Weder Prophet noch Experte

Vom »totalen Intellektuellen« zum engagierten »Intellektuellen von unten«

Lothar Peter in Sozialismus (30.01.2013)

Fast ein Jahrhundert lang galten Persönlichkeiten wie Émile Zolà, Romain Rolland oder Jean-Paul Sartre als Verkörperungen des engagierten Intellektuellen, der im Namen universeller Werte und als Fürsprecher der Unterdrückten und Entrechteten in gesellschaftliche Auseinandersetzungen intervenierte und demonstrativ Partei ergriff. Mit dem Niedergang der kommunistischen Parteien Westeuropas, dem Zerfall des staatssozialistischen Blocks und dem Triumph des Neoliberalismus schien der »Tod des Intellektuellen« unwiderruflich besiegelt.

Schon 1984 setzte ihm Jean-François Lyotard, einer der Begründer postmodernen Denkens, ein »Grabmal«, weil es nun kein »universelles Subjekt oder Opfer« mehr gebe, in dessen Namen Intellektuelle Anklage erheben könnten.1 Der Abgesang auf den linken engagierten Intellektuellen verhinderte aber nicht, dass weiterhin über die Bedeutung und Funktion von Intellektuellen im Kontext sozialer und politischer Kämpfe und Probleme kontrovers diskutiert wird. Während der letzten Jahre lässt sich sogar eine Neubelebung des Intellektuellendiskurses beobachten. Ein exzellenter Kenner der Materie hat das kürzlich treffend auf die Formel eines »Nekrologs auf Widerruf«2 gebracht.

Die Sozialfigur des »universellen Intellektuellen«

Wie immer die Antwort darüber ausfallen mag, ob der Typ des engagierten Intellektuellen definitiv dem Untergang geweiht ist oder zukünftig weiter eine wichtige Rolle spielen wird – der Intellektuellendiskurs ist, unabhängig vom jeweiligen Standpunkt, bis heute noch immer in hohem Maß auf den Idealtyp des überragenden charismatischen Intellektuellen fixiert. Noch immer sind es Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Michel Foucault, Michael Walzer, oder neuerdings etwa Judith Butler, Slavoj Žižek und Giorgio Agamben, auf die sich fasziniert das Interesse richtet. Diese Faszination ist, auch wenn sie von linken Intellektuellen ausgeht, nicht frei vom »Kult des Individuums« (Émile Durkheim), also jener Idealisierung außergewöhnlicher Individuen, die von jeher bürgerliches Denken geprägt hat.

Die widersprüchliche Kombination von individueller Genialität und Engagement für die subalternen Massen, denen es die Gesellschaft schwer oder unmöglich macht, selbst zu sprechen, wurde wohl wie von kaum einem anderen exemplarisch von Jean-Paul Sartre verkörpert.3 Einerseits war er das vergötterte bürgerliche Wunderkind, der Überflieger an der Pariser Elite­universität »ENS«, der international gefeierte Schriftsteller, Philosoph und Publizist, andererseits der Tribun der »classes populaires«, Anwalt der vom Kolonialismus Ausgebeuteten und Unterdrückten sowie über Jahre Weggefährte (»compagnon de route«) der Französischen Kommunistischen Partei. Sartre hat Generationen linker Intellektueller inspiriert, darunter André Gorz, Herbert Marcuse, Jean Ziegler und Alain Badiou. Selbst Pierre Bourdieu, der sich vom elitären Mythos Sartres als »totaler Intellektueller« entschieden abgrenzte, hat dem kompromisslosen Ethos Sartres seine Anerkennung nicht versagt.

Dem Einfluss namhafter Intellektueller wie Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno entsprach eine Form von Öffentlichkeit, die noch nicht durch moderne Informations- und Kommunikationsmedien und so genannte soziale Netzwerke beherrscht wurde. Zwar stellte die frühere bürgerliche Öffentlichkeit einen Raum dar, zu dem die unteren Klassen, besonders Menschen aus dem »proletarischen Milieu«, kaum Zugang hatten, aber er bot dennoch Möglichkeiten für »Zweifel und Einmischung« (Michael Walzer) der Intellektuellen. Wenn die Botschaften der Intellektuellen die subalternen Klassen nicht unmittelbar erreichten, dann übte die »proletarische Öffentlichkeit« mit ihren politischen und gewerkschaftlichen Organisationen, ihrer Presse, ihren Verlagen und öffentlichen Aktivitäten eine Vermittlungsfunktion aus, die interessierte Teile der Arbeiterschaft, der bäuerlichen Schichten, Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden mit intellektuellen Diskursen in Berührung brachte. Dieser Prozess wurde durch Kulturproduzenten gefördert, die, wie zum Beispiel die führenden Filmregisseure des italienischen Neo-Realismus der 40er bis 60er Jahre des 20. Jahrhunderts, die Lebens- und Arbeitsprobleme der städtischen und ländlichen Unterklassen thematisierten und eine enorme Ausstrahlungskraft ausübten.4

