Erinnern – wiederanknüpfen – weitergehen. Im Streit um Marxismus-Feminismus

Ruth May in Das Argument (15.03.2016)

Obwohl darauf niemand hoffen konnte, war das Ereignis dringend erwünscht. Geplant wurde anfangs ein Treffen einiger Frauen, die – je für sich in der Bundesrepublik und in Kanada – an einem marxistisch-feministischen Wörterbuch arbeiteten. Die Mittel, mit denen geplant wurde, waren bescheiden. Einmal begonnen, entwickelte das Vorhaben einen so unwiderstehlichen Sog, dass sich im März 2015 mehr als 500 Frauen aus über 20 Ländern zum weltweit ersten internationalen Kongress vom Marxismus- Feminismus auf den Weg machten, drei Tage intensiv diskutierten – auf Podien und in Workshops, bei Buchvorstellungen und Vorträgen um Geschichte, Gegenwart und Perspektiven. Unter den Vortragenden viele bekannte Namen, marxistische Feministinnen, die schon seit den 1970ern dabei waren, sich neu in die Debatte warfen, und hunderte aus den nächsten Generationen, darunter ganz überwiegend die jungen unter 35-jährigen. Sie diskutierten über Erfahrungen und Entwicklungen, Wünsche und Forderungen, über neue Entwürfe und stritten über vielfältige Positionen. Es ist ein Marxismus-Feminismus im Werden, »wo alles im Fluss ist«, wie Katja Kipping, Vorsitzende der Partei DIE LINKE, zur Eröffnung sagte, und bis zum letzten Moment am Sonntagnachmittag wurde im überfüllten Saal diskutiert.

Der Aufbruch, den unsere kleine internationale Initiative in Gang gesetzt hatte, übertraf alle unsere Erwartungen. Manchmal schien es, als wenn er uns überrollte. Dann wieder erkannten wir eine große Chance – und griffen zu. Dieser Prozess wird nachfolgend in seinen Voraussetzungen, seiner Dynamik und in seinen Schwierigkeiten beschrieben; er bildet zugleich einen Hintergrund für die unterschiedlichen im Heft dokumentierten Beiträge.

Für den Erfolg des Kongresses gab es mehrere Voraussetzungen und, auch je persönlich, unterschiedliche Anfänge. So beginne ich mit dem mir Naheliegenden. Ausgerichtet wurde der Kongress durch die feministische Sektion des Berliner Instituts für kritische Theorie (InkriT) und die Rosa-Luxemburg-Stiftung. 2011 gegründet, war die feministische Sektion mit Frigga Haug für mich der Ort, an dem es begann. Der Gründungsaufruf dieser Sektion versprach, eingreifendes Denken zu verbreiten, »das sich nicht mit Gender-Mainstreaming zufriedengibt, sondern ausgreift auf eine Veränderung der Gesellschaft, in die Selbstveränderung eingeschlossen ist«. Er war wie eine Einladung verfasst, die mich gemeint haben musste, und so kam ich dazu. Die Arbeit der feministischen Sektion am Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus (HKWM), forschend, schreibend, lernend, ergänzend sich einzumischen, unter dem Anspruch, den Feminismus in den Marxismus hineinzutragen, letzteren auf diese Weise zu verändern – alles dies drängt danach, mehr zu werden und internationaler.

