Gespalten und doch zusammenhängend

Zur Geschichte der Arbeiterbewegung – und ihren Erblasten

Max Lill in Sozialismus (06.07.2012)

DIE LINKE will einen Neuanlauf jenseits tradierter ideologischer Frontstellungen versuchen. Eine Option könnte darin bestehen, libertär geprägte Linke aus dem Umfeld der neuen sozialen Bewegungen einzubeziehen. Dafür ist eine Auseinandersetzung mit der widersprüchlichen Geschichte sozialer Kämpfe nützlich.

Ralf Hoffrogge, der unter Historiker_innen vor allem für seine Biographie des Novemberrevolutionärs Richard Müller bekannt ist,1 hat eine empirisch dichte und dabei verständlich geschriebene Einführung zu »Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland« veröffentlicht. Deren erster Band behandelt die Entwicklung bis 1914.2

Bedeutsam ist die Arbeit vor allem, weil sie in der historischen Rückschau auf überzeugende Weise zwischen den Perspektiven unterschiedlicher Spektren und Generationen der Linken vermittelt. Grundlegende ideologische Konflikte werden so auf den empirischen Boden vergangener sozialer Kämpfe zurückgeholt.

Dieser Ansatz erscheint mir nicht nur Erkenntnis fördernd, sondern angesichts der aktuellen Zuspitzung gesellschaftlicher Krisenprozesse auch politisch dringend geboten. Die neuerlich aufgebrochenen Grabenkämpfe und die interne Fragmentierung der Linken müssen nicht zuletzt geschichtspolitisch eingedämmt werden. Einige zentrale Thesen aus Hoffrogges Buch sollen daher im Folgenden aufgegriffen und mit Blick auf spätere Entwicklungen und gegenwärtige Herausforderungen vertieft werden.

Zunächst fällt auf: Hoffrogge adressiert spezifische Interessen der jüngeren, anti-autoritär geprägten Linken, die auch den eigenen politischen Sozialisationshintergrund bildet. Damit öffnet er zugleich den Blick der etablierten Arbeiterbewegungsforschung und der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit für vernachlässigte Themen und Konzepte, die grundlegende Widersprüche sozialistischer Politik betreffen: Das gilt etwa für die Verschränkung der Klassenfrage mit anderen Achsen sozialer Ungleichheit wie Geschlecht oder rassistischen Zuschreibungen. So wird die Rolle der sozialistischen Arbeiterbewegung in der Geschichte des Kolonialismus und Antisemitismus ebenso hervorgehoben wie die Bedeutung der proletarischen Frauenbewegung. Daneben bilden vor allem Fragen nach dem Verhältnis von Organisation und spontaner Bewegung sowie von Kämpfen um kollektive und individuelle Emanzipation Schwerpunkte der Analyse.

Die Arbeit stellt dabei immer wieder Aktualitätsbezüge her und ist somit erkennbar auch als politische Intervention angelegt. Ich diskutiere sie daher vor dem Hintergrund der knappen Skizze einer zentralen Bruchlinie in der jüngeren Geschichte der Linken.

 

Der Tote packt den Lebenden

Diese Bruchlinie – das ist auch der Ausgangspunkt von Hoffrogges einführenden Überlegungen – geht wesentlich zurück auf das in Deutschland besonders konfliktreiche und ideologisch aufgeladene Verhältnis von Arbeiterbewegung und Neuer Linker.3 Seit den Jugend- und Student_innenrevolten der 1960er und 1970er Jahre blieb die Bezugnahme vieler linker Aktivist_innen auf die Arbeiterbewegung höchst ambivalent: Diente sie einerseits als Projektionsfläche für revolutionäre Hoffnungen, so erschien sie andererseits in ihren etablierten Formen als Negativfolie für die Bestimmung der eigenen, (vermeintlich) radikaleren politischen Identität.

Die Aktualität dieser Erblast zeigt sich u.a. in der Renaissance eines mehr oder weniger akademisch gebrochenen »Traditionssozialismus« im Umfeld der Partei DIE LINKE.4 Aber auch die anti-autoritäre Abgrenzung von der organisierten Arbeiterbewegung, wie sie vor allem in den außerparlamentarischen Bewegungen verbreitet ist, findet noch immer starke Resonanz. Das gilt speziell für jene jüngeren Bildungsmilieus, die sich auf qualifizierte, aber prekäre soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe orientieren (etwa die außerschulische politische Bildungsarbeit).5 Hier steht häufig das Bedürfnis nach individueller Emanzipation und Autonomie im Vordergrund und begründet eine prinzipielle Skepsis gegenüber festen organisatorischen Strukturen und Hierarchien. Das macht die heterogenen politischen Gruppierungen zwischen Interventionistischer Linker und Antifa von außen so schwer fassbar und führt oft dazu, ihre Bedeutung vor allem für die nachwachsenden Generationen der sozialen Bewegungen zu unterschätzen.

Die historischen Vorläufer der zuletzt genannten Spektren hatten sich nach den Protesten der Neuen Sozialen Bewegungen und der Hausbesetzerbewegung Anfang der 1980er Jahre zunehmend auf lebensweltliche und subkulturelle Widerstandformen im Reproduktionsbereich zurückgezogen – in Abgrenzung nicht nur von der etablierten Arbeiterbewegung, sondern auch von der mühsam überwundenen Orthodoxie der K-Gruppen und vom Integrationskurs der Grünen Partei. In zahlreichen Großstädten bildete sich aus diesen Differenzierungsprozessen heraus eine international gut vernetzte Gegenkultur, die von den Mehrheitsströmungen der Linken (zu Unrecht) oft nur noch als militanzfixierte Jugendkultur wahrgenommen wurde.6

