Palästina neu erfinden

Das Friedenskino von Jenin

Irit Neidhardt in inamo (30.10.2010)

Auf Initiative des Dokumentarfilmers Marcus Vetter und mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes wurde Anfang August 2010 das Cinema Jenin über 20 Jahre nach seiner Schließung wieder eröffnet. Es ist als „Kino für den Frieden" konzipiert und soll den Menschen in Jenin Hoffnung geben. In ihrem Artikel spürt Irit Neidhardt den unterschiedlichen Definitionen des Begriffs Frieden, die im Kontext des israelisch-palästinensischen Konflikts und den verschiedenen Lösungsversuchen angewendet werden nach und hinterfragt das Friedenspotential des Cinema Jenin kritisch.

Am 5. August 2010 hat das Cinema Jenin eröffnet. Die Presse, vor allem die deutsche, überschlug sich: „Der Himmel über Jenin. Hoffnungsort Kino: Wie der deutsche Dokumentarfilmer Marcus Vetter im Westjordanland den Terror bekämpft" betitelte der Tagesspiegel vom 5.8.2010 seine Story. Die Süddeutsche Zeitung widmete der Kinoeröffnung am selben Tag die prominente Seite 3 und stellt ebenso Marcus Vetter in den Mittelpunkt. Die Reportage erzählt, wie mittels Kino der Widerstand - gleichgesetzt mit Terror - überwunden und Treffen zwischen Israelis und Palästinensern arrangiert werden sollen. Die Presse aus Österreich schreibt am 1.8.2010 „Cinema Jenin: Traum von einer neuen Stadt. Jenin galt als Extremisten-Hochburg im Westjordanland. Dieses Image soll sich ändern: Durch ein Filmtheater, das Idealisten mit deutscher Hilfe nach mehr als 20 Jahren wieder aufgebaut haben". Und The Guardian aus London vom 5.8.2010 jubiliert „West Bank culture boosts as Cinema Jenin rolls out red carpet".

Die Erwartungen hängen also hoch. Das Kino soll den Menschen Hoffnung und Perspektive geben und die „Hochburg der Extremisten" befrieden. In der Tat ist ein Großteil der palästinensischen Selbstmordattentäter seit Anfang der 2000er Jahre aus Jenin gekommen. Warum jedoch, danach fragt kein einziger der zahlreichen Zeitungsartikel. Warum die lokalen Kritiker des Kino-Projekts, die meist nur am Rande erwähnt werden, nicht mit Israel kooperieren wollen und was Israel überhaupt mit der ganzen Sache zu tun hat, bleibt außen vor. Zwar wird das Massaker im Flüchtlingslager von Jenin vom April 2002 (1) in vielen Berichten erwähnt, es wird aber kein Bezug zu anhaltenden Formen von Besatzung und dem, wenn auch ermüdeten, Widerstand dagegen hergestellt.

Was ist die Motivation für das Kino und worauf begründet sich die Hoffnung auf Frieden? Was heißt Frieden? Es ist vielleicht der fundamentale Fehler des gesamten Verhandlungsprozesses zwischen dem Staat Israel und dem palästinensischen politischen Dachverband PLO seit 1991, dass dieses zentrale Wort zu keinem Zeitpunkt gemeinsam definiert wurde. In den Osloer Verträgen (2), die als Interimsvereinbarungen konzipiert sind und die die Presse häufig Friedensverträge nennt, wurden in erster Linie israelische sicherheitspolitische und ökonomische Interessen festgeschrieben. Darüberhinaus behandeln die Abkommen den Aufbau palästinensischer Verwaltungsstrukturen und Teilautonomie, wobei der Grad der letzteren von der Gewährleistung israelischer Sicherheitsinteressen durch die palästinensische Verwaltung abhängt. Die Teilautonomie hat faktisch die Zerstückelung des Territoriums hervorgerufen, indem konsequenterweise Grenzposten um die autonomen Städte errichtet wurden. Dies wiederum bedingte den Zerfall der durch Jahrzehnte israelischer Militärverwaltung ohnehin rudimentären palästinensischen Ökonomie.