Marxismus-Feminismus, der sich aufmacht, um Positionen zu streiten und Hegemonie zu gewinnen, steht für eine Hoffnung und einen langen Atem zugleich. Unser Denken und Fühlen muss schließlich ganze Zeitalter abschütteln seit jener welthistorischen »Niederlage des weiblichen Geschlechts« (Engels, MEW 21, 61). Die marxsche Idee, wonach der Mensch erst wird als Mensch, stellt uns vor die Aufgabe, »das Fernziel […] wenigstens in Umrissen angeben zu müssen […]. Verhältnisse nicht zu dulden, in denen der Mensch ein ›erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist‹«, so Frigga Haug im Argument 303 Aneignungskämpfe in Geschlechterverhältnissen (2013, 501); Kooperation, Teilung der Arbeit bezeichne die Wegrichtung, dass Menschen miteinander und füreinander tätig sich mit eigener und umgebender Natur auseinandersetzen, um ihr Menschsein zu gewinnen, was ein kollektiver Prozess ist (ebd.). Mit der Vier-in-einem-Perspektive (Haug 2008) lag dazu seit einigen Jahren ein vieldiskutierter Vorschlag auf dem Tisch, der Resultate jahrzehntelanger Forschungen zusammenfasste und bei der ersten bundesweiten Frauenwerkstatt der gerade gegründeten Partei DIE LINKE 2007 in Esslingen von der Autorin als Entwurf für eine andere Politik vorgelegt worden war. Er schlägt vor, die Produktion von Lebensmitteln und die Produktion von Leben im Sinne einer Entwicklung der schöpferischen Fähigkeiten aller zu verbinden. Im Argument 303 schreibt Meg Luxton über eine Wiederaneignung des Marxismus-Feminismus als oppositionelle Perspektive. In der selektiven Tradierung eines liberalen Feminismus seien nicht nur andere feministische Positionen, sondern auch Erfolge der Frauenbewegung und Perspektiven einer solidarischen Welt verleugnet und zerstört worden (511). Zur Rückgewinnung einer antikapitalistischen Perspektive gehöre, Erfahrungen zu überliefern, Kämpfe und Debatten dem Vergessen zu entreißen und Möglichkeiten neu zu erkunden (508). Die feministische Redaktion des Arguments, die seit den 1980er Jahren existiert und der ich nun angehörte, war eine jener Strukturen, die bei alledem wie unbemerkt über lange Zeit erhalten geblieben sind und so einem Neubeginn zu arbeiten konnte.

Natürlich hatte es in den 70ern und bis in die 80er Jahre Diskussionen und Konferenzen gegeben, auf denen marxistisch-feministisch Argumente gespitzt wurden. Historische Voraussetzungen dieser Debatten lagen in der Studentenbewegung und ihrer Marxrezeption; in einer Frauenbewegung, die Frauenunterdrückung in der Trennung des Privaten vom Öffentlichen, im Ausschluss von Frauen aus der Politik ausmachte; in einer antikapitalistischen Bewegung und einem Befreiungsprojekt, zu dem Antikolonialismus und Antirassismus gehörten und eine Umweltbewegung: Alles dies verbunden mit dem Impuls, Politik in den Alltag zu holen. Die Erweiterung der Kapitalanalyse und -kritik um die Geschlechterverhältnisse – oder allgemeiner: die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Geschlechterverhältnissen und der Reproduktion von Herrschaft – setzte Debatten und Lernprozesse frei, die nach und nach eine feministische Rekonstruktion des Marxismus in Angriff nehmen mussten. In vielen Ländern der Welt meldeten sich unter Marxisten Feministinnen zu Wort: »Sie kritisierten den im damaligen Marxismus gebräuchlichen Arbeitsbegriff und die Werttheorie, die Stellung zu Hausarbeit, zu Familie, zum Umgang miteinander und zur umgebenden Natur, zu Wirtschaft und Kriegen, Zukunftsvorstellungen und Befreiungsverlangen. Sie lösten leidenschaftliche Debatten aus – ihre Kritiken blieben nicht gänzlich ungehört. Aber ihre Arbeit, die sie unternommen hatten auf internationalem Maßstab, ist noch lange nicht beendet«, so heißt es im Kongressaufruf von 20151. Die unterschiedlichen Positionen und die Entwicklung der Debatte im Einzelnen hat Frigga Haug im Stichwort »Marxismus-Feminismus« (M-F) im HKWM rekonstruiert (Haug 2015a). Unklar blieb, wo der Begriff M-F zuerst auftauchte. Haugs diesbezügliche Umfrage unter einer Reihe damaliger Akteurinnen brachte kein klares Ergebnis, aber lebhafte Reaktionen zustande mit der Intention, dass es an der Zeit sei, den marxistischen Feminismus aus dem Schlaf zu reißen; dies war Anfang des Jahres 2014.