Was kommt nach dem »universellen Intellek­tuellen« und der bürgerlichen Öffentlichkeit?

Die klassische Form bürgerlicher Öffentlichkeit, die zwar immer der Hegemonie der herrschenden Eliten unterworfen war, aber dennoch auch unabhängigem kritischem Denken und oppositioneller kultureller Produktion ein Repräsentationsforum bot, existiert heute nicht mehr. Schon Anfang der 1960er Jahre hat Jürgen Habermas scharfsinnig den Übergang von einer als Reflexionsmedium dienenden Öffentlichkeit zu einem auf kommerzielle Werbung und ideologischen Konformismus programmierten massenmedialen Apparat vorausgesagt.5 Dieser »Strukturwandel der Öffentlichkeit« hat auch dazu geführt, dass kritische Intellektuelle im Prozess der Bedürfnis- und Bewusstseinsbildung marginalisiert und durch den schillernden Typ des »Medienintellektuellen« ersetzt wurden.6 In seinen Auftritten in den medialen Arenen kombiniert er eine von Showbusiness und Event-Inszenierung kopierte Performance mit der Ideologie des Neoliberalismus. Nicht mehr Qualität und Kompetenz seiner Eigenschaft als Schriftsteller, Wissenschaftler, Philosoph oder Künstler sind die Basis seiner Reputation, sondern TV-Einschaltquoten, Starallüren und ideologischer Konformismus. Philosophen wie Bernard-Henry Lévy und André Glucks­mann in Frankreich oder Peter Sloterdijk in Deutschland verkörpern diesen Medienintellektuellen, dessen Hauptfunktion darin besteht, die existierenden Verhältnisse zu rechtfertigen und grundlegende Kritik als anachronistisch, fundamentalistisch oder totalitär zu verdammen. Pierre Bourdieu nannte die Medienintellektuellen »Doxosophen«, weil sie sich die gängigen symbolischen Stereotype und hegemonialen ideologischen Diskurse zueigen machen und selbst verbreiten.

Was bedeuten der Triumph der »Doxosophen« und das mediale Monopol auf Bedürfnis- und Bewusstseinssteuerung für die zukünftigen Möglichkeiten engagierter kritischer Intellektueller?

Obwohl die neuen Informations- und Kommunikationsmedien wegen der Dominanz von Inhalten und Formaten, die unter den gegebenen Verhältnissen einer Verinnerlichung symbolischer Gewalt, kultureller Regression und politischer Entmündigung in die Hände spielen, für unabhängige kritische Diskurse kein geeignetes Terrain darstellen, muss darüber nachgedacht werden, wie Intellektuelle, zumal die »von unten«, dennoch in den neuen Medien, zum Beispiel in den so genannten sozialen Netzwerken, Fuß fassen und sie für ihre Ziele nutzbar machen können; denn auch Intellektuellen stehen nur die Bedingungen zur Verfügung, die, wenn man so will, der Stand der Produktivkräfte hergibt. So haben berühmte Intellektuelle schon in der Vergangenheit irgendwann nicht mehr nur Romane und Theaterstücke geschrieben, sondern auch die modernen Kommunikationsmittel ihrer Zeit in Anspruch genommen. Während der Emigration hat Thomas Mann sich des Radios bedient, um seine antifaschistischen Botschaften zu senden. Jean-Paul Sartre hat das in Massenauflagen erscheinende Taschenbuch gegen exklusive und elitäre Publikationsformen verteidigt. Pierre Bourdieu, ein erklärter Gegner des Fernsehens, hat es zu seiner Plattform gemacht, nachdem ihm ein ungehindertes Auftreten zugesichert worden war.

