Zurück ins Zentrum
Über die Grenzen neoliberaler Krisenpolitik und falsche Sündenböcke
Ende April
verständigte sich die griechische Regierung mit dem IWF und der EU-Kommission
auf ein 110 Mrd. Euro schweres Kreditpaket. Dadurch wurde die Refinanzierung
fälliger Schulden gesichert, die am Kapitalmarkt nur noch zu prohibitiven
Zinssätzen möglich gewesen wäre. Gleichzeitig verpflichtete sich die Regierung
in Athen zu einem drakonischen Sparprogramm, dessen Einhaltung von IWF und
EU-Kommission gemeinsam überwacht wird. Vorausgegangen waren wochenlange
Medien- und Börsenspekulationen über eskalierende Staatsverschuldung,
Zahlungsunfähigkeit und Staatsbankrott. Diese Spekulationen richteten sich
nicht nur gegen Griechenland, sondern auch gegen Portugal, Irland, Italien und
Spanien; in gehässiger Weise oft als »PIIGS« zusammengefasst. Folgerichtig
wurde das Kredit-Sparpaket für Griechenland lediglich als erstes in einer Reihe
angesehen, an deren Ende möglicherweise sogar der Austritt oder Ausschluss von
Ländern aus der Europäischen Währungsunion vermutet wurde.
Wie auch
immer sich die Fiskalkrisen in den genannten Ländern entwickeln mögen: Mit
Steuergeldern abgesicherte Kreditgarantien erwarten private Investoren in jedem
Fall. Zu Recht, wie die Schaffung des 750 Mrd. Euro-Rettungsfonds bei einem
EU-Gipfel Anfang Mai gezeigt hat. Auf diesen Fonds können künftig EU-Länder,
die in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind, kurzfristig zugreifen, müssen sich
im Gegenzug aber zur mittel- und langfristigen Sanierung ihrer Haushalte
verpflichten.
Zurück zum
neoliberalen Normalzustand? Das Muster »kurzfristige Kredithilfe gegen dauerhafte
Verpflichtung auf neoliberale Wirtschaftspolitik« hat seit Beginn der
internationalen Schuldenkrise in den frühen 1980er Jahren die ganze Welt
umgepflügt und gilt in Wirtschafts- und Regierungskreisen als alternativlos.
Der Flirt mit John Maynard Keynes, zu dem sich verunsicherte Finanzmagnaten und
Politiker während der Börsenstürze 2008/09 haben hinreißen lassen, ist wieder
vergessen. Dennoch ist die Welt nicht mehr so, wie sie sich von den 1980ern bis
zum Wall Street-Krach im September 2008 entwickelt hat: Zwar mag in den
Herrschaftszentren dieser Welt weiterhin neoliberal gedacht und gehandelt
werden, die neoliberale Akkumulationsmaschine lässt sich trotzdem nicht wieder
in Gang setzen. In der Vergangenheit wurden Finanzkrisen in der Peripherie in
den Zentren entweder gar nicht wahrgenommen oder führten in letzteren sogar zu
Kursfeuerwerken. Periphere Krisen waren ein Kernbestandteil neoliberaler
Akkumulation in den Zentren.
Jetzt ist
alles anders: Die Krise in Griechenland wurde als Menetekel einer zerfallenden
Währungsunion angesehen. Unmittelbar vor Einrichtung des EU-Rettungsfonds
brachen die Kurse an Börsen in Europa, Amerika und Asien ein und stiegen erst
wieder an, nachdem die EU Ausfallgarantien für die Euro-Länder gegeben und die
Zentralbanken in Frankfurt und Washington dem europäischen Finanzsystem eine
weitere Liquiditätsspritze verpasst haben. Die Geldmarkt-Intervention der
US-Zentralbank in Europa zeigt, dass die aktuelle Entwicklung in Griechenland
und Europa als Teil eines weltweiten Krisenprozesses wahrgenommen wird. Aus
gutem Grund: Die europäische Währungsunion wurde zu einer Zeit beschlossen, als
das neoliberale Projekt im Westen konsolidiert werden konnte und gleichzeitig
die Expansion des Kapitalismus in die ehemals staatssozialistischen Länder
Osteuropas und Asiens begann. Die Währungsunion bzw. der europäische
Integrationsprozess insgesamt, war Teil dieser Doppelbewegung aus
Konsolidierung und Expansion. Mit der gegenwärtigen Fiskalkrise in Griechenland
wird ein Akkumulationszyklus abgeschlossen, der 1992 mit den Währungskrisen in
Großbritannien und Schweden begonnen hatte und in der Zwischenzeit durch das
neoliberale Politikmodell vorangetrieben und abgesichert wurde. Eine
Fortsetzung der neoliberalen Politik wird diesen Akkumulationsprozess nicht
wieder in Gang setzen, sondern ökonomische Stagnationstendenzen festschreiben.
