Cinema Jenin und kein Frieden

Irit Neidhardt in inamo (17.05.2011)

In der inamo vom Herbst 2010 ist der Artikel “Palästina neu erfinden: Das Friedenskino von Jenin” erschienen, der die Eröffnung des Cinema Jenin kritisch analysiert und den Friedensbegriff, der dem Projekt zugrunde liegt hinterfragt.
Seit seiner Eröffnung ist das Cinema Jenin mit finanziellen Schwierigkeiten sowie mit Akzeptanzproblemen in der palästinensischen Gesellschaft konfrontiert. Ursprünglich sollte es nach Ende der Renovierungsarbeiten an ein Team von lokalen Mitarbeiter/inne/n übergeben werden und ein Beirat aus ortsansässigen Honoratioren sowie internationalen und palästinensischen Filmschaffenden gebildet werden. Obwohl es offiziell eine bi-nationale Initiative ist, steht das Cinema Jenin bis heute unter deutscher Federführung. Irit Neidhardt untersucht einige Aspekte der Finanzierungsstruktur des Cinema Jenin und hinterfragt inwieweit die Reduzierung deutschen Einflusses in dem Projekt möglich ist

Cinema Jenin ist viel mehr als nur ein Kino. Der Projektvorschlag aus dem Jahr 2008[1] beinhaltet Workshops in den Bereichen Filmschaffen, Computer und Englischunterricht in Zusammenarbeit mit der Partnerorganisation Ahmed Khatib Center for Peace  (geleitet vom Cinema Jenin Mitinitiator Ismael Khatib), eine lokale Filminfrastruktur soll aufgebaut werden  und „Prinzipien der friedlichen Konfliktlösung, der Koexistenz und Akzeptanz von Anderen durch Verurteilung jedweder Form von Gewalt und Fanatismus zu fördern“[2]. Darüber hinaus sollen die Jugendlichen aus dem Friedenszentrum in den für einen Kinobetrieb relevanten Arbeitsbereichen ausgebildet werden, um dann ihr professionelles Wissen an andere Menschen in Jenin weitergeben zu können; dies vor dem Hintergrund, dass „die Schaffung von Arbeitsplätzen für die Menschen in Jenin, das von Arbeitslosigkeit geplagt ist“ [3] eins der Hauptziele des Projekts ist. Beispiele solch einer Ausbildung sind: ”die Website zu pflegen, Newsletter zu verfassen, die Untertitel zu kontrollieren, Kontakt zum Filmmarkt und internationalen Verleihern zu halten sowie Werbefilme für lokale Firmen zu produzieren, die im Kino und anderswo gezeigt werden“[4]. Das Goethe Institut hat die Mediathek gesponsert und das Cinema Jenin führt ein eigenes Gästehaus, das sich neben dem Kino im Herzen der Stadt befindet. Darüber hinaus sind Filmproduktion und –verleih Teil des Konzepts, ein Film wurde bereits fertig gestellt, ein anderer befindet sich in der Postproduktion. Das Cinema Jenin Educational Program hat kürzlich seine Aktivitäten aufgenommen: ein zweimonatiger Kurs in neuen Technologien wurde bei der Handelskammer Berlin beantragt, ein zweimonatiger Intensivkurs in Solartechnik bei der Firma B5 Solar in Brandenburg beim brandenburgischen Wirtschaftsministerium (jeweils für Arbeiter aus Jenin), der Senior Experten Service wird in Zusammenarbeit mit dem Cinema Jenin nach Palästina reisen und „helfen Strukturen und Arbeitsabläufe in [palästinensischen] Firmen zu verbessern“. Zum Women’s Empowerment Program unter der Schirmfrauschaft von Gesine Schwan gehören die dreijährige Ausbildung einer jungen Frau aus Jenin zur Biobäckerin in Berlin sowie Yoga-Kurse in Jenin[5].   