Hinter dieser Entfremdung stand letztlich das Scheitern der Versuche, durch eine Annäherung von alter und neuer Linker eine emanzipatorische Antwort auf die beginnende Krise des Fordismus zu finden. Dieses Projekt, für das im internationalen Rahmen zeitweise etwa die Sammlungsbewegung des Eurokommunismus stand, war in der Bundesrepublik von Beginn an vor besondere Schwierigkeiten gestellt. Die Nachwirkungen der Zerschlagung der Arbeiterbewegung im Faschismus und die infolge der Teilung verhärteten ideologischen Fronten des »kalten Krieges« hatten eine bedeutende politische Kraft links von der Sozialdemokratie zunächst unmöglich gemacht. Die Jugend- und Studentenbewegung der 1960er Jahre, die sich angesichts der Kontinuitäten einer autoritären politischen Kultur und der verdrängten Erinnerung der Elterngeneration in besonderer Schärfe als Generationenkonflikt entlud, lief somit in ein politisches Vakuum hinein. Zwar konnten Teile der Bewegung in den Jugendorganisationen von Gewerkschaften und SPD integriert werden, eine Verständigung mit den Mehrheitsströmungen der Arbeiterbewegung gelang aber letztlich nicht. Diese konnten vielmehr nach dem Einsetzen der chronischen Stagnationstendenzen 1973/74 zu großen Teilen in die politische Tendenzwende unter der Regierung Schmidt eingebunden werden, was die Fliehkräfte gegenüber der Neuen Linken weiter verstärkte.7

Die Hauptstoßrichtung der Bewegungen in der Nachfolge von 1968 – das Eintreten für partizipative und selbstbestimmte Formen der Gestaltung der Lebens- und Arbeitswelten wie der Politik – wurde angesichts dieser Krise der politischen Repräsentation zurückgestutzt auf eine kulturelle Modernisierung, die allerdings zunehmend breitere soziale Milieus erfasste. Im Ergebnis konnte sich die traditionelle Staatsfixiertheit der SPD trotz der zivilgesellschaftlichen Impulse, die von der studentischen Alternativbewegung, der Frauen- und Ökologiebewegung ausgingen, genauso reproduzieren wie die überkommenen leninistischen Ideen von einer (nicht minder staatsfixierten und männlich dominierten) revolutionären Avantgarde. Die Kehrseite dieser politischen Sackgassen war eine amorphe »linke Szene«8 mit stark libertären Orientierungen, alltagsweltlichen Solidarstrukturen und einer radikal-feministischen Unterströmung. Spätestens nach dem Ende der wilden Streikwellen der 1960er und 1970er Jahre, an denen sich viele junge, gering qualifizierte und migrantische Arbeiter_innen beteiligt hatten, und mit der Abschwächung des linken Internationalismus fehlte dieser Gegenkultur eine politische Perspektive jenseits des Antifaschismus und der Partizipation in Teilbereichsbewegungen, etwa gegen die Atomkraft.

Dabei lässt sich die linke Szene als radikaler Ausdruck jener gewachsenen Entfaltungsansprüche der Subjekte verstehen, die aus den zunehmend partizipativ umgestalteten Alltagskulturen der neuen Arbeitnehmermilieus heraus – gerade von vielen Frauen – an die Erwerbsarbeit und die Politik herangetragen wurden.9 Auch den Gewerkschaften gelang es kaum, die­se Ansprüche produktiv aufzunehmen, trotz hoffnungsvoller Initiativen für eine »Humanisierung der Arbeit«. Es blieb vielmehr vor allem dem Projekt des Neoliberalismus überlassen, mit einer Strategie der Vermarktlichung die aus dem Fordismus tradierten bürokratischen Hierarchien und konformistischen Normen aufzubrechen. Der Neoliberalismus formulierte und untermauerte damit ganz praktisch ein für viele sehr attraktives Versprechen auf mehr individuelle Autonomie.10

 

Rifondazione und »Echte Demokratie, jetzt!«

Dieses Versprechen ist heute für einen rasant wachsenden Teil der Menschen in Europa als blanker Zynismus entlarvt. Die Linke jenseits der demokratisch entleerten und konzeptionslosen Sozialdemokratie formiert sich neu – und das nicht erst seit der Gründung der Partei DIE LINKE, sondern im Grunde schon seit dem Aufkommen der globalisierungskritischen Bewegung auf dem Höhepunkt der neoliberalen Hegemonie um die Jahrtausendwende, als die sozialstaatlichen Dämme auch hierzulande auf breiter Front brachen. Die aktuelle Stagnation dieses Prozesses in der BRD kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, kann aber vor dem Hintergrund der mitgeschleiften historischen Bleigewichte nicht wirklich überraschen. Die Vergegenwärtigung der langen Frist eines komplizierten Such- und Annäherungsprozesses disparater Traditionsstränge kann dabei die nach wie vor gegebene Chance (und Notwendigkeit) zu einer Neugründung der Linken bewusst halten.

Auch große Teile der libertären Linken orientieren sich neu. Die Barrikaden der Gegenkultur werden von den Wellen der entfesselten Marktökonomie unterspült. Ihre Akteure öffnen sich zunehmend gegenüber anderen Szenen und politischen Spektren. Das löst, neben Abwehrreaktionen in Form von teils skurrilen linken Dogmatismen und Distinktionsstrategien, Lernprozesse aus. Nach der kulturalistischen Wende der 1990er Jahre schwingt, vermittelt über die Globalisierungskritik, Kämpfe gegen Prekarisierung und städtische Bewegungsproteste (v.a. Mieten- und Wohnungspolitik), das Pendel tendenziell zurück zur sozialen Frage. Probleme der Kritik der politischen Ökonomie und die Rolle der Arbeiterbewegung werden wieder verstärkt diskutiert, speziell seit Beginn der Weltwirtschaftskrise 2007/2008. Die alte Sehnsucht nach dem Aufstand, nach der existentialistischen Totalverweigerung, die sich in symbolischen Bezügen zu den Revolten der Vorstädte und der Länder des Südens ausdrückt, wird durch diese Öffnungs- und Reflexionsprozesse intellektuell gezügelt.11

