Das Blättchen

Wozu Berlin ist Hauptstadt, Berlin ist Regierungssitz, Berlin liegt im Osten, hier erscheint das Blättchen. Wir schauen mit dem Blick des Ostens auf diese Welt. Zehn Jahre nach Wende und deutsc

Wozu

Berlin ist Hauptstadt, Berlin ist Regierungssitz, Berlin liegt im Osten, hier erscheint das Blättchen. Wir schauen mit dem Blick des Ostens auf diese Welt. Zehn Jahre nach Wende und deutscher Einheit ist der Westen wieder unter sich - der Osten sitzt in der ersten Reihe und nimmt übel. Mit unterschiedlichen Intentionen wird heute der Ost-West-Gegensatz gepflegt. An diesem Spiel beteiligen wir uns nicht. Nicht geographische, sondern politische Konstellationen interessieren uns. Der feuilletonistischen Geschwätzigkeit fügen wir keine ostdeutsche Spielart hinzu. Wir mischen uns ein und entschuldigen uns nicht. Die Stimmung in der Gesellschaft erinnert an den verzweifelten Zynismus in der späten DDR: "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst." In einem Land, in dem nur noch geredet, aber nichts mehr gesagt wird, ist es an der Zeit für einen neuen Blick. Wenn der Osten dem Westen etwas voraus hat, dann die Erfahrung des Scheiterns- und die des Lebens danach.

Der Blick aus dem Osten -

er ist beeinflußt von den Linken der Weimarer Republik, nicht zuletzt von Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky; von den Linken, die in aussichtsloser Lage dem deutschen Faschismus zu widerstehen suchten. Dieser Blick ist geprägt durch die Entwicklungen und Ereignissen nach 1945: den Stalinismus, der, so oder so, alle beeinflußte; den Konflikt zwischen Ost und West; Anpassung und wenig Widerständigkeit; Hoffnungen nach dem Mauerbau und Enttäuschung nach dem Prager Frühling; den Opportunismus und die geballte Faust in der Tasche; den vermeintlich neuen Anfang mit dem VIII. Parteitag der SED und die Ernüchterung nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Es folgten die fröhliche Depression der frühen achtziger Jahre und die skeptische Euphorie nach dem Antritt Gorbatschows; die Verständnislosigkeit gegenüber der Opposition; der bleierne Sommer 1989 und die Angst am 7. Oktober; die Wut über die sprachlosen Bekenntnisse von Krenz und den weltverändernden Dilettantismus vom 9. November; die chaotische Hoffnung der Runden Tische und die Ankunft im realexistierenden Kapitalismus. "Das Blättchen" erscheint zweiwöchentlich zum Einzelpreis von 2,50 EUR, Jahresabonnement : Deutschland : 57,00 EUR Ausland : 84,00 EUR Herausgeber: Verlag und Freundeskreis des Blättchen Schönhauser Allee 84, 10439 Berlin Tel.: 030 447 60 65 Fax: 030 44 73 06 83 Anzeigen: Redaktion Das Blättchen, Heinz Jakubowski Schönhauser Allee 84, 10439 Berlin