Mit anderen Worten: Oppositionelle, kritische, vom Mainstream unabhängige Intellektuelle müssen lernen, die neuen Medien nicht ausschließlich den herrschenden Eliten und ihren ideologischen Subunternehmern zu überlassen. Das hat mehrere praktische Konsequenzen: So müssen die Zugangsmöglichkeiten zu den Medien u.a. gesetzlich verbessert, die immer größere Willkür privater medialer Akteure eingeschränkt und neue Formate wie Blogs, Portale und Foren für das aktiviert und genutzt werden, was Intellektuelle an Kritik, Information und Vorschlägen einzubringen haben. Das wird um so dringlicher, je mehr das gedruckte Buch, aber auch klassische Printmedien wie Zeitungen und Zeitschriften als diskursrelevante Mittel an Bedeutung verlieren.

Umrisse eines Typs der »Intellektuellen von unten«

Einerseits entzieht der unter neoliberaler Kontrolle arbeitende mediale Apparat denjenigen, die seine Funktionen und Zwecke in Frage stellen, die Operationsbasis, andererseits aber schaffen die Prozesse der kapitalistischen Wissensgesellschaft und das Vordringen »immaterieller Arbeit« (Michael Hardt/Antonio Negri) Bedingungen für die Entstehung eines neuen Typs der Intellektuellen, nämlich der »Intellektuellen von unten«. Fortschreitende Verwissenschaftlichung der Arbeit und Vergesellschaftung des »General Intellect« (Marx) sowie die damit einhergehende Zunahme von »Wissensarbeitern« und »Symbolanalytikern« verweisen auf Möglichkeiten intellektuellen Engagements, die aus der Widersprüchlichkeit und Krisenhaftigkeit des postfordistischen, finanzmarktgetriebenen Kapitalismus hervorgehen. Schon in den 1970er Jahren hatte Michel Foucault prognostisch von dem »spezifischen« oder »lokalen Intellektuellen« gesprochen, der an die Stelle des traditionellen »universellen Intellektuellen« tritt.7 Damit meinte er, dass die unmittelbare Erfahrung geistig qualifizierter Akteure an den Punkten, an denen sie selbst arbeiten, also zum Beispiel in Kliniken, Labors, Gefängnissen und Universitäten, die Basis für das bilden kann, was er als die Praxis der »spezifischen Intellektuellen« bezeichnete.

Es scheint, als bestätige die reale gesellschaftliche Entwicklung Foucaults Überlegungen heute nachdrücklich. In allen sozialen Bewegungen und politischen Organisationen, die sich gegen Zwänge und Zumutungen der herrschenden Eliten und Institutionen zur Wehr setzen, engagieren sich Intellektuelle mit ihren spezifischen Kompetenzen gleichsam »vor Ort«.

Wenn die hochgradige Arbeitsteilung des modernen gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses einerseits zu höheren Belastungen in der Arbeit führen und Fremdbestimmung steigern kann, so bietet sie andererseits für »Intellektuelle von unten« Ansatzpunkte kritischer Intervention, zu der universalistische »Großintellektuelle« schon deshalb nicht ohne Weiteres in der Lage sind, weil sie sich mit den unterschiedlichen konkreten Berufssituationen und fachlichen Kontexten längst nicht so vertraut machen können wie diejenigen, die dort arbeiten und deren potenzieller Einfluss gerade auf ihrer situations- und feldspezifischen Kompetenz beruht.

Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass es kaum Bürgerinitiativen und Protestbewegungen gibt, die auf den Sachverstand von (häufig akademisch qualifizierten) Fachleuten und Experten verzichten, und in immer mehr Konflikte wegen Umweltproblemen, sozialer Ungerechtigkeit, Verstößen gegen Menschenrechte und Entdemokratisierung mischen sich Menschen ein, die über anerkannte wissensbasierte professionelle Fähigkeiten verfügen. Aber diese neuen »Intellektuellen von unten«8 sind keine Experten im üblichen Sinn; denn der Experte zeichnet sich – zumindest idealtypisch – durch Neutralität und Distanz aus.9 Sein Auftrag ist erledigt, wenn er dem Auftraggeber seine Expertise oder sein Gutachten abgeliefert hat. Aber Experten können durchaus dann zu engagierten Intellektuellen werden, wenn sie aus ihren professionellen Expertisen politische Konsequenzen ziehen und öffentlich Partei ergreifen.