Dieses Universum wird vom gemeinnützigen Verein Cinema Jenin e.V. mit Sitz in Tübingen betrieben. Die Gemeinnützigkeit ist ein wesentliches Instrument um Spenden zu sammeln, da der oder die Spenderin den Betrag von der Steuer absetzen kann. Auch für Förderanträge bei öffentlichen Stellen bietet sich die Struktur eines Vereins an, können doch  Privatpersonen in aller Regel keine Zuschüsse beantragen. Gemeinnützige Vereine, die Geschäfte betreiben sind von sämtlichen Steuerzahlungen befreit, ausgenommen ist die Lohnsteuer. Die Satzung definiert den Zweck eines Vereins. Auf ihrer Basis wird die Gemeinnützigkeit erteilt und die Erfüllung regelmäßig vom Finanzamt überprüft. Bei Nichterfüllung können die Gemeinnützigkeit und die damit einhergehenden Steuervergünstigungen – auch rückwirkend - entzogen werden. Bei Aberkennung der Gemeinnützigkeit ist der Vereinsvorsitzende mit seinem persönlichen Vermögen für die Rück- bzw. Nachzahlung der Steuern  haftbar.


In seiner Satzung definiert der Cinema Jenin e.V. seine Zwecke wie folgt:

 
Cinema Jenin e.V ist ein gemeinnütziger Verein, der sich aus Filmschaffenden, Kulturentwicklern, Unternehmern und Investoren zusammensetzt, die sich dem Gedanken des „Social Entrepreneurships“ verschrieben haben. Der Zweck ist weltweit Film- und Kinokultur so zu fördern oder selbst zu betreiben, dass nachhaltige Entwicklung, kulturelle Verständigung und menschenwürdige Bildung entstehen kann. Dabei orientiert sich der Verein an den Grundwerten Ökologie, Demokratie, Gleichberechtigung, Gewaltfreiheit und Menschenwürde. […]
§2 Zweck des Vereins […] (2) Dieser [o.a.] Zweck wird insbesondere verwirklicht durch […] Förderung hochwertiger und mutiger Filme, die helfen, unterschiedliche Kulturen zu verstehen und Vorurteile abzubauen. Förderung künstlerisch wertvoller und ungewöhnlicher Filme, die als noch nicht marktfähig gelten und der Völkerverständigung dienen. […](4) Der Verein tritt selbst als Betreiber von Lichtspieltheatern oder als Verleiher von Filmen auf, die den o.g. Kriterien des Vereinszwecks entsprechen. (5) Der Verein kann seinen Zweck auch dadurch erfüllen, dass er andere Organisationen und Einrichtungen unterstützt, die in gemeinnütziger Weise dem Vereinszweck entsprechende Ziele verfolgen.[6]
  

Im Folgenden werden die Auswirkungen der Vereinssatzung auf die Arbeit im Kino sowie das Verhältnis zur Bevölkerung in Jenin anhand einiger Beispiele erörtert, um zu fragen ob und wie das Projekt finanziell unabhängig werden und in palästinensische Verantwortung übergeben werden kann. 
 