Haug (2015a) folgend entsteht M-F als Bewegungs- und Kampfbegriff Anfang der 1970er Jahre: polemisch gegen einen Marxismus, der Feminismus nicht einschließt bzw. behauptet, die Frauenfrage sei schon immer in ihm aufgehoben, zugleich in Abgrenzung bzw. Konlikt verschiedener feministischer Strömungen untereinander. Er wurde »wie ein großer Ratschlag über Länder und Kontinente hinweg geführt mit dem Verlangen, Frauenunterdrückung an der Wurzel zu packen und auf die politische Bühne zu bringen. Von überall mischten sich Stimmen ein« (1888). Offenbar lag die Stärke, die Dynamik in der Vielfalt der Positionen, die miteinander debattierten und sich dagegen sperrten, auf eine Linie gebracht zu werden. 1984 indet sich die Hoffnung notiert: »Im Marxismus verbinden sich die unterschiedlichen internationalen Frauengruppen in theoretischer Diskussion um politische Fragen; eine praktische Verbindung, ein Zusammenschluss über Ländergrenzen hinweg wäre wichtig.« (Projekt sozialistischer Feminismus, 7) Tatsächlich wurde 1985 ein Forum europäischer sozialistischer Feministinnen gegründet, das bis in die frühen 90er Jahre jährliche Tagungen in je einer anderen europäischen Stadt ausrichtete (Haug 2015b, 211f).

In den ersten Jahrzehnten nach dem Ende des Staatssozialismus, in denen alles gesagt zu sein schien, ist wohl auch der Marxismus-Feminismus verstummt. Erst die globale Krise und mit ihr die Wiederbelebung des Marxismus, wo Menschen überall nach Alternativen suchen, mit Occupy-Bewegung und Frauenprotesten weltweit, hat auch Bedarf an einer Wiederaufnahme des Dialogs von Marxismus und Feminismus entfacht. Schriften aus den 70er und frühen 80er Jahren werden wiederaufgelegt und neu gelesen (z. B. Sheila Rowbotham/Lynne Segal/Hilary Wainwright 1981/2013; Lise Vogel 1983/2013), M-F ist Thema in Diskussionen der Linken, etwa bei den jährlichen Kongressen der Zeitschrift Historical Materialism, im SDS, so erscheint z. B. die Zeitschrift theorie21 im März 2015 mit einem Heft »Geschlecht Klasse Sozialismus«. Unterschiedliche Ansätze werden rezipiert, die Debatte mit Blick auf aktuelle Probleme neu aufgegriffen. In der Diskussion um die Vier-in-einem-Perspektive in der Partei DIE LINKE und weit darüber hinaus ist ein feministischer Marxismus lebendig, auf den sich Kipping in ihrer Eröffnungsrede als einen Kompass auf dem Weg in eine andere Gesellschaft beziehen kann (s. Dokumentation in diesem Heft).