Selbstverpflichtung dem Besatzer Sicherheit zu garantieren

Die Selbstverpflichtung der neu errichteten Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) Israels Sicherheit zu garantieren, hat seit 1995 zum  Aufbau zahlreicher rivalisierender Geheimdienste, zunehmendem Misstrauen und Entsolidarisierung unter der palästinensischen Bevölkerung geführt. Willkürliche Verhaftungen von Palästinensern durch die eigenen Sicherheitsdienste stehen heute auf der Tagesordnung, die Opposition spricht vom drohenden Polizeistaat. (3)
Mit der zweiten Intifada hatten Teile der Bevölkerung versucht, Widerstand gegen die Besatzung und die Politik der PA zu leisten. Der Aufstand wurde jedoch schnell von paramilitärischen Einheiten der neuen Sicherheitsapparate übernommen (4) und damit als Volksaufstand größtenteils unterlaufen.
Das Ergebnis der anerkanntermaßen demokratischen Wahlen in den palästinensischen Gebieten vom 25. Januar 2006 hat für weltweite Empörung gesorgt, die rechtmäßig gewählte Hamas-Regierung wird von den meisten Staaten nicht anerkannt und die EU hat die Hilfszahlungen in das Gebiet eingefroren. Unter der Regie von Generalleutnant Keith Dayton, U.S. Sicherheitskoordinator für die palästinensischen Gebiete, der im Zuge der bürgerkriegsähnlichen Zustände nach dem Wahldebakel von den USA entsandt wurde, hat Präsident Abbas im Juni 2007 Salam Fayyad als palästinensischen Premierminister installiert und im Mai 2009 im Amt bestätigt. Fayyad's Partei Der Dritte Weg hat bei den Wahlen einen Stimmenanteil von nur 2,41% erhalten. (5) Die Präsidentschaftswahlen 2009 wurden ganz abgesetzt, rechtmäßig ist Abbas nicht mehr im Amt.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die israelisch-europäisch-us-amerikanische Definition des Begriffs Frieden sowie deren Auslegung von Demokratie in den besetzten Gebieten meisthin weder als positiv noch als erstrebenswert gelten.

Das Herz von Jenin
Der Friedensbegriff, der dem Cinema Jenin zugrunde liegt, ist in Marcus Vetters Das Herz von Jenin (Deutschland 2008, 96 min., Koregie Leon Geller) zu suchen.  Der Film hat zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm. Die Resonanz der Filmpresse war überaus positiv, die negative Kritik ging nicht über den Einsatz der Musik im Film hinaus.
Das Herz von Jenin erzählt die Geschichte Ismael Khatib‘s, dessen 12-jähriger Sohn Ahmed 2005 im Flüchtlingslager von Jenin von Kugeln israelischer Soldaten am Kopf getroffen wurde. Die Soldaten hatten aus über 100 Meter Entfernung auf verdächtige Personen geschossen und das mit einem Plastikgewehr spielende Kind aus der Distanz für einen erwachsenen Kämpfer gehalten. Die Armee brachte den schwerverletzten Jungen in das Krankenhaus von Haifa. Als er „eigentlich" (6) tot war, entschieden die Eltern auf Anfrage des Pflegers, die Organe des Sohnes zu spenden. Zwei Jahre später begeben sich das Filmteam und der Vater auf eine Reise durch Israel, um drei der geretteten Kinder zu besuchen (ein Kind ist nach der Transplantation gestorben, zwei weitere Familien wollten anonym bleiben).
Erzählerisch folgt der Film Ismael Khatib's Geschichte: die Schüsse auf den Sohn und die Entscheidung zur Organspende, das Leben unter Besatzung und das Massaker von 2002, die Vergangenheit als Widerstandskämpfer und die soziale Arbeit im Kinder- und Jugend-Friedenszentrum heute. Die Reise zu den geretteten Kindern ist der Höhepunkt der Erzählung und hat als besonderen Spannungsbogen die Begegnung zwischen Khatib und einer jüdischen ultra-orthodoxen Familie, die den Kontakt lange abgelehnt hatte. Der Film endet mit der Heimkehr nach Jenin, wo Khatib Schultaschen, gespendet von der Familie des Mädchens, das das Herz erhalten hat,  an die Kinder im Ahmed Khatib Friedenszentrum verteilt. Das Zentrum konnte mit  Hilfsgeldern der italienischen Stadt Cuneo aufgebaut werden, die nach der aufsehenerregenden Organspende die Friedensarbeit Khatib‘s weiter fördern wollte.
Das zahlreiche Archivmaterial, das im Film verwendet wird, zeigt in erster Linie die Geschichte der Organspende, die dem Film seinen Namen gab, bzw. des medialen Umgangs mit dieser. Die israelischen Nachrichten verkünden, dass der Vater eines palästinensischen Jungen, auf den die Armee beim Spiel geschossen habe, die Organe an israelische Kinder spendet. Es gibt Archivaufnahmen, die die Mutter eines der Empfängerkinder noch bei der Anästhesie vor der Transplantation zeigen. Die Kamera hält auf das bereits narkotisierte Mädchen, das leicht aus der Nase blutet sowie auf die angsterfüllte Mutter. Die Eltern werden auch in der zermürbenden Wartezeit während der Transplantation auf dem Krankenhausflur von Kameras verfolgt. Ein Journalist nähert sich einem ultra-orthodoxen jüdischen Mann und fragt, ob er wisse, wer der Spender sei. Ganz offensichtlich weiß der Journalist die Antwort. Dem Vater scheint sie hingegen nicht bekannt, denn später im Film, bei der erzählerischen Vorbereitung der Begegnung Ismael Khatib's mit eben diesem Vater, geht es um die Frage, warum er gesagt habe, dass er keinen arabischen Spender wolle.

