LeiharbeiterInnenbelegschaft kieloben
Tarifdumping per Werkvertrag - Medienmacht macht´s vor
In der outgesourcten Weiterverarbeitung im Druckzentrum der ›Kieler Nachrichten‹ (KN) wurde der Belegschaft zum 1. Juli gekündigt – sie hatte es gewagt, sich einen Betriebsrat zu wählen. Der Fall macht exemplarisch deutlich, wie eng die Zergliederung in der Verlags- und Druckindustrie mit Tarifflucht und Tarifdumping verbunden ist. Immer öfter bedienen sich die Unternehmensführungen dabei auch eigens zu diesem Zweck ausgegründeter Leiharbeitsfirmen, auf die – jüngster Clou – über Werkverträge das unternehmerische Risiko und der Kostendruck nicht nur, aber vor allem im Umgang mit den Beschäftigten abgewälzt werden kann. Der folgende Bericht von Gaston Kirsche* und das anschließende Interview mit Marcus Peyn, dem neuen und gleich mitgekündigten Betriebsrat bei der Tabel-Gruppe, beleuchtet diese Praxis – und zeigt zugleich, wie sehr der aktuelle Vorstoß des DGB am Problem der Herstellung der Tarifeinheit vorbeigeht.
»Schluss
mit dem Prekariat!«, rief Markus Rohwer bei der Maidemo in Kiel von der Bühne:
»Wir fordern, dass die ›Kieler Nachrichten‹ uns Leiharbeiter zurück in ihre
Belegschaft einbinden!«. Seit März ist Rohwer frischgewählter Vorsitzender im
Fachbereich Druck und Medien des ver.di-Ortsvereins Kiel/Plön. Gemeinsam mit
vielen anderen ProduktionshelferInnen aus dem Druckzentrum der KN protestierte
er gegen Lohndumping und die Entlassung durch den Subunternehmer Tabel-Gruppe.
Vor zehn Jahren hatten die KN einen Teil ihrer Druckerei ausgelagert in das
eigens von einem leitenden Angestellten der KN dafür gegründete
Tochterunternehmen TB Verlagsdienstleistungen. Im Laufe der zehn Jahre gab es
diverse Umfirmierungen, aber erst Ende 2009 verkauften die KN laut ver.di ihre
letzten Anteile an dem Subunternehmen – als sich für die Wahl eines
Betriebsrates bereits ein Wahlvorstand konstituierte. Alle Arbeiten, die
anfallen, nachdem die Zeitungen aus der Druckmaschine kommen, werden seit der Auslagerung
untertariflich bezahlt: Bestückung mit Beilagen, Palettierung,
Versandvorbereitung, bis hin zur Übergabe an die Auslieferung. Der Tariflohn
der Druckindustrie sieht für diese Arbeiten 12,90 Euro vor. Bei der
Tabel-Gruppe liegt der Bruttostundenlohn bei 6,14 Euro. Das entspräche mageren
1062 Euro brutto bei einer Vollzeitstelle, die es bei Tabel aber nicht gibt. Im
Druckzentrum der KN stellt die Tabel-Gruppe mit 389 TeilzeitarbeitnehmerInnen
die Weiterverarbeitung zahlreicher Zeitungen sicher: Neben den Kieler
Nachrichten der Kieler Express, die Hamburger Morgenpost, der Blitz Mecklenburg
sowie zahlreiche Hamburger Wochenblätter. Ein lohnendes Geschäft für die
BesitzerInnen der Kieler Nachrichten – 37 Prozent der Anteile gehören dem
Madsack-Verlag aus Hannover, an dem wiederum die Medienholding der SPD, die
dd_vg, mit 20,4 Prozent beteiligt ist.
Die
Arbeitsbedingungen in der outgesourcten Weiterverarbeitung waren katastrophal:
Hocker, auf die sich die ArbeiterInnen bei Produktionsunterbrechungen aufgrund
von Stoppern und Pannen an den Bändern setzen konnten, waren entfernt worden.
