Umwege ins Paradies?
Fünf Thesen für eine Erneuerung der Arbeitszeit-Debatte
Die
ArbeiterInnenbewegung ist in der Krise. Die Gewerkschaften verlieren weiterhin
Mitglieder, ihre Durchsetzungsfähigkeit ist – wie auch die jüngsten
Tarifabschlüsse in der Metall- und Elektroindustrie sowie im Öffentlichen
Dienst zeigen – derzeit begrenzt. Ihre gesellschaftspolitische Rolle ist
mindestens seit dem Scheitern der Einflussnahme auf die rot-grüne
Bundesregierung zunehmend reduziert, ein »neuer Korporatismus«, wie er sich in
der aktuellen Tarifpolitik Ausdruck verschafft hat, verspricht nach unserer
Auffassung keineswegs eine nachhaltige Verbesserung der Position. Vor diesem
Hintergrund und angesichts der politisch-ökonomisch bedingten Prekarisierung
der Lebensverhältnisse ist der Zusammenhang zwischen der alltäglichen Arbeits-
und Lebenssituation der Beschäftigten und der gewerkschaftlichen Politik sehr
häufig nicht mehr gegeben. Wir plädieren deshalb dafür, nach Wegen zu suchen,
die die strategische Handlungsfähigkeit der gesellschaftspolitischen Debatte
wiederherstellen. Wir halten eine kritische Erneuerung der Forderung nach
umfassenden Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich, oder, um es von
vornherein in seiner vollen Dimension auszudrücken: der Forderung nach einer
Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit, für einen von mehreren möglichen
Ansätzen, die zu einer solchen Wiederherstellung beitragen können. Mit den
folgenden Thesen möchten wir zu einer Debatte über die Möglichkeiten einer
solchen kritischen Erneuerung beitragen.
1. Die Gewerkschaften haben bislang nur begrenzt Ansätze gefunden, der wachsenden sozialen Zerklüftung der Arbeitenden mit neuen Formen der kollektiven Organisierung effektiv zu begegnen. Dabei handelt es sich um ein dringliches Anliegen: Solche Formen zu entwerfen und in der alltäglichen Praxis der gewerkschaftlichen Arbeit lebbar zu machen, ist Voraussetzung dafür, dass die Gewerkschaften in den kommenden sozialen Konflikten eine Rolle spielen.
Dass die
ArbeiterInnenbewegung in der Krise ist, hat nicht allein hausgemachte Gründe,
sondern ist vorrangig ein strukturelles, politisch-ökonomisches Problem. Einige
Facetten davon sind nicht nur in der Fachlite-ratur beschrieben worden, sondern
auch in der öffentlichen Debatte in der Bundesrepublik mittlerweile durchaus
präsent. So wurde etwa die Prekarisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse
in den vergangenen Jahren angesichts der damit verbundenen enormen
Polarisierung der Einkommen und Lebenschancen der Lohnabhängigen allgemein
wahrnehmbar. Es ist ein Prozess, der durch die aktuelle Wirtschafts- und
Finanzkrise weiter beschleunigt und zugespitzt wird. Mittlerweile sind
diejenigen Beschäftigten, die zu den Kernbelegschaften gehören, auf dem besten
Wege, zu einer gesellschaftlichen Minderheit zu werden: Wenn man annimmt, dass
existenzsichernde Löhne, unbefristete Arbeitsverträge, geregelte und
selbstbestimmte Arbeitszeiten, gewerkschaftliche Organisierung und Vertretung,
soziale Rechte aus Tarifverträgen zu den Merkmalen gehören, die bestimmen, was
eine »Kernbelegschaft« ist, dann ist diese Gruppe seit den 1990er Jahren in
Deutschland stärker geschrumpft als in den meisten anderen OECD-Ländern. Zu
betonen ist, dass dies trotz der sozialen Polarisierung innerhalb der Gruppe
der Lohnabhängigen Folgen für alle Menschen hat, die von Löhnen und
Transferleistungen leben. Denn auch diejenigen, deren Einkommensniveau nach wie
vor das eigene Überleben und das Überleben ihrer Angehörigen sichert, leiden
oft zunehmend unter Belastung, Druck, Angst und den dadurch hervorgebrachten
Krankheiten. Bemerkenswert ist weiter, dass die Schübe der Prekarisierung heute
nicht mehr klar aus einer bestimmten ökonomischen Konjunktur abgeleitet werden
können. Diese Tendenz setzt sich seit 1990 offensichtlich relativ unabhängig
von Wachstums- und Rezessionsphasen durch. Auch in der Phase einer relativen
ökonomischen Stabilität – in den Jahren vor 2008, also vor dem Einsetzen der
Krise – kam es zu einer Entsicherung und Entgarantierung der Arbeits- und
Lebensverhältnisse, wie auch das Wachstum des Anteils der Erwerbstätigen ganz
überwiegend durch prekarisierte Arbeitsverhältnisse bewirkt wurde. Ökonomisches
Wachstum ist heute weder gleichbedeutend mit einer Reduzierung der
Erwerbslosigkeit noch mit einer Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse
der abhängig Beschäftigten. Die Tatsache, dass selbst eine Stabilisierung der
konjunkturellen Entwicklung keineswegs zu einer allgemeinen Verbesserung der
Arbeits- und Lebensverhältnisse führt, zeigt, dass Prekarisierung die Folge
einer Aufweichung und Zurückdrängung sozialer Rechte ist. Mit anderen Worten:
Es wurden politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen – von der
Einführung von Hartz IV bis zur Zementierung von 400-Euro-Arbeitsverhältnissen,
von der Ausdehnung der Leiharbeit bis zur Aufweichung des Kündigungsschutzes
durch befristete Arbeitsverhältnisse –, die die aktuelle Situation mit
hervorgebracht haben.
