und 20. Jahrhunderts war, hinaus kommen wird, ist fraglich. Darüber kann bis auf Weiteres berechtigte Skepsis bestehen.

Insgesamt überwiegen jedoch, so paradox dies auf den ersten Blick auch erscheinen mag, zumindest aus kultureller Sicht und in mittelfristiger Perspektive die positiven Auswirkungen der Ölkatastrophe. Das gilt insbesondere im Hinblick auf einen Mentalitätsumschwung der Mehrheit der US-Bevölkerung. Dieser Umschwung wurde nicht allein und auch nicht maßgeblich durch die Ölkatastrophe 2010 ausgelöst; er war bereits vorher – seit Ende der 1990er Jahre – mittels der Themen Klimawandel und Schädigung der natürlichen Umwelt schrittweise, wenn auch nicht nachhaltig, in das öffentliche Bewusstsein der US-Gesellschaft eingedrungen. Die Ölkatastrophe dürfte diesen Mentalitätswandel zumindest temporär im Sinne eines weithin sichtbaren Symbolereignisses mit beschleunigt und gestärkt haben.

Allerdings wären auch bei einem ökologischen Sinneswandel in den USA, so er denn in breiteren Schichten einträte, sich mit erhöhter Ressourceneffizienz und höheren technologischen Standards verbinden und nicht nur nationale, sondern auch globale Folgen zeitigen würde, einige mit der Umweltfrage aufs engste zusammenhängende Probleme weder gelöst, noch überhaupt in den Blick genommen. Dazu gehört vor allem die soziale Frage, die sich für die USA in der Frage darstellt, wie Verschiedenheit (Individualität) und Gleichheit (Sozialität) der Menschen besser ausbalanciert werden können, um natürliche und soziale Ökologie in Übereinstimmung zu bringen. Die Frage ist deshalb relevant, weil die eine Ökologie ohne die andere nicht funktionieren kann. Weder in Obamas Reden zur Ölkatastrophe noch in seinen Reformprogrammen wurde sie bisher ihrer eigentlichen Bedeutung gemäß thematisiert. Das liegt unter anderem daran, dass in den USA trotz der gemeinschaftsorientierten Gesundheits- und Finanzreformen Obamas, die von ihren Gegnern nicht zufällig, aber zu Unrecht als „sozialistisch“ attackiert wurden, weiterhin blindes Vertrauen in das Modell des selbstbezogenen Individualismus und des „schwachen Staates“ herrscht, wie es der „amerikanische Traum“ in seiner klassischen Interpretation als „Ich kann es aus mir selbst heraus gegen alle anderen schaffen, wenn ich nur an mich glaube“ oder in der Diktion der US-Systemkritikerin Arianna Huffington – „Arbeite hart und steig die Leiter hinauf“ (Huffington 2010) – propagiert bzw. vorausgesetzt wird. Doch „das ökologische Ungleichgewicht, das die Menschheit zu ihrem eigenen Verhängnis verursacht, gründet in einem sozialen Ungleichgewicht. Dieses ermöglicht und bedingt Maßlosigkeit. Letztlich ist dieses Ungleichgewicht zurückzuführen auf in der Menschheitsgeschichte fortwirkende naturhafte Formen und Muster des Überlebenskampfes, beschreibbar als Machtverhältnisse zwischen Menschen. Die Beantwortung der ökologischen Frage muss (daher) zumindest auch, wenn nicht sogar vorrangig, eine Antwort auf die Frage sein, wie wir Menschen miteinander umgehen, wenn wir unsere Gesellschaft miteinander organisieren. Jeder Versuch, die ökologische Frage nur technologisch, also im Sinne einer Ökologie der Mittel in einer bloßen Änderung der ‚Ressourcennutzung‘ lösen zu wollen, ohne sie gleichzeitig ‚humanistisch‘, also im Sinn einer Ökologie der menschlichen Lebensgemeinschaft unter der dreifachen Strukturbedingung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu beantworten, wird zu kurz greifen. Damit die Erde von der Reduzierung auf ein Dasein als reines Mittel befreit wird, müssen Menschen immer und überall, radikal gedacht, als Selbstzweck gelten“.23