Zwei Wörterbuchprojekte und erste Verabredungen

Man muss sich die Arbeit der feministischen Sektion am Wörterbuch als zuweilen überaus große und einsame Aufgabe denken, um sich die Begeisterung vorzustellen, als wir plötzlich von einem anderen ähnlichen Projekt erfuhren: wie wenn wir Leben auf einem anderen Planeten entdeckt hätten. Der Hinweis kam im Frühjahr 2013 von Cynthia Cockburn. In Toronto entstand unter der Herausgeberschaft von Shahrzad Mojab (Ontario Institute for Studies in Education, University of Toronto) zusammen mit Helen Colley (University of Huddersield, Großbritannien) das Marxist-Feminist Keywords Project, in dem sich marxistische Feministinnen zusammenfanden, Feminismus als revolutionäres politisches Projekt zurückzugewinnen. Sie waren sehr daran interessiert, mit uns in Kontakt zu kommen und einige Texte von Frigga Haug aufzunehmen. Der Band Marxism and Feminism ist 2015 erschienen und wurde bei dem Kongress öffentlich vorgestellt (s. Rezension in diesem Heft). Aus diesem Projekt heraus sollte zugleich ein Panel bei der Jahreskonferenz der Historical Materialism im November 2013 in London bestritten werden, woraus die gemeinsame Initiative entstand, hier Grundbegriffe, Theorien, Perspektiven eines feministischen Marxismus zu diskutieren und beide Wörterbuchprojekte in London vorzustellen, sich so auch gegenseitig leibhaftig kennenzulernen und mögliche Zusammenarbeit zu diskutieren. In der feministischen Sektion wurden in kürzester Zeit Pläne geschmiedet, neben Frigga Haug waren daran Adrienne Roberts, Katharina Volk, Claudia Gdaniec, Anne Rohner und ich beteiligt. Für die Konferenz eingereicht wurde schließlich der Vorschlag eines dreiteiligen Panels Marxist- Feminist Keywords: Texts, Theories, Histories and Praxis. Zugleich entstanden erste Ideen für eine Zusammenarbeit über London hinaus – Arbeitstreffen in Toronto und Berlin wurden in Aussicht genommen, jeweils am Ort der beteiligten Institute. Die Absichten für eine Tagung in Berlin, zunächst für Herbst 2014 gedacht, nahmen schnell konkretere Formen an. Sie könnte sich, so die Idee, auch gleich mit einigen Vorträgen an eine breitere Öffentlichkeit wenden (wir dachten etwa an Referate über Luxemburg, Gramsci und Marxismus-Feminismus), und eine Diskussion unter den Beteiligten könnte sich der historisch-kritischen Arbeit zuwenden und der Frage, wie die großen Begriffe des Marxismus in feministischer Perspektive umzuarbeiten sind – etwa unter dem Titel Was ist feministischer Marxismus? Des Weiteren wäre zu diskutieren, ob bzw. wie Marxismus-Feminismus heute relevant werden könnte. Im Sommer 2013 machten wir uns auf die Suche nach Unterstützung, nahmen Kontakte zu Unipartnerinnen und zu Studentinnen vom SDS auf, schauten uns nach öffentlicher Förderung und nach Räumen für die Durchführung um.

Je mehr wir uns damit beschäftigten, desto mehr positive Zeichen erkannten wir für unsere Hoffnung, dass das Thema Resonanz erfahren würde; so z. B. war die Begeisterungsfähigkeit von Studierenden dafür ausgesprochen groß; einige von uns hatten Seminare angeboten, die großen Zulauf hatten: An Universitäten mangelt es an Diskussionsangeboten. Cynthia Cockburn schrieb uns über die lebhafte junge feministische Bewegung in London und deren sozialistische Initiativen. Alles dies werteten wir als Anhaltspunkte, welchen Schub eine neue internationale Vernetzung dem Thema und der Bewegung geben könnte. Im Herbst 2013 erfuhren wir, dass uns bei der Londoner Konferenz lediglich ein Roundtable mit 4-5 Kurzbeiträgen eingeräumt wurde2, worauf einige Beteiligte ihre Teilnahme absagen mussten. In dieser Situation hat die feministische Sektion entschieden, sich für eine gemeinsame Tagung in Berlin einzusetzen, auch ohne staatliche Hilfe oder andere Unterstützungen, notfalls mit eigenen Mitteln und denen aller Beteiligten. Wir wollten diese Initiative auf keinen Fall verloren geben, sondern sie, soweit wir es konnten, zu nachhaltiger Wirkung bringen: dies in der Einschätzung der langfristigen strategischen Bedeutung einer neuen internationalen Initiative für einen marxistischen Feminismus heute – im Sinne eines befreienden Projekts, das Frauen nicht vergisst, die Stärken von Marx fruchtbar macht, innovativ und andere ermunternd, mitzumachen.