Blue Nightmare
Das Kino wurde unmittelbar vor dem Ramadan im August 2010 eröffnet. Der deutsche Regisseur Marcus Vetter, Initiator des Projekts und Vereinsvorsitzender, hatte damals gehofft, dass es ein erholsamer Monat werden würde, aber, so berichtet er, das Haus war immer voll. Nach dem Ramadan jedoch blieb das Publikum weg und das Kino war die meisten Tage der Woche geschlossen. Auf einer Podiumsdiskussion in München
[7] erklärte Vetter das Dilemma: das Cinema Jenin  wurde mit 120.000€ Schulden eröffnet und versprochene Gehälter konnten nicht gezahlt werden. Das Kino zu schließen kam nicht in Frage, da das Auswärtige Amt und die Palästinensische Autonomiebehörde, die das Cinema Jenin im Zuge ihrer Gemeinschaftsinitiative Future for Palestine[8] gefördert haben, nicht zuließen, dass ihr Leuchtturmprojekt missglückt. Auch das Finanzamt Tübingen hat klar signalisiert, dass im Falle der Einstellung des Kinobetriebes die Gemeinnützigkeit aberkannt werden würde, was bedeutet, dass Vetter Spendengelder in der Höhe von ca. 600.000€ aus seinem Privatvermögen würde zurückzahlen müssen.
  Der einzige Weg, weiterzumachen ist Publikum ins Kino zu locken – nur wie? Die Leute in Jenin wollen neue ägyptische Komödien sehen. Der neuste Film mit Megastar Adel Iman, Zheimer (Alzheimer ohne den arabischen Artikel „al-“) beispielsweise war im Dezember 2010 erschienen und wurde im arabischen transnationalen Satelliten-TV viel besprochen. Es fehlte jedoch an den Mitteln, die hohen Filmmieten aufzubringen, die ägyptische Verleihe gemeinhin fordern – um die 10.000 US$ Vorauszahlung. Das Cinema Jenin hat ohnehin Vereinbarungen mit europäischen Verleihen, die hochwertige Filme umsonst zur Verfügung stellen. Bei der Projektpräsentation während des World Cinema Fund Day 2009 hatte Vetter erzählt, dass er wichtige Filme zeigen wolle, vor allem Dokumentarfilme wie Darwin’s Nightmare über die Auswirkungen der Globalisierung auf Menschen und Fische im und um den Viktoriasee. Aber bereits während des Cinema Jenin Eröffnungsfestivals hat die lokale Bevölkerung kein Interesse an der Open Air Vorführung von Deep Blue, einer Naturgeschichte der Ozeane, gezeigt.  Während die internationalen Gäste von der romantischen Stimmung, diesen Naturfilm unter Jenin’s Sternenhimmel zu sehen überwältigt waren, haben die Einheimischen gesagt, dass sie einen Fernsehsender hätten, der solche Filme rund um die Uhr ausstrahle.
Kinodokumentarfilme sind keine Publikumslieblinge in Europa, in der arabischen Welt sind sie so gut wie gar nicht auf der großen Leinwand zu sehen. Die Mehrheit der Araberinnen und Araber, wie die Mehrheit aller Filmbesucher auf der Welt, geht ins Kino, um sich von Massenware unterhalten zu lassen und das Erlebnis mit anderen zu teilen. Durch die israelische Besatzung ist Palästina von den anderen arabischen Ländern isoliert; transnationales Satellitenfernsehen, das Internet und soziale Netzwerke haben neue Wege eröffnet, miteinander in Verbindung treten zu können. Aus palästinensischer Perspektive ist es selbstverständlich zu erwarten, dass das einzige Kino der Stadt Filme zeigt, über die man in der gesamten arabischen Welt spricht. Komödien, Dramen und Kriminalgeschichten zeitgleich mit allen anderen zu sehen, auf dem Laufenden zu sein und nicht warten zu müssen, bis die raubkopierten DVDs endlich den Markt in der West Bank erreichen, würde bedeuten dazu zu gehören.

Besatzung nicht mitgedacht
Auf der Münchener Podiumsdiskussion hat Vetter das Tübinger Finanzamt für den Stillstand verantwortlich gemacht, da der zuständige Beamte auf Vorführungen wertvoller und bildungsrelevanter Filme beharre und ägyptische Komödien in dieser Kategorie nicht zulasse. Die Kinobetreiber nennen die Situation absurd, was sie tatsächlich ist. Aber worin besteht die Absurdität? Man kann darüber streiten, ob das Beharren des Finanzamts auf Erfüllung der satzungsmäßig festgeschriebenen Vereinstätigkeit stur ist oder nicht. Das Problem beginnt an anderer Stelle: Sowohl die Vereinssatzung als auch der Projektvorschlag des Cinema Jenin e.V. reflektieren eine weitverbreitete Schieflage in Bezug auf europäische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Entwicklungsländern. Das Bedürfnis zu helfen, Frieden zu schaffen oder kulturelle Brücken zu bauen rührt von einem Außenseiterblick, der meist auf reduzierten und stereotypen Medienbildern sowie Machtverhältnissen politischer Dominanz und ökonomischer Abhängigkeit des Südens vom Norden[9] basiert. Letztere drückt sich unter anderem in der massiven Präsenz von ausländischen NGOs in Entwicklungsländern oder aufstrebenden Märkten, wie es in neo-liberaler Terminologie heißt, aus. Auch Vetter und die meisten seiner deutschen Mitstreiter waren vor ihrem Abenteuer, das Kino „wiederauferstehen zu lassen“ nie in der Region.