Die Regisseure beschränken sich auf den der Antwort innewohnenden Rassismus des Vaters, dem die Güte Khatib's gegenüber gestellt wird. Khatib jedoch hatte sich die Erlaubnis an ein jüdisches Kind zu spenden extra beim Mufti von Jenin sowie Zakaryia Zbeidi, damals noch Führer der Al-Aqsa Brigaden in Jenin, eingeholt. Die Reaktion der beiden Väter ist so unterschiedlich also nicht. Mit keinem Wort, keinem Ton und keinem Schnitt hinterfragen die Regisseure den Medienrummel um die Transplantation. Wie kann es sein, dass Journalisten im Wartebereich der Eltern zugelassen werden? Im Operationsvorbereitungsraum? Warum weiß die Presse um den Spender? Warum gab es nach der Transplantation eine überaus gut besuchte Pressekonferenz, bei der die geretteten Kinder und die Eltern des nun toten Jungen präsentiert wurden? All diese Informationen liefert der Film selbst, sie sind kein privilegiertes Wissen. Diese Fragen scheinen sich weder die Regisseure, noch die Produzenten, Jurorinnen und Juroren oder die Filmpresse je gestellt zu haben.
Organtransplantationen sind ein heikles Thema für sich. Die Hirntoddefinition ist weder eindeutig noch unstrittig. (7) Angehörige von Organspenderinnen und -spendern sowie Organempfangende leben oft mit großen psychischen Belastungen (8), nach deutschem Transplantationsgesetz müssen Spender und Empfänger daher anonym bleiben (9). Christliche und muslimische Religionsgelehrte erkennen den Hirntod meist an und stimmen Organtransplantationen daher im Grundsatz zu. Das deutsche Bundesministerium für Gesundheit veröffentlicht die jüdisch orthodoxe Auffassung, nach der der Hirntod, bei dem das Herz noch schlägt, nicht als Tod anerkannt wird und somit das Spenden vieler Organe nicht möglich macht (10). In Israel, wo die Wartelisten für Transplantationen länger und die Spenderbereitschaft in der Bevölkerung wesentlich niedriger ist als in anderen westlichen Staaten, hat das oberste Rabbinat Transplantationen zugestimmt, auch wenn diese Auslegung jüdischer Rechtsprechung keine Konsensmeinung ist .(11) Fehlende Spenderorgane in Israel führten bis zu einer Gesetzesänderung 2008 zu offenem Organhandel und staatlich finanziertem Transplantationstourismus. (12)
Fachleute mahnen präzise Rechtsgrundlagen bei Organtransplantationen in politisch und ökonomisch instabilen Staaten und Regionen, zu denen Israel und die von ihm besetzten Gebiete eindeutig zählen, an. (13)

„Mein menschliches Handeln hat die Israelis irritiert"

