Wissen und Wissenschaft in Zeiten der Digitalisierung

Die mediale Digitalisierung führt zu einem gigantischen Wachstum verfügbarer Informationen aus allen Bereichen von Gesellschaft, Kultur, Politik und Wissenschaft. Für den Wissenserwerb ergeben sich daraus neue Herausforderungen. Es geht nicht mehr nur darum, Quellen für den Wissenserwerb zu finden, sondern z.B. diese auch auf ihre Seriosität prüfen zu können. Dies setzt eine Demokratisierung der Kulturtechniken der Wissensgesellschaft voraus, findet Stefan Christoph.

Was kann ich wissen?" war eine der Grundfragen, die Immanuel Kant aufgeworfen hat. Schon ohne die Informationsflut des World Wide Web war die Antwort darauf seinerzeit hochkomplex. In der Minute, in der Sie den ersten Absatz dieses Textes lesen, werden auf der Videoplattform YouTube 400 Stunden Videomaterial hochgeladen. Im Januar 2016 wurden in der Online-Enzyklopädie Wikipedia durchschnittlich ganze 28.177 Artikel pro Tag erstellt. Allein die deutschsprachige Wikipedia enthält heute fast 2 Millionen Artikel. Viel mehr, als jeder von uns jemals lesen könnte. Und auch vor wissenschaftlicher Literatur macht die Digitalisierung natürlich keinen Halt: 2015 wurden alleine in der Scopus-Datenbank des Elsevier-Verlages fast 2 Millionen zitierfähige Artikel hinterlegt.

Die Informationen, die uns heute zur Verfügung stehen, übersteigen die Aufnahmekapazität unserer Sinne. "Was kann ich wissen?" ist im Internetzeitalter nicht mehr die alleinige Grundfrage, die Kant aufwerfen würde. Brauchen wir eine neue Erkenntnistheorie? Ich will vier Fragen aufwerfen, die die Wissenschaft im Zusammenhang mit der Digitalisierung beschäftigen müssen:

Was muss ich wissen um wissen zu können?

Angesichts eines Werkes wie der Wikipedia müssten die großen französischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts, die Verfasser der Encyclopédie, mit ihren gerade einmal 72.000 Artikeln geradezu vor Neid erblassen. Die Encyclopédie war und ist bis heute ein großartiges Meisterwerk und eine große menschliche Leistung. Alleine der Enzyklopädist Louis de Jaucourt verfasste mehr als 15.000 Artikel.

Die Wikipedia erlaubt heute nicht mehr nur einem ausgewählten Kreis, sondern potenziell jedem eine Mitarbeit an einer Enzyklopädie. Die Qualität der Inhalte hat darunter nicht gelitten: Durch die Zusammenarbeit und gegenseitige Möglichkeit zur Korrektur gibt es in der "Online-Mitmachenzyklopädie" eine ähnlich niedrige Fehlerdichte wie in renommierten Veröffentlichungen, etwa der Encyclopædia Britannica. Das hat schon im Jahr 2005 eine ebenso vielbeachtete wie umstrittene Studie aufgezeigt, die in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde.1

Anders als die klassischen Enzyklopädien hat die Wikipedia jedoch keine Redaktion im eigentlichen Sinne, die über Sachfragen entscheidet. Ob der Bearbeitungsmöglichkeit für jeden birgt die aktuell angezeigte Version eines Artikels deswegen natürlich die Möglichkeit, dass sich kurzzeitig - bis zur nächsten Überarbeitung oder Überprüfung durch einen Dritten - also auch Fehler einschleichen. Will man verlässliche und unter Umständen zitierfähige Informationen erhalten, ist es also eigentlich unerlässlich, die Artikelhistorie und die angegebenen Quellen zu überprüfen. Zwar gibt es in der Wikipedia mehr Wissen als in jeder Enzyklopädie zuvor, es ist aber heute mehr als zuvor notwendig, Informationen auf ihre Verlässlichkeit zu prüfen. Nicht nur Faktenwissen ist damit notwendig, immer mehr auch Metainformationen - nicht nur für das wissenschaftliche Arbeiten.

Denn auch in allen anderen Bereichen des Internets gibt es immer mehr Informationen - wahre wie falsche. Die Beschreibbarkeit des Internet durch jeden2 macht es prinzipiell auch jedem möglich, seine Informationen als die Wahrheit darzustellen - seien das valide gewonnene Forschungsergebnisse, Halbwissen oder auch bewusste Falschinformationen. Was auch schon im Analogzeitalter galt, ist heute noch wichtiger: Man muss Quellen vergleichen und sollte sich nie nur auf ein einziges Medium verlassen.

Die Zeit, in der man sich lediglich durch das Lesen eines Literaturkanons einen Großteil des Grundlagenwissens in einem Fachgebiet aneignen konnte, geht zu Ende. Eine Spezialisierung auf bestimmte Gebiete wird umso wichtiger, je mehr Faktenwissen man vergleichen und je mehr Metadaten man sammeln muss, um zu verlässlichem Wissen zu gelangen.

