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Der Europäische Auswärtige Dienst:
Imperiale Machtpolitik aus einem Guss
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Mit dem Vertrag von
Lissabon sollte Europa ein Gesicht in der Welt erhalten und unter einer Telefonnummer
erreichbar sein. Mit der Benennung von Hermann van Rompuy zum EU-Ratspräsidenten
und der Britin Catherine Ashton zum Hohen Vertreter für die Außen- und
Sicherheitspolitik, werden beide künftig auf internationalen Gipfeltreffen zusammen
mit dem Kommissionspräsidenten auftreten.
Ziel der neuen Posten
ist es, in Zeiten zunehmender machtpolitischer Auseinandersetzungen, die
"Schlagkraft" der Europäischen Union über die Bündelung von
Kompetenzen deutlich zu erhöhen. Gerade die Eifersüchteleien zwischen der
Kommission, bei der große Teile der "zivilen" Außenpolitik angesiedelt
waren, und dem Rat, der für zivile und militärische Einsätze zuständig war,
hatten eine "Machtpolitik aus einem Guss" erheblich beeinträchtigt.
Dies wird sich nun mit dem neuen Posten des Hohen Vertreters für die Außen- und
Sicherheitspolitik ändern, mit dem diese hinderliche Trennung aufgelöst wird.
So heißt es in einem parlamentarischen Gutachten vom 3. November 2009: "Damit
wird er [der Hohe Vertreter] einerseits für die Festlegung und Durchführung der
Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) einschließlich der Gemeinsamen
Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) zuständig sein, andererseits soll
er innerhalb der Kommission mit deren Zuständigkeiten im Bereich der
Außenbeziehungen und mit der Koordinierung der übrigen Aspekte des auswärtigen
Handelns der EU betraut sein."
Allerdings sind Rompuy
und Ashton wenig profiliert, sie sind Pappkameraden, hinter denen die
EU-Bürokratie und die großen EU-Mitgliedstaaten, Deutschland, Großbritannien
und Frankreich stehen. Sie werden künftig das Sagen haben und die Apparate
unter sich aufteilen. Denn es ist jenseits der politischen Ebene, wo derzeit mit
der Umsetzung des Vertrags von Lissabon Nägel mit Köpfen gemacht werden. Vor
allem die Einrichtung des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) wird die
europäische Außen- und Sicherheitspolitik völlig neu aufstellen. Er soll
künftig nahezu sämtliche zivilen und militärischen Machtkapazitäten der EU in
sich vereinigen und so als Verstärkung nationalstaatlicher Interessenvertretung
fungieren. Dieser Dienst ist eine der Moorleichen des Vertrags von Lissabon,
die jetzt auftauchen, nachdem sie, solange das Ratifizierungsverfahren noch
nicht abgeschlossen war, jahrelang friedlich im EU-Sumpf schlummerten.