Zur
Erinnerung: Im Februar 1992 wurde der Maastricht-Vertrag zur europäischen
Währungsunion unterschrieben. Dieser enthielt neben dem Zeitplan zur Euro-Einführung
auch finanzpolitische Richtlinien für die Mitgliedsländer und eine
No-Bailout-Klausel. Letztere sollte verhindern, dass in Zahlungsschwierigkeiten
geratene Länder der Euro-Zone Liquiditätshilfen von anderen Ländern erhalten.
Mit dem jüngst eingerichteten EU-Rettungsfonds wurde diese Klausel schlicht
umgangen. Finanzpolitische Richtlinien, insbesondere die 1997 in den
Stabilitätspakt überführte Obergrenze von drei Prozent des BIP für öffentliche
Defizite, und die No-Bailout-Klausel sollten jedes einzelne Mitgliedsland der
Währungsunion auf eine Sparpolitik verpflichten, die im Endeffekt zu einer
Senkung der Staatsquote führen und dadurch die private Akkumulation anregen
sollte. Sinkende Staatsquoten wurden zwar nicht realisiert, die Akkumulation
ist aber trotzdem in Gang gekommen, auch wenn die Wachstumsraten der
Nachkriegsprosperität nicht wieder erreicht werden konnten.
Unmittelbar
dem Maastricht-Vertrag vorangegangen waren Krisen. Die Weltwirtschaft war 1991,
während der »heißen Phase« der Verhandlungen über die Währungsunion, in eine
Konjunkturkrise eingetreten, die allerdings schnell überwunden werden konnte.
Dafür erlebten Großbritannien und Schweden im September 1992, kurz nach
Unterzeichnung des Maastricht-Vertrags, Währungs- und Finanzkrisen, die in
beiden Ländern zu einem Anti-Euro-Konsens sowie – im Falle Großbritanniens –
zur Stabilisierung ihrer Stellung im »neoliberalen Weltsystem« bzw. – im Falle
Schwedens – zur Eingliederung in dieses System führten. Die
klassenübergreifende Ablehnung des Euro erlaubte es der City of London, ihre
Stellung als Außenposten des Dollar-Wall-Street-Regimes zu festigen. Dadurch
wurde, ähnlich wie in den USA, ein Finanzmarkt-ge-triebener Aufschwung möglich.
Die aktuelle Krise hat Großbritannien denn auch in die gleiche »Defizitklasse«
– über 12 Prozent in 2009 – katapultiert wie die USA – und Griechenland. Der
Unterschied: In den Heimstätten des Finanzmarktkapitalismus wird die
Defizitbekämpfung der eigenen Regierung überlassen, in Griechenland treten IWF
und EU-Kommission als oberste Sparkommissare auf.
In
Schweden führte die Währungs- und Finanzkrise zu einer Abkehr von jenem
»Nischenkeynesianismus«, mit dem sich das schwedische Sozialstaatsmodell, seit
den 1930er Jahren als ›Volksheim‹ bekannt, durch die von Reagan und Thatcher
dominierten 1980er gemogelt hatte. Zur Überwindung der Krise führte die
schwedische Regierung das Modell der großzügigen Sozialisierung privater
Verluste ein. Dieses Modell trug zur Transformation einer privaten Finanzkrise
in eine Fiskalkrise des Staates bei und schuf damit jenen Konsolidierungsdruck,
der notwendig ist, um den Rückbau von Sozialstaaten politisch durchzusetzen.
Kein Wunder, dass die Architekten der ›Bad Banks‹ auf dem Höhepunkt der
Finanzkrise 2008 das »Finanzkrisen-Modell Schweden« zum Vorbild nahmen.