Was
Prekarisierung bedeutet, lässt sich auch in quantitativer Hinsicht grob
umreißen: So ist etwa die Erwerbsquote in der Bundesrepublik seit Beginn der
1990er Jahre auf über 70 Prozent gestiegen, der Anteil der gesicherten
Arbeitsverhältnisse jedoch zugleich stark zurückgegangen. Der
Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung geht
davon aus, dass der Anteil der in Vollzeit Beschäftigten seit 1991 in den neuen
Bundesländern von 90 auf unter 70 Prozent und insgesamt von über 80 auf etwa 65
Prozent gesunken ist. 2007 arbeiteten noch 90 Prozent der Männer, aber
lediglich rund 50 Prozent der Frauen in Vollzeit. Von diesen Beschäftigten
hatten jedoch lediglich rund 15 Prozent
befristete Arbeitsverhältnisse. Die LeiharbeiterInnen sind in dieser Statistik
nicht mitgerechnet, ihre Zahl stieg besonders in den 2000er Jahren massiv an.
Über zehn Prozent der Beschäftigten entpuppen sich in der Krise als
Reserve-Arbeitskräfte: LeiharbeiterInnen sind die größte und sichtbarste
Gruppe, aber auch (Schein-)Selbstständige, Werkvertragsnehmer, befristet
Beschäftigte, 400-Euro-Kräfte usw. gehören dazu. Dass der Anteil der Menschen,
deren Arbeit die soziale Existenz nicht mehr sichert, ebenfalls steigt, hat
damit zu tun. Statistisch lässt sich dies zum Beispiel daran erkennen, dass die
Zahl der arbeitenden Armen unter den rund acht Millionen Menschen, die
Leistungen auf Grundlage des SGB II beziehen, mittlerweile den Anteil der
Langzeiterwerbslosen deutlich übersteigt. Insgesamt geht der
Sachverständigenrat von einer Verdopplung der »atypischen Beschäftigung« seit
Beginn der 1990er Jahre aus: Die Rede ist von einem Anteil von aktuell über 35
Prozent. Damit verbunden ist eine Polarisierung der Einkommen, die in der
Bundesrepublik in der letzten Dekade stärker gewachsen ist als in allen anderen
OECD-Staaten.
Wenn wir
über die Frage nach der Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit sprechen,
dann muss dem vorausgeschickt werden, dass eine solche Umverteilung tagtäglich
bereits stattfindet. Denn selbstverständlich nimmt die Tatsache, dass in den
letzten etwa zehn Jahren ein Drittel der Stellen im Öffentlichen Dienst
verschwunden ist, im Alltag vieler Menschen breiten Raum ein, weil die
gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten, die von diesem Drittel verrichtet
wurden, jetzt auf andere Weise erbracht werden müssen: entweder privatisiert
und ökonomisiert (was oft mit einer Verschlechterung der Leistungen einhergeht)
oder als unbezahlte bzw. außerordentlich prekäre migrantische Arbeit in
privaten Haushalten. Schon an diesem Punkt hat die Frage nach der Umverteilung
der gesellschaftlichen Arbeit eine kaum zu unterschätzende Bedeutung. Denn es
geht darum, wie wir unseren Alltag organisieren. Es geht um Geschlechter-,
Familien- und Migrationsverhältnisse. Dies ist keine abstrakte Frage, sie hat
nicht nur mit den Gewerkschaften und schon gar nicht nur mit der Organisations-
und Tarifpolitik zu tun.
Dass es
zunehmend schwieriger wird, kollektive Gegenwehr im Betrieb zu organisieren,
hat insofern nicht nur betriebliche Ursachen. Denn die Prekarisierung der
gesellschaftlichen Arbeits- und Lebensverhältnisse als Ganzes führt unmittelbar
zu einer Prekarisierung der gewerkschaftlichen Organisationspolitik. Wir wissen
alle, dass die DGB-Gewerkschaften seit Anfang der 1990er Jahre fast die Hälfte
ihrer Mitglieder verloren haben. Die Tarifbindung in den nicht mehr ganz so
neuen Bundesländern ist mittlerweile auf deutlich unter 50 Prozent der
Erwerbstätigen gesunken. Aber es ist kein Zufall, dass die Verluste
unregelmäßig verteilt sind. Bestimmte Bereiche wie etwa das Bauhauptgewerbe
sind schon seit vielen Jahren unter Druck, in anderen Sektoren und
Beschäftigtengruppen bilden sich strategische Positionen, die zum Teil zu einer
lokalen Verhandlungsmacht geführt haben. Rezepte der Mitgliedergewinnung, die
diese Frage nur voluntaristisch angehen und die ausschließlich auf eine bessere
Ansprache der Kolleginnen und Kollegen setzen, gehen unseres Erachtens
notwendig ins Leere, wenn sie den hier nur kurz skizzierten
politisch-ökonomischen Kontext nicht berücksichtigen. Vor allem aber führt eine
Gewerkschaftsarbeit, die sich lediglich auf diejenigen bezieht, die noch in
›Normalarbeit‹ beschäftigt sind, langfristig zu einer Verwandlung der
Gewerkschaften in ein Netzwerk gesellschaftlicher Minderheiten.