Damit ist die Aufgabe der Systemkoppelung von ökologischem mit sozialem Fortschritt umrissen. Von einer solchen Koppelung sind die USA trotz des großen Reichtums und der riesigen gesellschaftlichen Entwicklungspotentiale noch immer deutlich weiter entfernt als Europa. Doch gerade diese Koppelung wird sich für die Weiterentwicklung der USA als unausweichlich erweisen. Sie wird für Barack Obama zur zentralen Herausforderung seiner Amtszeit werden – was ihm, wenn man den Aussagen seiner Berater glaubt, seit der Ölkatastrophe auch deutlicher denn je bewusst ist.

Insgesamt war das Erdölleck im Golf von Mexiko des Jahres 2010 letztlich nichts anderes als eine in ihrer langfristigen Bedeutung noch kaum absehbare symbolische Veranschaulichung der Notwendigkeit einer nachhaltigeren Lebensführung und Gesellschaftsgestaltung – wenn noch nicht im Bewusstsein, so doch wenigstens im vorbewussten Empfinden einer wachsenden Anzahl von US-Amerikanern. Womit wir es zu tun haben, ist eine Art innere Klärung, dass die – ebenso globale wie lokale – Anforderung zur Erneuerung des Naturbezugs der Nation eine wesentliche Zukunftsfrage ist, und dass diese Frage nicht nur eine politische, sondern auch eine Kulturfrage ist.

Freilich ist dies vorerst noch eine weitgehend vorbewusste Empfindung (oder „phänomenale Beeindruckung“), noch kein umfassend verankertes öffentliches Bewusstsein oder gar etablierter Teil der diskursiven Rationalität. Doch wird die Erfahrung der Ölkatastrophe wie alle historischen Symptomerfahrungen explizite oder implizite Spuren im Geist der Obama-Epoche und der von ihr angestoßenen Entwicklungen hinterlassen.

Dass die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko gerade nicht mit der konservativ-reaktionären Ära Bush, sondern historisch eben genau mit dem bewussten und unbewussten, sowohl gedanklichen wie intendierten Erneuerungsimpuls der Ära Obama zusammentrifft, ist in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Synchronie, deren Kraft – und Aussagekraft – unter dem Gesichtspunkt historischer Symptomatologie nicht unterschätzt werden sollte.

 

Anmerkungen

1   AFP: BP setzt neue Glocke auf leckes Bohrloch im Golf von Mexiko. 13.8.2010.

2   AFP: BP beginnt mit dauerhafter Versiegelung des lecken Bohrlochs. 5.8.2010, http://de.news.yahoo.com/2/20100805/tts-bp-beginnt-mit-dauerhafter-versiegel-c1b2fc3.html.

3   AFP: US-Behörden geben bei Ölleck im Golf von Mexiko Entwarnung. 5.9.2010.

4   Z.B. University of South Florida: 2011 Gulf of Mexico Oil Spill Outlook. A Conference On Lessons Learned: Charting Our Future, 9-11.2.2011, http://www.oilspill.usf.edu/; sowie Science Daily: Long-Term Fate of Gulf Oil Spill: Computer Simulations Show Oil Reaching Up the Atlantic Coastline and Toward Europe. 6.7.2010, http://www.sciencedaily.com/releases/2010/07/100706103408.htm. Die entsprechenden Projektionen, die inzwischen für die Rückstände der Katastrophe herangezogen werden, beruhen u.a. auf Science Daily: Deep Plumes of Oil Could Cause Dead Zones in the Gulf. 10.8.2010, http://www.sciencedaily.com/releases/2010/08/100819144438.htm

5   Vgl. Rasmussen Reports, http://www.rasmussenreports.com/.

6   Zum zentralen Zusammenhang zwischen dem „Spätkapitalismus“ der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem Rohstoff Erdöl siehe in künstlerischer Gestaltung P.P. Pasolini: Petrolio. Romanfragment (1975/1992), Berlin 1994. Eine Kurzzusammenfassung findet sich in:
http://it.wikipedia.org/wiki/Petrolio_%28roman zo%29.