Die oben erwähnten Zielvorgaben des Projektes wie „Prinzipien der friedlichen Konfliktlösung, der Koexistenz und Akzeptanz von Anderen durch Verurteilung jedweder Form von Gewalt und Fanatismus zu fördern” oder die “
Förderung hochwertiger und mutiger Filme, die helfen, unterschiedliche Kulturen zu verstehen und Vorurteile abzubauen“ verweisen auf den israelisch-palästinensischen Konflikt und unterstellen, dass die palästinensische Gesellschaft, der empfangende Projektpartner, zu Aggression neigt und andere Kulturen, in diesem Fall die israelische, ablehnt. Die Zielvorgaben ignorieren das Recht auf Widerstand, das im Völkerrecht verankert ist, indem sie sich nicht zur staatlichen israelischen Gewalt, nämlich der Besatzung in all ihren Spielarten, äußern. Das mag passiert sein, weil Israel nicht das Projektland ist, Cinema Jenin e.V. verknüpft Palästina jedoch mit Israel, was eine dezidierte Definition und Positionierung in Bezug auf Gewalt und Gewaltfreiheit unumgänglich macht.
Der Mangel an Wissen und Bewusstsein führen zwangsläufig zu Fehlern, Missverständnissen und zu Aktionen, die von stetig wachsenden Teilen der Bevölkerung massiv abgelehnt werden. Zur Eröffnungsveranstaltung zum Beispiel wurde Yona Yahav, der Bürgermeister von Haifa als einer von zahlreichen Israelis aus der Filmindustrie eingeladen, die sich zum Friedenslager zählen, ohne jedoch den Begriff Frieden zu definieren. Yahav hat früher die Trägerorganisation des Haifa International Film Festival geleitet und vermarktet seine Stadt als Model für Koexistenz im Nahen Osten. Vor diesem Hintergrund und aus der ausländischen Sicht des kulturellen Brückenschlags und der Koexistenz ist es sinnvoll ihn einzuladen. Yahav ist auch ein Mann des Militärs, der es zum Oberleutnant der Militärpolizei der israelischen Armee gebracht hat, der also ein hochrangiger Soldat der Besatzungstruppen ist. Die palästinensischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Cinema Jenin haben die Teilnahme Yahavs an der Eröffnungszeremonie verhindert
[10].

Zu dem Zeitpunkt als Yahav ausgeladen war und das Publikum in Jenin Zheimer gefordert und Bildung durch Kunstkino abgelehnt hatte, wurde den deutschen Teammitgliedern klar, dass sie nicht nur vor großen finanziellen Problemen standen sondern es ihnen auch nicht gelungen war, den politischen Kontext und die fremde Kultur, in die sie sich begeben haben, zu verstehen. Ironischer Weise ist es jedoch nicht von Belang, ob Cinema Jenin e.V. sich entschließt Konsequenzen aus diesen Erfahrungen zu ziehen oder nicht. Öffentliche Fördergelder und Steuervergünstigungen werden auf Grundlage von Ideen oder Konzepten vergeben, die als Vereinssatzung oder Projektantrag eingereicht werden und, in welcher Form auch immer, den Interessen des Geberstaates entgegen kommen. Daher sind die Möglichkeiten nach Projektbeginn umzudisponieren oder das Konzept zu ändern sehr begrenzt, wie die Reaktion des Finanzamts Tübingen auf die beabsichtigte Programmierung ägyptischer Komödien beispielhaft zeigt.