Die bestenfalls als Schlampigkeit zu bezeichnende unkritische Haltung und fehlende Auseinandersetzung mit den komplexen Fragestellungen zum Umgang mit Organtransplantationen geben dem Film eine Struktur, die Ismael Khatib zum Helden stilisiert. Aus der Autorensicht und der Dramaturgie des Films folgend, statuiert er ein Exempel für den Frieden, was sich durch Opferung des Leibes Ahmed Khatib‘s für das Leben von Israelis ausdrückt. Ein durch und durch christliches Verständnis von Martyrium also. (14)
Seine Arbeit im Ahmed Khatib Friedenszentrum bezeichnet der Vater als Widerstand: „Wir leisten Widerstand durch Bildung, daran glaube ich" (58. Min). Einer der Stifter des Friedenszentrums aus Cuneo fragt beim Besuch in Ismael Khatib's Haus wie es sei, wenn Kinder ihren Bruder verlören, ob sie selbst zu Märtyrern werden könnten? „Solange wir unter der Besatzung leben ist alles möglich", lautet Khatib's Antwort (59. Min.) und er erläutert in einem folgenden Gespräch mit Vetter: „Man kann seinen Bruder auch anders rächen, indem man die Besatzungsmacht vor der Welt bloßstellt. Man kann es mit Musik machen oder mit Malerei. Man muss dafür keinen Soldaten töten, im Gegenteil. Mein menschliches Handeln hat die Israelis irritiert. Das ist etwas viel Größeres als einen Soldaten zu töten. Glaubst du, es hat den Israelis gefallen, was ich getan habe? Das hat es nicht. Es wäre ihnen lieber gewesen, ich hätte mich in die Luft gesprengt. Es wäre ihnen viel lieber gewesen. Es wäre ihnen lieber gewesen, ein Palästinenser hätte ein Kind getötet als eines zu retten" (60. Min.).
Eine weitere Realität durchkreuzt die Vision des palästinensischen Retters israelischen, also feindlichen, Lebens und der Versöhnung. Die Kinder, die wir im Film kennen lernen und lieb gewinnen sind palästinensisch - oder indigen.(15) Im Zuge der zionistischen Kolonisation wurden die verschiedenen indigenen Gruppen gegeneinander ausgespielt. Im israelischen Sprachgebrauch gibt es Araber, Drusen und Beduinen. Alle Gruppen gelten als demographische Bedrohung (sic!) für den jüdischen Charakter des Staates. Alle sind in Bezug auf Bildung, Grundbesitz, Wohnrecht sowie Gesundheitsversorgung von der jüdischen Bevölkerung segregiert. Aus ihrer eigenen Sicht sind sie palästinensisch, egal ob sie in Israel oder den besetzen Gebieten leben. Die ultra-orthodoxen Juden, die Familie des dritten Kindes, sind insofern nicht wohl gelitten, als dass sie nicht zur Armee gehen, teilweise aus religiösen Gründen den Staat Israel ablehnen und häufig von Sozialhilfe leben, da sie kinderreich sind und viele der Männer in Yeshiven studieren und keinen eigenen Lebensunterhalt verdienen.
Zwei Gründe könnten erklären, warum ausgerechnet diese marginalisierten Gruppen (von drei der Kinder kennen wir die Herkunft nicht) die Organe bekommen haben: Zum Einen die grundsätzliche Präferenz Organspenden innerhalb derselben religiösen und nationalen Gruppe durchzuführen, zum Anderen die Gesundheitskosten. Organtransplantationen senken die Ausgaben der Krankenkassen, indem z.B. im Fall von Nierentransplantationen die teuren Dialysen überflüssig werden. Die lebenslangen monatlichen Untersuchungen sowie die anhaltende Medikation von Organempfängerinnen und -empfängern sind erheblich kostengünstiger. (16) Die Gesundheitsversorgung des sogenannten arabischen Sektors in Israel, zu dem die Drusen und Beduinen gehören, ist chronisch unterfinanziert. (17) In aller Regel sind die nicht-anerkannten beduinischen Dörfer, wie das, aus dem der kleine Mohamed kommt, gar nicht in das Gesundheitssystem integriert, (18) für den Jungen gab es offensichtlich dennoch Dialyse. Es bleibt trotzdem eigenartig, dass bei einer solch langen Warteliste auf Transplantation in Israel ausgerechnet er das kostbare Organ erhält und ein drusisches Mädchen das Herz bekommt, das ursprünglich gar nicht gespendet werden sollte. Der israelische Presserummel um die lebensrettende Spende aus der Westbank an Israelis ist ein Rätsel, das vielleicht an anderer Stelle gelöst werden kann.