Nach Lissabon
Am 1. Dezember 2009
ist der Vertrag von Lissabon in Kraft getreten. In den Schubladen von Rat und
Kommission lagern die Umsetzungsprojekte. Es ist kein Zufall, dass dem EAD
oberste Priorität zukommt. Der Rat hatte
auf seiner Tagung vom 17. November 2009 die Erklärung mit dem Titel "Zehn
Jahre ESVP – Herausforderungen und Chancen" verabschiedet, um zu feiern,
dass „der Europäische Rat auf dem Kölner Gipfel vom Juni 1999 den historischen
Beschluss gefasst“ hat unter Verweis auf die Balkankriege, „die Europäische
Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) als Komponente der Gemeinsamen
Außen- und Sicherheitspolitik in die Wege zu leiten“. Seitdem, so verkündete
man stolz, habe man nicht nur „über 22 ESVP-Missionen und -Operationen in drei
Kontinenten eingeleitet, die das gesamte Spektrum der Aufgaben der
Konfliktverhütung, der Krisenbewältigung und der Friedenskonsolidierung nach
Konflikten abdecken, sondern auch unsere Arbeitsstrukturen reformiert, unsere
Planungskapazität ausgearbeitet und weiterentwickelt, unsere
Krisenbewältigungs- und Krisenreaktionsfähigkeit verbessert und unsere
Zusammenarbeit mit wichtigen Partnern und beitragenden Drittstaaten
intensiviert.“
Ohne Umschweife wird
dem Publikum in der Erklärung bedeutet, warum der Vertrag von Lissabon derart
wichtig für die Militarisierung der EU ist: „Mit dem Inkrafttreten des Vertrags
von Lissabon wird durch eine weitere Verstärkung des gemeinsamen institutionellen
Rahmens ein neues Kapitel in der Geschichte der gemeinsamen Außen-,
Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU aufgeschlagen.“ Die Herzstücke
dieser Militarisierung sind der Hohe Vertreter und der ihm unterstelle EAD:
„Das neue Amt des Hohen Vertreters der Union für Außen- und Sicherheitspolitik,
der durch den Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) unterstützt wird, wird die
Effektivität, auch im ESVP-Bereich, erheblich verbessern.“ Und dies soll erst
der Anfang sein: „Wir werden nunmehr darauf hinarbeiten, der ersten Inhaberin
dieses Amtes eine starke, effiziente und sichtbare Rolle zu sichern. Wir werden
entsprechend den Erfordernissen konkrete Schritte ergreifen, um alle
Bestimmungen und Artikel des Vertrags von Lissabon, die für die GSVP von
Bedeutung sind, umzusetzen“, heißt es in dem EU-Dokument.
Sicherheitspolitik soll dabei im Zentrum europäischer
Außenpolitik stehen, nicht nur konzeptionell, sondern auch institutionell, und
zwar über einen neuen Grad der Verzahnung auch mit dem EAD: „Bei der Errichtung
des EAD werden wir auch darauf achten, die Wirksamkeit unserer
Arbeitsstrukturen zur Planung und Durchführung unserer Krisenbewältigungsmissionen
und -operationen zu verbessern. Der EAD wird unter der Leitung der Hohen
Vertreterin der Union für Außen- und Sicherheitspolitik auch für engere
Verbindungen zu anderen Instrumenten und Maßnahmen der Europäischen Union
sorgen.“
Ein Dienst
ganz eigener Art
Bereits während der Vorläufer des Vertrags von
Lissabon, der EU-Verfassungsvertrag, konzipiert wurde, war die Erstellung des
EAD die zentrale Idee für den Umbau der EU-Außen- und Sicherheitspolitik. Als
Ideengeber reklamiert das Auswärtige Amt dabei sich selbst. Noch unter
Außenminister Fischer machten sich die Deutschen im Konventsprozess für den EAD
stark. Ursprünglich sollte er einem starken EU-Außenminister untergeordnet
werden, der noch weiter reichendere Vollmachten als der jetzige „Hohe
Vertreter“ gehabt hätte. Von vornherein war allerdings die Schaffung einer
starken zentralistischen Bürokratie vorgesehen, die als Verstärker
nationalstaatlicher Interessen der großen Mitgliedstaaten und damit auch
Deutschlands dienen sollte.