2. Für viele Erwerbstätige wie für Erwerbslose ist die Krise lediglich die Fortsetzung einer nur allzu bekannten Entwicklung. Dass etwa durch Stellenstreichungen und einen verstärkten Zwang zur Produktivität kollektive Organisierung und Gegenwehr gestärkt werden, ist folglich auch kein Automatismus. Im Gegenteil trägt die Krise bislang offenbar auch dazu bei, einen Korporatismus ›von unten‹ zu befördern. Doch Alternativen zu diesem Korporatismus sind keine Frage nach mehr oder weniger guten Ideen. Sie müssen sich im Nadelöhr des betrieblichen und gesellschaftlichen Alltags bewähren, alltägliche Handlungsfähigkeit mit gesellschaftspolitischen Positionen verbinden. Ein Thesenpapier kann dazu nicht viel beitragen, gleichwohl existiert – nicht nur, aber auch innerhalb der Gewerkschaften – ein Konflikt um die strategischen Orientierungen in der Krise. Und die aktuelle Orientierung trägt unseres Erachtens zur Verschärfung der Krise der Gewerkschaften bei.
In der
aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise hat sich gezeigt, dass die
Gewerkschaften nicht deshalb keine alternative gesellschaftliche Konzeption
ausweisen können, weil es ihnen am abstrakten Vermögen, diese zu entwickeln,
oder an der allgemeinen politischen Einsicht in Handlungsalternativen fehlt.
Der wichtigste Grund ist vielmehr, dass die Krise in der Tat die Erosion der
historischen, relativ regulierten, männlich dominierten Normalarbeit nur
verschärft, nicht aber hervorgebracht hat. Die Verunsicherung bzw. ›Entgarantierung‹
des Arbeitslebens ist ein Prozess, der bereits über mehrere Jahrzehnte anhält.
Dieser Prozess hat viele verschiedene Facetten, er ist in gewissem Maße durch
spektakuläre politische Ereignisse (wie die Nie-derlage der IG Metall im
ostdeutschen Streik von 2003, die Hartz-Reformen usw.) hindurch kommuniziert
und definiert worden. Aber er setzt sich vor allem im Alltag fest. So ist etwa
der bereits erwähnte statistische Umstand, dass seit Mitte der 1990er Jahre
rund ein Drittel der Stellen im Öffentlichen Dienst bundesweit ge-strichen,
privatisiert oder verrentet worden ist, im Alltag nicht präsent, aber durch steigende Arbeitsbelastung,
stärkeren physischen und psychischen Druck sowie eine Erhöhung der Arbeitszeit
spürbar. Nur in Ausnahmefällen werden Beschäftigte unmittelbar und spürbar zu
Betroffenen der Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Situation in der
Bundesrepublik unterscheidet sich in dieser Hinsicht stark von der in Staaten
wie Griechenland, Irland oder Island, in denen es zu einem Zusammenbruch des
staatlichen und privaten Finanzsystems gekommen ist. Aber selbst in diesen
Staaten war die Wirkung der Krise nicht überall gleich spürbar, was ein
wesentliches Moment ihrer Kontrolle durch die jeweils Regierenden ist.
Insbesondere wurden Auswirkungen der Krise in der Produktion (sowohl privat
angeeigneter als auch öffentlicher Güter) grundsätzlich als abgeleitet
angesehen. Die Krise begann offensichtlich auf den Märkten, während sie in den
Betrieben als naturwüchsige Folge entweder der aus dem Zusammenbruch von Banken
und Immobilienwirtschaft notwendigen Haushaltskürzungen oder – ebenso
naturwüchsig – aus dem Zusammenbruch der Exportmärkte abgeleitet erscheint.
Schon das Auftreten der Krise in den Betrieben ist also eine Frage der
Kräfteverhältnisse: Selbstbewusst soziale Forderungen zu formulieren ist nur
möglich, wenn die Logik dieser Naturwüchsigkeit verlassen wird, wenn also
beispielsweise davon ausgegangen wird, dass soziale Ansprüche als solche keine
Funktion von Immobiliengeschäften und Exportmärkten sein sollten. Die Forderung
nach einer Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit kann nicht ohne eine
solche andere Logik auskommen.
Derartiges
Selbstbewusstsein zu entwickeln ist allerdings noch aus einem weiteren Grunde
derzeit nicht einfach. Die in These 1 konstatierte Tatsache, dass
Prekarisierung eine Frage politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher
Kräfteverhältnisse und somit relativ unabhängig von der aktuellen ökonomischen
Entwicklung ist, bedeutet auch, dass die Erfahrung existentieller ökonomischer
Unsicherheit nicht neu ist. Deshalb greift die aktuelle Wirtschaftskrise aus
Sicht vieler Beschäftigter nicht sehr grundsätzlich in den Alltag ein. Das
bedeutet weder, dass sich die Leute besonders wohlfühlen, noch dass es
keinerlei Kritik an den Verschlechterungen der letzten Jahre bzw. schon fast
Jahrzehnte gibt. Dennoch erscheinen beispielsweise im Öffentlichen Dienst der
Bundesrepublik weitere Kürzungen, die auf der Grundlage der durch die
Bankenzusammenbrüche produzierten Haushaltskrisen eingeleitet werden, lediglich
als »dasselbe nochmal«, als »eine weitere Runde« der Umstrukturierung und
Ökonomisierung. Die Krise ist kein Bruch, sondern lediglich eine Fortsetzung
dieser Entwicklung. Auch deshalb ist es keineswegs automatisch so, dass erneute
Zumutungen das Fass zum Überlaufen bringen und zu Widerständigkeit oder sogar
kollektiver Organisierung führen.