Das ist zum Beispiel bei folgenden Personen der Fall:10 C.K. ist nicht nur journalistische Spezialistin für den kriminellen Mikrokosmos von Rocker-Gangs, sondern tritt mit ihrem investigativen Journalismus auch offensiv und mutig für die Bekämpfung der Verflechtungen zwischen Rockern, Rechtsradikalismus, staatlichen Akteuren und Honoratioren des reputierlichen bürgerlichen Milieus ein. B.D., ein angesehener Rechtsanwalt, vertritt nicht nur die rechtlichen Belange seiner Mandanten im engeren Sinn, sondern bringt – wie im Fall eines deutschen Guantanamo-Häftlings – auch Zusammenhänge zwischen unmittelbaren Haftbedingungen und Verletzung von Menschenrechten öffentlich zur Sprache. Der Chemiker K.-R.F. stellte sich bis zu seinem frühen Tod an die Seite der Opfer toxikologischer Schäden und griff die dafür verantwortlichen Chemie-Unternehmen unerschrocken öffentlich an. J.B., gelernter Betriebswirt, hat als Quartiermanager eines sozialen Brennpunkts einer norddeutschen Großstadt wesentlich dazu beigetragen, dass aus einem Sozialghetto wieder eine lebenswerter Stadtteil geworden ist. Unablässig hat J.B. dabei die strukturellen gesellschaftlichen Ursachen für die Ghettosituation angeprangert.

Alle Genannten repräsentieren den neuen Typ der »Intellektuellen von unten«, in deren Praxis sich die von Foucault erwähnten Eigenschaften des »spezifischen Intellektuellen« mit jenem universalistischen Moment verbinden, das später Pierre Bourdieu als »Korporativismus des Universellen«11 bezeichnete; denn auch der »spezifische Intellektuelle« wird nur dadurch zum engagierten Intellektuellen, dass er den konkreten Anlässen seiner Intervention immer auch eine Dimension universeller Werte verleiht.

Wenn man, wie ich es hier vorschlage, auf die »Intellektuellen von unten« fokussiert, ergeben sich daraus auch begriffliche Veränderungen. Dabei möchte ich an Gisèle Sapiro anknüpfen, die als Schülerin Bourdieus dessen analytische Verortung der Intellektuellen weiter ausdifferenziert und systematisiert hat.12 Wie man weiß, hat Bourdieu die Intellektuellen als eine »beherrschte Fraktion der herrschenden Klasse« bezeichnet. Sapiro hat nun ihrerseits eine Matrix entwickelt, in der vor allem die Unterscheidung zwischen einer auf das intellektuelle Feld bezogenen »herrschenden« und einer »beherrschten« Fraktion von Intellektuellen auffällt. Bei der ersteren kann es sich durchaus um kritische und universalistische Intellektuelle handeln, sofern sie sich gegen die Heteronomie der gegebenen gesellschaftlichen Ordnung wenden. Bei der »beherrschten« Fraktion handelt es sich um diejenigen, die auf dem intellektuellen Feld deutlich weniger symbolisches Kapital akkumulieren konnten und sich deshalb in einer »beherrschten« oder genauer untergeordneten Position befinden. Die von Sapiro vorgenommene Differenzierung gemäß dem Umfang von symbolischem Kapital, dem Grad der Autonomie gegenüber der »politischen Nachfrage« von außen ermöglicht eine komplexere soziologische Erfassung der Positionierung von Intellektuellen als die von Bourdieu getroffene Zuordnung.13 Für die von mir ins Auge gefassten »Intellektuellen von unten« treffen jene Merkmale des Modells von Sapiro zu, die sie für die »beherrschte« Fraktion geltend macht, nämlich zum Beispiel Spezialisierung, Zugehörigkeit zu Protestgruppen, Avantgardismus, Elemente des »organischen Intellektuellen« (Antonio Gramsci) wie Organisationszugehörigkeit und Vernetzung mit anderen zum »kollektiven Intellektuellen« (Pierre Bourdieu).