Formal ist in Art. 27, Abs. 3 des Vertrags von
Lissabon festgehalten: „Bei der Erfüllung seines Auftrags stützt sich der Hohe
Vertreter auf einen Europäischen Auswärtigen Dienst.“ Ferner wurde im Vertrag
festgelegt, dass der EAD „mit den diplomatischen Diensten der Mitgliedstaaten“
zusammenarbeitet und „Beamte aus den einschlägigen Abteilungen des Rates und
der Kommission sowie abgeordnetes Personal der nationalen diplomatischen
Dienste“ umfasst. Bezüglich des weiteren Fahrplans wurde festgeschrieben: „die
Organisation und die Arbeitsweise des Europäischen Auswärtigen Dienstes werden
durch einen Beschluss des Rates festgelegt.“ Eben dieser Beschluss soll noch im
Dezember 2009 vorformuliert werden und im April 2010 letztendlich gefasst
werden. Die nationalstaatlichen Parlamente wie auch das Europäische Parlament
haben bei dieser gravierenden Entscheidung nichts zu bestellen, denn bereits im
Vertrag von Lissabon wurde festgelegt: „Der Rat beschließt auf Vorschlag des
Hohen Vertreters nach Anhörung des Europäischen Parlaments und nach Zustimmung
der Kommission.“
Wenn jetzt beispielsweise der EU-Außenpolitiker Elmar
Brok, der bei der Erarbeitung des Vertrags von Lissabon mitgewirkt hat, fordert,
das Europäische Parlament solle bei der Konzipierung des EAD mitentscheiden,
scheint es, als könne er sich nicht mehr an das erinnern, was er damals mit
abgenickt hat. Die Parlamente bleiben außen vor. Anhörung ja, aber
Mitentscheidung nein. Geradezu klandestin hatte im Sommer 2009 noch vor dem 2.
irischen Referendum die Schwedische Ratspräsidentschaft die Vorschläge der
großen Drei aufnehmend einen Text zum Aufbau des EAD erarbeitet. Dieser wurde
denn auch unmittelbar nachdem Irland grünes Licht gegeben hatte weiter intern
bearbeitet und vom EU-Rat schon Ende Oktober abgesegnet.
Alle wesentlichen Grundzüge stehen dabei bereits
fest: Es wird ein Dienst „sui Generis“ eingerichtet, d.h. er wird weder dem Rat
noch der Kommission untergeordnet werden. Das macht ihn noch
unkontrollierbarer. Er wird damit quasi eine eigene Verwaltungsabteilung, wie
eine EU-Agentur. Nur dass es jetzt dabei um die größte Agentur geht, die die EU
je hatte. Die Planungen für den Stellenbedarf schwanken zwischen 5.000 und über
7.500 Beamten. Das entspricht dem diplomatischen Dienst eines großen Mitgliedstaates.
Weshalb der Dienst nicht der Kommission untergeordnet werden soll, verdeutlicht
das bereits zitierte parlamentarische Gutachten: "Im Fall der Verankerung
des EAD bei der Kommission stünde der EAD unter der Kontrolle des EP, weshalb
das EP eine Eingliederung des EAD in die Kommission fordert. Damit würde es
auch größere Mitspracherechte bei der Außenpolitik der EU erhalten." Da
demokratische Mitspracherechte und Gewaltenteilung aus Sicht der Herrschenden
aus der Frage von Krieg und Frieden möglichst völlig herausgehalten werden
sollen, bot sich die jetzige Lösung als eigenständige Agentur förmlich an.
Das zweite Merkmal, auf das sich die Mitgliedsstaaten
bereits geeinigt haben, ist der politisch-militärische Charakter des EAD. Das
bedeutet, dass auch die militärischen Strukturen der EU Teil des EAD werden
sollen (s.u.). Das wäre in etwa so, als würde man in Deutschland Außen- und
Verteidigungsministerium integrieren. Dazu kämen dann noch die wesentlichen
Abteilungen des Entwicklungsministeriums. Die dritte entscheidende Festlegung
ist, dass Großbritannien und Frankreich sich das Recht gesichert haben, auch
Angestellte aus der Privatwirtschaft in die Dienste „hineinzudrücken“. Dafür
wird Deutschland offenbar eine wesentliche Rolle bei der Kontrolle der Finanzen
spielen. Generell gilt, dass etwa 20% der Angestellten des EAD aus Deutschland
kommen sollen. Mit 150plusX stellt man auch ein Fünftel und mehr des höheren
Dienstes. Zum EAD werden auch die 130 Auslandsvertretungen der EU gehören, die,
wenn es nach dem Willen des großen Drei geht, dann auch Sicherheitsattachées
sowie bei Bedarf Terror- und Migrationsabwehrabteilungen bekommen sollen. Eine
horizontale Gewaltenteilung wird wie im Amt des Hohen Vertreters selbst
aufgehoben, eine zentrale Errungenschaft des bürgerlichen Staates damit mit
einem Federstrich zunichte gemacht. Auf EU-Ebene geht es um eine offene
knallharte Verschränkung der Apparate, auf eine auch nur scheinbare Trennung
der Gewalten wird verzichtet. Es geht um Gewaltverschmelzung zugunsten der
internationalen Durchsetzung von Kapitalinteressen der drei großen
EU-Mitgliedstaaten.