Anfang 2014 verständigten wir uns gemeinsam auf einen Termin für die Tagung in Berlin im März 2015. Der spätere Termin erlaubte mehr Vorbereitung. In einem Rundbrief (englisch und deutsch) wandte sich Frigga Haug im Februar 2014 an einen größeren Kreis älterer und jüngerer feministischer Marxistinnen, fragte nach der Herkunft des Begriffs M-F und von wem und wie er aufgebracht wurde; dazu teilte sie mit, dass wir nach einem Versuch in London den Marxismus-Feminismus durch eine Tagung in Berlin international voranbringen wollten. In kürzester Zeit schrieben zahlreiche Frauen, begrüßten die Initiative und wollten sich beteiligen. Die große Resonanz gab uns Auftrieb, über ein Arbeitstreffen hinaus einem größeren Publikum ein weiterführendes Programm bieten zu können. Wir begannen, einen Aufbruch zu denken und gewannen die Rosa Luxemburg Stiftung (RLS) als Mitveranstalterin, hinzu kam Gabriele Winker (TU Harburg), die uns besonders in der Frühzeit des Projekts unterstützte. In einem 2. Rundbrief (April 2014) schrieb Haug an den so erweiterten Kreis von gut 30 Frauen und kündigte die Konferenz in Berlin vom 20. – 22. März 2015 unter dem Titel Wege des Marxismus-Feminismus an. Themenvorschläge sollten bis Mitte Mai eingereicht werden. An Plenumsveranstaltungen, aber auch kleinere Arbeitsgruppen sei dabei gedacht. Die Antworten kamen sofort; vielfältige Themen wurden vorgeschlagen, auch schon kleine Texte eingereicht. Innerhalb weniger Tage erhielten wir mehr als 20 konkrete Vorschläge, insgesamt mehr als 30 Zusagen. Der Rundbrief zog weitere Kreise, neue Personen wurden vorgeschlagen oder wollten sich beteiligen. Schon nach zwei Tagen mussten wir darum bitten, ihn nicht weiter zu streuen und neu Anfragende auf später vertrösteten. Wir konnten nichts versprechen, solange die Organisations-, Finanzierungs- und Raumfragen nicht gelöst waren. Unter den ersten Anmeldungen waren Sarah Schulman, Cynthia Cockburn, Heidi Hartmann, Gayatri Spivak, Zillah Eisenstein, in kurzer Zeit hinzu kamen Adrienne Roberts, Hester Eisenstein, Lise Vogel, Terri Seddon, Nora Räthzel, Lynne Segal, Saskia Sassen, dann Ann Ferguson, Nira Yuval Davis, Elisabeth List, Tove Soiland, Erica Burman, Martha E. Gimenez, Verónica Schild, Uta von Winterfeld usf. Eine große Beteiligung zeichnete sich ab, wir dachten an große Plenen abwechselnd mit vertiefenden parallelen Workshops, um möglichst viele einzubeziehen. Die Raumfrage stellte sich gänzlich neu, und Ende April wurde uns klar, dass uns der ursprüngliche Plan, mit Frauen aus Kanada und England eine interne Arbeitstagung zu machen und dies mit einer öffentlichen Veranstaltung zu verbinden, in ozeanische Gewässer gebracht hatte. Und es gingen immer weitere Vorschläge ein. Im Juni kamen die ersten Anfragen, wo man sich als Besucherin anmelden könne. Die RLS, Mario Candeias u. a., sagten uns Unterstützung in Organisation und Finanzierung zu, und so nur fanden wir eine Möglichkeit, ein Vorhaben dieser Größe – mit schließlich weit über 500 Teilnehmerinnen – überhaupt zu bewältigen. Die inhaltliche Planung lag bei der feministischen Sektion des InkriT, die sie mit allen Beteiligten abstimmte. Eine besondere Kooperation kam mit dem SDS zustande, der einen Workshop zum Thema Bildung und Neoliberalismus vorbereitete.