Auch wenn dabei noch viel Voluntarismus im Spiel ist und die Kluft zwischen Theorie und Praxis oft weit auseinanderklafft: Wichtig sind diese in Linkspartei und Gewerkschaften bislang wenig wahrgenommenen Prozesse vor allem deshalb, weil die »post-autonome« Linke (oft noch uneingestandenermaßen) über eine größere Zahl von Anknüpfungsstellen zu den neuen, ebenfalls jung und akademisch geprägten Krisenprotesten jenseits der gewerkschaftlichen Milieus verfügt: Auch die mit Slogans wie »Occupy!« und »Echte Demokratie, jetzt!« assoziierten Bewegungen sind überwiegend radikal basisdemokratisch und skeptisch gegenüber allen Großorganisationen, speziell Parteien.12 Sie setzen zwar an der Finanz- und Schuldenkrise an, bilden sich aber (zunächst) ganz wesentlich auf der Grundlage einer kollektiven Artikulation subjektiver Krisenerfahrungen in den Asambleas und den zahllosen Internetforen. Es ist daher kein Zufall, dass auch sie eine Affinität zu anarchistischen Positionen zeigen.13

Die damit angedeuteten innerlinken Konflikte und kulturellen Fremdheitserfahrungen werden sich auf mittlere Sicht kaum überwinden lassen. Dennoch müssen sie dringend bearbeitet und wenigstens so weit abgemildert werden, dass pragmatische Bündnisse, wie jüngst etwa zu den Blockupy-Aktionstagen in Frankfurt, erleichtert und gefestigt werden.

Das neue Führungspersonal der LINKEN könnte solche Annäherungsprozesse (ohne die z.B. auch die aktuellen Wahlerfolge in Frankreich und Griechenland kaum denkbar wären) erleichtern. Bernd Riexinger und der ver.di-Bezirk Stuttgart stehen seit Jahren für eine Kooperation der Gewerkschaftslinken mit Bewegungsakteuren aus dem Spektrum der Globalisierungskritik und der Krisen- und Sozialproteste. Katja Kipping ihrerseits repräsentiert jenen bisher kleinen Flügel in der Partei, der für einen »libertären Sozialismus« plädiert. Sie und die Redaktion des Magazins »prager frühling« treten für eine stärkere Öffnung gegenüber den (m.E. etwas unscharf gefassten und in ihrer Hegemoniefähigkeit überschätzten) »öko-kreativen« Milieus ein, die als relativ gut situierte, kulturell aufgeklärte Wählerbasis der Grünen ausgemacht werden.14 Ihr Ansatz ist zudem gegenüber den jüngeren, hedonistisch geprägten und überwiegend prekären Bildungsmilieus anschlussfähig, in denen auch die (post-)autonome linke Szene sozial verankert ist. Diese Milieus, die auch in den Jugendorganisationen von Gewerkschaften, Linkspartei und Attac zahlreich anzutreffen sind, haben u.a. in den »Recht auf Stadt«-Bewegungen der letzten Jahre eine bedeutende Rolle bei der Re-Politisierung sozialer Verdrängungs- und Privatisierungsprozesse auf kommunaler Ebene gespielt.15

Gelingt es nicht, diese Spektren in den Aufbau eines gegenhegemonialen Blocks einzubinden, dann dürfte die Linke den eskalierenden politischen Angriffen auf sozialstaatliche Errungenschaften in Europa und der Gefahr eines weiteren Aufstiegs des Rechtspopulismus wenig entgegenzusetzen haben.

 

Repräsentationskonflikte und die »andere« Arbeiterbewegung

Ein vielversprechender Ansatzpunkt zur weiteren Verständigung zwischen gewerkschaftlicher Linker und anderen Bewegungsakteuren besteht – wie eingangs betont – darin, die jeweils selektive Geschichtsschreibung aufzubrechen. Damit kommen wir zurück zur Arbeit von Ralf Hoffrogge, der dies exemplarisch vorführt. Das beginnt bereits bei der Eingrenzung des Gegenstandes: Unter »sozialistischer Arbeiterbewegung« fasst Hoffrogge auch die anarchistisch-syndikalistischen sowie die unorganisierten, spontanen Bewegungen der Lohnarbeiter_innen. Letztere werden allerdings nicht, wie in der operaistisch inspirierten Darstellung bei Karl Heinz Roth, als »andere«, von Sozialdemokratie und Gewerkschaften einseitig übervorteilte, Arbeiterbewegung betrachtet.16 Stattdessen wird die Frage aufgeworfen, »ob es sich nicht um Repräsentationskonflikte innerhalb einer gespaltenen, aber doch zusammenhängenden Arbeiterbewegung handelt« (S. 104).

Diese Sicht wird im chronologischen Aufbau des Buches (und mit zahlreichen biographischen Exkursen) konkretisiert, wobei der historische Rahmen der Betrachtung weit geöffnet wird: Während die meisten Darstellungen mit der Etablierung überregionaler Organisationen der qualifizierten (und entsprechend »respektablen«) Lohnarbeiterschaft einsetzen, d.h. im Falle Deutschlands im Umfeld der 1848er Revolution, behandelt Hoffrogge im Anschluss an Perspektiven der Weltsystemtheorie und des Post-Kolonialismus auch die vorindustrielle Arbeiterbewegung in kurzer, aber prägnanter Form: Ausgehend von den Bauernkriegen 1524/25 über die Revolten der Pauper und Maschinenstürmer bis hin zu den Bewegungen der zunehmend proletarisierten Handwerkerschaft, werden Vorläufer der sozialistischen Arbeiterbewegung diskutiert. Die Jahrhunderte währenden Prozesse der »ursprünglichen Akkumulation« und die Exzesse des Frühkapitalismus sind demnach zunächst vor allem begleitet von Kämpfen gegen die Lohnarbeit und dem Rückbezug auf eine idealisierte traditionelle Ordnung, die allerdings mehr und mehr mit utopisch-egalitären Vorstellungen identifiziert wird.