Das Verhältnis von Wissen und Demokratie

Entsprechend ambivalent kann man die Auswirkungen der allseitigen Verfügbarkeit von Informationen auf die demokratische und offene Gesellschaft betrachten. Einerseits wird Wissen durch seine Verfügbarkeit im Internet allgemein zugänglicher: Nicht nur Eliten haben Zugang zu Forschungsergebnissen, sondern auch immer weitere Teile der Bevölkerung. Diverse Veröffentlichungen betonen in den vergangenen 15 Jahren die positiven Auswirkungen, die eine Demokratisierung des Wissens für unsere Gesellschaft hat. Und schenkt man Francis Bacons Diktum "Wissen ist Macht" Glauben, ist eine weitere Verbreitung von Wissen eine sehr positive Entwicklung. Je mehr Wissen sich Bürgerinnen und Bürger aneignen können, desto eher fühlen sie sich kompetent, bei politischen Entscheidungen mitzureden. Und je mehr Wissen verfügbar ist, desto eher gelingt auch Kindern aus bildungsfernerem Elternhaus der Zugang in die akademische Welt.

Die Open-Access-Bewegung versucht unter dieser Prämisse eine Fortentwicklung der Wissensgesellschaft: Wissen und insbesondere wissenschaftliche Forschungsergebnisse sollen digital aber auch gedruckt nicht nur staatlich wie privat gut ausgestatteten Forschungseinrichtungen oder wohlhabenden Privatpersonen zur Verfügung stehen, sondern allen interessierten Personenkreisen. Gerade aus der Logik wissenschaftlicher Forschung heraus, in der der Gedankenaustausch ebenso wie die gegenseitige Falsifizierung von Ergebnissen zu Wissensfortschritt führt, scheint der Gedanke sehr unterstützenswert. Und die Bewegung erhält auch immer mehr Unterstützung: Alleine von den 2 Millionen Beiträgen, die 2015 in die Scopus-Datenbank aufgenommen wurden, sind knapp 400.000, beziehungsweise 16 Prozent, frei zugängliche Forschungsergebnisse. Damit erhöhen die Autorinnen und Autoren natürlich nicht nur die Verfügbarkeit ihrer Ergebnisse, sondern unter Umständen auch die Sichtbarkeit ihrer Beiträge in der eigenen wissenschaftlichen Community.

Auf der anderen Seite - und darüber kann auch die Open-Access-Bewegung nicht hinwegtäuschen - werden aber Techniken zur Systematisierung und Filterung von Wissen aufgrund der Informationsfülle immer wichtiger. Diese ›Spielregeln‹, die man kennen muss, um valide Informationen erhalten zu können, sind klassisches Herrschaftswissen, wie der Soziologe Michael Hartmann es beschreiben würde.3

Wie filtere ich Wissen?

Schon 2001 führte der inzwischen verstorbene Historiker Hans-Ulrich Wehler in einem Interview aus, dass "Bürger mit der Informationsflut nichts anfangen, wenn sie nicht gelernt haben, damit umzugehen. Sie müssen eine Auswahl treffen, interpretieren. Das setzt intellektuelle Fertigkeiten voraus, die mit dem technischen Zugang zu den Informationen nichts zu tun haben."4 Das gilt für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gleichermaßen wie für Bürgerinnen und Bürger. Auch sie kommen heute zwar ohne zumindest grundlegende Kenntnisse digitaler Techniken auf der einen Seite, vor allem aber auch der Fähigkeit zum Filtern und Bewerten von Informationen auf der anderen Seite nicht mehr aus.

Wissen ist demnach kein reines Faktenwissen und auch kein "Wissen-wo-es-steht", sondern vielmehr "eine zeitaufwendige Strategie, Informationen zu finden, zu verstehen, zu überprüfen, zu beurteilen, zu filtern, zu reflektieren und zu kritisieren. Wissen ist ein Bündel hochkomplexer Kulturtechniken", wie Astrid Herbold ausführt.5 Neu ist diese Erkenntnis sicherlich nicht. Die digitale Entwicklung macht sie aber sichtbarer, als sie das jemals zuvor gewesen ist.

Natürlich, "Suchmaschinen im Internet übernehmen die Funktion, ein auf den jeweiligen Nutzer und seine Bedürfnisse zugeschnittenen Ausschnitt an Angeboten zu offerieren und damit all das auszublenden, das ihn angesichts seines bisher bekannten Nutzerverhaltens nicht interessiert."6 Was aber beim Kauf eines Elektromixers ganz praktisch sein mag, muss für das wissenschaftliche Arbeiten, beziehungsweise die Beschaffung von Informationen generell, nicht zwingend sein. Gerade dadurch, dass man auf neue Informationen und auf neue Konzeptualisierungen der Wirklichkeit (Theorien) stößt, wird es erst möglich, sich ausgewogen zu informieren. Suchmaschinen mögen daher für den Alltagsgebrauch ebenso sinnvoll wie praktisch sein, für eine tiefgreifende Recherche taugen sie nur mäßig oder zumindest nur, wenn man ihre grundsätzliche Arbeitsweise auch versteht und mit ihr umgehen kann.