Programmentwurf für eine Neugründung

Wie sollte aufgrund der vorliegenden Ideen ein Programm entstehen, mit dem eine Neugründung des M-F in die Wege geleitet werden konnte? Wir hatten zahlreiche Anfragen und Vorschläge erhalten, bevor überhaupt Themenschwerpunkte formuliert waren. Ein Vorgehen »nach Plan«, um dieser Neugründung eine Struktur zu geben, war vorerst unmöglich. Stattdessen formulierten wir einen ersten Entwurf, der der Programmentwicklung zugrunde gelegt werden konnte. Wir planten mögliche Schwerpunkte wie: Marxistisch-feministischer Standpunkt und sozialistische Perspektive; Geschichtsverlust und Erinnerungsarbeit; Sprachpolitik; der Beitrag des Marxismus-Feminismus zur Transformation von Gesellschaft; was kann bei Berücksichtigung der Sorgearbeit über die gegenwärtige Phase des Kapitalismus gesagt werden? Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse denken; Wachstum und Ökologie – ein ungelöstes Verhältnis zur Natur usw. Wir hatten die Frauen aufgerufen, Vorschläge einzureichen. Darunter gab es Ideen, die an ältere Debatten anknüpften, aber auch Beiträge aus wissenschaftlichen Studien und politischem Handeln, die aus anderen Diskussionskontexten kamen, z. T. Fall- oder Materialstudien und Länderberichte. Der speziische Bezug zum M-F war nicht immer ersichtlich; wir vermuteten, dass die Autorinnen mit diesen Arbeiten einfach zu dem gemeinsamen Projekt dazugehören wollten. Dies bestärkte uns umso mehr darin, dass M-F in der heutigen Weltlage eine große Rolle spielen kann. Und diese verschiedenen Beiträge werden gebraucht. Wir mussten das Ganze nur gut strukturieren, um daraus in eine Theoriedebatte eintreten zu können, so unsere Überlegung. Die Konferenz sollte entsprechend als Arbeits- und Diskussionsprozess entwickelt, die beteiligten Frauen in die Planung einbezogen werden, um Gemeinsamkeiten und Differenzen solidarisch-kontrovers zu erörtern und Perspektiven der Zusammenarbeit zu entwickeln. Mit einer ersten Gliederung gaben wir eine Struktur vor, auf die sich alle in der weiteren Ausarbeitung beziehen konnten. Den Gliederungsvorschlag stellten wir in der »Kerngruppe« zur Diskussion (Rundbrief vom Juli 2014), dazu eine Liste mit sämtlichen soweit vorliegenden einzelnen Themenvorschlägen. Als Kerngruppe sprachen wir diejenigen an, die sich bis dahin als Referentinnen und/oder Organisatorinnen gemeldet hatten und baten sie, auf unseren Vorschlag mit Ergänzungen, Widerspruch, eigenen Zuordnungen ihrer Beiträge zu vier Dach themen zu antworten und Abstracts einzureichen. Jeder Tag sollte unter einem Dachthema mit je unterschiedlichen Formen der Präsentation (Vorträge, Podien, Workshops) stehen. Die Themen waren:

1. Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse: Fragen von Kapitalismus und Patriarchat, marxistischem Standpunkt und feministischer Erneuerung, auch die Frage nach neuen Klassenverhältnissen gehörte dazu.

2. Mensch-Mensch-Verhältnisse: Unter diesem Begriff sollten Beiträge von Herrschaft und Knechtschaft, zum Thema Sorge/Plege (Care) und zu ihrer Krise, von befreienden Dimensionen und aktueller Entwicklung diskutiert werden.

3. Mensch-Natur-Verhältnisse, darunter v.a. das Ökologieproblem und Diskussionen um Nachhaltigkeit.

4. Kritik heutiger Feminismen und Perspektiven internationaler Vernetzung: Die Diskussion über die Entwicklung von feministischer Bewegung und Kritik, daraus zu gewinnender Perspektiven sollte abschließend in den Mittelpunkt rücken und als Bilanz der Konferenz Vorschläge für die weitere Zusammenarbeit einbringen.