Arbeitsschutzregelungen wurden unterlaufen. Auch die feste Pausenregelung wurde
abgeschafft und Pausen nur noch nach Produktionslage erlaubt. Es gab keine
Lohnfortzahlung bei Urlaub oder im Krankheitsfall mehr, auch der Nachtzuschlag,
der zu Zeiten der tariflichen Regelungen vor 2000 bei den KN 50 Prozent betrug,
wurde auf 25 Prozent gekürzt, viele ProduktionshelferInnen wurden auf
400-Euro-Basis beschäftigt. Feste Arbeitszeiten gab es nicht – bei
Schichtbeginn wurde angesagt, wie lange jeweils gearbeitet werden sollte. Das
ging bis hin zum Arbeitszwang: Der spätere Betriebsrat Kadim Akbag berichtete,
wie auf Anweisung von oben der Pförtner die Türen abgeschlossen hätte, als er
einmal nach zehn Stunden Arbeit nach Hause wollte. Er musste noch zwei Stunden
bleiben und arbeiten. Ein Betriebsratmitglied erklärte in dem Blog
»kielkontrovers«: »Bevor wir den Betriebsrat hatten, kam es häufiger vor, dass
die Leute Schichten von 16 oder 18 Stunden machen sollten und aber nach 10
Stunden nach Hause wollten. Da hat man diese Stundenzettel einfach weggenommen,
verschlossen, und so konnte keiner mehr seinen Zeitnachweis aufschreiben. Wenn
er nach Hause gegangen wäre, hätte er für Lau gearbeitet. Das kann sich keiner
bei uns leisten.«
Für diese
Bedingungen machten die ProduktionshelferInnen die Betriebsleitung der KN im
Druckzentrum verantwortlich, da bei dieser die letztendliche
Entscheidungsgewalt lag – nicht beim Tabel-Chef. Um der Willkür und den
schlechten Arbeitsbedingungen etwas entgegenzusetzen, wurde eine
Betriebsratswahl geplant, die schließlich auch gelang. Seit dem 4. Februar
haben die Beschäftigten der Tabel-Gruppe einen Betriebsrat, Marcus Peyn wurde
Vorsitzender. Er ist in der Partei »Die Linke« aktiv. Beraten wurden seine
Kollegen und er von der Bundestagsabgeordneten Cornelia Möhring, die vor ihrer
Wahl in den Bundestag Betriebsräte gecoacht hatte. In den Jahren davor gab es
bereits mehrere Versuche, einen Betriebsrat zu installieren. Diese Versuche
wurden jedoch durch gezielte Kündigungen und massiven Druck sofort verhindert.
Da diese Kündigungen jeweils erfolgten, nachdem man sich vertrauensvoll an den
zuständigen ver.di-Fachbereich gewendet hatte, sieht sich dessen damaliger
Vorstand, Richard Ernst, der bis heute Betriebsratsvorsitzender der KN ist, dem
schweren Vorwurf ausgesetzt, mit der Geschäftsführung der KN kooperiert und die
Aktiven gemeldet zu haben. Richard Ernst war bereits in den 70er Jahren im
Ortsvereinsvorstand der IG Druck und Papier, er war in vielen Tarifrunden
Mitglied der jeweiligen Tarifkommissionen.
Ein
Tabel-Leiharbeiter beschreibt in dem Blog »kielkontrovers« die Konsequenzen der
Versuche, einen Betriebsrat zu gründen: »›Du darfst es nicht weitererzählen ...
