Das Massaker in Ankara

Ein Gespräch mit Aktivist*innen aus der Türkei

Cansu in Graswurzelrevolution (16.12.2015)

Am 10. Oktober 2015 fand während einer Friedensdemonstration in Ankara eines der größten Massaker in der jüngeren Geschichte der Türkei statt. In Folge zweier Bombenanschläge starben mehr als 100 FriedensaktivistInnen, hunderte wurden verletzt. Zur Demo hatten Gewerkschaften, basisdemokratische Gruppen, AntimilitaristInnen und die linke HDP (Demokratische Partei der Völker) aufgerufen, auch um gegen die Kriegspolitik der AKP-Regierung zu demonstrieren. Anıl und Cansu sprachen für die GWR mit Aktivist*innen des basisdemokratischen Taşkışla Forums (TF) und Ayfer Fatma Çelik, der Co-Vorsitzenden der HDP Üsküdar. (GWR-Red.)

 

GWR: Kannst du uns etwas über die Aktivitäten der HDP in Üsküdar erzählen?

 

Ayfer Fatma Çelik: Üsküdar ist ein Stadtteil von Istanbul, der in den 1980er Jahren von den Faschisten besetzt wurde. Die Rechten waren dort in der Überzahl und die Linken nicht besonders aktiv. Nach den 1980er Jahren hat sich das geändert. Es gab eine starke Einwanderung aus dem Osten der Türkei. Deshalb gibt es heute viele Kurd*innen in Üsküdar, von denen viele HDP Wähler*innen sind.

Die meisten von ihnen waren bereits in ihrer Heimat in politische Kämpfe involviert und setzen diese jetzt in Istanbul fort.

Einige sind aber auch vom Populismus der rechten Parteien beeinflusst. Das hat vor allem ökonomische Gründe und ist in gewisser Weise verständlich. Sie haben alles in ihrer Heimat zurückgelassen um nach Istanbul zu kommen und müssen jetzt ums Überleben kämpfen und Geld verdienen. Ich bin in Üsküdar seit 1,5 Jahren aktiv. Das Profil des Stadtteils hat sich in dieser Zeit geändert. Das ist nicht so offensichtlich und geht nicht so schnell wie wir es gerne hätten, aber es ist ein Trend.

Aber auch die Repression hält viele Leute davon ab, sich zu engagieren. Sie können ihre Gefühle nicht ausdrücken und nicht zu den öffentlichen Aktivitäten oder in die Parteigebäude kommen. Manche von ihnen gehen einfach nur wählen.

 

GWR: Nachdem die HDP am 7. Juni 2015 mehr als 13 % der abgegebenen Stimmen erhalten und so die 10%-Hürde übersprungen hat, gab es viele Angriffe auf die HDP. Kannst du davon erzählen?

 

Ayfer Fatma Çelik: Schon vor dem 7. Juni gab es Angriffe auf die HDP, aber danach haben sie zugenommen und wurden immer aggressiver. Es gab Angriffe auf das HDP-Gebäude in der Hauptstadt und im ganzen Land. Das geht auf den aggressiven Kurs der AKP gegen die Kurd*innen zurück. Dabei benutzt die Regierung immer den Begriff des Terrorismus. Die AKP behauptet, die HDP sei auf der Seite des Terrorismus.

Deshalb sehen es viele Rechtsextreme als ihre Pflicht, uns anzugreifen. Einige dieser Angriffe waren organisiert, andere spontan. Es ist ein Zeichen von Dummheit uns als Terroristen zu bezeichnen. Die Ideologen, die so etwas tun, glauben, sie können uns damit einschüchtern.

Manchmal haben sie damit auch Erfolg. Jetzt trauen sich weniger Leute, für die HDP aktiv zu werden, Wahlen zu beobachten oder Werbung zu machen. Aber sie können mit ihrer Gewalt nicht die Interessen der Leute ändern, das zeigt sich in den Wahlen.

Wir müssen alle unsere Aktivitäten in Üsküdar bei der Polizei anmelden, sogar wenn wir nur eine Fahne aufhängen wollen.