Selbstverständlich
werden und sollen auch die mittleren und kleinen Mitgliedsstaaten profitieren.
Aber die werden sich konzeptionell und personell nur unzureichend im EAD wieder
finden. Dazu kommt die Gefahr, dass für kleinere Mitgliedstaaten eine
eigenständige Außenpolitik mit einem schwergewichtigen EAD immer schwieriger
werden wird. Die andere Außenpolitik des kommunistischen Präsidenten der
Republik Zyperns, Dimitris Christofias, z.B. gegenüber Lateinamerika dürfte
dann auf noch mehr Widerstände stoßen. Die Konzeption des EAD bedeutet insofern
einen Souveränitätsgewinn für Deutschland, Frankreich und Großbritannien,
verbunden mit der Gefahr eines massiven Souveränitätsverlusts für die anderen
und insbesondere die kleinen EU-Mitgliedsstaaten.
Der politisch-militärische
Dienst
Aus dem Rat wird berichtet, allein Frankreich habe
sich einer Einbeziehung der militärischen Strukturen in den EAD widersetzt. Wer
dabei allerdings eine gallische Heldentat in der Tradition der revolution française
vermutet, dürfte sich irren. Vieles spricht dafür, dass es der konservativen
Regierung Frankreichs, die sich ungefähr genauso sehr dem gaullistischen Erbe
verpflichtet fühlt wie die deutsche Sozialdemokratie dem von Karl Marx, allein
darum ging, dass der EAD aus besagten Gründen nicht unter die Kontrolle der
EU-Kommission gerät.
Alle operativen militärischen und zivil-militärischen
Strukturen sollen Teil des EAD und so dem Hohen Vertreter unterstellt werden. So
wird der zuvor beim Rat ansässige EU-Militärstab ebenso in den EAD integriert,
wie das Situation Centre (SitCen), die Nachrichtensammelstelle der EU. Vor
allem aber sollen die gleichsam bisher im Rat angesiedelten Generaldirektionen
E-VIII, zuständig für die
militärisch-strategische Einsatzplanung und Abteilung E-IX (zivile
Einsatzplanung) im EAD aufgehen. Gleichzeitig beabsichtigt man DG-VII und IX im
neuen "Crisis Management Planning
Directorate" (CMPD) zu
vereinigen. Zivile und militärische Aspekte der EU-Politik werden so
institutionell verzahnt und verwischen damit bis zur Unkenntlichkeit -
wie gesagt, es geht um imperiale Machtpolitik aus einem Guss.
Dabei ist nicht
nur bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit dies geschieht, sondern
auch, wie sehr diese Konstruktion künftig eine Vorbildwirkung für Strukturen in
den EU-Mitgliedstaaten habe könnte. Der Traum der FDP, das
Entwicklungshilfeministerium abzuschaffen, droht in der EU schon aufzugehen.
„Vernetzte Sicherheit“ schaffen, das ist die Parole der Stunde, die in Europa
bereits ihren „Dienst“ gefunden hat. Während man in Deutschland noch auf die
Zusammenstellung von Ministeriumsrunden in punkto Afghanistan angewiesen zu
sein scheint, ist man in Brüssel bereits einen Schritt voraus. Der EAD ist als
politisch-militärischer Dienst auch deshalb so gefährlich, weil er auf
diplomatischer Ebene die Blaupause für eine permanente Vorbereitung von
Besatzungsregimen sein wird. Zumindest vereinigt er alles in sich, was hierfür
für erforderlich gehalten wird – vom Kolonialkrieger bis zum
"zivilen" Kolonialverwalter (siehe Kasten).
