Postmodernes Kriegsgelüst

Erhard Crome in Das Blättchen (26.07.2012)

Bei Spiegel Online erschien ein Artikel zu Kofi Annans Syrien-Mission. Darin wird dargetan, er wolle „in Syrien weitermachen wie bisher“, und zwar „auch wenn Machthaber Baschar al-Assad keinen einzigen Punkt des Friedensplans umsetzt“. Die Aussage: „Kofi Annan gibt nicht auf“, wird unmittelbar verknüpft mit dem Satz: „Auch wenn syrische Aktivisten ihn längst als Komplizen des Präsidenten Baschar al-Assad bezeichnen, will Annan mit seiner Friedensmission in Syrien weitermachen.“ Nun ist klar, dass bei einer Vermittlungsmission in einer Bürgerkriegssituation die Beschimpfung des Vermittlers durch eine der Bürgerkriegsparteien kein Kriterium für den Vermittler sein kann, ob er die Mission fortsetzt oder nicht. Entscheidend ist, ob es Aussichten gibt, den Bürgerkrieg einzudämmen, möglichst zu befrieden. Zudem ist der Verweis auf „syrische Aktivisten“ anonym genug, um quellenlos durchzugehen – angesichts der dutzenden Oppositionsgruppen in dieser syrischen Konstellation reicht eine von Saudi-Arabien oder der Türkei bezahlte Kleingruppe, um dieses Kriterium zu erfüllen.
Journalistische Sorgfalt ist jedoch offensichtlich nicht der Punkt. Vielmehr soll in der Argumentationsfolge des Artikels hier beim Leser kleben bleiben: „Kofi Annan ist ein Komplize des Mörders“. Zu diesem Thema werden dann die folgenden Absätze zusammengeschachtelt. Zunächst wird auf Kofi Annans Aussage verwiesen, die Gespräche mit Assad seien „konstruktiv“ gewesen, und unmittelbar nachgeschoben: „Es klingt wie Hohn“. Dann wird einiges aus der Geschichte zusammengeklaubt: Die „Situationen in seinem Leben“ würden sich lesen „wie eine Geschichte des Scheiterns“. 1994 sei Kofi Annan gerade Chef der neu eingerichteten UNO-Hauptabteilung für Einsätze zur Friedenssicherung geworden, als der Völkermord in Ruanda stattfand, 1995 das Massaker von Srebrenica in Bosnien – so als sei er persönlich für beides verantwortlich gewesen, und nicht die gesamtpolitische Konstellation der Staaten und insbesondere die Politik der fünf Ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates. Dann wurde Annan UNO-Generalsekretär, und es kam Kosovo. Hier habe er an Verhandlungen und eine politische Lösung geglaubt, doch der UNO-Sicherheitsrat habe gezögert, und das habe zum Eingreifen der NATO ohne UNO-Mandat geführt. Das steht da, als müsse der Leser stolz darauf sein. Im Falle Irak habe Kofi Annan „seine größte Blamage“ erlebt, er habe nämlich gemeint, von Saddam Hussein die Zusage erhalten zu haben, Waffeninspektoren ins Land zu lassen, was der dann wiederum abgelehnt habe, weshalb US-Präsident Clinton vier Tage lang Bagdad bombardieren ließ. Auch dies wieder ein scheinbar sachlicher Satz, als müsse der Leser noch heute Freude über derlei Bombardements empfinden. Dann folgt: „Knapp fünf Jahre später lässt US-Präsident George W. Bush amerikanische Truppen einmarschieren und Hussein stürzen.“ Auch hier wieder ein Aussagesatz ohne Erinnerung an die Völkerrechtswidrigkeit des Krieges, seine vielen Opfer und Zerstörungen, die Millionen Flüchtlinge. Nichts davon. Als sei der Krieg des Bush gegen Irak der ultimative Beweis für die „Blamage“ von Kofi Annan.
Geschrieben hat diesen Text nicht etwa einer der bisher üblichen Scharfmacher, sondern eine junge Frau. Sie ist Jahrgang 1984, hat laut Spiegel Online in Frankreich und den USA Politik und Wirtschaft studiert und dann die „Henri-Nannen-Journalistenschule“ besucht. Anschließend schrieb sie für die taz und die Süddeutsche Zeitung, war Redakteurin bei der Financial Times Deutschland in der Redaktion Politik-Ausland und ist seit Mai 2012 Redakteurin bei Spiegel Online. Die Journalistin heißt Raniah Salloum. Das ist Arabisch. Der Nachname Salloum kommt namenskundlichen Angaben nach aus Nordafrika und ist dort eine Variante von Salaam, was auf Deutsch „Frieden“ heißt.