Schon zuvor hatten wir die ersten Referentinnen aufgefordert, ihre Auffassungen zur Frauenbewegungsgeschichte, zur Historiograie und ihren Rückwirkungen auf die Bewegung in einigen Thesen zu schreiben, die Ergebnisse fasste Frigga Haug im Argument 308 (2014) unter dem Titel Arbeiten an einer Kultur der Zerrissenheit zusammen: die erste inhaltliche Grundlage für die Diskussion bei der Tagung, die wir mit einem Rundbrief an alle Beteiligten weitergaben; deutlich wurde u.a. der Anspruch, Verschiedenheiten als Reichtum zu erkennen und für die Theoriebildung nutzbar zu machen. Der Rücklauf auf den Gliederungsvorschlag führte zu erneuten und ausführlicheren Einreichungen, die eine Vorstellung gaben, was an Erkenntnissen der Gesellschaft mit gesellschaftskritischem und feministischem Anspruch existierte. Für uns stand nun fest, dass es ein Kongress wird und dass Übersetzungen ins Deutsche erforderlich sein würden. Mit ihren Abstracts ordneten sich die Referentinnen den Dachthemen zu und wo sie sprechen und diskutieren würden. Und doch, trotz der Anstrengung aller Beteiligten, sich auf ein Gemeinsames zu beziehen, hatten wir weiter mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass alles nicht recht zusammen passen wollte. Was vor uns lag, erschien wie ein Flickenteppich.

Ein Thema, das vielen unter den Nägeln brannte, waren unterschiedliche und konträre Verortungen in der Debatte um Intersektionalität, also das Verhältnis von »Rasse«, Klasse, Geschlecht bzw. wie verschiedene Formen von Unterdrückung als ineinander verlochtene zu fassen sind. Kapitalismus erzeugt und nutzt diverse Ungleichheiten; verständlicherweise spielte diese Frage für einen sich neu zusammenindenden M-F eine große Rolle. Themenvorschläge bezogen sich z. B. auf die neoliberale Vereinnahmung von Intersektionalitätskonzepten, Verkürzungen auf oder um Klassenunterschiede, auf Auseinandersetzungen in der Linken u.a. Wir planten dazu zwei Podien (Kritik des gegenwärtigen Feminismus und Eingriffs punkte). Mehrere Vorschläge setzten sich mit dem Stellenwert unbezahlter fürsorgender Arbeit auseinander, mit »sozialer Reproduktion«, wie es feministische politische Ökonomie nennt und wie sie mit Erwerbsarbeit und Familie im Kapitalismus notwendig zu tun hat. Dazu planten wir den Workshop Marxistisch-feministische Analyse des Care-Sektors und diesbezügliche Beiträge zum Podium Perspektiven einer menschlichen Gesellschaft. Gewissermaßen parallel dazu der Umgang mit Naturressourcen, die ebenfalls, wie Marx sagt, »gratis da« sind. Weitere Themen wurden in Workshops wie Weibliche Proletariate oder Konlikte um Handlungs fähigkeit zusammengeführt.

Fixpunkte des Programms waren die Eröffnung und zwei das Programm rahmende Podien. In Frigga Haugs Eröffnung unter dem Titel Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse sollte es u.a. darum gehen, wie eine Theorie der Geschlechterverhältnisse erarbeitet werden kann (s. Beitrag in diesem Heft). Das erste Podium unter dem Titel Aus der Geschichte lernen sollte Fragen der Erinnerungspolitik, des Geschichts- und Selbstbewusstseins, Erfolge, Niederlagen und Wiederaneignungen diskutieren. Beim letzten Podium sollten Beiträge zur Rückgewinnung von Perspektiven, Widerständiges und Vorstellungen einer solidarischen Welt unter dem Titel Perspektiven einer menschlichen Gesellschaft in den Vordergrund rücken. Als Keynote speaker luden wir Gayatri C. Spivak und Saskia Sassen ein. – Ergänzende Workshops, von der RLS geplant, sollten Gruppen und Initiativen einbeziehen, die politisch praktisch tätig sind. Das europäische Netzwerk transform!europe organisierte ein Vorbereitungstreffen mit sozialistischen Feministinnen aus Frankreich, Italien und Spanien in Madrid, aus dem ein Workshop über Konliktlinien zwischen Gleichstellung und Widerstand hervorging. Das war folgenreich, denn das Netzwerk übernahm die Organisation des nächsten Kongresses in Wien im Oktober 2016.