Engagierte Intellektuelle und wissenschaftliches Feld

In dem Maße, wie sich die Widersprüche zwischen den Strukturen und Funktionen der Wissensgesellschaft und der Entwicklung eines deregulierten finanzmarktgetriebenen Kapitalismus vertiefen, wachsen unvermeidlich die Konfliktpotenziale, an denen sich kritisches intellektuelles Engagement gleichsam entzünden kann. Das zeigt sich sowohl an singulären Fällen wie den oben genannten Beispielen, als auch an konfliktuellen Prozessen, die bestimmte gesellschaftliche Subsysteme und Felder als Ganzes betreffen. Ich will das im Folgenden am Beispiel des wissenschaftlichen Feldes verdeutlichen.

So hat im Frühjahr 2012 eine fast hundertköpfige Gruppe von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einem Memorandum »Für die Erneuerung der Ökonomie«14 gegen die Hegemonie des Neoliberalismus über diese akademische Disziplin öffentlichkeitswirksam Flagge gezeigt. Unter Berufung auf internationale Koryphäen wie Joseph E. Stiglitz, Paul Krugman und Amartya Sen fordern die Unterzeichner eine Wiederbelebung wirtschaftswissenschaftlicher Grundlagenkritik und eine offene Auseinandersetzung mit dem herrschenden Paradigma der Neoklassik und »Rational-Choice«-Theorien. Das Memorandum ermuntert die Vertreter der scientific communitiy, eine neue, pluralistische Streitkultur zu entwickeln und »heterodoxe« Inhalte in die Curricula aufzunehmen.

Intellektuelles Engagement als Infragestellung eingespielter Mechanismen und Routinen von Herrschaft auf den Feldern der Wissenschaft manifestiert sich auch in folgender Aktion. Seit Ende der 1990er Jahre veröffentlicht das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), eine gemeinsame Gründung von Bertelsmann-Stiftung und Hochschulrektorenkonferenz, ein so genanntes Hochschulranking, das die öffentliche Wahrnehmung der Hochschulen und ihres Prestiges zum Gegenstand hat. Wesentliche Kriterien dieses Rankings spiegeln die einem betriebswirtschaftlichen Benchmarking und universitären Drittmittelfetischismus unterworfenen Auffassungen von wissenschaftlicher Effizienz wider. Der meinungsbildende Effekt des Rankings ist erheblich und dient Hochschulen als Waffe im Kampf um knappe Ressourcen. Im Frühjahr 2012 haben nun Soziologen der Universität Jena dem CHE-Ranking den Kampf angesagt, obwohl das Institut in der Vergangenheit gut bewertet wurde. Den Jenaer Protagonisten der Kritik am Ranking gelang es, Vorstand und Konzil der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) davon zu überzeugen, aus der Teilnahme am CHE-Ranking auszusteigen.15 Inzwischen sind andere wissenschaftliche Verbände dem Beispiel der DGS gefolgt.16 Auch dieser Vorgang stellt eine Facette intellektuellen Engagements dar, das an konkreten Problemen und Konflikten der je eigenen professionellen Tätigkeit ansetzt, um in spezifischer Weise Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu üben.

In Frankreich lassen sich parallele Prozesse der Politisierung des wissenschaftlichen Feldes beobachten.17 Dort hat sich während der letzten Jahre die Dominanz der Wirtschaftswissenschaft eindeutig vergrößert, wenn es darum geht, staatliche Entscheidungen über wirtschaftliche und sozialpolitische Maßnahmen zu beeinflussen. Das wird insbesondere an Kontroversen um das französische »Sozialmodell« sichtbar, wo sich Akteure der Wirtschafts- und der Sozialwissenschaften gegen­überstehen. Aufgrund ihrer hohen Integration in Organisationen, Institutionen und »soziale Netzwerke« sowie aufgrund stabiler »epistemischer Gemeinschaften« verfügt die Wirtschaftswissenschaft über weitaus effektivere Mittel, um neoliberale »Reformen« voranzutreiben, als umgekehrt etwa die Soziologie, um die »sozialen Institutionen« zu verteidigen. Am Streit über die Bedeutung des BIP als zentraler Indikator für gesellschaftlichen Wohlstand und Nachhaltigkeit lässt sich das festmachen. Wo es zum Beispiel im Wahlkampf um die französische Präsidentschaft 2007 um diese Thesen ging, blieben die Ökonomen der »linken Linken« weitgehend ausgeschlossen. Seitdem wuchs allerdings mit dem Übergewicht einer neoliberalen Ökonomie und ihren verheerenden empirischen Folgen gleichzeitig der Widerstand gegen die Vorherrschaft der wirtschaftswissenschaftlichen »Doxa«. So zeichnet sich inzwischen eine Entwicklung ab, die linken Sozialwissenschaftlern und Ökonomen bessere Chancen für ihr Engagement eröffnet.18 Indem sich nämlich die intellektuellen Beziehungen zwischen Ökonomie und Soziologie entkrampfen, weil sich die sozialen Implikationen wirtschaftlichen Geschehens immer weniger verschleiern lassen, verbessern sich die Voraussetzungen für linke Vertreter und Vertreterinnen beider Disziplinen, ihre Standpunkte zu politisieren und in die Öffentlichkeit zu tragen.