Die Mär von der Versöhnung in Das Herz von Jenin ist eine Fantasie, die der Film selbst durch die Aussagen des Vaters zu der Organspende widerlegt. Die beschriebenen politischen und rechtlichen Realitäten in „Israel und der Westbank, die in der Dokumentation weder hinterfragt noch analysiert oder kritisch auf die Spende bezogen werden, stellen die Geschichte als Symbol für Frieden durch Versöhnung, ebenfalls in Frage.
Dennoch war es die Begeisterung für den Film, die die Euphorie für das Cinema Jenin bei so vielen ausgelöst hat. Sie hat das Fundrising ermöglicht und Vetter soweit zum Experten für palästinensische Fragen gemacht, dass das Auswärtige Amt als Hauptfinanzier mit ins Boot gekommen ist und Roger Waters von Pink Floyd die Tonanlage für das Kino gestiftet hat. Eine Wirtschaftsdelegation aus Brandenburg besuchte das Kino und Ministerpräsident Matthias Platzeck hat symbolisch den ersten Baustein für das Solardach, gestiftet von zwei Brandenburger Firmen, überreicht. Auch Frank Walter Steinmeier ließ sich, noch als Außenminister, mit Khatib und Vetter, den beiden Initiatoren des Kinos ablichten. Das Projekt ist ein Aushängeschild der Regierungs-Initiative Zukunft für Palästina der Bundesrepublik Deutschland und der palästinensischen Behörde, durch die „die Menschen neu motiviert und gewonnen werden [sollen], einen langen und fragilen Friedensprozess zu unterstützen". (19) Dass das Kino ausgerechnet in Jenin aufgebaut wird fügt sich gut, ist die Stadt doch seit einiger Zeit eine Art Labor für den zukünftigen Staat: mit deutscher Hilfe wurde ein Industriepark errichtet, mit us-amerikanischer Hilfe werden palästinensische Polizisten in Jordanien ausgebildet und Israel gab sogar die Lieferung von AK-47-Sturmgewehren frei. (20)

„Das Wort Frieden...liegt nicht obenauf!"

Wie das Cinema Jenin den Frieden unterstützen will, ist den zahlreichen Presseberichten zu entnehmen. Zum Beispiel sagt Vetter, „dass die Macht des Kinos helfen kann, den Friedensprozess voranzutreiben. "Das Wort Frieden", sagt er, "liegt nicht obenauf". Man müsse es freischaufeln. So könne man "auf Augenhöhe mit der Welt und ganz speziell mit Israel" kommen. Vetter glaubt, dass es vor allem dann gelinge, wenn sich die Palästinenser in Filmen mit ihren eigenen Problemen auseinandersetzen: mit häuslicher Gewalt zum Beispiel, oder der Rolle der Frauen. Selbstkritik, sagt Vetter, sei einer der Schlüssel zu einem eigenen Palästinenserstaat". (21)

Seit Jahrzehnten ist die Rolle der Frau ein zentrales Motiv in palästinensischen sowie anderen arabischen Filmen. Zum einen, weil die Frau das Land symbolisiert, zum anderen, weil an ihrer Rolle die Demokratisierung der Gesellschaft diskutiert wird. Die wichtigsten Arbeiten sind sicher Michel Khleifi‘s Das fruchtbare Gedächtnis (1982), Hochzeit in Galiläa (1987) und die Fortführung des Diskurses in Zindeeq (2009). Als Klassiker der Selbstkritik kann Tawfik Saleh's Verfilmung von Ghassan Kanafani's Männer unter der Sonne unter dem Titel Die Betrogenen (1972) gesehen werden. Sobhi Zobaidi hat seinen Film über Gewalt an Frauen in den besetzten Gebieten in Anlehnung an diesen berühmten Kanafani Titel Women in the Sun genannt (1998) und Tawfik Abu Wael stellt derzeit seinen Film Tanathoor fertig, der von Kanafani's Rückkehr nach Haifa inspiriert ist. Die Liste ließe sich noch lang fortsetzen. Das Problem Palästinas ist nicht mangelnde Selbstkritik oder dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, sich mit der Rolle der Frau auseinander zu setzen sondern die Besatzung sowie die korrupte und mittlerweile nicht mehr demokratisch legitimierte PA.