Hier ergeben sich Anschlüsse an die britische New Labour History: Klassenbewusstsein entsteht, wie etwa E.P. Thompson gezeigt hat, gerade nicht aus einer Nivellierung oder Überwindung der lokalen und ständischen Traditionen, sondern aus deren Konfrontation mit der Amoralität der entfesselten kapitalistischen Mehrwertproduktion. Dabei schreiben sich in die »moralische Ökonomie«, als der oft impliziten, aber dennoch leidenschaftlich vertretenen Vorstellung vom Gemeinwohl, zunehmend egalitäre und meritokratische Vorstellungen ein, die auf der Grundlage der formellen Freiheit und Gleichheit bürgerlicher Gesellschaften entstehen und tendenziell über diese hinaustreiben.17 Die gerade in Deutschland sehr ausgeprägte Stabilität ständisch-paternalistischer Herrschaftsformen in Industrie und Politik, die eine Anerkennung der Arbeiterbewegung zunächst erschwert, erklärt, wie Jürgen Kocka argumentiert, die Schärfe der Klassenkämpfe und die im internationalen Vergleich starken Ansätze zur Herausbildung eines Klassenbewusstseins in den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg.18

Die Kette revolteartiger Proteste gegen die kapitalistischen Arbeits- und Produktionsformen schreibt sich auch unter Bedingungen der Industrialisierung fort. Dies gilt, wie Hoffrogge verdeutlicht, insbesondere für jene gering qualifizierten, oft migrantisch und feminin geprägten Fraktionen der Lohnarbeiterschaft, die in der sich schrittweise etablierenden organisierten Arbeiterbewegung unterrepräsentiert und von den erkämpften sozialen Rechten vielfach ausgeschlossen sind. Das Verhältnis zu Staat und Lohnarbeit bleibt hier antagonistischer, während in der qualifizierten Facharbeiterschaft bereits im 19. Jahrhundert eine (hart erkämpfte) Tendenz zur Anerkennung und De-Radikalisierung greift. Letztere vermittelt sich im reaktionär regierten Preußen besonders stark über die sozio-ökonomische Ebene, d.h. Tarifverhandlungen, Sozial- und Arbeitsrecht, wobei kleine und mittlere Betriebe eine Vorreiterrolle übernehmen.

Die konfliktreiche Interaktion der organisierten und unorganisierten Arbeiterbewegung wird an Beispielen wie dem aufstandsförmigen Bergarbeiterstreik 1888/89 oder dem wilden Streik der Hamburger Hafenarbeiter 1890 gezeigt. Beide Ereignisse bilden demnach einen wichtigen Erfahrungshintergrund für die kurz darauf folgende Legalisierung der Sozialdemokratie und den Halberstadter Kongress, der die Zentralisierung der Gewerkschaftsverbände in den einzelnen Branchen vorantreibt. Im Ergebnis gewinnt nicht nur die organisierte Arbeiterbewegung an Einfluss, sondern es kommt mittelfristig auch zur Ausweitung allgemeiner Schutz- und Beteiligungsrechte der Arbeiterschaft insgesamt.

Politisch aber verfestigt sich eine interne Konfliktlinie: mit den »Lokalisten«, als deutscher Variante des gewerkschaftlichen Syndikalismus, und der Auseinandersetzung zwischen der SPD-Mehrheitsströmung und der linksradikalen Opposition der teilweise studentisch geprägten »Jungen«. Der aus diesen Abspaltungen und Ausschlüssen erstmals in Deutschland als eigenständig organisierter Flügel hervorgehende Anarchismus bleibt allerdings marginalisiert, was mittelfristig in die Akademisierung und den Rückzug auf Fragen der individuellen Emanzipation und lebensweltlichen Vergemeinschaftung führt. Der in Deutschland politisch besonders geächtete Anarchismus ist, wie Hoffrogge betont, dabei »weniger eine ideengeschichtliche Tradition, sondern Ausdruck eines Grundkonfliktes zwischen Zentralismus und Basisdemokratie« (S. 136).

 

Bürgerliche Vergesellschaftung in Staat und Ökonomie und proletarische Frauenbewegung

Dieser Konflikt, das wird an zahlreichen Beispielen deutlich, ergibt sich nicht aus einem bloßen Organisationsfetisch des klassischen Marxismus oder gar der Entstehung einer »Arbeiteraristokratie« (Lenin), sondern basiert auf zentralen Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft, die von Hoffrogge allerdings nicht systematisch ausformuliert werden: Die zunehmend komplexer ausdifferenzierten Dynamiken der politischen und ökonomischen Vergesellschaftung und mit ihnen die Institutionen der Arbeiterbewegung verselbständigen sich tendenziell gegenüber den individuellen Lebenswelten – sei es in Form des Staates bzw. der Parteien, sei es in Form kollektiver Verbände der sozialen Interessenartikulation im Feld der Lohnarbeit. Das subjektive und spontane Moment der Arbeiterbewegung muss sich daher immer wieder auch konfrontativ gegenüber den eigenen Organisationsstrukturen Geltung verschaffen. Die hierbei aufbrechenden historischen Spaltungen der Arbeiterbewegung reflektieren (und verfestigen im Falle ihrer Verhärtung) insofern die innere Zerrissenheit bürgerlicher Gesellschaften – und ihrer ideologischen Ausdrucksformen.

Diese Widerspruchskonstellation wird auch mit Blick auf die proletarische Frauenbewegung erkennbar, die etwa parallel zur Trennung von sozialistischer und anarchistischer Arbeiterbewegung in den 1880er und 1890er Jahren aufkommt. Auch sie ist lange vor allem eine Bewegung der lokalen und autonomen Basismobilisierungen. Diese Tatsache ist einerseits Ergebnis der erst 1908 aufgehobenen Illegalität sowie der Diskriminierung innerhalb männlich geprägter Kulturen des Partei- und Gewerkschaftsapparats. Sie ist andererseits Ausdruck des relativ hohen Frauenanteils in jener gering qualifizierten Industriearbeiterschaft, aus der sich die unorganisierten Proteste wesentlich speisen. Ein dritter Grund wird bei Hoffrogge lediglich angedeutet: Die Frauenbewegung artikuliert angesichts der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung auch den Gegensatz von öffentlicher und intimer Sphäre und damit jene Anerkennungs- und Sorgebedürfnisse der Subjekte, die in der politischen und ökonomischen Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft systematisch vernachlässigt werden.