Jenin und das Brandenburger Solardach
Ökologie ist ein Grundwert, dem sich Cinema Jenin e.V. verschrieben hat. Die deutsche Regierung hat Technologien erneuerbarer Energien, vor allem im Bereich Wind- und Solarenergie in den letzten Jahren hoch subventioniert und regenerative Energie als zukunftsweisende Industrie angepriesen. Da das Wachstumspotential dieser Branche auf dem heimischen Markt begrenzt ist, suchen viele Unternehmen nach exterritorialen Expansionsmöglichkeiten. Das Kino in Jenin hat ein Solardach, das von der Brandenburger Firma B5 Solar gestiftet wurde. Die Firma berichtet Folgendes über ihr Engagement für das Cinema Jenin:

B5 Solar engagierte sich für die Errichtung des ersten Solarkinos in der arabischen Welt. Anfang August 2010 konnte die fertig montierte Solarstromanlage an den Benutzer im Westjordanland übergeben werden. Initiiert wurde die Idee von der Brandenburger Landesregierung. An der Aktion nahmen noch weitere Brandenburger Unternehmen der Solarbranche teil. […]
Auf der Südseite [des Daches] wurden zu Studienzwecken Misch- und Monokristalline sowie Dünnschichtmodule montiert. Aus den jetzt folgenden Studien erwarten die  Bosch Solar Energy AG und B5 Solar wichtige Erkenntnisse für weitere PV- Projekte im israelisch- palästinensischen Wirtschaftsraum.[11]

B5 Solar begleitete den brandenburgischen Ministerpräsidenten als Teil einer relativ großen Wirtschaftsdelegation auf mehreren Reisen nach Israel und in die West Bank. 2009 hat Israel ein Gesetz für Erneuerbare Energien verabschiedet, das dem deutschen Äquivalent relativ ähnlich ist. In Folge dessen hofft B5 Solar im “israelisch-palästinensischen Wirtschaftsraum” Fuß fassen zu können, und empfahl sich der Region mit der Stiftung des Solardachs für das Cinema Jenin. Eine deutsche win-win Situation. Wie zuvor erwähnt, hat das Cinema Jenin Education Program einen zweimonatigen Intensivkurs in Solartechnologie bei B5 Solar für drei Arbeiter aus Jenin angekündigt und stärkt so seine Aktivitäten sowie die der deutschen Industrie im Bereich des umweltpolitischen Engagements in Palästina.

Yoga und Biobrot contra Besatzungsstress
Während das Kino nicht gut läuft und bisher kaum Arbeitsplätze für Menschen aus Jenin geschaffen wurden, hat Cinema Jenin e.V. begonnen, sich in Bereichen zu engagieren, die weniger mit Kino und Kultur verbunden sind aber einen klaren gemeinnützigen Charakter aufweisen. Das Women’s Empowerment Program ist Teil des Cinema Jenin Education Program und unterstützt eine Gruppe von Frauen aus Jenin. Die Frauen haben in einem Brainstorming Aktivitäten zusammengetragen, die sie gerne durchführen würden und die Liste der deutschen Programmkoordinatorin überreicht. Vollkornbäckerei und Yoga waren unter anderem aufgeführt, wobei Yoga an erster Stelle stand. Eine dreijährige Ausbildung zur Biobäckerin für eine junge Frau aus Jenin in Berlin wurde schnell organisiert. Nach Ausbildungsende soll die Frau ihre eigene Biobäckerei in Jenin aufbauen, wobei sie von einem ehemaligen Freiwilligen des Cinema Jenin, der jetzt Ökotrophologie studiert, unterstützt wird. Der Mann wird seine Studienabschlussarbeit über das Projekt schreiben
[12].

Die ersten Yoga- Kurse für Frauen wurden bereits durchgeführt. Auf dem Cinema Jenin Blog heißt es: “Palästina ist das Land mit der größten Diabetes Epidemie weltweit, ausgelöst von permanentem Stress und ungesundem, fettem und süßem Essen. Daher kann Yoga definitiv von großer Hilfe sein.”[13] Wenn Palästina das Land ist, das am stärksten unter Diabetes leidet und wenn permanenter Stress und schlechte Ernährung die Ursache sind, dann sind Yoga-Kurse und Vollkornbrot eine zynische Antwort. Leben unter Besatzung bedeutet  grundlegender Rechte beraubt zu sein, es bedeutet, das Ackerbau nicht möglich ist, da die Ländereien großenteils unzugänglich sind und die gesamte Region ohnehin mit Minen verseucht ist. Unter Besatzung zu leben heißt, nicht zu wissen, ob man selbst oder die Lieben abends nach Hause kommen, dass Soldaten das Zuhause besetzen und die Familie tagelang in einem Raum zusammenferchen können, das Haus vielleicht zerstören oder den Mann, die Kinder oder die Frauen selbst abführen. Es bedeutet gesehen zu haben, wie israelische Soldaten Männer und Jungen nachts die Straßen mit Zahnbürsten reinigen lassen oder stundenlang mit zusammengebundenen Händen vor einer Wand gestanden zu haben und so weiter und so fort. Wie viel Yoga soll man üben und wie viel Biobrot essen um das auszuhalten? Gibt es einen Punkt, an dem das Dogma der Gewaltfreiheit und das Bedürfnis zu helfen selbst zu Gewalt werden?

