Eine Geschichte des Hasses

Hintergründe, Bilder und Sinnstruktur des Antiziganismus

Markus End in MALMOE (21.01.2014)

Vorurteile sind Teil einer Wahrnehmungsstruktur, die nicht viel oder gar nichts mit den Beurteilten zu tun hat, aber sehr viel mit den Verurteilenden. Der Antiziganismus (1) als Vorurteil gegen Roma, Sinti und andere als ‚Zigeuner‘ (2) Diffamierte speist sich aus kulturell vermittelten Bildern, Stereotypen und Sinngehalten, aus ‚Wissen‘ also, das Jahrhunderte alt ist und in immer neuen Variationen tradiert wird und sozio-historische Hintergründe hat. 

Antiziganismus ist auf verschiedenen Ebenen zu begreifen: Erstens münden Vorurteile in sozialen Interaktionen und Praktiken, die für Betroffene massive Einschränkungen ihrer Lebenschancen und häufig schwerste Schäden an Hab und Gut, an Leib und Leben bedeuten. Insbesondere in Deutschland und auch Österreich muss eine Beschäftigung mit Antiziganismus immer vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Genozids an Roma, Sinti und anderen als ‚Zi‘ Stigmatisierten geschehen (vgl. Maciejewski 1996, 9). Zweitens sind diese sozialen Praktiken eingebettet in historische und politische Rahmenbedingungen, die die Manifestationen des Antiziganismus fördern oder hemmen. Dazu zählt beispielsweise die Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre, die häufig für eine Verschärfung antiziganistischer Diskriminierung und Ausgrenzung verantwortlich gemacht wird. 

Eine zentrale Motivation, diskriminierende oder ausgrenzende Handlungen zu vollziehen, kommt drittens aus den Vorurteilen und Stereotypen, die in der Kultur der Mehrheitsbevölkerung weit verbreitet sind. Die Sinnstruktur eines Vorurteils bezeichnet viertens eine abstraktere Bedeutungsebene, die den einzelnen Vorurteilen zu Grunde liegt. Die Ursache des Antiziganismus kann fünftens in den sozialen Normen und Strukturen der Mehrheitsgesellschaft gesehen werden. Das antiziganistische Bild beinhaltet meist einen Verstoß gegen die herrschenden Normen und Moralvorstellungen. 

Bilder und Stereotype 

Es ist erstaunlich, wie konstant sich antiziganistische Bilder bereits seit dem 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart hindurchziehen. In Sebastian Münsters Beschreibung der „Züginer oder Heiden“ in seiner Cosmographia (Münster 1550, 300f.) beispielsweise findet sich bereits eine stereotype Darstellung, die zahlreiche Bilder und Vorurteile aufzählt, die bis in die Gegenwart Bestand haben: Wahrsagen, Diebstahl, Betteln, Heimatlosigkeit, Religionslosigkeit, falsche Taufe. 

Ich werde im Folgenden die zentralen Vorurteile und Stereotype des modernen Antiziganismus benennen und ihre Sinnstruktur diskutieren. Zunächst gilt für den Antiziganismus was auch für andere Vorurteilskomplexe grundlegend ist. Ein zentrales Merkmal ist, dass eine Gruppe ‚der Anderen‘ immer in Abgrenzung und meist sogar als direkter Gegensatz zur Wir-Gruppe, der der/die Autor_in sich zugehörig fühlt, beschrieben wird. Dabei werden beide als abstrakte Wesenheiten angenommen, die unabhängig von den Individuen und doch in ihnen existieren. Eine Besonderheit des Antiziganismus scheint dabei zu sein, dass die diskriminierte und abgewertete Gruppe als offen angenommen wird, als Becken, in dem alles ‚Abweichende‘, das aus den geltenden Normen herausfällt, sich sammelt. 

Nomadentum und Nicht-Identität 

Ein weiteres zentrales Moment des Antiziganismus ist der angenommene Gegensatz zwischen ‚dem Zi‘ und ‚dem Bauern‘. Dieser Gegensatz findet sich immer wieder bis in die Gegenwart und kann gewissermaßen als Konzentrat mehrerer Sinngehalte gelten. Er enthält das antiziganistische Bild der Orts- und Heimatlosigkeit. Allgemeiner bedeutet dieser Sinngehalt, dass ‚sie‘ keine Identität besitzen, wie sie die Angehörigen der Wir-Gruppe, aber auch andere Fremdgruppen, die über Vaterland oder Religion definiert werden, vermeintlich haben. Den Stigmatisierten werden also die Zugehörigkeit zu zwei der großen identitätsstiftenden Kategorien der europäischen Gesellschaften – Religion und Nationalität – abgesprochen, dementsprechend stehen sie für Nicht-Identität und Ambivalenz. 