7   Vgl. dazu die wissenschaftlich begründeten Computersimulationen unter: Science Daily: Long-Term Fate of Gulf Oil Spill: Computer Simulations Show Oil Reaching Up the Atlantic Coastline and Toward Europe, a.a.O. 

8   DPA: Studie: Neue Mikrobenart vernichtet Öl im Golf von Mexiko schnell. 26.8.2010. Vgl. auch AFP: BP beginnt mit dauerhafter Versiegelung des lecken Bohrlochs. 5.8.2010.

9   AFP: Supertanker im Kampf gegen Ölpest noch nicht im Einsatz. In: http://de.news.yahoo.com/2/20100706/tts-supertanker-im-kampf-gegen-oelpest-n-c1b2fc3.html, 6.7.2010.

10 Macondo-Ölfeld. In: http://de.wikipedia.org/wiki/Macondo-%C3%96lfeld.

11 Die Zeit: Ein Hafen versinkt im Öl. In: Die Zeit online, 28.7.2010, http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-07/fs-dalian.

12 DPA: Neuer Rückschlag im Kampf gegen Ölpest. 14.7.2010.

13 FAZ: Fehlende Mehrheit im Senat. Klimaschutzgesetz in Amerika gescheitert. In: FAZ, 23.7.2010.

14 Youtube: Sara Palin: Alaskan Pipeline is “God’s Will”, in: http://www.youtube.com/watch?v=4Q9MMJESywA; vgl. auch Buß (2008).

15 TLC Discovery Channel: Sara Palin’s Alaska, in: http://tlc.discovery.com/tv/sarah-palin-alaska/. Vgl. Vorsamer (2010).

16 ZDF heute.de Magazin: Ölpest bedroht Obamas Umweltgesetz. Skepsis gegenüber Offshore-Bohrungen wächst. In: ZDF heute.de Magazin, 3.4.2010, http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/4/0,3672,8068388,00.html.

17 AFP/dpa: Ölbohrungen vor US-Küste: USA lockern Moratorium. In: N-tv Politik, 9.6.2010, http://www.n-tv.de/politik/USA-lockern-Moratorium-article913204.html. Vgl. zur europäischen Haltung Weingärtner (2010).

18 Sda/dapd: Tiefseebohrungen: USA heben Moratorium auf. In: 20 Minuten online, 12.10.2010, http://www.20min.ch/news/ausland/story/27592660. Vgl. Sheppard (2010).

19 AFP: Ölpest im Golf von Mexiko könnte 100.000 Stellen kosten. 21.7.2010.

20 Sogar das Ausfließen des Öls selbst wurde ständig live übertragen und von Millionen Amerikanern im Internet verfolgt. Siehe zum Beispiel die Übertragung durch die live-Kameras von BP selbst: http://www.bp.com/liveassets/bp_internet/globalbp/globalbp_uk_english/homepage/STAGING/local_assets/bp_homepage/html/rov_stream.html sowie beispielhaft für die zahlreichen unabhängigen Homepages zur Katastrophe: http://www.wkrg.com/gulf_oil_spill/spill_cam/. Andernorts waren sekündlich aktuelle Zahlen zum ausgelaufenen Öl ablesbar, so zum Beispiel auf http://www.ustream.tv/pbsnewshour. Nicht zuletzt anlässlich der Ölkatastrophe hat sich das Internet als Echtzeitmedium bewährt und seine Vorzüge – durchaus im Sinn von Bert Brechts Medientheorie der autonomen, direkten, ungeschnittenen und unkommentierten Teilhabe des Bürgers an Ereignissen weltweit – gegenüber Fernsehen und Radio unter Beweis gestellt.

21 „Geoengineering“. In: http://en.wikipedia.org/wiki/Geoengineering.

22 Dazu existiert auch eine eigene Internetseite, propagandistisch betrieben von Obamas politischen Gegnern: Obama’s Chernobyl: http://www.obamaschernobyl.com/.

23 S. Lausch: Brief an den Autor vom 02.07.2010. Archiv des Autors.

 

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Der Artikel erschien in Berliner Debatte INITIAL 22 (2011) 1, S. 112-125