Aber das
in These 1 angesprochene Problem der Prekarisierung spielt auch noch in anderer
Hinsicht eine Rolle. Denn in Sektoren wie der exportorientierten Industrie, in
der die Krise unmittelbarer als Folge der Überproduktion und im Zusammenbruch
der Exportmärkte sichtbar wurde, wurde eine Regulierung vermittels der
Entlassung von LeiharbeiterInnen und der Kurzarbeit eingeleitet. Diese Art der
Regulierung hat sich die sozialen Unterschiede der Beschäftigten zunutze gemacht:
Während die Kurzarbeiter-Regelung den materiellen Einbruch für die
Noch-Beschäftigten ein wenig relativiert, bedeutet sie zugleich, dass die Kolleginnen
und Kollegen oft sehr lange Zeit nicht mehr im Betrieb sind und ihre
Kommunikation dadurch erschwert wird. Die Gewerkschaften, insbesondere die IG
Metall, haben sich nolens volens auf diese doppelte Art der Regulation
eingelassen. Dabei gilt auch für die Gewerkschaften, dass dieser Weg lediglich
»mehr von demselben« ist. Wir erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass es
nicht alleine der mangelnde organisationspolitische Reformwille war, der die
katastrophale Entwicklung der Mitgliederzahlen bewirkt hat, sondern dass gerade
die Mitarbeit an der Restrukturierung der Unternehmen, der Deindustrialisierung
der neuen Bundesländer, an den »Standortsicherungsvereinbarungen« und
»Bündnissen für Arbeit« in den späten 1990er Jahren sowie weitere Formen der
Sozialpartnerschaft die Rezepte waren, die in der jüngsten Vergangenheit zur
Passivität der betrieblichen Gewerkschaftsbasis beigetragen und den
Mitgliederschwund gefördert haben. Eine ›Absicherung‹ der Arbeitenden in der
Krise alleine durch eine Erneuerung der Kooperation mit Regierung und
Unternehmen zu betreiben, wird die in These 1 skizzierte Problemlage verschärfen:
Kurzfristig mögen die Abkommen zur Regulierung der Krise den Gewerkschaften
eine Existenzgarantie sichern, langfristig werden sie die soziale Basis der
Gewerkschaften weiter massiv schrumpfen lassen – und Bemühungen der
Organisationsreform durch »partizipative« Ansätze (»Organizing«-Projekte,
Kampagnen für »gute Arbeit«, für den Mindestlohn etc.) werden lediglich
Episoden bleiben.
3. In These 2 haben wir ausgeführt, dass Forderungen nach Reformen – auch nach radikalen Reformen – an sozialen Bedürfnissen anknüpfen, die die Verfasstheit der Arbeitsbeziehungen praktisch kritisieren. Die Kampagne für eine Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit, wie sie in den 1980er Jahren von Teilen der IG Druck und Papier und der IG Metall verstanden wurde, war ein Beispiel für einen solchen Versuch der Anknüpfung: Zumindest war der Druck zu spüren, mit der Arbeitszeitkampagne auch die gesellschaftliche Debatte um die häusliche Arbeitsteilung, über die Qualität der kulturellen Arbeit, des Konsums, der öffentlichen Güter usw. zu befördern. Allerdings hat sich dabei und danach auch gezeigt, dass insbesondere die ›neuen‹ sozialen Bedürfnisse keineswegs in eine eindeutig emanzipatorische Richtung weisen, sondern ambivalent sind und in ihrer Umsetzung immer umkämpft bleiben. Das gilt auch und vielleicht besonders für die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung. Sie ist kein Rezept und keine Formel für den Weg in eine emanzipierte Gesellschaft, sondern bleibt immer umkämpft.
Diese
Ambivalenz gilt auch für die in der ersten These angesprochene
»Prekarisierung«. Keineswegs waren es lediglich Angriffe der Unternehmer und
die veränderte Politik der Regierungen, die die Ausweitung der unsicheren,
entregelten und entgrenzten Arbeitsverhältnisse vorangebracht haben. Von vornherein
entsprach die Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses auch bestimmten
Bedürfnissen zumindest großer Teile der abhängig Beschäftigten. Die Hochzeiten
des Fordismus waren nicht das Paradies – vielmehr lebten wir auch schon in den
1960er und 1970er Jahren in einer Gesellschaft, in der Menschen durch
indus-trielle Arbeit gesundheitlich und psychisch verschlissen wurden, in der
eine rigide Teilung zwischen Arbeit und Freizeit vor allem die große Mehrheit
der Frauen in eine abhängige und unwürdige Position brachte. Und nicht zuletzt
ist die Verunsicherung der Arbeits- und Lebensverhältnisse für MigrantInnen,
Ungelernte und Frauen nichts Neues, sondern ein lange schon bekanntes und oft –
nicht zuletzt auch durch die sozialen Bewegungen der 1970er Jahre – angegriffenes
Phänomen. Die Kampagne für eine Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit in
den 1980er Jahren hatte auch den Sinn, diese Verhältnisse umfassend zu begreifen
und zu verändern. Allerdings wurde aus der Kampagne schnell der – nach dem
Vermittler Georg Leber benannte – »Leberkäse«: mehr Freizeit für die
Normalarbeiter bei gleichzeitiger Erosion des Normalarbeitsverhältnisses.
Dass
konkrete, systemimmanente Reformen immer mit konkreten Enttäuschungen verbunden
sind, ist nichts Neues: Selbstverständlich hatten die Unternehmer nur ein
Interesse an der »Humanisierung der Arbeit«, insofern diese Grundlage dafür
sein konnte, die Produktivität zu steigern. Umso wichtiger ist es allerdings,
sich klarzumachen, dass die Resultate von gesellschaftlichen Konflikten nicht
von vornherein feststehen. Das gilt auch für die historische Debatte um die
Umverteilung der Arbeit und sogar für die Debatte um die Flexibilisierung der
Arbeitszeit. So hatte etwa die Forderung nach Abschaffung der Stechuhr nicht
alleine die Dimension, dass Unternehmerverbände, Unternehmensberatungen, das
Management und der Staat die Arbeitenden auf der Grundlage sozialtechnischer
Erwägungen dazu verführen wollten, sich entgrenzt und (nach Ende der
Arbeitszeit) unentgeltlich zu verdingen. Er war auch eine Forderung nach mehr
Selbstbestimmung, mehr Flexibilität, einer Vereinfachung der Kinderbetreuung.