Vetter will mehr als nur das Kino.""Wir wollen versuchen, hier eine palästinensische Filmindustrie zu etablieren, mit eigenen Synchronisationsstudios, Schneideräumen, einem Filmverleih und Studios für Untertitel." Die meisten ausländischen Filme werden in Ägypten untertitelt oder synchronisiert, meist in schlechter Qualität. "Wir wollen den Leuten hier Selbstvertrauen zurückgeben, und wir haben hier die Möglichkeit, vieles anders zu machen als im Rest der arabischen Welt."" (22) Wenn das Besondere am Cinema Jenin ist, dass es in der Westbank, außer in Ramallah und Nablus keine Kinos gibt, wer sollen die Kunden des Filmverleihs sein? Und was die Dienstleistungen angeht: Ägypten hat grade neue Studios bekommen, Beirut ebenso und von der Freihandelszone Dubai Media City aus wird die gesamte Region versorgt. Darüber hinaus startet die Euromed Audiovisual III Capacity-Building Support Unit ihre Arbeit noch dieses Jahr. Mit diesem von EuropeAid finanzierten 4,5 Mio. €-Projekt soll die Kinoindustrie der südlichen Mittelmeeranrainer entwickelt und gestärkt sowie der freie Handel mit audiovisuellen Produkten und Dienstleistungen zwischen der EU und den Staaten des Nahen Ostens und Nord Afrikas gefördert werden. (23) Es geht um die Sicherung von ökonomischen und politischen Einflusszonen auf höchster politischer Ebene.

Das Cinema Jenin wurde offiziell von Premierminister Salam Fayyad eröffnet, auf dem Filmprogramm stand Vetters Das Herz von Jenin. In Deutschland hilft es meist, wenn hohe Offizielle eine Schirmherrschaft übernehmen oder zum Pressetermin erscheinen. Dass Fayyad in Jenin beeindruckt ist zu bezweifeln. Keiner der beiden Parlamentssitze, (24) die seine Partei bei den Wahlen bekommen hat wurde in der Stadt geholt.
Zakaria Zbeidi, der ehemalige Führer der Al-Aqsa Brigaden, der noch als solcher im Film präsent war und heute nach einer Amnestie Sozialarbeit studiert, soll vielleicht der neue Manager des Kinos werden. „Sakaria ist mutig, mit ihm kann man die Hand nach Israel reichen" zitierte die Jüdische Allgemeine Vetter kurz vor Eröffnung des Kinos. (25) Die Branchen-Online-Zeitung kino-zeit.de unterstützt das Cinema Jenin und fragt in einem Bericht kurz nach der Eröffnung: „Cinema Jenin: gelingt die Vision eines ‚cinema for peace‘?" (26) Über Zbeidi, der auf einem der Podien während der Eröffnungsfeierlichkeiten saß, heisst es: „‘Mit seiner eindeutigen, unveränderlichen Ablehnung des Staates Israel und der Feststellung, dass sich für ihn ‘nichts geändert hat‘, die Besatzung in Palästina auch ohne israelische Soldaten spürbar sei und dass sich mit dem Cinema Jenin für ihn ‚die Möglichkeiten von Kultur, Kunst und Widerstand positiv vereinen‘, gab Zakaria Az-Zbaida den Ton vor - zur augenscheinlichen Überraschung der Cinema Jenin-Verantwortlichen, die sich wohl einen etwas versöhnlicheren Ton bei der Eröffnung ihres Kinos gewünscht hatten. [...] Die Europäer, speziell die Deutschen, redeten immer wieder vom Frieden, die Palästinenser eben ganz besonders von ihrer Freiheit." (27)

Noch läuft das Kino nicht, die Eröffnung fand direkt vorm Ramadan statt, einem spielfreien Monat. Auf der Website des Kinos ist bis heute nichts Arabisches zu finden, erst wenn man den Link zum Eröffnungsfestival entdeckt und auf der neuen Seite geduldig sucht, findet man klein und in der Ecke Araby, die Informationen auf der Seite sind spärlich. (28) Ein Programm für den Spielbetrieb, dessen Aufnahme man nun nach Ende des Ramadan vermuten würde, gibt es nicht.