In den frühen Morgenstunden des 5. Januar 2011 warfen Unbekannte Molotov Cocktails in die Büros des Cinema Jenin, die sich im Erdgeschoss des Gästehauses befinden. Jenins Zivilschutzeinheit konnte das Feuer rechtzeitig löschen, so dass es keine Verletzten gab. Seitens des Kinos wurde das Ereignis totgeschwiegen. Ika Dano war die erste von nur zwei Journalistinnen, die über den Anschlag berichtet haben und führt aus:

Das Fehlen einer nachhaltigen Finanzierungsstrategie, um den Kinobetrieb aufrechterhalten zu können und das gebrochene Versprechen, die Eigenständigkeit und Selbstverantwortung der einheimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und anderen an dem Projekt beteiligten zu stärken, hat die Einstellung der Bevölkerung gegenüber dem Management verschlechtert.
Im Kontext eines Projektes, dem ein Großteil des enttäuschten einheimischen Teams den Rücken gekehrt hat und das trotz beachtlicher internationaler und lokaler Sympathie und finanzieller Zuwendung nicht in der Lage ist ein angemessenes Kinoprogramm zu bieten, könnte dieser Anschlag als ein Ruf nach Wandel in der Leitung gesehen werden.
[14]

 

Das Cinema Jenin spaltet die lokale Bevölkerung in Jenin ebenso sehr wie ausländische NGOs es zunehmend in Palästina, in der arabischen Region, in Afrika und all den anderen Orten tun, in die Hilfe, Menschenrechte und Demokratie exportiert werden. In den meisten Fällen schaffen NGOs Arbeitsplätze auf Angestellten- und unterer Managementebene, die im lokalen Vergleich überdurchschnittlich gut entlohnt werden. Die Arbeit befasst sich mit der Zivilgesellschaft und unterstützt Eigenständigkeit, Kultur, Bildung und mirko-ökonomische Projekte, Bereiche, die von diktatorischen und weniger demokratischen Regierungen oft vernachlässigt oder unterdrückt werden; attraktive Arbeitsplätze für Teile der lokalen kritischen  Intelligenz.
Gleichzeitig werden in den entsprechenden Regionen immer mehr Stimmen laut, die von einem Neuen Kolonialismus durch die NGO-isierung der Zivilgesellschaft sprechen und diesen scharf verurteilen. Die schiere Menge von NGOs, die die post-sozialistische und die post-Dritte Welt überziehen zeigt, dass Wohltätigkeit längst selbst zur Industrie geworden ist. Wie das Beispiel des Solardachs des Cinema Jenin veranschaulicht, können NGOs Türöffner für weitere Industriezweige aus dem Geberland sein. Ausländische Investitionen schaffen zwar Arbeitsplätze, stärken jedoch in erster Linie die Industrie des Geberlandes, da die Planungsstäbe dort verbleiben. In Anbetracht seines Educational Programs kann das Cinema Jenin eine wichtige Rolle dabei spielen Netzwerke zu bilden und Arbeitsplätze weit über den vereinseigenen Betrieb zu schaffen und sich damit gewissermaßen unabkömmlich machen.

