Als Mutti noch einen Geranienzweig ins Wasser stellte, auf dass
dieser fadendünne Wurzeln bekomme, um dann den Ableger vorsichtig in
einen mit Erde gefüllten Topf zu legen, gab es noch keine Derivate –
außer denen von Mutti. Gute alte Zeit, als der Abkömmling, das Derivat,
noch mit Liebe und Hoffnung auf füllige Pflanzen betrachtet wurde.
Als Mutti Merkel jüngst im Fernsehen nach Derivaten befragt wurde,
fauchte sie mit zusammengebissenen Zähnen die Fragende an: In erster
Linie sei sie dafür, dass unser schöner deutscher Pflanztopf
wettbewerbsfähig bliebe. Wenn man also etwas gegen Finanz-Derivate
unternehmen wolle, dann, bitteschön, nur auf internationaler Ebene.
Also Agaven statt Geranien?
Nicht
dass die Lehman-Brüder das heitere Derivatieren erfunden hätten; aber
mit dem Untergang des einst mächtigen Finanzhauses vor einem Jahr kam
das Derivat, jenes Wetten auf den schlechtestmöglichen Ausgang, auf die
schwarze Liste. In der Politik, manchmal sogar in der Wirtschaft
schmähte man nun das einstige Wertpapier schnöde als Unwertpapier.
Nicht zu Unrecht: Man wettet nämlich darauf, dass jemand seine Schulden
nicht zahlen kann, und wenn dieses Unglück eintrifft, dann hat man die
Taschen voll. Wie schön.
Leider, so hörte man von Lehman und anderen Brüdern, war das Wetten
auf Mord und Totschlag nur im Bereich von Kriegsgeräte-Aktien erlaubt.
Gern hätten die Finanzartisten auch auf das Ende des Irakkriegs
gewettet oder auf die Zahl seiner Toten, bzw. ob der Afghanistankrieg
noch vor Frank-Walter Steinmeier endet. Das aber war verboten.
In jenem legendären Vor-Schröder-Fischer-Deutschland, einst durch
eine Strickjacke geadelt und von Progressiven aller Art seiner
Rückschrittlichkeit wegen geschmäht, waren solcherlei Wetten verboten.
Auch die Hedgefonds waren verboten. Denn anders als sein Name verheißt,
zäunt dieser Fonds nichts ein, sondern reißt alles ab.
Doch als die deutsche Scheinbar-Linke ihr Projekt begann und so
mancher vermutete, nun begänne das große Heulen und Zähneklappern auf
den Vorstandsetagen und höre in den Aufsichtsratsrängen nicht auf, kam
den Steinmeiers und Trittins die große Idee: Wir machen es ganz anders,
als die es erwarten werden, wir zwingen sie durch Liberalität in die
Knie, das wird sie letztlich umbringen. Jawoll!
Und so lockerten sie die Finanzregeln, liberalisierten den Markt und
versetzten die Kapitalsbesitzer in einen solchen Schrecken, dass sie
geradezu gezwungen waren, zu hedgen und zu derivieren. Das Delirieren
kam dann später, als Fischer und Schröder sich längst in gemütlicheren
Fahrwassern befanden, soweit man Pipelines zum Fahren benutzen kann.
Doch nun, ein gutes Jahr nach dem globalen Schreck, nach dem beinahe
gelungenen Versuch, die Weltwirtschaft durch professionelles
Glücksspiel auf Zero zu bringen, und nachdem diese oder jene Regierung
den Banken mit dem Finger gedroht hatte – „Das dürft ihr aber nicht
mehr machen, sonst drucken wir Euch kein Geld mehr, alles klar?“ –, nun
also wetten sie schon wieder: Allein in Deutschland liegt der
Zertifikatemarkt schon wieder bei 90 Mrd. Euro, seit der
Lehman-Insolvenz sind mehr als 500 000 Zertifikate ausgegeben worden.
Kurzum: Das Derivat, es lebe hoch! Mag sein, dass jenes Häuflein von
Lehman-Opfern, das jüngst im Frankfurter Bankenviertel für
Entschädigung demonstrierte und etwa 40 000 deutsche Lehman-Geschädigte
vertrat, nicht mehr in Hochrufe ausbricht. Und ob sich „Zer-tifi-ka-te!
Rück-ab-wick-lung!“ wirklich elegant skandieren lässt, ist auch noch
nicht ausgemacht.
Das Bundeskriminalamt teilt in seinem neuen Lagebericht jedenfalls
voller Freude mit, dass die Wirtschaftskriminalität rückläufig ist.
Dies meint, Vergehen wie Kapitalanlagebetrug und Marktmanipulation sind
seltener geworden. Warum auch nicht? Wo doch die Betrugswette völlig
legal ist.
Hierin liegen durchaus Anregungen für andere Sorten der
Kriminalität. Man lerne: Wer Totschlag nicht bestraft, der bekommt eine
mordsmäßig gute Kriminalitätsstatistik. Zur Schreckenszeit der
Pfälzischen Strickjacke und ihres Saumagens, das zumindest versichern
unsere Regierenden, gäbe es jedenfalls kein Zurück mehr. Ja, wenn es
internationale Regeln gäbe, dann – so unser aller Mutti Merkel – würde
man, in vier Jahren vielleicht, über die Grundlagen eines Rückzuges aus
der Finanzmodernisierung nachdenken.
Als meine Mutti damals ihre Ableger pflanzte, konnte sie sich
ziemlich sicher sein, dass ihre Arbeit Früchte tragen würde. Grüne
Triebe, später sogar Blüten, waren ihr Lohn für die Mühe des Eintopfens
und des Gießens. Das heutige Derivat jedoch gedeiht nicht in der Erde,
es kommt aus dem Nichts, trägt nichts, und seine schönste Blüte erlebt
es, wenn die Finanzminister ihre Gelddruckmaschinen in Bewegung setzen,
um Blüte für Blüte den Geldkreislauf zu erhöhen, bis einem ganz
schwindelig wird. Eine bloße Scheinwelt, die diesem oder jenem
kurzzeitig Gewinne zuführt. Früchte trägt das Derivat nicht, eine
Wertschöpfung findet nicht statt. Doch offensichtlich ist die aktuelle
Politik weiterhin ebenjener Scheinwelt und nicht dem Souverän
verpflichtet, wenn sie, statt die Finanzkriminalität zu bekämpfen,
nichts anderes zu tun weiß, als den gerade zusammengebrochenen Markt
ohne jede Konsequenz wieder aufzurichten. In diesem Sinne: Schlafe
wohl, armes Deutschland, bis zur nächsten Wahl.