Wie notwendig es ist, fachwissenschaftliche Kompetenz in eine Ressource intellektuellen Engagements zu verwandeln, hat Michel Burawoy, ehemals Präsident der »American Sociological Association«, mit seinem Konzept einer »public sociology« zu zeigen versucht, das international ein lebhaftes Echo auslöste.19 Unter »public sociology« (»öffentlicher Soziologie«) versteht Burawoy nicht nur eine spezifische soziologische Erscheinungsform neben der »professional«, »political« und »critical sociology«, sondern auch eine bestimmte intellektuelle Haltung von Soziologen und Soziologinnen gegenüber Problemen der Gesellschaft. Anknüpfend an bekannte gesellschafts- und sozialkritische amerikanische Soziologen wie C. Wright Mills und Alvin W. Gouldner fordert Burawoy dazu auf, die traditionelle Distanz zwischen akademischer und »öffentlicher Soziologie« zu überwinden und Erkenntnisse soziologischer Forschung in öffentliche Diskussionen einzubringen. Zwar sei die »öffentliche Soziologie« kein Monopol fortschrittlicher Strömungen der Disziplin, aber unter den gegebenen Bedingungen, gekennzeichnet durch einen wachsenden Druck des Neoliberalismus und der Privatisierung öffentlicher Güter, komme es heute darauf an, dass Soziologen und Soziologinnen, den Standpunkt der Zivilgesellschaft einnehmend, das Soziale (»the social«) gegen die »Tyrannei des Marktes« und den »staatlichen Despotismus« öffentlich verteidigen. Erfolge der »public sociology« könnten aber nicht institutionell »von oben« herbeigeführt, sondern müssten »von unten« (»from below«) erkämpft werden. Damit nähert sich Burawoy vom Standpunkt einer Einzelwissenschaft den Problemen, mit denen engagierte »Intellektuelle von unten« allgemein konfrontiert sind.

Perspektiven einer linken Intellektuellenpolitik

Bei allen Beispielen, die ich im Zusammenhang mit Problemen und Aufgaben von Intellektuellen auf dem wissenschaftlichen Feld erwähnt habe, stehen nicht außergewöhnliche und charismatische »Übermenschen« im Mittelpunkt, sondern Intellektuelle, die sich aus ganz konkreten Anlässen gleichsam »von unten », das heißt da engagieren, wo sie Konflikte zwischen den Erfordernissen und Möglichkeiten wissenschaftlicher Praxis einerseits und ihrer gesellschaftlichen Instrumentalisierung und Pervertierung andererseits selbst erfahren.

Schließt das nun aus, dass es zukünftig noch Intellektuelle geben wird und geben soll, die national oder sogar international Reputation genießen? Nein, nichts spricht dagegen, dass Intellektuelle aufgrund ihrer persönlichen Integrität, der inhaltlichen Relevanz ihrer wissenschaftlichen und kulturellen Produktion und ihrer Parteinahme in der Öffentlichkeit Beachtung finden, die über die »Intellektuellen von unten« normalerweise zuteil werdende Anerkennung weit hinausgeht. Aber die Perspektive einer linken Intellektuellenpolitik muss sich in erster Linie auf die »Intellektuellen von unten« richten, weil sie und nicht einzelne berühmte Individuen die Vergesellschaftung von Wissenschaft und Kultur und die ihr immanenten Kämpfe als Akteure und »kollektive Intellektuelle« repräsentieren.