Die Ideen des Cinema Jenin und die Realität vor Ort scheinen wie zwei Paralleluniversen. Das Wort Frieden wurde auch hier nicht definiert. Während es für die deutsche Seite offensichtlich versöhnlich aufgefasst wird, gehören auf palästinensischer Seite Begriffe wie Widerstand und Freiheit selbstverständlich in die Kategorie Frieden. Dass die Ideale der Einen für die Anderen keine gute Lösung sind wird aus dem folgenden zeit-online-Zitat klar:  „Auch in der Stadt gibt es die Sorge, dass das Kino zu progressiv geraten könnte - und auch die Annäherung mit den Israelis übertreibe. Selbst Vetters Herz von Jenin geht vielen zu weit: "Ich weiß nicht, warum wir den Israelis unsere Herzen und Lungen geben müssen, um ihnen zu beweisen, dass wir Frieden wollen", sagt ein Junge, der vom Stadtrand zur Eröffnungsfeier gekommen ist." (29) Den Zynismus des Exempels im Herz von Jenin hat der Junge messerscharf erkannt: Es war der Tod Ahmed Khatib's, der „israelisches" Leben ermöglicht hat.

Palästina neu zu erfinden - diesmal mit einem Kino - das Vorhandene zu verleugnen, um etwas zu bieten, was schon da ist, das kennen seine Bevölkerung und seine Flüchtlinge nur zu gut. Das haben der Kolonialismus und der Zionismus auch gemacht, zu Frieden hat das bekanntlich nicht geführt.

Auf Arabisch haben nur die Auslandssender BBC, DW-World und France 24 über das Cinema Jenin berichtet. In den arabischen arabisch-sprachigen Medien kam das Kino nicht vor, das kann politische Gründe haben oder einfach nur am Ramadan liegen.

Irit Neidhardt, mec film, Verleih- und Vertriebsfirma für Filme aus dem Nahen Osten. Sie arbeitet als Referentin/Autorin zum Themengebiet Kino und Nahost.

1  Vgl. Flounders, Sara: Human Rights Blind on One Eye - Stellungnahme zu Jenin. In: inamo 33 | Frühjahr 2003 und Reinhart, Tanya: Die verschwiegen Verbrechen von Jenin. In: Operation Dornenfeld, Bremen, 2002 Seiten 125-39.

2  Die Declaration of Principles for Interim Self-Government Arrangements (Oslo I) vom 13.9.1993 und das Israeli-Palestinian Interim Agreement on the West Bank and Gaza Strip (Oslo II) vom 28.9.1995  http://www.unhcr.org (ohne die ausführlichen Appendixe und Karten ), inklusive der Zusatzmaterialien sind sie in gut sortierten Bibliotheken erhältlich oder können bei der israelischen Botschaft zur Einsicht bestellt werden.

3  Vgl. Hass, Amira: The Palestinian Authority is imprisoning Gazans, in Haaretz vom 28.7.2010 http://www.haaretz.com/print-edition/opinion/the-palestinian-authority-i... und „Abbas verwandelt Palästina in einen Polizeistaat". In: Nachrichtenticker inamo, 25.8.2010 http://www.inamo.de/index.php/israel-palaestina.html

4 Sämtliche leichtbewaffnete Sicherheitsdienste rekrutieren sich nicht aus der Bevölkerung der West Bank und Gazas sondern aus palästinensischen Exilanten, die im Zuge der Osloer Verträge mit den Polizeiaufgaben betraut wurden. Vgl. Neidhardt, Irit (Hg.): Mit dem Konflikt leben!? Berichte und Analysen von Linken aus Israel und Palästina. Münster, 2002. Besonders die Einleitung, Seiten 9-13

5  Die offiziellen Wahlergebnisse der Parlamentswahlen vom 25.1.2006 http://www.elections.ps/template.aspx?id=291

6  Der Pfleger erzählt im Film, dass er dem Vater mitgeteilt habe, „dass sein Sohn eigentlich tot sei" (she ha-ben shelo be‘etzem met) und er angeregt habe, die Organe zu spenden. In der deutschen Übersetzung heißt es „dass sein Sohn tot sei" (15. Minute). Der Vater berichtet ebenfalls, dass die Ärzte sagten, die Überlebenschancen seien sehr gering. Er wusste, dass Ahmeds Herz noch schlug, angeschlossen an Maschinen (12. Minute).