Zugespitzt formuliert: Es gibt in dieser Hinsicht durchaus eine strukturelle Parallele von Feminismus und Anarchismus als historischen Bewegungen. Beide tragen nicht zuletzt Perspektiven der Lebenswelt mit ihren individuellen Autonomieansprüchen und direkt-persönlichen Empathiebeziehungen in die Arbeitskämpfe und die sich allmählich herausbildende Zivilgesellschaft hinein. Dass sich die proletarische Frauenbewegung mit Repräsentantinnen wie Clara Zetkin, ähnlich wie die Arbeiterjugendbewegung, auch innerparteilich bis zum Ersten Weltkrieg deutlich links der Mitte positioniert, ist insofern wohlmöglich nicht (wie Hoffrogge annimmt) in erster Linie auf die Rezeption des Marxismus zurückzuführen. Dieser ist zu jener Zeit ohnehin unumstrittene Parteidoktrin – quer zu den Lagern von Revisionismusstreit und Massenstreikdebatte.

Auch die mit den zuletzt genannten Stichworten verknüpfte Frage nach dem Verhältnis von Reform und Revolution wird von Hoffrogge, anschließend an Rosa Luxemburg, dialektisch aufgefasst und historisch aus den spezifischen Handlungsbedingungen unterschiedlicher Flügel und Phasen der Arbeiterbewegung begründet. Auch hier zeigt sich allerdings ein Schwachpunkt im theoretischen Fundament der Darstellung, dem eine etwas einseitige Kritik des Reformismus im Fazit korrespondiert. Dessen Erfolge werden zwar explizit anerkannt, bei der Erklärung der Integrationstendenzen, die bis zur fatalen Unterstützung der Kriegspolitik 1914 reichen, offenbart sich aber eine wichtige Leerstelle: Trotz des Hinweises auf die kulturelle Hegemonie des Bürgertums bleibt die Frage nach der Herausbildung und spezifischen Entwicklung bürgerlicher Ideologien innerhalb der Lohnarbeiterschaft weitgehend im Dunkeln. Der kurze Verweis auf die Fetischtheorie von Marx wird nicht vertieft oder empirisch weiterverfolgt. Das ist sicher teilweise didaktisch begründet, hat aber zur Folge, dass der Zusammenhang zwischen der hart erkämpften Anerkennung des sozialen Status als Besitzer der Ware Arbeitskraft und der Verinnerlichung des Scheins von Freiheit, Gleichheit und Leistung an der Oberfläche der Austausch- und Rechtsverhältnisse nicht nachvollzogen wird.19

Dem entsprechend schleicht sich an verschiedenen Punkten eine idealistische Schieflage ein, die auch durch die Gesamtperspektive der Darstellung begünstigt wird: Die Geschichte der Arbeiterbewegung wird – das betont Hoffrogge eingangs selbst – vor allem von ihren politischen Debatten her erschlossen. Sozio-ökonomische und alltagsweltliche Bedingungen, als der »eigentliche Boden alles ›Politischen‹« (S. 11), werden mehr eingestreut als systematisch zum Ausgangspunkt gemacht. Das erklärt sich zwar aus dem Anspruch auf relativ leichte Zugänglichkeit und Anschlussfähigkeit gegenüber politischen Praxen. Es ist zudem sicherlich auch empirischen Lücken in der Sozialgeschichtsschreibung der Arbeiterbewegungsliteratur geschuldet. Dennoch führt dieser Blickwinkel mit dazu, dass Hoffrogge sich in seiner Kritik der »Halbheiten des Sozialismus« (S. 194) in den Schlusskapiteln doch wieder vornehmlich auf eine Kritik der »Eigenlogik großer Organisationen« (S. 192) zurückziehen kann. Die Trennung von Politik und Ökonomie (sowie deren Verselbständigung gegenüber der Lebenswelt) und damit auch die Staatsfixiertheit der SPD erscheinen dann einesteils als »Selbstblockade« (S. 192), andernteils als Pendant eines spezifisch preußischen »organisierten Kapitalismus« (S. 193).

Auch die Rezeption der klassischen Imperialismustheorien – die das Verhältnis von Politik und Ökonomie ebenfalls auf ein bewusstes Machthandeln von Klassenakteuren verkürzen statt in der Bewegung des Werts den Angelpunkt der Analyse zu suchen – ist dementsprechend eher unkritisch. Das ist angesichts der aktuellen Renaissance dieser Theorien in Teilen der Linken besonders schade, auch wenn Hoffrogges differenzierte historische Analyse meilenweit entfernt ist von plumpen anti-imperialistischen Positionen.20

Dennoch: Es bleibt Hoffrogges wichtiges Verdienst, in leicht zugänglicher Form Sichtweisen zu eröffnen, die quer liegen zu gewachsenen Traditionen und Klischees der Linken. Dieses Buch sei daher allen politischen Bildner_innen und Aktivist_innen in- und außerhalb von Gewerkschaften und Linkspartei empfohlen.

 

An der Schwelle zu einem neuen Epochenbruch?

Der hier angedeutete geschichtspolitische Brückenbau, der unter den gegebenen Bedingungen stets einem Drahtseilakt gleicht, ist heute bitter nötig. Denn ähnlich wie in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg stehen wir heute – sofern die Zeichen nicht sehr trügen – wieder an der Schwelle zu einem Epochenbruch. Die im damaligen Transformationsprozess aufgerissenen Gräben innerhalb der Arbeiterbewegung, die in die Spaltung zwischen Kommunismus, Sozialdemokratie und Anarchismus führten, haben die menschheitsgeschichtlich beispiellosen Abgründe des »Zeitalters der Katastrophen« (Hobsbawm) zwischen 1914 und 1945 erst möglich gemacht.