Die Polizei geht dabei meistens respektvoll mit uns um, aber das ist manchmal nicht genug. Zum Beispiel können wir seit drei Monaten keine Flaggen mehr aufhängen, nicht mal an unseren eigenen Gebäuden. Die Flaggen werden immer abgerissen oder angezündet. Es gab auch einen Versuch, unser Büro abzubrennen. Es gibt ständig Angriffe auf unsere Infostände und wenn wir weniger als 15 bis 20 Leute sind, gibt es regelmäßig auch physische Gewalt. Bei solchen Angriffen schaut die Polizei meistens nur zu, oder sie greift nur halbherzig ein. Wir wissen, dass sie uns mit diesen Angriffen dazu bringen wollen, selbst Gewalt anzuwenden.

Aber wir versuchen gelassen zu bleiben und ihnen mit Worten zu antworten. Das ist schwer. Wir hoffen, dass sie unsere Antwort in den Wahlen sehen.

 

GWR: Du warst auf der Demo in Ankara, bei der es zu dem Massaker kam. Kannst du uns davon erzählen?

 

Ayfer Fatma Çelik: In der Nacht bevor wir nach Ankara gefahren sind, herrschte bei uns Festivalstimmung. Wir von der HDP Üsküdar hatten einen Bus für 30 Personen von der Gewerkschaft bekommen. Bevor wir einstiegen haben wir uns gut vorbereitet. Wir haben gegessen, uns darüber ausgetauscht, wie wir uns anziehen würden und ob es kalt werden würde. Wir haben uns auf eine schöne Reise eingestellt. Die ganze Nacht während der Fahrt haben wir Fotos und Videos gemacht. Niemals hätten wir uns vorstellen können, dass diese Fotos bald an den Wänden unserer Parteibüros hängen würden, um an die Toten zu erinnern. All diese Bilder aus dem Bus und vor dem Bahnhof in Ankara sind jetzt traurige Erinnerungen. Diese lächelnden Gesichter, die von der Freude sprechen, mit tausenden Menschen Schulter an Schulter für den Frieden einzustehen, kehren jetzt wieder als schmerzhafte Erinnerungen. Als wir in Ankara ankamen, haben sich langsam alle für die Demo aufgestellt. Ich musste noch auf die Toilette, aber dort war eine lange Schlange. Deshalb suchte ich zusammen mit einer Freundin eine andere Toilette.

Danach sagte sie, „lass uns noch etwas trinken, wir müssen noch lange genug gehen“. Als wir uns gerade hingesetzt hatten, um unseren Tee zu trinken, hörten wir den Knall der Explosion. Zuerst dachten wir, es sei ein Böller und blieben ruhig. Aber dann kam noch ein Knall und viele Leute rannten auf uns zu.

Ich bin ruhig geblieben und in die Richtung gerannt, aus der die Explosion kam. Ich glaube, das war zwei Minuten nach der Explosion. Als ich dort hin gerannt bin sah ich Dinge, die ich nie wieder sehen will. Schon aus der Entfernung sah ich Fetzen von Flaggen und etwas, das aussah, wie menschliches Fleisch flog durch die Luft. Der Ort der Explosion war voll von abgerissenen Händen und anderen Körperteilen, Knochen und Blut. Ich versuchte auf Zehenspitzen zu gehen. Das waren meine Genoss*innen mit aufgerissenen Bäuchen, halb weggerissenen Gesichtern, schrecklichen Verbrennungen. Eine Freundin lag auf dem Boden, ich erkannte sie an ihren Kleidern und ihren schönen dunklen Haaren. Ich drehte ihr Gesicht und sprach sie an, aber sie antwortete nicht.

Da ihre Augen offen waren, probierte ich es nochmal, aber sie antwortete nicht. Ich sah eine andere Freundin, Azize, ihre Kleider waren zerrissen und sie lag auf dem Bauch. Ich habe sie umgedreht, aber sie kaum mehr erkannt. Ein anderer Freund, Halil, war schwer verwundet, seine Hände waren fast abgerissen. Ich sagte, „Halil, Genosse, halte durch“. Außer mir waren höchstens noch ein oder zwei andere Unverletzte in der Gegend der Explosion. Ich rief nach einem Krankenwagen. Stattdessen kam die Polizei.