Es ist gewisslich ein Zufall, dass eine publizistische Kriegstreiberin in einem großen Mainstream-Medium in Deutschland ausgerechnet Frau Frieden heißt. Aber es hat schon eine gewisse Symbolik. Überhaupt sehen die Kriegsherbeischreiber schon seit zwanzig Jahren nicht so aus, wie die Herren von vor 1914 oder der Reichspropagandaminister unseligen Angedenkens. Aber das macht sie nicht weniger gefährlich. Eher im Gegenteil, man kommt scheinbar nett, unprätentiös und unmilitärisch daher, schreit nicht nach Territorien, Rohstoffen und Macht, sondern redet und schreibt vorgeblich sorgenvoll von Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechten. Die Pointe, der Westen solle endlich wieder Krieg führen, ist allerdings völlig eindeutig.
Kultursoziologisch wären verschiedene Aspekte weiter zu diskutieren. Da ist zunächst die Behauptung, es seien immer Männer, die Kriege führen, Frauen dagegen stünden für Frieden. Nun weiß man schon von der Entscheidung in Washington zum Libyen-Krieg, dass Präsident Obama schwankte und ihn eher nicht wollte, Verteidigungsminister Gates dagegen war und die UNO-Botschafterin Susan Rice, Sonderberaterin Samantha Power vom Nationalen Sicherheitsrat und Außenministerin Hillary Clinton schließlich die Entscheidung zum Krieg herbeiführten. Die Kolumnistin der New York Times, Maureen Dowd, schrieb damals: „Weibliche Falken schießen vom Himmel herab.“
Sowenig, wie das Geschlecht, hat offenbar auch das junge Alter einen Einfluss darauf, ob eine Person eher den Frieden oder den Krieg zu unterstützen wünscht. Und auch der Punkt „migrantischer Hintergrund“ ist augenscheinlich kein positives Kriterium, eher zum Frieden zu neigen. Hier hat er sogar noch eine andere Folge: Der Artikel ist überschrieben mit: „Das Palaver-Prinzip“ und endet mit folgender Passage: „’Bombardieren – und was dann?’, sagte Annan in einem Gespräch mit der amerikanischen Zeitschrift ‘The New Yorker’ wenige Tage vor dem Einmarsch im Irak 2003. ‘Ich bin zutiefst Afrikaner. Es gibt die Tradition des Palavers: Man setzte sich unter einen Baum und redete – so lange, bis man eine Lösung fand.’“ Angesichts all der Verbrechen, die die USA mit diesem Krieg begangen haben, kann man heute nur sagen: Es hätte vielen Menschen den Tod, Verletzungen und die Flucht aus dem Land erspart, wäre damals eine Verhandlungslösung gefunden worden. Das will die junge Frau aber nicht wahrhaben. Sie will die tiefe Weisheit, die den alten Mann Kofi Annan heute in Sachen Syrien umtreibt, statt dessen absichtsvoll denunzieren. Und das tut sie mit einer rassistischen Bildwahl (es gibt auch einen traditionellen arabischen Rassismus gegen Schwarzafrikaner): Afrikaner bringen nichts zustande außer folgenlosem Gerede unter dem Baum. Der Neger soll sich aus den großen Politiken des Westens gefälligst raushalten. Er soll den Syrien-Krieg des Westens nicht stören.
Den aber bekommt die Dame vielleicht ganz anders, als sie offensichtlich meint. Ende Juni verwies ich darauf, dass Großbritannien gerade vor Schottland ein russisches Schiff gestoppt hatte, das reparierte syrische Kampfhubschrauber von Russland nach Syrien transportieren wollte, mit der Begründung, ein solcher Transport verstoße gegen EU-Sanktionen gegen Syrien. Und ich schrieb, Russland werde nicht akzeptieren, dass die EU Sanktionen verhängen kann, die auch Russland binden. Es sei eine absurde Vorstellung, dass Russland dem Folge leisten würde (Das Blättchen, Nr. 13 vom 25. Juni 2012). Nun ist bekannt, dass Russland einen U-Boot-Zerstörer und weitere Kriegsschiffe zu seinem Stützpunkt im syrischen Tartus losgeschickt hat. Focus Online tut so, als sei das ziemlich unverständlich, und meint unter Verweis auf nicht näher genannte russische Quellen, es ginge um den Schutz russischer Staatsangehöriger in Syrien. Russlands Agentur RIA Novosti dagegen teilte mit: „Die russische Kriegsmarine wird demnächst die Aufgabe bekommen, die heimischen Handelsschiffe, die nach Syrien unterwegs sind, vor einer möglichen Blockade zu schützen.“ Es gehe darum, dass „niemand im Fall einer Blockade die Schifffahrt behindert“, und es wird ausdrücklich auf den russischen Frachter verwiesen, der am 18. Juni vor der schottischen Küste angehalten und zum Heimathafen zurückgeschickt worden war.
Kundige Fachleute wissen, dass die Kriegsflotten der USA und der NATO der Russlands weit überlegen sind und daher die russische Flottille diesen Auftrag nicht in Seekriegshandlungen durchsetzen könnte. Wenn Verantwortliche im Westen seine schiere militärische Macht zur See gegen Russland einsetzen wollten, wissen sie, dass sie einen Konflikt anzetteln, in dessen Hintergrund die nuklear-strategischen Waffensysteme stehen. Dann doch lieber „Palaver“.