Der lokale Einfluss auf Projekte, die von ausländischen NGOs unterstützt werden bleibt immer eingeschränkt. Jeder eingetragene Verein muss Kontrolle und Entscheidungshoheit über seine Projekte behalten, da sein Vorstand für die Finanzen und die Vereinsaktivitäten gegenüber seiner jeweiligen nationalen Rechtsprechung verantwortlich zeichnet und haftbar gemacht werden kann. Bis es sich finanziell selbst trägt und völlig unabhängig von Spenden und Verpflichtungen gegenüber dem Finanzamt und öffentlichen Förderern in Deutschland ist, kann das Cinema Jenin daher kein selbstbestimmtes palästinensisches Projekt werden.
Obwohl sich die meisten NGOs als unpolitisch bezeichnen, beziehen sie automatisch Position, besonders, wenn sie in Krisen- und Kriegsgebieten operieren. Solange es keine substanzielle Debatte um den Gewaltbegriff gibt und die Prinzipien der friedlichen Konfliktlösung oder der Akzeptanz von Anderen in der besetzten Gesellschaft eingeführt werden sollen anstelle sie dem Unterdrücker aufzuerlegen, stimmen Hilfsverbände und andere NGOs – unbeabsichtigt oder nicht – einer Komplizenschaft mit dem Aggressor zu. Konsequente Solidarität mit den Unterdrückten erfordert andererseits nicht nur ein tiefes Wissen über den Konflikt, seine Region und Kenntnis seiner Codes sowie die Bereitschaft die Widersprüche, Unklarheiten und Dilemmata der Realität zu ertragen sondern kann auch zu schwerwiegenden Problemen mit den Geldgebern führen.
Echte Partnerschaft und Kooperation sind nur auf gleichwertiger Grundlage möglich.
    


[1] Cinema Jenin e.V.: Cinema Jenin Proposal (2008), eine Broschüre , die auf dem World Cinema Fund Day während der Berlinale 2009 verteilt wurde.

[2] Ibid. Goal and Objectives

[3] Ibid.

[4] Ibid. Step 3. Sustainability Strategy

[5] Vergl. “Cinema Jenin Education Program – Just the beginning”, Blogeintrag von Dagmar Q. am 15.2.2011, http://www.cinemajenin.org/blog/?p=1256 sowie Dagmar Quentins Beitrag auf der Pressekonferenz Cinema Jenin am 15.2.2011 in Berlin.

[6] Cinema Jenin e.V., Satzung http://www.cinemajenin.com/cj/images/stories/satzung.pdf (nur in deutscher Sprachfassung)

[7] „Cinema Jenin: gelingt die Vision eines ‚Cinema for Peace‘?“ Podiumsdiskussion am 23.1.2011 bei der Palästina/Israel Filmwoche

[8] Future for Palestine ist ein deutsch-palästinensisches Programm, das auf Grundlage des palästinensischen Reform and Development Plan 2008-1020 initiiert wurde. Auf palästinensischer Seite sind das Planungs- und das Finanzministerium verantwortlich http://www.mop-gov.ps/web_files/issues_file/PRDP-en.pdf  auf deutscher Seite werden Gelder aus den nach dem Hamas Wahlsieg 2006 umstrukturierten EU Hilfsmitteln für die palästinensischen Gebiete eingesetzt. http://www.bmz.bund.de/en/what_we_do/countries_regions/naher_osten_mittelmeer/palaestinensische_gebiete/zusammenarbeit.html

[9] Dieser extreme verkürzte und unpräzise Verweis an ökonomische Abhängigkeit soll hier genügen und als Stichwort dienen.

[10] Alternative Information Center http://www.youtube.com/watch?v=WQYxt8R__w8&feature=player_embedded

[11] B5 Solar: PV-Anlage für „Cinema Jenin“ in Betrieb genommen. Herausforderung im Ausland gemeistert. http://www.b5-solar.de/montage-pva-cinema-jenin.html

[12]  Vergl. ‘Cinema Jenin education Program – Just the beginning’
[13] Ibid.
[14] Dano, Ika: Dissent Against Cinema Jenin Becomes Visible. In: Palestine News Network, 10.1.2011, http://english.pnn.ps/index.php?Itemid=58&id=9371&option=com_content&task=view