Zur gleichen Zeit kamen die Leute zurück, die weggerannt waren. Die Polizei schoss Gasgranaten in ihre Richtung und Panik brach aus. Ich versuchte anhand der Schuhe und der Kleidung weitere Freund*innen zu erkennen. Währenddessen deckten andere die Toten mit Flaggen zu. Ein oder zwei Krankenwagen kamen. Ärzte vom TTB kamen und ordneten die Verletzten nach der Schwere ihrer Verletzungen. Das machte Sinn, denn die schwer Verletzten hatten Priorität. Alle waren geschockt, weinten und schrien. Die Überlebenden waren Leute wie ich, die die Menge für einen Moment verlassen hatten.

Die Bombe explodierte genau dort, wo die Anderen von der HDP Üsküdar standen, deshalb haben wir sieben Genoss*innen verloren und elf wurden verwundet. Da wir nichts mehr tun konnten, fuhren wir in die Krankenhäuser. Die linken Organisationen aus Ankara gaben uns Informationen über die Opfer, aber nirgends bekam man Informationen über die Zahl der Toten. Wir versuchten einige der Verletzten zu erreichen, aber das gelang uns nicht. Als der Morgen kam, erfuhren wir, dass sie mittlerweile gestorben waren. Am nächsten Tag fuhren wir zurück nach Istanbul. Die Toten wurden zurück zu ihren Familien gebracht.

 

GWR: Du hast bei dem Massaker Freund*innen und Genoss*innen sterben sehen. Wie verarbeitest du diese traumatische Erfahrung?

 

AFC: Am Tag nach dem Massaker haben wir uns im Parteibüro versammelt und eine Woche lang die Toten betrauert und geweint. Aber gleichzeitig mussten wir Anträge für die Wahlen bearbeiten und die politische Arbeit fortsetzen. Ich fühle mich gerade als wäre ich an eine Maschine angeschlossen. Ich lasse keinen Schmerz in meinem Körper wachsen. Wie viele meiner Freund*innen mache ich Büroarbeit wie ein Roboter.

Ich denke, wir brauchen alle eine Therapie. Dann müssen wir uns dem Schmerz stellen, den wir jetzt vor uns her schieben.

 

GWR: Sieben Menschen aus der HDP Üsküdar haben in Ankara ihr Leben verloren. Kannst du uns etwas von ihnen erzählen?

 

AFC: Zuallererst: Wir müssen allen Menschen gedenken, die wir dort verloren haben, nicht nur den HDP-Mitgliedern.

Aycan war eine Freundin, die lange Zeit in unsere Aktivitäten in der Umgebung von Yavuztürk involviert war. Sie war eine wichtige Figur in den feministischen Kämpfen, sie hatte drei Kinder, eine ihrer Töchter hat gerade geheiratet. Sie hat immer gelächelt, bis sie ihr jetzt ihr Lächeln endgültig genommen haben. Sie kämpfte mit ganzem Herzen. Sie hat spät Türkisch gelernt, deshalb hat sie mich oft gefragt, ob sie Telefonnummern richtig verstanden hat. Sie hat viel Respekt verdient und wird niemals vergessen werden.

Azize war vor allem in der Umgebung von Kirazlıtepe aktiv. Wenn wir ein Treffen geplant haben, hat sie immer 50 bis 60 Frauen versammelt. Sie arbeitete sehr hart, sowohl im Haushalt als auch außerhalb. Sie kam mit ihrem Mann und ihrem Schwiegervater nach Ankara. Jetzt mussten die beiden sie zu ihrer Beerdigung nach Istanbul bringen. Niemand wird die Lücke schließen können, die ihr Tod zurückgelassen hat.

Cemal, für die meisten von uns „Bruder Cemal“ war unser erfahrenstes Mitglied und Büroarbeiter. Ich habe viele Erinnerungen an ihn, die ich nie vergessen werde. Er wollte unbedingt nach Ankara kommen. Er sagte: „Ich kann nie zu Demonstrationen kommen, aber diesmal muss es sein.“ Normalerweise blieb er nämlich im Parteibüro, damit es während der Demos geöffnet bleiben konnte. Sogar wenn die Demos in Istanbul stattfanden, ging er nicht hin.

Ich habe zu ihm gesagt: „Dieses Mal kommst du mit“. Sein Sohn hat gerade geheiratet und seine Familie wird uns bleiben, um an ihn erinnert zu werden.

Eine weitere Parteigenossin, die gestorben ist, war Fatma Karabulut. Sie hatte sehr dunkles Haar und war meine schönste Freundin. Sie kämpfte gemeinsam mit ihrer Tochter, die an der Uni studiert und die sie jetzt zurückgelassen hat. Ich denke voller Respekt an sie.