Ähnliches gilt für die Experimente, die im Rahmen der »Humanisierung der
Arbeit« gemacht wurden: Gruppenarbeit zum Beispiel griff die Forderung nach einem
Ende der sinnentleerten und gesundheitsschädlichen repetitiven Teilarbeit auf,
aus Sicht der Beschäftigten ein sehr wichtiges Anliegen, aus Sicht der
Unternehmer mit dem Ziel der Verdichtung der Arbeitszeit und der
›selbstständigen‹ Intensivierung der Arbeit. Dass neue Formen der Kooperation
keineswegs zu einer Emanzipation der Arbeitenden (geschweige denn der
unbezahlten Arbeit) geführt haben, ist kein Argument gegen solche Bedürfnisse
und Forderungen, sondern nur die Feststellung, dass die Zuspitzung des
Konfliktes immer nur für eine bestimmte, kurze Zeit gelingt.
Das gilt
gerade auch für die Forderung nach einer umfassenden Verkürzung der Arbeitszeit
und einer Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit. In dem Maße, in dem diese
Forderung im Rahmen eines Handels mit den Unternehmerverbänden umgesetzt wurde,
der voraussetzte, dass die Arbeitszeit einseitig flexibilisiert und die
Arbeitsverhältnisse für eine ganze Generation neu auf dem Arbeitsmarkt aktiver
Menschen in fast allen Dimensionen schlechter gestaltet wurden, denunzierte
sich die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung selbst: Viele Beschäftigte sahen,
dass sie einerseits »nur auf dem Papier« stand und andererseits durch die
Ausdehnung von Überstunden sowie die enorme dauernde Steigerung der Produktivität
konterkariert wurde. Die Erwerbslosigkeit sank nicht substantiell, obwohl die
Verkürzung der Arbeitszeit vielleicht die Arbeitsplätze einiger Facharbeiter
für eine gewisse Zeit gesichert haben mag. Die Teilung der Arbeit nach
Geschlecht und Herkunft hat sich sicherlich modifiziert, aber die
Prekarisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse hat, wie in These 1 bereits
ausgeführt, zu einer neuen enormen Polarisierung geführt.
Arbeitszeitverkürzungen
eröffneten eine Reihe von Reformen, die unter Rückgriff auf Ideen der sozialen
Bewegungen und emanzipatorischer Teile der Gewerkschaften umgesetzt und dabei
in eine erneuerte Regulierung der Arbeitsbeziehungen übersetzt wurden: Auch die
erwähnte Gruppenarbeit und die Flexibilisierung der Arbeitszeiten gehörten
dazu. Überall gilt: Ursprüngliche Ziele und Resultate stimmten dabei vielleicht
formal überein, grundlegend klafften sie himmelweit auseinander. Das bedeutet
aus unserer Sicht nicht, dass die Bedürfnisse, die sich unter anderem in der
Forderung nach der 35-Stunden-Woche und dem 7-Stunden-Tag bei vollem
Lohnausgleich artikuliert haben, falsch oder einfach nur illusionär waren,
sondern dass Reformen – auch radikale Reformen – von einem fortlaufenden
Konflikt um die Art ihrer Umsetzung begleitet sind – ein Konflikt, den alle,
die mit der 35-Stunden-Woche andere Ziele verbanden, im Laufe der 1990er Jahre
verloren haben, der aber damit wenigstens aus unserer Sicht keineswegs beendet
ist.
4. Die jüngsten Tarifrunden in der Metall- und Elektroindustrie sowie im Bereich Bund und Kommunen des Öffentlichen Dienstes waren ein Versuch, in der Krise im Konsens mit den staatlichen und privaten Unternehmern den Status quo der Noch-Beschäftigten und den gewerkschaftlichen Einfluss am grünen Tisch zu sichern. Auf eine Verbindung mit den Anliegen der Nicht-mehr-Beschäftigten und dem Kampf um den Erhalt, die Qualität und den Ausbau öffentlicher Güter wurde verzichtet. Eine Erneuerung der Debatte über eine Reduzierung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich ist nur dann erfolgversprechend, wenn sie zugleich eine Bezugnahme auf diese Anliegen und Kämpfe enthält.
Eine ganze
Reihe von AutorInnen unterschiedlicher politischer Provenienz konstatieren in
ihrer kritischen Bewertung der so genannten tarifpolitischen Neuorientierung
der IG Metall in der Metall- und Elektroindustrie, dass es sich um einen
»Krisenkorporatismus auf Spitzenebene« (Detje/König) handele. Meistens wird in
dieser Kritik, wenn es sich um gewerkschaftsnahe Veröffentlichungen handelt,
die Perspektive der Noch-Beschäftigten der betroffenen Exportindustrien nicht
verlassen: Diese, heißt es, sei trotz des Korporatismus »langfristig nicht
gesichert«, da es sich um eine Strukturkrise handele. Insofern völlig zurecht
wird eine Erneuerung der Debatte um Arbeitszeitverkürzung sowie eine
gesellschaftliche Diskussion über alternative Produktionslinien gefordert, wie
sie im Kontext der Kampagne für die 35-Stunden-Woche geführt wurden, die selbst
(wir erinnern uns) eine Reaktion auf die schweren konjunkturellen Verwerfungen
sowie die schnell steigende Massenerwerbslosigkeit zu Beginn der Kohl-Ära
waren. Doch obwohl eine Untersuchung des WSI betont, dass in 71 Prozent der
krisenbetroffenen Betriebe zunächst die prekär Beschäftigten »abgebaut« und
lediglich in einem Drittel der Betriebe auch die »Stammbelegschaften«
angegriffen wurden, während die Zahl der KurzarbeiterInnen auf über 700000
stieg, scheint die Asymmetrie dieser Entwicklung zu keinen unmittelbaren
Konsequenzen zu führen. Unsere Einschätzung ist dagegen, dass das
›korporatistisch‹ ausgehandelte Ergebnis – ein Metall-Tarifvertrag über 23 bzw.