Lothar Peter, Prof. em. für Soziologie an der Universität Bremen; Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

1 Lyotard, Jean-François (1985): Grabmal des Intellektuellen, (frz.1984), Graz/Wien, S. 17.

2 Bock, Hans-Manfred (2012): Nekrolog auf Widerruf. Legenden vom Tod der Intellektuellen, in: Merkur-Sonderheft: Macht und Ohnmacht der Experten, Stuttgart, S. 866-877.

3 Winock, Michel (2003): Das Jahrhundert der Intellektuellen, Konstanz, insbesondere das Kapitel »Die Ära Sartre«, S. 503-770.

4 Koppel, Helga (1970): Film in Italien, Italien im Film, Berlin (DDR).

5 Vgl. Habermas, Jürgen (1962): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990.

6 Vgl. Moebius, Stephan (2012): Der Medienintellektuelle, in: Moebius, Stephan/Schroer, Markus (Hrsg.), Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart, Berlin, S. 277-290.

7 Foucault, Michel (1978): Wahrheit und Macht. Interview mit Michel Foucault von Alessandro Fontana und Pasquale Pasquino, in: ders., Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin, S. 51-54.

8 Den Begriff »Intellektuelle von unten« habe ich zum ersten Mal verwendet in meinem Beitrag: »Für einen Typ der ›Intellektuellen von unten‹«, in: Demirović, Alex/Kaindl, Christina (Hrsg.) (2012), Gegen den Neoliberalismus andenken. Linke Wissenspolitik und sozialistische Perspektiven, Hamburg, S. 51-64.

9 Zum Verhältnis von Intellektuellen zu Experten vgl. Carrier, Martin/Roggenhofer, Johannes (Hrsg.) (2007): Wandel oder Niedergang? Die Rolle der Intellektuellen in der Wissensgesellschaft, Bielefeld.

10 Ich nenne bewusst nicht die vollen Namen der nachstehend erwähnten Personen, um den sozialen Charakter der Nicht-Prominenz der »Intellektuellen von unten« hervorzuheben.

11 Bourdieu, Pierre (1991): Der Korporativismus des Universellen. Die Rolle des Intellektuellen in der modernen Welt, in: ders., Die Intellektuellen und die Macht, hrsg. von Irene Dölling, Hamburg, S. 41-65.

12 Vgl. zum Folgenden Sapiro, Gisèle (2012): Formen intellektuellen Engagements. Der Fall Frankreichs, in: Mejstrik, Alexander/Hübel, Thomas/Wadauer, Sigrid (Hrsg.), Die Krise des Sozialstaats und die Intellektuellen. Sozialwissenschaftliche Perspektiven aus Frankreich, Frankfurt a.M., S. 83-101.

13 In eine ähnliche Richtung habe ich selbst vor einiger Zeit argumentiert, indem ich mit kritischem Blick auf Bourdieu auf die innere Differenzierung der Intellektuellen als sozialer Kategorie hingewiesen habe. Vgl. dazu meinen Beitrag »›Korporativismus des Universellen‹? Das Thema der Intellektuellen in der soziologischen Theorie von Pierre Bourdieu«, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, 11. Jg., Nr. 41/2000, S. 107-122.

14 Für eine Erneuerung der Ökonomie. Memorandum besorgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Internet-Ausdruck vom 18.4.2012. Zu den Erstunterzeichnern gehörten u.a. Elmar Altvater, Alex Demirović, Klaus Dörre, Rudolf Hickel, Michael Hartmann, Wilhelm Heitmeyer, Richard Münch und Joseph Vogl.

15 Vgl. dazu Vorstand der DGS (2012): Wissenschaftliche Evaluation ja – CHE-Ranking nein, in: Soziologie, Jg. 41, H. 4/2012, S. 458-465.

16 Vgl. Lost, Oliver (2012): CHE-Hochschulranking im Kreuzfeuer der Kritik, in: Forum Wissenschaft, 29. Jg., Nr. 4/2012, S. 9-11.

17 Vgl. im Folgenden Mejstrik, Alexander u.a., a.a.O.

18 Vgl. Lebaron, Frédéric (2012): ÖkonomInnen und SoziologInnen in der öffentlichen Diskussion Frankreichs (2005-2009), in Mejstrik, Alexander u.a., a.a.O., S.103-125.

19 Burawoy, Michael (2005): For Public Sociology, in: Soziale Welt, Jg. 56, S. 347-374.