Tausche Deutsch
gegen Hegemonie!
Was die Sprachenfrage des EAD angeht, sprechen böse
Zungen in Brüssel bereits davon, das Deutsche als Sprache im EAD werde auf dem
Silbertablett des deutschen Imperialismus geopfert. Als Dienstsprachen sind
bisher, wie im Sicherheitspolitischen und Politischen Komitee, dem PSK,
lediglich Französisch und Englisch vorgesehen. Während die Deutsche
Bundesregierung den Bundestag beispielsweise animiert, alle Dokumente, die von
der EU-Kommission lediglich auf Englisch nach Berlin versandt werden,
zurückzuweisen, macht sie bei der Konzipierung des EAD in Brüssel keinerlei
Anstalten, um Deutsch als dritte Arbeitssprache, wie in anderen EU-Gremien
durchzusetzen. Zu gewichtig scheinen die Zugeständnisse, die Deutschland in
punkto politischer Einfluss auf den EAD gemacht wurden, als dass man sich in
der Sprachenfrage mit Briten und
Franzosen anlegen müsste. Wie das Nachrichtenportal German-Foreign-Policy Mitte
November berichtete, habe der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer,
gesagt, es sei keineswegs erforderlich, dass Deutschland den Ratspräsidenten
oder den Hohen Vertreter stelle – soviel zu den Eingangs erwähnten
Pappkameraden. Dort wo die Musik spielt, nämlich auf der unmittelbar darunter
liegenden Funktionärsebene, lege man jedoch "großen Wert darauf,
entsprechend beteiligt zu sein."
Fazit: Der
weltweite deutsche Einsatz für Kapitalinteressen spricht englisch und französisch.
Die deutsche Sprache, auf der man sonst immer so besteht, wenn es um die Frage
der EU-Arbeitssprachen geht, gibt man dabei im Rahmen eines – neudeutsch -
Packagedeals weg wie einen alten Hund. Wer hätte dies bei einer
konservativ-liberalen Regierung für möglich gehalten?
Die
Rechnung bitte!
Keiner weiß genau,
wie hoch die Rechnung für den EAD sein soll. Allein es ist schon klar, wer die
Zeche dafür bezahlen wird. In der Erklärung der Staats- und Regierungschefs zu
10 Jahren Europäischer Sicherheits- und
Verteidigungspolitik heißt es dazu lapidar: „Wir erkennen an, dass der GASP-Haushalt
den Erfordernissen unserer Politik und den gegenwärtigen und künftigen
Herausforderungen angemessen sein sollte.“ Jetzt erst wird greifbar, was
mit der Aufrüstungsverpflichtung des Vertrags von Lissabon gemeint ist. In der
ESVP-Erklärung heißt es: „Wir verpflichten uns zur weiteren Verbesserung
unserer Kapazität zur Bereitstellung nationaler und multinationaler
Fähigkeiten für Krisenbewältigungsmissionen und -operationen der
Europäischen Union. Der Ausbau der ESVP erfordert eine größere Verfügbarkeit
von zivilem und militärischem Personal und von Ausrüstung.“
Damit wird ein erheblicher Mehrbedarf an Finanzmitteln für den Ausbau der Außen- und Sicherheitspolitik im Allgemeinen, aber auch für den EAD im Besonderen verknüpft. Es gibt zwar auch andere Überlegungen, im EAD-Bericht der schwedischen Ratspräsidentschaft wird aber vorgeschlagen, dass künftig der Hohe Vertreter das Gesamtbudget des Dienstes vorschlagen und er einen eigenen Haushaltstitel erhalten soll – ein sehr nettes Feature, das perspektivisch zu einem sprunghaften Anstieg des Gesamtbudgets führen könnte. Doch woher soll das Geld kommen? Ab 2014 wird ein ganz erheblicher Finanzmehrbedarf für den EAD erwartet. Eine signifikante Steigerung des EU-Haushalts in der nächsten Legislatur ist jedoch nicht zu erwarten. In der EU-Kommission wird deshalb zusammen mit