26 Monate, dessen Ergebnis gegen Null geht und mit dem zugleich
Arbeitszeitverkürzung auf eine begrenzte Weise fortgesetzt wird (wir kommen
gleich darauf zurück) – letztlich nur als Schwächung der Verhandlungsmacht
aller Kolleginnen und Kollegen gesehen werden kann: Ob nun ›von oben‹ oder ›von
unten‹ motiviert, so bleibt doch zu konstatieren, dass auf einen Kampf um alle
Arbeitsplätze (einschließlich derjenigen der Randbelegschaften) in den meisten
Krisenbetrieben unter ausdrücklichem Hinweis auf die scheinbar
selbstverständliche Rolle der industriellen Reservearmee verzichtet wurde.
Das
Versprechen, die Arbeitsplätze (nicht: die Arbeitsbedingungen oder die Löhne)
der Noch-Beschäftigten in einer gemeinsamen Anstrengung von Regierung,
Unternehmen und Gewerkschaften zu erhalten, baut auf einer sehr fragwürdigen
Hoffnung: Nach mir die Sintflut! Das heißt: es rechnet mit dem Aufschwung, der
sich schon irgendwie wieder einstellen wird, und versucht, solange es geht, ein
möglichst großes Fragment der Kernbelegschaften zu erhalten. Wie es zum
Aufschwung kommen soll, bleibt dabei allerdings ebenso unklar wie die Frage
danach, warum die Nicht-mehr-Beschäftigten, die in der Folge – so die Annahme –
wieder in die Betriebe gespült werden, sich in den kommenden besseren Zeiten
eigentlich gewerkschaftlich organisieren sollten. Wenn wir davon ausgehen – und
damit wären wir nicht besonders originell, auch Leute wie der stellvertretende
Vorsitzende der IG Metall konstatieren dies ja –, dass das Mitgliederproblem
der Gewerkschaften im Wesentlichen ein Problem der Entfremdung der
Gewerkschaftspolitik vom Alltag der Gewerkschaftsbasis ist, dann reicht das St.
Florians-Prinzip nicht aus, sondern es geht erstens um die Frage, welche Güter
mit den reichhaltigen Steuermitteln, die derzeit in den Wirtschaftskreislauf
gepumpt werden, eigentlich produziert werden sollen (und auch: von wem, wie, wo
und nach welchen Maßgaben diesbezüglich Entscheidungen getroffen werden), und
zweitens geht es um eine »Politik der Entprekarisierung« (Dörre), in der auch
die berechtigten sozialen Ansprüche und Forderungen der
Nicht-mehr-Beschäftigten anerkannt und diese nicht nur auf das SGB II verwiesen
werden: Die Forderung nach einer gesellschaftlichen Umverteilung der Arbeit
muss als Teil dieses Konfliktes gesehen werden und sich mit der Forderung nach
einer Abschaffung der Sanktionen gegenüber Erwerbslosen und nach
existenzsichernden Einkommen für alle sowie dem freien Zugang zu öffentlichen
Dienstleistungen verbinden.
Damit ist
auch gesagt, dass eine Debatte um die gesellschaftliche Arbeit in ihrer ganzen
Breite, die Bedeutung der Arbeit in der Pflege und die bezahlte wie unbezahlte
Arbeit in privaten Haushalten sowie die Qualität öffentlicher Güter untrennbar
mit der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung verbunden ist.
Denn die
Katastrophe ist nicht der Zusammenbruch von Banken, sondern es ist die Erosion
der sozialen Kohärenz, die daraus folgt, dass eine immer größere Gruppe von
Menschen nicht mehr über ein existenzsicherndes Einkommen aus Lohnarbeit
verfügt, während gleichzeitig dramatische Verschlechterungen im Bereich der
Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens vorgenommen wurden:
Verschlechterungen in den Altenheimen, den Kindertagesstätten, den
Krankenhäusern, der Abfallentsorgung, des Nahverkehrs, der sozialen Arbeit, der
kulturellen Einrichtungen, der Bewirtschaftung öffentlicher Räume usw.