Die werden die Welt verändern, denen sie nicht gefällt

Das Verändern der Welt braucht Einsichten, die gegen die herrschenden Zustände gerichtet sind – sie sind nicht leicht zu haben, zumal sie obwaltender Hegemonie und eigener Verstrickung erst abgerungen werden müssen. Nicht wenig, wenn der Kongress dazu beigetragen hätte, solche Einsichten zu gewinnen und dazu jene Menschen, die sie als organische Intellektuelle weitertragen. Der Kongress markiert eine Neugründung. Was mit dem feministisch-sozialistischen Aufbruch in den 70ern begonnen hat, wird fortgeführt. Der Tradition bewusst, setzen wir auf den Neuanfang im globalisierten Kapitalismus unter krisenbestimmten Bedingungen. Die feministische Rekonstruktion des Marxismus ist die Rückgewinnung einer sozialistischen Perspektive; sie wird durch eine andere Weltaneignung, andere Begriflichkeit, durch theoretische Anstrengung erarbeitet. Der Kongress hat einen ersten Eindruck von den Möglichkeiten gegeben. Aus ihm hervorgegangen ist ein Zwischenbericht in 14 Thesen von Frigga Haug, der sich als Versuch versteht, programmatische Positionen des Marxismus-Feminismus zu formulieren, und der weiter diskutiert werden soll.

Der vorliegende Band dokumentiert den Neubeginn. Er soll einen Eindruck vom Stand der Debatte geben – als einem Projekt unterwegs. Einige der beim Kongress vorgestellten Thesen wurden im Argument schon veröffentlicht (so die von Zillah Eisenstein und Verónica Schild in Das Argument 308, 2014) und sind daher nicht noch einmal aufgenommen; andere wurden zurückgezogen und für später versprochen, so die von Ece Kocabicak und Tove Soiland, wieder andere Beiträge wurden für die Veröffentlichung neu geschrieben, so von Terri Seddon, die in Berlin gar nicht zur Darstellung ihrer Position kam, oder Saskia Sassen, die grundlegender ihre Arbeit vorstellen wollte oder Erica Burman, die wie Cynthia Cockburn eine Themenverschiebung vornahm. Gayatri C. Spivak überließ uns statt ihres Redetextes einen Beitrag von 2013 zur Veröffentlichung, der sich unverhofft als ganz aktuell zur Flüchtlingsfrage und Staatsbürgerschaft herausstellte. Martha E. Gimenez stieg nach dem Kongress und der Lektüre von Frigga Haugs Beitrag zur These, dass Geschlechterverhältnisse Produktionsverhältnisse seien, erneut in die Diskussion ein; wir dokumentieren ihren Brief an Haug als Eröffnung der Diskussion für den nächsten Kongress. Schließlich schickte uns die langjährige Mitstreiterin Raewyn Connell ihre aktuelle Arbeit über Feminismus im Weltmaßstab, die wir unbedingt aufnehmen wollten. Mit Ilse Lenz hatten wir eine kundige und fähige Übersetzerin, die sich zudem in die Vorbereitung des Wiener Folgekongresses einschrieb. – Alle Beiträge und insbesondere die Übersetzungen wurden wieder und wieder überarbeitet.

Literatur

Engels, Friedrich, »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates«, in: MEW 21, 25-173

Haug, Frigga, Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke, Hamburg 2008

dies., »Menschsein können oder: Welche Aneignung für das weibliche Geschlecht?«, in: Das Argument 303, 55. Jg., 2013, H. 4, 501-7

dies., »Arbeiten an einer Kultur der Zerrissenheit. Eine internationale Umfrage«, in: Das Argument 308, 56. Jg., 2014, H. 3, 325-30

dies., »Marxismus-Feminismus«, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus Bd. 8/II, 2015a, 1882-900

dies., Der im Gehen erkundete Weg. Marxismus-Feminismus, Hamburg 2015b

Luxton, Meg, »Unsere Geschichte zurückgewinnen und unsere Politik wiederbeleben«, in: Das Argument 303, 55. Jg., 2013, H. 4, 508-21

Projekt Sozialistischer Feminismus, Geschlechterverhältnisse und Frauenpolitik, Argument Sonderband 110, Berlin 1984

Rowbotham, Sheila, Lynne Segal u. Hilary Wainwright, Beyond the Fragments. Feminism and the Making of Socialism 2013 (1981)

Vogel, Lise, Marxism and the Oppression of Women, Leiden-Boston 2013 (1983)