Die Ursachen und Folgen dieser Spaltung sind uns heute womöglich viel näher, als uns bewusst ist. Fällt es denn so schwer, im jungen, kaum organisierten Prekariat einen Teil der heutigen Arbeiterbewegung zu sehen – einem Prekariat, das überwiegend vom Verkauf seiner Arbeitskraft lebt und das doch schon beim Versuch, in diese Arbeitskraft zu investieren, in Schulden versinkt? Hören wir in seinen Platzbesetzungen und Revolten nicht das Echo jenes alten Repräsentationskonfliktes? Und wenn dem so ist, können wir dann nicht »mit Entsetzen feststellen, dass alles schon mal dagewesen ist« (S. 200)? Ich denke nein. Denn mit der Krise und Auflösung des Fordismus ist ein neues Stadium in der Entwicklung subjektiver Aneignungsweisen, Bedürfnisse und Selbstführungskompetenzen der Individuen erreicht, dem eine ausdifferenzierte und selbstbewusste Zivilgesellschaft entspricht. Die Räume der Subjektivität erscheinen heute immer weniger als das ganz Andere, das der politischen und ökonomischen Sphäre unverbunden gegenübergestellt ist – sei es in der bornierten Form der patriarchalischen Kleinfamilie, sei es in Form einer vermeintlich autonomen Kunst.21

Der Neoliberalismus selbst hat in Reaktion auf die Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre den Geist aus der Flasche gelassen, indem er die Subjekte ins Herz der Lohnarbeitsgesellschaft einließ, um sich ihrer kreativen Potenziale rücksichtslos zu bedienen – im Interesse der maßlosen Verwertungsansprüche eines Kapitals, das im Produktionsprozess tendenziell funktionslos wird und das zunehmend nur noch in Gestalt einer parasitären Vermögensblase in Erscheinung tritt, die das etablierte politische System bis ins Mark korrumpiert.

Diese historische Konstellation gibt den aktuellen sozialen Kämpfen ein spezifisches Gepräge. Die neuen sozialen Bewegungen brechen sich an den gewachsenen Trennlinien der Institutionen und den Traditionen der teils in diesen Institutionen, teils gegen sie formulierten Kritik. Sie suchen nach radikalen Formen der Subjektivität und aktualisieren damit jene Forderung nach persönlicher und sozial geteilter Authentizität, die die »Künstlerkritik« (Boltanski/Chiapello) der Bohème und später auch weiter Teile der Neuen Linken seit jeher ausgezeichnet hat.22 Sie zielen aber zugleich auf eine Kritik des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus in seinen abstraktesten und am stärksten verschlüsselten Formen: auf das zinstragende und »fiktive« Kapital. Dieser Versuch, die äußersten Pole der gegeneinander verselbständigten Vergesellschaftungsformen des zeitgenössischen Kapitalismus zusammenzudenken und infragezustellen, muss zunächst scheitern – erst recht, wenn er im Abseits der kollektiven Erfahrungen der Arbeiterbewegung verbleibt. Dass er aber überhaupt in dieser Breite unternommen wird, ist höchst bedeutsam und (soweit ich sehe) ein historisches Novum, das den Reifegrad (und womöglich die Überlebtheit) der bürgerlichen Gesellschaften anzeigt. So problematisch und gebrochen diese Anläufe noch erscheinen mögen: Sie stecken die weit auseinanderliegenden Eckpunkte jenes Feldes ab, das in den Lernprozessen zwischen den progressiven sozialen Akteuren überspannt werden muss.

Sicher ist in jedem Fall: Ein »Zurück zum Staat« eröffnet heute so wenig Perspektiven wie die Konzentration aufs gewerkschaftliche Kerngeschäft. Die Kritik an Tendenzen zu einem selektiven »Krisenkorporatismus« von Teilen der Industriegewerkschaften sowie einiger Betriebsräte und Stammbelegschaften in exportstarken Unternehmen ist insofern genauso gerechtfertigt wie der Verweis auf die politische Bedeutung neuer Massenproteste und Aufstände.23 Daraus umgekehrt die pauschale These einer Vertretung zunehmend rein partikularer Interessen privilegierter Arbeitnehmergruppen durch die Gewerkschaften abzuleiten, wie dies etwa Klaus Dörre mit dem Konzept der »fraktalen« Organisation nahelegt, reproduziert aber die alten ideologischen Frontbildungen, die es politisch zu überwinden gilt.24

Auch die Redaktion des »prager frühling« behauptet lapidar eine generelle Einbindung der deutschen Gewerkschaften in nationale Wettbewerbsallianzen und bringt dagegen eine tendenziell idealistische Sichtweise der zivilgesellschaftlichen Bewegungen in Anschlag: Eine angeblich »längst« entwickelte »europäische Gesellschaft mit eigener Öffentlichkeit« solle durch den Aufbau von »Gegeninstitutionen« einen »Bruch« gegenüber dem »post-demokratischen« politischen System mit seinen zunehmend »autoritär-etatistischen« Regulationsformen formulieren.25 Diese in den sozialen Bewegungen weit verbreitete Sicht erscheint nicht nur angesichts der massiven rechtspopulistischen Tendenzen in den (nach wie vor stark national geprägten) Zivilgesellschaften fragwürdig. Auch jene von der Redaktion gesuchten oppositionellen und sozialpolitischen »Haltepunkte innerhalb der europäischen Institutionen« sind faktisch nach wie vor extrem unterentwickelt. Die vorschnelle Verabschiedung der Gewerkschaften und ihrer – oft durchaus nicht nur für Kernbelegschaften erfolgreichen – Abwehrkämpfe innerhalb der nationalen Sozialstaaten und Tarifregelungen ist daher ein schwerer politisch-strategischer Fehler.26 Es wird interessant sein zu sehen, wie lange sich diese Position angesichts kommender politischer Umwälzungen und der neuen Konstellation an der Spitze der Partei DIE LINKE noch halten lässt.

Die Debatte um Wege zur Durchsetzung eines wirtschaftsdemokratischen Entwicklungspfades bietet dagegen wichtige Ansatzpunkte für eine Annäherung zwischen gewerkschaftlichen und Bewegungsakteuren. Das gilt ebenso für die in den Gewerkschaften deutlich gewachsene Sensibilität für die politische Brisanz psychischer Folgen der Vermarktlichung und Entgrenzung von Arbeit sowie die Einsicht, dass der Angelpunkt einer Re-Politisierung von Arbeit notwendig in den individuellen Sinnstrukturen und Ansprüchen der Beschäftigten zu suchen ist.27

Der Kampf für eine Ausweitung direkter Partizipationsformen in der Arbeit und letztlich in allen gesellschaftlichen Bereichen muss heute mehr denn je die Subjekte und ihre Assoziationsformen in- und außerhalb der Lohnarbeit ins Zentrum rücken. Die zivilgesellschaftlichen Strukturen der reifen bürgerlichen Gesellschaften schlagen hierfür Brücken und Stege zwischen Politik, Erwerbsarbeit und Lebenswelt – und damit zwischen den verschiedenen Fraktionen und Traditionslinien der Linken. Wir müssen diese Brücken nur endlich auch beschreiten.