Was André
Gorz in »Wege ins Paradies« als den Traum und die Möglichkeit eines weitgehend
von der Entfremdung der Lohnarbeit befreiten Lebens bezeichnet hat, wird heute
vielfach zum Albtraum. Wer einmal in die Reservearmee gerutscht ist und
›arbeitsfrei‹ wird, wird immer stärker auf ein eng begrenztes Feld von
Arbeitsbeschaffung und äußerst reduziert nutzbaren öffentlichen Gütern
zurückgeworfen. Die ›Kinder der Reservearmee‹ werden zugleich mit
Armutssituationen und gesellschaftlichen Benachteiligungen konfrontiert, die in
ähnlicher Form schon vor Jahrzehnten berechtigte Empörung ausgelöst haben und
zu einem der wesentlichsten Motive für die Entstehung der ArbeiterInnenbewegung
gehörten. Diesen Entwicklungen ist nicht alleine mit einer Neuorientierung der
gewerkschaftlichen Tarifpolitik oder der gewerkschaftlichen Politik überhaupt
beizukommen. Allerdings ist eine gewerkschaftliche Politik unzureichend, die
sich – wie auch in der letzten Tarifrunde im Öffentlichen Dienst – darauf
reduziert, alleinig eine ›Nachfrageorientierung‹ zu fordern, und sich letztlich
– ganz im Gegensatz zu dieser Zielsetzung – auf einen Abschluss einlässt, der
nur dann nicht zu Reallohnverlusten führt, wenn es wider Erwarten zu einer
Stabilisierung der derzeitigen rekordniedrigen Inflationsrate kommt. Viele
GewerkschafterInnen haben bereits vor dem Abschluss für die über zwei Millionen
Beschäftigten in Bund und Kommunen auf die Wut unter den Beschäftigten über den
Aufgabenzuwachs durch ständigen Personalabbau im Öffentlichen Dienst
hingewiesen. Stress, steigende Arbeitsbelastung und sinkende Qualität sind die
Folge. Es geht also hier auch um die Frage, wie Leistungen für gesellschaftlich
notwendige Bedarfe wie Infrastruktur, Bildung, Gesundheit, soziale Sicherung
produziert werden. Die Perspektive eines Kampfes um Arbeitszeitverkürzung muss
von vornherein eine gesellschaftliche sein, in der die Frage nach der Qualität
und inhaltlichen Ausrichtung öffentlicher Güter eine wesentliche Rolle spielt.
Und dieser Kampf wird nicht zu gewinnen sein, wenn er einseitig auf den Konsens
mit den staatlichen Unternehmern setzt.
5. Arbeitszeitverkürzung ist kein Patentrezept, sondern eine Strategie, die in ganz verschiedener Art interpretiert werden kann: als zentralisierte, entdemokratisierte Politik am grünen Tisch oder als Teil einer Erneuerung der gewerkschaftlichen Alltagspolitik. Während es zwischen diesen beiden Optionen vielfältige Grauzonen geben mag, muss doch zugleich festgestellt werden: Es geht nicht beides zugleich! Der Rückblick auf die Kämpfe um eine gesellschaftliche Umverteilung der Arbeit ist ein Blick nach vorne: Arbeitszeitverkürzung ist keine Formel, sondern eines der wichtigsten Anliegen einer erneuerten, emanzipatorischen Gewerkschaftspolitik.
Tatsächlich
enthielten die beiden im Frühjahr abgeschlossenen Tarifverträge sehr wohl
Regelungen über die Reduzierung der Arbeitszeiten. In der Metall- und
Elektroindustrie sind diese Regelungen sogar der Kern der erreichten
Vereinbarung. Kurz zusammengefasst, handelt es sich um das Modell einer
Verbindung von Arbeitszeitverkürzung und staatlich subventionierter Kurzarbeit.
Während sich die Lohnpolitik beider beteiligten Gewerkschaften zwar
propagandistisch, aber im Resultat nicht substanziell unterschied, sind die Regelungen
über die Arbeitszeit im Metall-Tarifvertrag viel weitgehender als im Bereich
Bund und Kommunen des Öffentlichen Dienstes: Eine Verkürzung der
Wochenarbeitszeit für sechs Monate auf 28 sowie mit Zustimmung der IG Metall
auch auf 26 Wochenstunden ist möglich, wobei ein kleiner Teillohnausgleich insofern
vorgesehen ist, als bei 28 Wochenstunden 29,5 bezahlt werden. ver.di hat
dagegen nur eine sehr unsichere Absicherung einer Übernahme der Auszubildenden
nach dem Berufsbildungsgesetz »bei Bedarf für zwölf Monate« sowie eine ebenso
kleine Ausstiegsmöglichkeit für einen geringen Teil der Beschäftigten in
Altersteilzeit erreicht.
Hierbei
geht es wesentlich darum, eine weitere Erosion der Kernbelegschaften zu
verhindern. Diese Tendenz ist in der Geschichte der Arbeitszeitverkürzungen
nicht neu. Schon die Einführung des 8-Stunden-Tags und der 40-Stunden-Woche
folgte in den späten 1950er Jahren und im Laufe der 1960er Jahre dieser Logik.
Die IG Metall handelte sie in Spitzengesprächen aus, weitgehend ohne jegliche
Beteiligungsorientierung. So wurde die Verkürzung der Arbeitszeit ausgerechnet
in der Rezession von 1966/67 verschoben – einer der Kompromisse, mit denen sich
die Gewerkschaften eine Eintrittskarte für die »Konzertierte Aktion«
verschafften. Dort war die Zeitpolitik nichts weiter als ein Faustpfand der
›Verhandlungsführer‹ am grünen Tisch. Erst in den 1970er Jahren wurde die Frage
auf Druck der neuen Frauenbewegung und der neuen sozialen Bewegungen
repolitisiert.
Die
aufgehende Sonne mit der 35 war das Symbol dieser Repolitisierung, bei der es
in der Tat nicht mehr, wie noch 1956, nur um »Vati« ging, der »samstags mir
gehört«, sondern auch um eine Kritik an der Arbeitsteilung der Geschlechter, um
die Sehnsucht nach einer neuen, weniger entfremdeten Welt jenseits der
Lohnarbeit, um die Solidarität zwischen den in Lohnarbeit Beschäftigten und den
Erwerbslosen. Der wochenlange Metaller- und noch längere Druckerstreik des
Jahres 1984 markierte den Höhepunkt und zu-gleich den Abschluss dieser
Bewegung. Arbeitszeitverkürzungen funktionierten danach ganz weitgehend wieder
nach dem alten historischen Modus: als Notfalloperationen für die
Noch-Beschäftigten in Krisensituationen, wie etwa am Beispiel der
28-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich bei Volkswagen gesehen werden kann. Die
aktuelle Tarifpolitik stellt sich in diese Tradition. Wir wollen dagegen, dass
die Arbeitszeitpolitik sich in eine andere Tradition stellt.