Und schlussendlich unsere Parteimitglieder, die mit zur Demo gekommen sind. Einer von ihnen hat gesagt: „Unser Sohn wird sich am Sonntag verloben, sollen wir mitkommen oder nicht?“ Ich habe geantwortet, dass er in diesem Fall besser zur Verlobung gehe, aber er sagte, wir verschieben die Verlobung einfach, dann können wir kommen. Er wurde schwer verletzt und musste dreimal operiert werden, aber jetzt ist er außer Lebensgefahr. Viele der Überlebenden sind hoch motiviert und wollen so bald wie möglich den Kampf wieder aufnehmen.

 

GWR: Nach dem Massaker hat die Regierung jede Art der Berichterstattung über den Tathergang verboten und verlauten lassen, es habe keinen Mangel in den Sicherheitsvorkehrungen gegeben. War das wirklich so?

 

AFC: Es gab keine Sicherheitsvorkehrungen, es war nicht einmal Polizei da, vor der Explosion. In einem Kilometer Entfernung stand Verkehrspolizei, die die Autos davon abgehalten hat, in Richtung der Demo zu fahren. Scheinbar gab es nicht einmal Zivilpolizist*innen.

Vor der Explosion sind mir zwei verdächtige Personen aufgefallen. Einer davon bin ich gefolgt. Ich habe zu einer Freundin gesagt, „Wirklich merkwürdig, dass heute keine Polizei da ist“. Eine halbe Stunde später ist die Bombe explodiert. Zu behaupten, dass es genügend Sicherheitsvorkehrungen gab, ist mehr als komisch. Leute haben gefragt, warum wir nicht unsere eigenen Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben. Aber es war eine normale Versammlung für Frieden und Freiheit, niemand hätte gedacht, dass so etwas passieren könnte. Schon wenn fünf Leute zusammenkommen und eine Fahne schwenken, kommt normalerweise die Zivilpolizei.

Es ist  merkwürdig, dass an diesem Tag anscheinend niemand von denen da war, insbesondere nach dem was in Diyarbakır und Suruç passiert ist und all den Drohungen...

 

GWR: Was war nach deiner Einschätzung das Ergebnis der Revolution in Rojava?

Wie wird es damit in Zukunft weitergehen?

 

AFC: An der Südgrenze der Türkei entsteht ein neues politisches Modell, das vor allem auf der dezentralen Verwaltung in „Kantonen“ basiert.

Für die Türkei ist es schwer, diese Art von emanzipatorischer Politik zu akzeptieren. Die Verlautbarungen der Regierung von einer „freien Zone in Syrien“ haben hauptsächlich zum Ziel, die Ausweitung dieses basisdemokratischen Modells in die Türkei zu verhindern. Die türkische Außenpolitik hat tausende von IS-Terroristen hervorgebracht.

Die Regierung dachte, dass sie den IS für ihre Ziele benutzen könnte, aber wie Frankenstein seinen Meister fraß, wird auch die Regierung gefressen werden.

 

GWR: Als Folge des Krieges in Syrien mussten viele Menschen ihre Heimat verlassen und viele von ihnen flüchten in europäische Länder. Was denkst du über das „Flüchtlingsproblem“ dieser Länder?

 

AFC: Die Einmischung in den syrischen Bürgerkrieg und die Nahost-Politik der türkischen Regierung ist falsch. Es ist diese Politik im Stil des Osmanischen Reiches, die zur aktuellen Situation geführt hat. Die AKP-Regierung hat die Türkei in allerlei Probleme gestürzt und trotzdem regiert sie immer noch. Sie halten sich mit einer krankhaften Einstellung an der Macht und diese Einstellung besteht darin, alles zu tun, um an der Macht zu bleiben. Aber die Geschichte zeigt, dass alle Diktaturen irgendwann ihre Macht verloren.