7 Vgl. Bergmann, Anna: Der entseelte Patient. Die moderne Medizin und der Tod. Berlin, 2004. Besonders das Kapitel „Die Praxis der Transplantationsmedizin", Seiten 277-314.

8  Vgl. Kritische Aufklärung über Organtransplantation e.V., eine Initiative von Eltern, die ihre verunglückten Kinder zur Organspende freigegeben haben http://www.initiative-kao.de/index.htm. Zum Thema Organempfänger siehe die Literaturliste in demselben link.

9  Bundesministerium für Gesundheit: http://www.bmg.bund.de/cln_151/nn_1922630/SharedDocs/Standardartikel/DE/...

10  Vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung http://www.organspende-info.de/organspende/religionen/, vgl. auch Fischer, Nils: Die rechtliche Kontroverse über die Organtransplantation in Ägypten. In: inamo 57 | Frühling 2009. In allen religiösen Debatten um Organspende wird die Frage über zu Zulässigkeit von Spende und Empfang ausserhalb der eigenen Religion gestellt.

11  Vgl. Scott, Ori und Eyal Jacobson: Implementing Presumed Consent for Organ Donation in Israel: Public, Religious and Ethical Issues. In: The Israel Medical Association Journal, Vol 9, November 2007, Seiten 777-781

12  Vgl. Rother, Larry: The Organ Trade: A Global Black Market; Tracking the Sale of a Kidney On a Path of Poverty and Hope. In The New York Times, 23.4.2004 , Seite 8 und Lavee, Jacob: Organ Transplantation Using Organs Taken from Executed Prisoners in China - A Call for the Cessation of Israeli Participation in the Process. In: ha-Refua, Nummer 145, Oktober 2006, Seiten 749-752 (Hebräisch), englisches Abstrakt http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17111712

13 Vgl. Bergmann 2004 und Fischer 2009

14  Leon Geller, der israelische Koregisseur, der auch Initiator des Projektes war, wird in der Rezeption des Films kaum erwähnt, die Produktion ist, abgesehen von Geller, rein deutsch. Die Gesellschafter der Produktionsfirma EIKON sind die evangelischen Landeskirchen und Werke, EIKON produziert viel für das ZDF und manchmal die ARD und ist an dem privaten Satellitensender Bibel-TV beteiligt. Vgl. http://www.eikon-film.de.

15  Bei aller Problematik des Begriffs indigen in Bezug auf Palästina eignet er sich hier am besten, den multi-religiösen und multi-ethnischen Charakter der Bevölkerung Palästinas vor der Staatsgründung Israels 1948 zu beschreiben.

16 Vgl. Scott & Jacobson 2007

17  Vgl. Artikel von Hatem Kanaaneh in der kommenden inamo 64 | Winter 2010

18 Zur Gesundheitsversorgung der Beduinen in den nicht-anerkannten Dörfern siehe Physicians for Human Rights http://www.phr.org.il/default.asp?PageID=24&action=more

19  Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/RegionaleSchwerpun.... Der Begriff palästinensische Behörde wird vom Auswärtigen Amt genutzt aber nicht näher definiert.

20  Schmitz, Thorsten: Ende der Geisterstunde. In: sueddeutsche.de, 19.2.2009 http://www.sueddeutsche.de/politik/nahost-konflikt-ende-der-geisterstund...

21 Failgle, Philip: Die Hoffnung führt Regie. In: Zeit-online vom 6.8.2010 http://www.zeit.de/kultur/film/2010-08/dschenin-kino-eroeffnung?page=2

22 Schaap, Fritz: Ein Kino für den Frieden. In: Berliner Zeitung 2.12.2009 http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/1...

23 Vgl. http://ec.europa.eu/culture/news/news2535_en.htm

24 Gesamtsitzzahl des Parlaments: 132

25 Leinkauf, Maxi: Cinema Jenin. Film ab für den Frieden. In: Jüdische Allgemeine 08.07.2010 http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/8080

26  Spiegel, Michael: Cinema Jenin: gelingt die Vision eines cinema for peace?. In kino-zeit.de, 9.8.2010 http://www.kino-zeit.de/news/cinema-jenin-gelingt-die-vision-eines-cinem...

27  Ebd.

28 http://www.cjfest.ps; http://www.cinemajenin.org/

29 Vgl. Faigele 2010