wir haben was im Gange und wollen jetzt einen Betriebsrat gründen. Mit ver.di
ist alles abgeklärt, wir sind da in der Rechtsberatung‹. 14 Tage war diese
Person noch da, dann war sie weg. Hatte zwei Diskussionen in der
Geschäftsleitung hinter sich und hat gesagt, es wird alles nichts. Auf einmal
war sie weg ... Dann gab es noch zwei Kollegen vorher, die haben es auch
versucht. Der eine hat dann auf einmal ›eine Zeitung geklaut‹, wurde fristlos
gekündigt. Der andere wurde ausgehungert [s. Interview, Anm. d. Red.], Kalte
Kündigung, bis er sagte, okay – ich klage jetzt nochmal, das hat er getan und
wurde mit einer miesen Abfindung abgespeist.«
Das
Misstrauen gegenüber dem alteingesessenen Funktionär Richard Ernst war unter
den Tabel-Beschäf-tigten aufgrund dieser Vorgeschichte so groß, dass der
langjährige Vorsitzende des Fachbereiches Druck und Medien im ver.di-Ortsverein
Kiel/Plön im März auf einer Gewerkschaftsversammlung überraschend abgewählt
wurde: 150 Beschäftigte der Tabel-Gruppe waren bei ver.di eingetreten und
hatten sich massiv an der Wahl beteiligt. Seitdem wird der Ortsverein Druck
nicht mehr von einem »Fürsten«, wie Richard Ernst anerkennend in der
Gewerkschaft genannt wurde, sondern von einem Leiharbeiter repräsentiert –
Markus Rohwer. Ob Richard Ernst tatsächlich die früheren Initiatoren für eine
Betriebsratsgründung bei der Tabel-Gruppe bei der Geschäftsführung der KN
gemeldet hat, wie einige der Beschäftigten vermuten, bleibt ein Geheimnis.
Fakt ist,
dass es erst Ende 2009 gelang, eine Betriebsratswahl so zu organisieren, dass
die AktivistInnen nicht bereits im Vorfeld der Wahl entlassen wurden und diese
damit hinfällig wurde. Als sich diese nicht mehr verhindern ließ, griff die
Arbeitgeberseite zu drastischeren Mitteln: Mit Aushang vom 19. Januar am
Schwarzen Brett wurde allen Mitarbeitern ihre betriebsbedingte Kündigung durch
die Geschäftsführung der Tabel-Gruppe zum 30. Juni angekündigt. Rüdiger Tabel,
der Geschäftsführer der Tabel-Gruppe, beteuerte laut Tageszeitung taz, die KN
hätten ihm, als die Wahl nicht mehr zu verhindern war, signalisiert, dass sein
Werkvertrag mit KN nicht verlängert werden würde. Der technische Leiter der KN,
Sven Fricke, habe ihm gegenüber erklärt, dass der neue Betriebsrat ein
»Wettbewerbsnachteil« sei. In offiziellen Erklärungen betonte die
Geschäftsführung der KN dagegen, durch eine Preiserhöhung sei der
Subunternehmer zu teuer geworden.
Mit den
Kündigungen versuchte die Tabel-Gruppe, die Betriebsratswahl doch noch zu
verhindern und ihre Beschäftigten einzuschüchtern. Auch den
Wahlvorstandsmitgliedern und den Kandidaten zur Betriebsratswahl wurde trotz
eindeutigen gesetzlichen Kündigungsschutzes gekündigt.
Als wenige
Tage nach der Kündigungsinfo der Norddeutsche Rundfunk über die
Massenentlassungen berichtete, hing bald ein weiterer Zettel am schwarzen
Brett: »Sehr geehrte Damen und Herren«, stand dort zu lesen, »heute möchte ich
Sie darauf aufmerksam machen, dass Interviews, egal, ob für Fernsehen oder
Radio, vorher ausdrücklich von der Geschäftsleitung genehmigt werden müssen.«
Unter dem Text hing in Kopie ein Auszug aus den Arbeitsverträgen, der
ausdrücklich darauf hinweist, dass ein Zuwiderhandeln gegen »die
Verschwiegenheitsverpflichtung« eine fristlose Kündigung und eine
Vertragsstrafe in Höhe von mindestens 250 Euro nach sich ziehen kann.