Der Gegensatz zum ‚Bauern‘ enthält noch einen zweiten zentralen Sinngehalt: den des archaischen ‚Parasiten‘. Das heißt, in der antiziganistischen Vorstellung lebt der ‚Zi‘ von dem, was andere Menschen sich erarbeiten und was er sich aneignet, weil er Arbeit und Eigentumsverhältnisse nicht anerkennt. Alle Stereotype von ‚Diebstahl‘, ‚Betteln‘ und ‚Betrügen‘ drücken diesen Sinngehalt aus. Eine häufig damit einhergehende Vorstellung ist jene des fehlenden Planens und der fehlenden Selbstdisziplin. Dem Ackerbau als Symbol einer Tätigkeit, für die das ganze Jahr diszipliniert gearbeitet und geplant werden muss, wird die Zuschreibung der Sorg- und Disziplinlosigkeit gegenübergestellt. 

Verführung und Bedrohung männlicher Hegemonie 

Eng damit verwoben und teils identisch verwendet ist der antiziganistische Sinngehalt der sexuellen und geschlechtlichen Amoralität. Auch hier besteht der Vorwurf darin, die eigene Sexualität und Triebhaftigkeit nicht unter Kontrolle zu haben und zentrale Wertmaßstäbe der Wir-Gruppe vermissen zu lassen. Überdies werden insbesondere ‚Zi-innen‘ stellvertretend für den ganzen Vorstellungskomplex von Freiheit und Lust als besonders erotisch und verführerisch beschrieben. 

Diese Darstellung steht immer im Kontext einer Versuchung der Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft, sich verführerischen Personen und damit ihrem Lebensstil hinzugeben (ein berühmtes Beispiel ist die Figur der „Carmen“). Diese vermeintliche Bedrohung des Männlichen geht bisweilen so weit, dass antiziganistische Texte einen Wechsel der Geschlechterrollen konstatieren. So wird der weiblichen Figur häufig die Rolle der Ernährerin zugeschrieben. Auch andere bis ins 20. Jahrhundert hinein streng männlich konnotierte Tätigkeiten wie das Tragen von Hosen, der Konsum von Tabak und Alkohol oder gar die Führung der ‚Sippe‘ beherrschen das Bild von der ‚Zi-in‘. 

Verhältnis zu Rassismus und Antisemitismus 

Das Verhältnis der drei Ressentiments lässt sich beispielsweise an dem Sinnstruktur-Element des ‚Parasiten‘ verdeutlichen. Während ‚Zi‘ in der antiziganistischen Vorstellungswelt von der Arbeit anderer Menschen leben, bestreiten ‚Primitive‘ ihr Leben im rassistischen Verständnis direkt aus der Natur. ‚Juden‘ hingegen werden in antisemitischen Texten zwar ebenfalls als ‚Parasiten‘, die sich die Arbeitsprodukte ‚des Bauern‘ aneignen, beschrieben, allerdings geschieht die Aneignung hier nicht auf archaische Weise, sondern durch ‚Zinswirtschaft‘, ‚Börsentum‘ und ‚Medien‘. 

Auch die jeweils zugeschriebene männliche Sexualität ist geeignet, um das Verhältnis der drei Ressentiments zu verdeutlichen. Männliche Figuren werden in antisemitischen, antiziganistischen und rassistischen Texten als sexuelle Bedrohung für die Frauen der Wir-Gruppe, also die ‚weiße Frau‘, betrachtet. Die Form dieser Bedrohung ist jedoch jeweils sehr unterschiedlich: ‚Schwarzen Männern‘ wird eine rein körperliche Sexualität zugeschrieben, körperliche Potenz wird durch die Vorstellung ausgeprägter Geschlechtsteile und muskulöser Körper imaginiert (vgl. Wigger 2007). Moderne Elemente wie ‚Mode‘, ‚Geld‘ und ‚Prostitution‘ konstituieren die gefährliche Sexualität ‚des Juden‘. Die männliche ‚Zi‘-Figur hingegen ist nicht durch ihre körperlichen Merkmale oder ihre moderne ‚Macht‘ bedrohlich verführerisch, sondern durch ihre archaische Lebensweise: ‚Tanz‘ und ‚Musik‘, ‚Ungebundenheit‘ und ‚Freiheit‘. Als eine erste sehr grobe Annäherung können die Projektionen von Antisemitismus, Antiziganismus und kolonialem Rassismus also als Projektionen von Moderne, Archaik und Natur interpretiert werden. 