den EU-Mitgliedstaaten diskutiert, die Strukturfonds für die Regionen anzutasten und ab 2013 bestimmte Strukturförderungen, die für die ärmeren EU-Regionen von zentraler Bedeutung sind, einfach auslaufen zu lassen. Die zweite Idee ist nicht minder perfide. Hier geht es um einen Angriff auf die Agrarfonds, die zusammengestrichen werden sollen, um Geld für das Gesicht Europas in der Welt lockerzumachen. Die Richtungsentscheidung ist, inwieweit die freigesetzten Gelder für die Militarisierung der Europäischen Union verwendet werden. In diesem Zusammenhang platzierte Michael Dauderstädt, seinerzeit Leiter der Internationalen Politikanalyse der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung bereits im Januar 2004 einen Artikel in der Financial Times Deutschland, der sich nun auf gruselige Weise als nachgerade prophetisch herausstellt: „Die Europäische Union hat 2002 etwa 46 Mrd. Euro für die Landwirtschaft ausgegeben. [...] Die EU sollte dieses Geld besser für die Forschung, Entwicklung und Produktion von Rüstungsgütern einsetzen [...] In der offensiven Bekämpfung muss die Rüstung ein Militär ausstatten, dessen Einsatzprinzipien denen einer globalen Polizeitruppe entsprechen. Das Zerstörungspotential muss präzise sein. Das Einsatzgebiet ist oft außerhalb Europas. [...] Europa braucht eine gemeinsame Rüstungspolitik statt der Gemeinsamen Agrarpolitik, also Kanonen statt Butter."
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Kasten: Zurück in die Zukunft: Der EAD als neue
EU-Kolonialbehörde
Wer einen Blick in
die Zukunft des EAD werfen will, dem sei geraten, sich die Vorbereitung der
politischen „Militär“intervention der EU in Somalia in diesen Tagen
anzuschauen. Alle diplomatisch-militärischen Dienste werden dort eingespannt,
um politische Kräfte am Horn von Afrika zurückzudrängen, die der eigenen
Interessensdurchsetzung im Wege stehen. Dabei wird aus dem gesamten Arsenal
eines künftigen EAD geschöpft. Während man eine EU-Militärberatungsmission
somalischer Soldaten in Uganda und Djibouti auf den Weg bringt, droht man
Eritrea diplomatisch, damit es die „Terroristen“, die die EU-Partner in Somalia
in die Enge treiben, nicht unterstützt.
Für die EU soll es
die so genannte Somalische Übergangsregierung richten, die man auch zur See mit
der vorgeblichen Piratenbekämpfungsmission ATALANTA flankiert. Einziger
Schönheitsfehler: Die Piratenüberfälle haben seit Anfang der EU-Mission
zugenommen. Und intern diskutiert man darüber, dass die Einführung der Scharia
durch die unterstützte somalische Übergangsregierung 2009, wie auch die
zunehmenden Steinigungen unter ihrer Verantwortung, ein Problem darstellen
könnten – natürlich nur im Bezug auf die Akzeptanz des EU-Engagements in der Region.
Angesichts des Schweigens der Massenmedien in Europa
über diesen tagtäglichen Skandal, dürfte dieser EU-Gipfel der Heuchelei wohl
kein Hindernis für ein noch stärkeres, auch militärisches Eingreifen am Horn
von Afrika darstellen. Eines aber ist sicher, dass der schmutzige Krieg der EU
am Horn von Afrika bereits begonnen hat und jetzt schon eine gute Übung für das
institutionelle Zusammenwachsen des EAD darstellt. Wie es auch immer kommen
mag, die neue Afrikapolitik der EU ist ein Blick zurück in die Zukunft. Der EAD
wäre nicht die erste Kolonialbehörde, die ihren Sitz in Brüssel hat.
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