Gleichzeitig
focht die Geschäftsführung von Tabel die Betriebsratswahl an: Mehrere
Mitarbeiter »ausländischer Herkunft« hätten wegen mangelnder Sprachkenntnisse
das Wahlverfahren nicht verstanden. In der Befragung der Betroffenen stellte
sich heraus, dass das Wahlprozedere über Dolmetscher erklärt worden war, einer
der vermeintlich unwissenden Ausländer hatte Germanistik studiert, ein anderer
schon mehrmals in seiner Zeit als Werftarbeiter bei HDW an Betriebsratswahlen
teilgenommen. Die Anfechtung der Wahl scheiterte grandios.
Die
Geschäftsführung der KN hat die ausgelagerte Weiterverarbeitung aber zum 1.
Juli an andere Subunternehmer vergeben. Eine davon, TMI, ein vom
Springer-Verlag zwecks Outsourcing gegründetes Tochterunternehmen aus
Ahrensburg, verlangte in einer internen Stellenausschreibung bei der
Bundesagentur für Arbeit: »keine ehemaligen Tabel-Mitarbeiter buchen!«.
Outsourcing bedeutet nicht nur die Suche nach konformen, weniger erfahrenen
Belegschaften, sondern auch eine Ausweitung des Niedriglohnbereichs – und der
liegt in Schleswig-Holstein mit 21,6 Prozent noch über dem Bundesdurchschnitt
(20 Prozent).
»Immer
mehr Menschen im Land können von ihrem Lohn nicht leben«, kommentiert Cornelia
Möhring diese Entwicklung. Es gebe nicht wenige Betriebe, die echten
»Sozialmissbrauch« betrieben: Sie zahlen ihren Be-schäftigten niedrige Löhne
und verlassen sich darauf, dass aus Steuermitteln ergänzende Sozialleistungen
für das Existenzminimum fließen. In Schleswig-Holstein stieg allein von 2006
bis 2008 die Zahl der so genannten AufstockerInnen um 11181 auf 45419 – ein
Zuwachs von 32,7 Prozent.
Und die
von der Tabel-Gruppe Gekündigten? Bis auf vier Logistikspezialisten hatten
diese am 29. Juni ihren letzten Arbeitstag im Druckzentrum der KN. Ein Teil der
ehemaligen Belegschaft gab sich aber nicht gleich geschlagen und organisierte
Proteste gegen die KN, so eine Demo am 30. Juni mit 250 Leuten. Die hat Marcus
Peyn als großen Erfolg empfunden: »Es war ein weiterer Schritt, in der Öffentlichkeit
unseren Protest zu zeigen! Und wir waren verdammt laut. Schade war nur, dass so
wenige aus der Belegschaft sich beteiligt haben. Die Gründe dafür liegen teils
in der Angst und teils in der Hoffnung, dass sie in letzter Sekunde vielleicht
doch noch übernommen werden, wenn sie stillhalten.«
Aus der
Stammbelegschaft der KN gab es keine Teilnahme – es steht auch noch nicht fest,
wo und wer zukünftig dort seinen Job verlieren soll. Aber aus vielen linken
Vereinigungen, wie Avanti, Attac, Chefduzen, dem Kieler Krisentreffen, der
SDAJ, Parteien – Rot-Rot-Grün inklusive Jugendverbindungen – und Gewerkschaften
waren Leute da, um sich mit den Forderungen der – ehemaligen –
Tabel-Belegschaft zu solidarisieren. Weitere Aktionen gibt es und wird es
geben, erklärt Marcus Peyn Mitte Juli: »So sitzen jetzt schon jeden Freitag
eine Menge unserer Leute vor dem Tor des Druckzentrums und halten Wache. Ferner
wird es noch ein Aufarbeitungstreffen mit Holger Artus aus dem
ver.di-Landesfachbereich geben, um die Gewerkschaftsprobleme zu besprechen, die
wir erlebt haben, und um auch über weitere Aktionen zu beraten.«
* Gaston
Kirsche ist Mitglied der »gruppe bricolage«, die sich für eine kollektive
politische Organisierung einsetzt, freier Autor und lohnarbeitet als Verlagskaufmann.
erschienen im express, Zeitung
für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 7/10