Doch dies
wird unseres Erachtens nicht möglich sein ohne eine, wie die feministische
Soziologin Arlie Russell Hochschildt es nennt, Arbeitszeitbewegung. Zu dieser
Bewegung gehören auch Ansätze, die nach dem ganzen Leben als Zusammenhang
zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit fragen: Wie will ich leben? Wie will
ich mit meinen Kindern umgehen? Wann ist – ohne Stechuhr – dennoch eine Grenze
erreicht, nach der ich für die Erwerbsarbeit nicht mehr zur Verfügung stehe? Um
solche Fragen zu beantworten, ist es notwendig, vor Ort Bündnisse zwischen
Beschäftigten, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen auf gleicher Augenhöhe zu
entwickeln. Für eine Bewegung, die solche Fragen stellt, reicht ein Bündnis mit
schwächelnden sozialen und langsam erstarkenden stadtpolitischen Bewegungen
jedoch nicht aus: Es geht auch um eine andere gewerkschaftliche Alltagspolitik.
Die Aktionen, die einige IG Metaller vor einigen Jahren bei IBM gestartet
haben, um einer Entgrenzung der Arbeitszeit durch eine Selbstorganisierung der
Beschäftigten entgegen zu wirken, sind aus unserer Sicht eine von mehreren
Möglichkeiten, mit einer solchen Politik anzufangen. Projekte betrieblicher
Basisarbeit, wie sie nicht nur unter dem Stichwort »Organizing« bei ver.di
stattgefunden haben, bieten ebenfalls Ansätze, die Arbeitssituation vor Ort
umfassend zu thematisieren. Und schließlich sind auch bundesweite
Streikversammlungen wie beim Kita-Streik von 2009 sowie umfassende Fragebögen,
in denen die Beschäftigten nach ihren Wünschen für die laufende Tarifrunde
gefragt werden, richtige Ansätze. Diese Ansätze verkommen allerdings dann zu
einer reinen Sozialtechnik, wenn die Partizipation der Mitglieder und
Beschäftigten nur auf dem Papier steht und in der Frage der Ausformung der
Politik der Gewerkschaften gegenüber Regierung und Unternehmern letztendlich
wiederum nur die Gremien entscheiden, aus denen sich die Gewerkschaftsspitzen
zusammensetzen. Dies gilt im Übrigen auch unabhängig davon, wie diese Gremien
im Einzelnen politisch zusammengesetzt sind.
André Gorz
schrieb über »Wege ins Paradies«, über die große Utopie einer gleichen, freien
Gesellschaft, in der die notwendige gesellschaftliche Arbeit gerecht und
solidarisch verteilt wird. Damals war die Grundlage die Erfahrung der
Automatisierung, des Verschwindens der Fabrikarbeit und damit potentiell auch
der männlich dominierten Arbeiterklasse und ihrer gesamten historischen
Missionen und Absurditäten. Das Verschwinden in etwas Positives wenden, in eine
neue Vorstellung von der Arbeit, von sozialen Rechten, Existenznotwendigkeiten,
Geschlechterverhältnissen – das war keine schlechte Idee, aber leider haben wir
diesen Kampf verloren. Heute geht es um kleinere Fragen. So um die Frage, wie
Schritte gegangen werden, die uns alltäglich handlungsfähig machen, wie
Konflikte formuliert und artikuliert werden, die über die Ideologie, dass ›alle
in der Krise den Gürtel enger schnallen müssen‹, hinaus weisen. Vielleicht geht
es heute vor allem um die »Umwege«, die notwendig sind, um dieses Ziel nach
allen Erfahrungen mit den vergangenen Kämpfen um Arbeitszeitverkürzungen, mit
den Bedürfnissen vieler Menschen und vor allem jenseits der immer fester
werdenden Grenze von Noch- und Nicht-mehr-Beschäftigten realistisch erscheinen
zu lassen. Es gibt hier keine Rezepte, sondern nur Erfahrungen. Die historische
Qualität der ArbeiterInnenbewegung war und ist jedoch, dass sie in der Lage
war, sich neuen Erfahrungen immer wieder lernend zu öffnen. Auch in diesem
Sinne sind wir ja erst am Anfang: Arbeiten wir daran!
*
Sieglinde Frieß ist ver.di-Fachbereichsleiterin für den Bereich »Bund/Länder
und Gemeinden« in Hamburg.
Peter
Birke ist aktiv in der »Gruppe Blauer Montag«, arbeitet an der Universität
Hamburg und als freier Mitarbeiter der Rosa Luxemburg Stiftung.
Textbezüge:
Günter
Busch / Bernd Riexinger / Werner Sauerborn: »Krise in der Krise? Zum
Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst«, in: express, Nr. 3/2010
André
Gorz: »Wege ins Paradies. Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit«,
Berlin 1983
Arlie
Russell Hochschild: »Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause
nur Arbeit wartet«, Opladen 2002
Otto König
/ Richard Detje: »Beschäftigungssicherung durch Tarifvertrag. Der
Metallabschluss in der ›großen Krise‹ – strategische Fragen offen«, in:
Sozialismus, Nr. 3/2010