Jetzt verliert auch die türkische Regierung an Macht, ob sie es will oder nicht. Deshalb nutzen sie eine Politik, die die Menschen ignoriert und Gewalt über sie bringt. Im Osten hat sie diese Gewalt auf monströse Weise intensiviert, um ihren Wahlsieg sicherzustellen. Trotzdem, wie eine kurdische Frau sagte: „Sogar wenn sie die Wahlurnen im Garten des Präsidentenpalastes aufstellen, werde ich zur Wahl gehen.“

Die Migrationspolitik ist eine Schande für die Welt und für Europa insbesondere. Merkels Reise in die Türkei, der bombastische Empfang durch den Präsidenten, all das zeigt, wie viel Angst Europa vor den Geflüchteten hat. Sie sagen: „Wir nehmen zwar deren Öl, aber der Nahe Osten ist ein Sumpf in dem sich die Einheimischen gegenseitig bekriegen. Wir bezahlen Länder wie die Türkei dafür, die Geflüchteten daran zu hindern, nach Europa zu kommen. Oder sie sollen zumindest in den armen europäischen Ländern bleiben, wo die Verhältnisse in den Lagern schrecklich sind.

Wir schicken ihnen Nahrung und Kleidung, aber sie sollen bloß nicht zu uns an unseren Esstisch kommen.“

Aber Europa wird die Probleme nicht durch Ignoranz lösen. Ich hoffe, dass die Menschen in Europa durch ihre Kämpfe ihre Regierungen dazu zwingen können, sich dieser Probleme anzunehmen. Es ist immer möglich, die offizielle Politik zu sabotieren, indem man ihre Lügen dechiffriert und sich selbst lautstark zu Wort meldet.

 

GWR: Möchtest du noch etwas Abschließendes hinzufügen?

 

AFC: Ich lebe in der Türkei und die Leute, die dieses Interview lesen, leben in Deutschland, aber trotzdem leben wir alle in derselben Welt. Das hört sich vielleicht nach einem Klischee an, aber wir sind alle Brüder und Schwestern, wir müssen Schulter an Schulter stehen.

Das hier sind nicht nur türkische Probleme, die verschwinden wenn man in Deutschland den Fernseher ausschaltet. Sie sind nicht nur auf dem Bildschirm, sie sind überall da draußen.

Niemand sollte diese Probleme ignorieren. Wir sollten alle unsere Kämpfe für Freiheit, Frieden und Demokratie sichtbar Schulter an Schulter führen.

 

GWR: Fikri und Orhun, könnt ihr etwas zu eurem Forum und zu den politischen Aktivitäten an eurer Universität seit den Gezi-Protesten [die GWR berichtete] sagen?

 

Taşkışla Forum (TF): Die Studierenden haben Proteste an der Technischen Universität in Istanbul organisiert, um Kritik an der Politik der Regierung zu üben. Vor Gezi haben hauptsächlich Leute aus den Parteien diesen Protest organisiert. Nach Gezi sind überall die basisdemokratischen Foren entstanden.

Viele von ihnen bestehen noch. Es nehmen auch immer mehr Leute teil, die nicht in Parteien organisiert sind. Für die ITU können wir sagen, dass Gezi der entscheidende Punkt für die meisten Leute war, selbst in den Protest einzusteigen.

Unser Forum, das Taşkışla Forum, war am Anfang recht klein im Vergleich zum Maslak Forum, dem Hauptforum an der ITU. Aber mit der Zeit wurden die Leute in unserem Forum immer aktiver. Ich glaube der Grund dafür ist, dass im Maslak Forum viele Parteien und Organisationen vertreten sind.

Im Taşkışla Forum sind dagegen mehr Menschen, die nicht den Parteien angehören. Die Leute im Maslak Forum tun sich schwer damit, gemeinsame Beschlüsse zu fassen. Sie kommen alle aus verschiedenen politischen Richtungen und bestehen oft darauf, die Beschlüsse ihrer Organisationen oder Parteien durchzusetzen.

 

GWR: Wie wurde das Massaker von Ankara im Taşkışla Forum aufgenommen?

 

TF: Einer unserer Freunde von der Technischen Universität Istanbul, Güney Doğan, hat in Ankara sein Leben verloren.

Deshalb herrscht bei uns Trauerstimmung. Wir haben alle die Beerdigung besucht. Gleichzeitig wurde, um zu verhindern, dass einfach weitergemacht wird wie immer, ein Uniboykott organisiert. Das Rektorat hat angekündigt, einen Trauertag einzulegen und die Veranstaltungen wurden ausgesetzt, so dass wir die Beerdigung besuchen konnten. Am nächsten Tag haben wir den Boykott fortgesetzt und eine Versammlung, ein sogenanntes Forum, in der Fakultät für Architektur einberufen.