Gleichwohl
können die gegenwärtigen Krisen von der Wall Street bis zum griechischen
Finanzministerium nicht als bloße Wiederholung der Konjunktur- und Finanzkrisen
zu Beginn der 1990er Jahre angesehen werden. Die Expansion nach Osteuropa und
China nahm damals erst ihren Anfang, ist aber mittlerweile an ihre Grenzen
gestoßen. Viele Länder Osteuropas haben sich bereits kurz nach Ausbruch der
Krise Kredit- bzw. Sparprogramme verpassen lassen und fallen somit auf
absehbare Zeit als Nachfragemotoren der Weltwirtschaft aus. China hat im
Verlauf der Krise zwar seine Binnennachfrage erheblich ausgedehnt und sich
dabei jüngst sogar ein Handelsbilanzdefizit eingehandelt. Die dabei angewandte
Methode der gleichzeitigen Förderung von Schulden und Spekulation entspricht
jedoch genau jenem Modell, das in den USA und Großbritannien nach einer Phase
der Euphorie zu Börsenkrach und Wirtschaftskrise geführt hat. Kurz: Die
Nachfragemotoren, von denen die Weltwirtschaft seit den frühen 1990er Jahren
angetrieben wurde, sind entweder bereits ausgefallen oder gerade dabei, heiß zu
laufen.
Das ist
auch der Grund, weshalb die wirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb der
Euro-Zone bzw. der EU insgesamt gerade jetzt zum Thema werden. Mit der Finanz-
und Produktivkraft der europäischen Zentren konnten die Peripherien im Süden
und Osten Europas zu keiner Zeit konkurrieren. Sollten sie auch gar nicht: Sie
waren gerade gut genug, Waren aus den Zentren abzunehmen und die dortigen
Arbeiterklassen durch die Drohung mit Produktionsverlagerung in die Peripherie
auf Trab zu halten. Das ist gelungen, und dabei sind in der Tat
Produktionskapazitäten in der Peripherie entstanden, deren Installation
zeitweilig einen Investitionsboom ausgelöst hat. Als dieser sich dem Ende
zuneigte, der Kapitalzustrom aus den Zentren aber anhielt, verlagerte sich die
Akkumulation in den europäischen Peripherien, insofern den amerikanischen und
britischen Zentren des Finanzkapitalismus vergleichbar, immer mehr in Richtung
Immobilienboom und schuldenfinanziertem Konsum. Die 2008 in den Zentren
ausgebrochene Krise hat die Kapitalflüsse in die Peripherien drastisch
reduziert. Ohne eine Ausweitung von kreditfinanzierten Staatsausgaben hätte der
wirtschaftliche Absturz dort ebenso wenig eingedämmt werden können wie in den
Zentren. Nur fällt es den Regierungen der Peripherie, schließlich werden auch
Staatspapiere international gehandelt, sehr viel schwerer, sich in Krisenzeiten
auf dem Kapitalmarkt mit Geld zu versorgen als den Machtzentren von Washington
bis Berlin.
Die
Staatspapiere der Zentren gelten als sichere Anlage, die der Peripherien stehen
unter permanentem Junkbond-Verdacht. Dieses Kalkül unterstellt allerdings, dass
Zentren und Peripherien getrennte Welten darstellen: Erstere bewohnt von ebenso
fleißigen wie sparsamen Bevölkerungen – Klassen kennt die Investorenklasse
bekanntlich nicht – und regiert von verantwortungsbewussten Regierungen,
während letztere die Heimat von Faulenzern und korrupten Bürokraten sind.
Darüber kann man denken, wie man will. Tatsache ist, dass Zentren und
Peripherien sich als Bestandteile eines kapitalistischen Weltmarktes entwickelt
haben. Erstere mögen letztere politisch beherrschen, oder zumindest dominieren,
und wirtschaftlich ausbeuten. Wenn sich in letzteren aber keine neuen Märkte
mehr erschließen lassen, wird es auch für die Zentren eng. Waren finden keinen
Absatz und Kapital keine rentablen Anlagemöglichkeiten. Die Krise kehrt von der
Peripherie in die Zentren zurück, von denen sie mit Immobilienkrise und
Börsenkrach 2008 ausgegangen war. Die politischen Konflikte um die Durchsetzung
der Griechenland vorgeschriebenen Sparpolitik werden sich dann in Washington,
London, Paris und Berlin wiederholen.
Gewerkschaftsaktivisten
in den Zentren haben allen Grund, sich schon jetzt mit ihren Kollegen in
Griechenland zu verständigen. Auf sich allein gestellt, wird die griechische
Arbeiterbewegung nicht viel gegen die Triade aus IWF, EU-Kommission und eigener
Regierung ausrichten können, egal wie klug und mutig sie auch vorgehen mag. Als
Ausgangspunkt einer europäischen Bewegung stehen die Chancen für die Arbeiterklassen
in den Peripherien und den Zentren wenigstens etwas besser.
* Ingo
Schmidt lebt in Vancouver und leitet das Labour Studies Program der Athabasca
University.