Auswirkungen hat das notwendigerweise auf die wissenschaftliche Ausbildung ebenso wie auf die Frage, was unsere Schulen vermitteln müssen. "Metawissen", Medienkompetenz und das grundlegende Verständnis digitaler Techniken müssen gegenüber reinem Fachwissen einen viel größeren Teil der Ausbildung einnehmen. In der Schule darf sich die Vermittlung dieser Techniken nicht auf den Deutsch- und Informatikunterricht beschränken, sondern ist notwendiger Teil des Unterrichts in quasi allen Fächern. In der Hochschulausbildung reicht es nicht mehr, diese Inhalte in freiwilligen Kursen zur Methodenkompetenz oder zur Berufsorientierung anzubieten. Das Filtern und Aggregieren von Informationen ist notwendiger Bestandteil des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Wo immer mehr Informationen verfügbar sind, reicht es jedoch nicht, diese Techniken nebenbei zu vermitteln, sie machen einen ganz zentralen Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens aus - das mag zu Zeiten, in denen das Wissen durch die Beschaffungsabteilung der eigenen Hochschulbibliothek beschränkt wurde, noch anders ausgesehen haben.

Wie kann ich Wissen differenzieren?

Trotzdem ändert sich nicht alles in der digitalisierten Welt. Das Internet ist lediglich ein Medium, das es möglich macht, Informationen schneller, weltweit und in größeren Mengen verfügbar zu machen. Das Vergleichen sich mitunter widersprechender Informationen und Meinungen ist und bleibt der Höhepunkt nicht nur des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Die Fähigkeit zu logischem und analytischen Denken, die theoriegeleitete Forschung - alle diese Themen, die im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess schon immer zentral waren, gewinnen durch die Fülle an Informationen nur weiter an Bedeutung und werden nicht etwa abgewertet. Nicht zuletzt eröffnet das Internet bisher ungeahnte Möglichkeiten, an Primärquellen zu forschen. Diskursanalysen beschränken sich nicht mehr auf die "wiedergegebene Meinung" durch Medien, die notwendigerweise schon einen Filterprozess durchlebt hat, sondern können - trotz aller Schwierigkeiten mit der Fülle des Datenmaterials - mit einer geeigneten Methodik gesellschaftliche Diskurse heute besser abbilden und erforschen denn je. Digitalisierung ermöglicht es, auch ohne kostspielige Forschungsreisen über den gesamten Globus, an relevante Quellen und Daten zu gelangen. Und natürlich tut das Internet auch eigene, neue Quellen auf, die zum Forschungsgegenstand werden.

Die Digitalisierung bietet ungeahnte Möglichkeiten für die Wissenschaft wie für die so genannte Wissensgesellschaft. Zentral ist es jedoch, dass ihre "Kulturtechniken", ihre notwendigen Methoden und Implikationen, nicht auf dem Status eines Herrschafts- oder Elitewissens verbleiben, sondern dass auch sie demokratisiert werden. Das ist insbesondere die Aufgabe der schulischen wie der akademischen Lehre.

Anmerkungen

1) Jim Giles 2005: "Internet encyclopaedias go head to head", in: Nature Vol 438: 900 f.

2) Stefan Münker 2009: Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die sozialen Medien im Web 2.0, Frankfurt am Main: 16.

3) Michael Hartmann 2006: "Chancengerechtigkeit, Studiengebühren, Eliten", in: Uwe H. Bittlingmayer / Ullrich Bauer (Hg.): Die "Wissensgesellschaft". Mythos, Ideologie oder Realität?, Wiesbaden: 487 f.

4) Werner Abelshauser und Hans-Ulrich Wehler im Interview 2001: "Das Internet aus historischer Perspektive", in: Handelsblatt vom 22. August 2001, online abrufbar unter: http://www.handelsblatt.com/archiv/das-internet-aus-historischer-perspek... [zuletzt abgerufen am 3. November 2016].

5) Astrid Herbold 2011: "Der Wandel der Wissensgesellschaft", in: Birthe Kretschmer / Frederic Werner ( Hg.): Die digitale Öffentlichkeit. Wie das Internet unsere Demokratie verändert, Friedrich-Ebert-Stiftung, Hamburg: 63.

6) Marcus Schroer 2014: "Soziologie der Aufmerksamkeit. Grundlegende Überlegungen zu einem Theorieprogramm", in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 66: 202.

Stefan Christoph, M.A. (http://chrstph. de/) studierte u.a. Politik- und Rechtswissenschaften und promoviert derzeit am Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft (Schwerpunkt Westeuropa) der Universität Regensburg. Er ist Büroleiter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der hochschul- und netzpolitischen Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag. Schwerpunkte: Demokratie- und Legitimitätstheorien, Internet und Politik, Terrorismusforschung.