Es kamen 350-400 Leute, viele haben ihre Wut ausgedrückt. Einige Studierende waren auf der Demo in Ankara als die Bombe explodierte, deshalb hatte das auch ein bisschen den Charakter einer Therapie. Wir haben diskutiert, geweint und uns umarmt. Der schönste Moment der Versammlung war, als wir uns alle geschworen haben, dass wir immer für diejenigen kämpfen würden, die wir bei dem Massaker verloren haben, Studierende, MitarbeiterInnen und ProfessorInnen, alle gemeinsam. Es waren sogar ein paar ausländische Studierende da, die kein Türkisch verstanden. Wir schworen uns, für den Frieden zu kämpfen und dieses Massaker niemals in Vergessenheit geraten zu lassen. Das war beeindruckend. Dann sprachen wir darüber, was wir tun könnten. Es gab verschiedene Vorschläge und einen davon realisierten wir gleich nach der Versammlung. Wir bemalten vier große Stofftücher mit Botschaften für den Frieden.

Danach haben wir alle Fakultäten mit diesen Bannern besucht. Am Schluss wollten wir sie an die Außenseite des Universitätsgebäudes hängen. Das wurde verboten, also mussten wir sie innen aufhängen. Da hängen sie immer noch.

 

GWR: Es gab auch noch andere Aktionsvorschläge?

 

TF: Kreativer Protest, Workshops über Frieden, Briefe an die Überlebenden und Familien der Menschen schreiben, die wir in Ankara verloren haben.

In der Fakultät für Architektur arbeitet auch jemand an der Neugestaltung des Platzes, auf dem das Massaker stattgefunden hat. Also ein Platz als Gedenkstätte. Außerdem haben wir beschlossen, dass wir am 10. jeden Monats eine Veranstaltung an der Uni machen wollen, um an den Angriff zu erinnern. Zwei dieser Vorschläge wurden bis jetzt realisiert. Einer ist ein Workshop mit dem Namen „Die unsichtbaren Praxen von Taşkışla”. Dabei werden wir ein Fanzine herstellen, in dem über die Aktivitäten des Forums berichtet wird. Der zweite ist das Briefeschreiben an die Familien und die Überlebenden.

 

GWR: Fikri und Orhun, wie läuft die basisdemokratische Organisierung bei euch ab und wie ist euer Verhältnis zu den Parteien?

 

TF: Nach der Explosion in der Mine von Soma im Mai 2014, bei der 301 Menschen starben, gab es eine Besetzung an unserer Fakultät. Es gab viele Diskussionen in den Versammlungen des Forums, aber die Leute, die zu den Parteien gehörten, haben zusätzliche geschlossene Treffen abgehalten. Diese Spaltung hat sich negativ auf das Forum ausgewirkt.

Es gab zum Beispiel einen Protest gegen den Rektor der ITU vor zwei Jahren. Der Prozess war sehr transparent und viele Leute, die nicht in Parteien organisiert waren, konnten an den Versammlungen teilnehmen und Dinge einbringen. Deshalb gab es eine hohe Teilnahme am Protest und es gab eine sensationelle Demo. Auch der Protest nach dem Massaker von Ankara wird sehr transparent organisiert und alles funktioniert gut. Die Leute, die nicht zu den Parteien gehören, übernehmen mehr Verantwortung und sind aktiver. Deshalb kann das Taşkışla Forum auch schneller handeln als das Maslak Forum und die Aktionen sind kraftvoller.

Die meisten Studierenden wissen, wer einer Partei angehört und wer nicht. Wenn sie sehen, dass eine Partei eine Demo dominiert, nehmen sie oft nicht daran teil. Aber wenn sie ihre Freunde dort sehen, dann ändern sie ihre Meinung, das erhöht die Teilnahme.

Deshalb sollten in den Foren die BasisaktivistInnen nicht den Parteileuten alles überlassen, sondern sich selber einbringen. Nur so können wir eine echte Forumskultur schaffen. Im Forum können sich die Leute jenseits von Parteien organisieren und lernen mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen.

 

Interview: Cansu, Anil

 

Übersetzung: Özgür, Pierre Michel

 

Interview aus: Graswurzelrevolution Nr. 404, Dezember 2015, www.graswurzel.net