Max Lill, studierter Sozialkundler und Geograph, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am sozialwissenschaftlichen Institut der Humboldt Universität Berlin sowie als Redaktionsassistent bei der Mitgliederzeitschrift der GEW-Hamburg »hlz«. Eine überarbeitete und erweiterte Version seiner Studienabschlussarbeit zur Rolle der Musik in den Jugend- und Studentenrevolten der 1960er Jahre am Beispiel von Bob Dylan und The Grateful Dead erscheint demnächst beim Archiv der Jugendkulturen Berlin.

 

1 Vgl. die Rezension von Ingo Materna in Sozialismus 2/2009, S. 58ff.

2 Vgl. Hoffrogge, Ralf (2011): Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914, Reihe theorie.org im Schmetterling Verlag, Stuttgart (nicht weiter gekennzeichnete Seitenangaben beziehen sich im Folgenden auf diesen Text).

3 Vgl. hierzu ausführlicher: Hoffrogge, Ralf: Fordismus, Eurokommunismus und Neue Linke. Thesen zu Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen Arbeiterbewegung und linker Szene in der BRD, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (JHK) 2012, S. 241-263.

4 Vgl. zur Kritik dieser Positionen Michael Wendl in Sozialismus 2/2011, S. 14ff.

5 Vgl. Matuschek, Ingo/Kränke, Uwe/Kleemann, Frank/Ernst, Frank (2011): Links sein. Politische Praxen und Orientierungen in linksaffinen Alltagsmilieus, Wiesbaden, S. 57ff.

6 Auch die seit den 1980er Jahren zunehmend linksliberal geprägte Bewegungsforschung hat sich für die Geschichte und Bedeutung der, in der BRD besonders stark ausgeprägten, links-autonomen Spektren bisher kaum interessiert. Vgl. als eine der wenigen Ausnahmen die relativ differenzierte (allerdings auf ein diskursanalytisches Vorgehen beschränkte) Untersuchung von Haunss, Sebastian (2004): Identität in Bewegung. Prozesse kollektiver Identität bei den Autonomen und in der Schwulenbewegung, Wiesbaden.

7 Das Schicksal der, mit der Entstalinisierung ab 1956 und parallel zur westlichen Neuen Linken aufkommenden, Jugend- und Studentenbewegungen sowie reformsozialistischer Bestrebungen innerhalb der europäischen Staaten des Warschauer Pakts ist bekannt. Die Niederschlagung des »Prager Frühlings« 1968 steht symbolisch für die Reformunfähigkeit der autoritär-staatszentrierten Sozialismuskonzeption und der kaderförmigen Strukturen und Belagerungsmentalitäten in den kommunistischen Parteien. Diese Beharrungskräfte verhinderten auch in der DDR einen, den westlichen Staaten vergleichbaren, zivilgesellschaftlichen Aufbruch und fanden in der westdeutschen DKP ihre Entsprechung. Auch diese Erblast bleibt von der Partei DIE LINKE aufzuarbeiten (vgl. hierzu Lieber, Christoph (2008): Der Prager Frühling und die Grenzen der Entstalinisierung. ’68 als Anfang vom Ende?, in: Sozialismus 7-8/2008, S. 52-56; sowie: ders. (2008): Der »Prager Frühling« und der Umgang mit Niederlagen. Eine Verteidigung gegen seine Verächter, in: Sozialismus 11/2008, S. 51-58).

8 Vgl. zum Konzept der »Szene« Matuschek u.a., a.a.O. sowie Lill, Max (2011): Populärästhetik – Subjektivität – Öffentlichkeit. Sinnliche Aneignungsweisen zwischen Fordismus und flexiblem Kapitalismus, Supplement der Zeitschrift Sozialismus 7-8/2011, S. 32ff.

9 Vgl. Vester, Michael u.a. (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt a.M., S. 253ff.

10 Das gilt gerade auch für viele aufstrebende Frauen. Hier knüpft Nancy Frasers unter Feminist_innen viel rezipierte These von einer »List der Geschichte« an. In kritischer Anlehnung an Boltanski/Chiapellos Untersuchung über den »neuen Geist des Kapitalismus« und dessen Aneignung von emanzipatorischen Impulsen der Neuen Linken, hält sie fest: »Utopische Wünsche entwickelten eine Art Doppelleben, als Stimmungslagen, die den Übergang zu einer neuen Kapitalismusform legitimieren halfen: zu einem postfordistischen, transnationalen, neoliberalen Kapitalismus.« (Fraser, Nancy [2009]: Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2009, S. 45)

11 Das zeigt sich nicht zuletzt an der zunehmend breiter verankerten strategischen Orientierung der sozialen Bewegungen in der BRD auf friedliche, aber offensive Formen des zivilen Ungehorsams. Die Einhaltung entsprechender Aktionskonsense bei den Blockupy-Aktionstagen Mitte Mai (ähnlich wie zuvor etwa in Gorleben oder bei den Blockaden der Nazi-Aufmärsche in Dresden) verweist auf entsprechende Verständigungs- und Lernprozesse. Dies ist umso bemerkenswerter, als die jüngsten Proteste von rund 25.000 Menschen in Frankfurt mit einem solchen Ausmaß an polizeilicher Repression konfrontiert waren, dass etwa der hessische GEW-Vorsitzende Jochen Nagel sogar von der »Androhung eines Krieges gegen die Bürgerinnen und Bürger« sprach (vgl. www.rosalux.de/news/38430/blockupy-frankfurt.html sowie Lill, Max (2012): Politischer Erfolg trotz Repression, in: hlz – Hamburger Lehrerzeitung 5-6/2012, S.52-57, Internetressource: www.gew-hamburg.de/veroeffentlichungen/hlz-mitgliederzeitung).