Soziale Hintergründe 

Der Beginn des Antiziganismus in Westeuropa kann im 15./16. Jahrhundert verortet werden, in einer Zeit also, in der „die Grundlagen der modernen bürgerlichen Gesellschaft gelegt wurden“ (Maciejewski 1996, 12). Veränderte Normen, die zu Beginn der Entwicklung noch schwach und instabil waren, konnten dadurch gestärkt und durchgesetzt werden, dass vermeintlich Fremden vorgeworfen wurde, sie zu verletzen. 

Hier läuft ein komplizierter Prozess ab, der von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihren Analysen des Antisemitismus als „pathische Projektion“ bezeichnet wurde (Horkheimer/Adorno 1989, 201). Die These besagt, dass Individuen von den gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen abweichende und somit verbotene Regungen oder Wünsche auf andere Menschen oder Gruppen projizieren, also auf sie übertragen. 

Bedrohung von Nation und Kapitalismus 

Die Durchsetzung der modernen Gesellschaft wird dabei von Maciejewski als ein Prozess interpretiert, „der ökonomisch den Übergang von der Agrar- zur Kapitalwirtschaft, also eine sich im Geiste des Kapitalismus formierende Arbeits- und Disziplinargesellschaft umfasst; der politisch in Richtung Territorialstaats- und Nationenbildung geht und die Etablierung einer neuen, institutionell abgesicherten Form von Herrschaft bedeutet; der sozialpsychologisch das Aufbrechen des alten Verhaltenscodes Geschlechterbeziehung im Sinne einer Stärkung patriarchaler Strukturen markiert; der schließlich kulturell die Dominanz eines wissenschaftlichen Weltbildes und die Umstellung auf ein rationales Lebensethos erzwingt“ (Maciejewski 1996, 12). 

Obwohl Adorno und Horkheimer keine explizite Kritik des Antiziganismus formuliert haben, bringen auch sie diesen Vorgang der Modernisierung mit der „sozialen Ächtung“ von ‚Zi‘ in Verbindung: „Die Strenge, mit welcher im Laufe der Jahrtausende die Herrschenden ihrem eigenen Nachwuchs wie den beherrschten Massen den Rückfall in mimetische Daseinsweisen abschnitten, angefangen vom religiösen Bildverbot über die soziale Ächtung von Schauspielern und Zi [Änderung der Redaktion] bis zur Pädagogik, die den Kindern abgewöhnt, kindisch zu sein, ist die Bedingung der Zivilisation.“ (Horkheimer/Adorno 1989, 189f.) Diese sozialen Normen der Mehrheitsgesellschaft geben also den Hintergrund ab, vor dem Antiziganismus analysiert und kritisiert werden muss. 


Fußnoten 
(1) Dieser Text basiert auf zwei Ver­öffent­lichungen – dem Artikel „Eine Geschichte des Hasses“, erschienen 2010 in der Schwer­punkt­ausgabe zu Antiziganismus in der Zeit­schrift Hinterland (Magazin des Bayerischen Flüchtlingsrates) und dem Text „Bilder und Sinnstruktur des Antiziganismus – Begriff und Forschungsansatz“, erschienen im Überblick 1/2012 (Zeitschrift des Informations- und Doku­mentationszentrums für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen). Der vorliegende Text ist eine stark gekürzte Version und wurde von Nikola Staritz (MALMOE) in Absprache mit dem Autor zusammengestellt. 

(2) Anmerkung der Redaktion: Um nicht durch die ständige Wiederholung eines abwertenden, diskriminierenden Ausdruckes – auch wenn die Verwendung des Begriffes in kritischer Absicht geschieht – eben auch jene Ausgrenzung und Abwertung ständig zu wiederholen, wird der Begriff im Folgenden nicht mehr ausgeschrieben und nur mehr als ‚Zi‘ genannt. Ein Ersetzen des problematischen Begriffs durch die Bezeichnung „Roma und Sinti“ wäre im Zusammenhang dieses Textes falsch, da es eben um die diffamierenden Projektionen von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft auf eine dadurch konstruierte Gruppe geht und nicht um die Beschreibung einer real existierenden ethnischen Gruppe. Darüber hinaus sind nicht nur Roma und Sinti regelmäßig von Antiziganismus betroffen sondern bspw. auch Jenische oder Pavee.