12 Dabei sollte die bisher schwache (und teilweise auch ideologisch besonders fragwürdige) Ausprägung dieser Bewegungen in Deutschland nicht über ihre – aller Naivität zum Trotz – wichtige Bedeutung bei der Politisierung der Schuldenkrise hinwegtäuschen. Das gilt speziell für die USA sowie einige Länder Südeuropas (vgl. Johanna Klages zur Occupy-Bewegung in Sozialismus 1/2012, S. 22ff.).

13 Dies wird nicht nur durch die Symbolik der Bewegung – etwa die Guy-Fawkes-Masken – unterstrichen. Ein Star-Intellektueller der Occupy-Bewegung wie David Graeber, der schon in der globalisierungskritischen Bewegung aktiv war und dessen Bestseller »Schulden« auch FAZ-Redakteur Frank Schirrmacher an eine vorrevolutionäre Phase glauben lässt, bekennt sich demonstrativ zum Anarchismus. Auch in netzaktivistischen Kreisen und selbst bei vielen »Piraten« fällt es nicht schwer, zahlreiche Versatzstücke anarchistischer Theorie und Praxis zu finden.

14 Vgl. hierzu die Debatte in Sozialismus 5/2011, S. 7-31.

15 Vgl. hierzu etwa die Beiträge von Ingo Bader und Peter Birke in: Holm, Andrej/Lederer, Klaus/Naumann, Matthias (Hrsg.) (2011): Linke Metropolenpolitik. Erfahrungen und Perspektiven am Beispiel Berlin, Münster; sowie zu Hamburg den Beitrag von Jonas Fullner und David Templin in: Holm, Andrej/Gebhardt, Dirk (Hrsg.) (2011): Initiativen für ein Recht auf Stadt. Theorie und Praxis städtischer Aneignungen, Hamburg.

16 Vgl. Roth, Karl Heinz (1974): Die »andere« Arbeiterbewegung und die Entwicklung der kapitalistischen Repression von 1880 bis zur Gegenwart. Ein Beitrag zum Neuverständnis der Klassengeschichte in Deutschland, München.

17 Vgl. Deutschmann, Christoph (2002): Postindustrielle Industriesoziologie. Theoretische Grundlagen, Arbeitsverhältnisse und soziale Identitäten, München, S. 191ff.

18 Vgl. Kocka, Jürgen (1990): Arbeitsverhältnisse und Arbeitsexistenzen. Grundlagen der Klassenbildung im 19. Jahrhundert, Bonn.

19 Dazu passt, dass in den einleitenden Bemerkungen die Bedeutung der Idee der »sozialen Marktwirtschaft« für die Legitimation der herrschenden Verhältnisse, auch nach dem Niedergang des Realsozialismus bzw. in der Herausbildung des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus, heruntergespielt wird. Dem widersprechen etwa die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie von 2009, der zufolge trotz deutlicher Rückgänge noch immer 50% der Befragten der Aussage zustimmen, die soziale Marktwirtschaft habe sich »bewährt« (vgl. Bertelsmann-Stiftung [2009]: Vertrauen in Deutschland. Eine qualitative Studie der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine, ebenfalls deutlich Legitimationsverluste abbildende Studie des Bankenverbandes aus demselben Jahr (vgl. hierzu ausführlich Bischoff/Detje/Lieber/Müller/Siebecke 2010: Die Große Krise. Finanzmarktcrash – verfestigte Unterklasse – Alltagsbewusstsein – Solidarische Ökonomie, Hamburg, S. 102ff.).

20 Deutliche Parallelen zeigen sich dagegen zur Perspektive von Frank Deppe und damit zu jener, seit der Studentenbewegung in Marburg verankerten, Entwicklungslinie einer sozialistischen Politikwissenschaft, die sich in der Tradition von Wolfgang Abendroth verortet (vgl. Deppe, Frank [2011]: Eine Geschichte von Klassenkämpfen. Wandel des Kapitalismus und die Kämpfe der Arbeiterbewegung, in: Sozialismus 9/2011, S. 51ff.).

21 Vgl. hierzu auch Lill (2011), a.a.O.   

22 Vgl. Jäger, Michael/Seibert, Thomas (2012): alle zusammen. jede für sich. die demokratie der plätze, Hamburg.

23 Vgl. zum Verhältnis von Revolten und sozialen Bewegungen etwa Bareis, Ellen/Bescherer, Peter/Grell, Britta/Kuhn, Armin/Riedmann, Erwin (2010): Die Stadt in der Revolte, sowie weitere Beiträge hierzu in: Das Argument, Heft 289, 6/2010, S. 795ff.

24 Vgl. Dörre, Klaus (2010): Funktionswandel der Gewerkschaften. Von der intermediären zur fraktalen Organisation, Internetressource: http://wissentransfer.info/dls/Doerre_Funktionswandel_der_Gewerkschaften, Zugriff am 05.06.2012.

25 Vgl. Redaktion »prager frühling« (2012): Sozialpakt statt Fiskalpakt. Thesen der prager-frühling-Redaktion, Internetressource: http://prager-fruehling-magazin.de, Zugriff am 14.6.2012.

26 Dies gilt auch dann, wenn man mit guten Argumenten auf dem (mittelfristigen) Ziel einer demokratischen Umgestaltung der europäischen Institutionen beharrt. Als Beispiel für die Gegenposition innerhalb der sozialen Bewegungen (die auch in Teilen der Gewerkschaften vertreten wird) siehe etwa Alexis Passadakis vom attac-Netzwerk, der für eine konsequent gegen die Institutionen der EU gerichtete Strategie der europäischen Koordinierung von Abwehrkämpfen und wirtschaftspolitischen Gegenstrategien auf nationalstaatlicher Ebene eintritt (vgl. Passadakis, Alexis 2012: Europa von unten, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 5/2012, S. 13-15). Vgl. zu den Gefahren einer Re-Nationalisierung und Strategien einer Europäisierung sozialer Kämpfe aus gewerkschaftlicher Perspektive Vasco Pedrina in Sozialismus 5/2012, S. 40-44.

27 Vgl. Sauer, Dieter (2011): Re-Thematisierung der Arbeit. Arbeitspolitische Konsequenzen aus der Krise, in: Sozialismus 3/2011, S. 39-46.