Was ist Praxis?

Von den Marx´schen Feuerbachthesen zu Bourdieus Praxeologie

Julia Schnegg in Bildpunkt (29.09.2009)

Das Begreifen und Verändern unserer kapitalistischen Gegenwart und ihrer eingeschränkten Gestaltungsspielräume ist keine theoretische Frage, sondern eine praktische. Es ist die Frage nach unseren Arbeitsformen und Lebensweisen, unseren sozialen, kulturellen und politischen Praktiken, unserem Selbst und unserer Subjektivität. Dies ist die Perspektive der folgenden Beschäftigung mit den Feuerbachthesen von Karl Marx und der Praxeologie von Pierre Bourdieu.

„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. [...]“ (aus: Karl Marx, Thesen über Feuerbach, 1)

Praxis ist in den Feuerbachthesen kein einfacher Beobachtungsgegenstand. Sie ist ein Erkenntnisproblem, da sie sich ständig entzieht. Praxis ist Etwas, das selbst der Praxis bedarf, und so die Frage, wie diese Praxis funktioniert immer von Neuem aufwirft. Sie ist nicht nur Resultat, sondern immer schon in der Welt vorgängig. Also ist Praxis subjektiv und objektiv, sie schafft und ist geschaffen, sie ist aktiv und passiv, sinnlich-empfangend und sinnlich-erscheinend, (sinnhaft) strukturierend und strukturiert, werdend und immer schon geworden. Wer also über Praxis zu sprechen versucht, dem stellt sich zusätzlich das Problem ihrer Darstellung, der Theorie.

Die Theorien über Praxis machen oft den Fehler, diese Doppeldeutigkeit aufzuheben und Praxis damit in ihrer Prozesshaftigkeit still zu stellen. In dem Wunsch, Praxis positiv zu fixieren, wird sie meist einer Seite zugeschlagen: Individuum oder Gesellschaft, Bewusstsein oder Sein. Demgegenüber gehen die Feuerbachthesen von der Praxis aus, als sinnliche, menschliche, gegenständliche, praktisch-kritische, revolutionäre Tätigkeit. Das ist folgenschwer: Praxis stellt sich zwar in der menschlichen Tätigkeit her, ist aber nicht einfach das menschliche Tun, im Gegensatz zum Denken oder der Theorie. Praxis ist ein Wirkungszusammenhang, der das praktische Tätig-Sein, den menschliche Akteur und das gegenständliche Resultat – sei es symbolisch oder materiell – in Relation bringt. Sie ist immer als Übergang zu denken.

Praxis als sinnliche Tätigkeit und körperlicher Vollzug

Menschliche Praktiken sind körperliche Vollzüge in der sinnlichen Welt. Über den Körper und durch seine Sinne tritt der Mensch in Wechselwirkung mit der Welt. Diese Sinne sind aber nicht als überzeitliche Naturseite des Menschen zu betrachten. „Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.“ (Marx, Ergb. 1: 542). Sie bilden sich selbst in der praktischen Kooperation mit der natürlichen und artifiziellen Welt als historisch-spezifische Sinnlichkeit und Körperlichkeit erst heraus.

In der körperlich vollzogenen Praxis ist die Umgebung des Menschen nicht einfach ein äußeres Milieu, dem er sich und seine Tätigkeit anpassen muss, um zu überleben. Diese Gegenüberstellung löst sich in einem körperlichen Aneignungsprozess auf: Konkret lernt der Mensch im körperlichen Umgang mit der Welt erst, was ein „Ding“ ist, welche Besonderheiten es aufweist und wie damit unter den gesellschaftlichen Bedingungen, in denen er situiert ist, praktisch körperlich umzugehen ist.

Praxis als gegenständliche Tätigkeit und gesellschaftlicher Vollzug

Als gegenständliche Tätigkeit manifestieren sich menschliche Praktiken z.B. als Handlungsabläufe, Gesten oder Bewegungen aber auch in Gebäuden, Institutionen usw. Diese Gegenstandsformen und Verkörperungen treten dem Menschen als gesellschaftliche Institutionen, wie z.B. der Staat, das Geld, die Arbeitsverhältnisse oder die Sprache gegenüber. Denn in der arbeitsteiligen Gesellschaft ist das Produkt menschlicher Tätigkeit vom Akt seiner Produktion gesellschaftlich abgekoppelt. Alles, was gesellschaftlich vorfindlich ist, erscheint damit praxisunabhängig. Hinter dieser Unabhängigkeit verschwindet gleichzeitig das soziale Verhältnis ihrer Produktion. Hierarchische Anordnungen, Rituale und Lebensformen sind dabei so nachhaltig versachlicht, dass sie den Menschen als äußerliche Objektwelt erscheinen. Damit nimmt das Verhältnis zu den selbst geschaffenen Gegenstandformen das eines Sachverhältnisses an.

Aus praktischer Perspektive ist damit die traditionelle Gegenüberstellung von Welt und ihrer symbolischen Dimension als Denkens über diese Welt (meist als Bewusstsein bezeichnet) unmöglich geworden. Die Welt als historisch-spezifische Lebensweise ist immer schon bedeutungsvoll, gleichzeitig verändert sich diese Bedeutung in der praktischen Tätigkeit.

Stellen wir nun die Frage, was passiert, wenn sich eine Praktik vollzieht: Da der Mensch vergesellschaftet ist, setzt er sich in jeder seiner Praktiken ins Verhältnis zu anderen. Gleichzeitig lebt er sein Leben gesellschaftlich, d.h. er kann nur praktisch tätig werden, wenn er die Fähigkeit besitzt, dieses Verhältnis als Verhältnis zu betrachten und damit eingehen zu können. Praktiken vollziehen sich gesellschaftlich, d.h. in einem bestimmten Wissen. Dieser Wirkungszusammenhang hat zwei Seiten: Einerseits formiert sich im praktischen Vollzug – z.B. dem Arbeiten, dem Kulturschaffen, dem Sport treiben – erst ein spezifisches Welt- und Selbstverhältnis. Andererseits können Praktiken als solche nur fungieren und wirken, wenn sie richtig verstanden und erfahren werden, d.h. sie müssen individuell und gesellschaftlich die Bedeutung von Arbeiten, Kulturschaffen, Sport treiben haben. Nur so können die Menschen sich und die Welt in Bezug auf Vorhandenes (wieder)erkennen und diese Praktiken vollziehen.

Praxisvollzüge sind aber nicht gesellschaftlich unspezifisch, sondern sie sind in einer ganz konkreten Gesellschaft verwurzelt; in einer Gesellschaft mit konkreten Ungleichzeitigkeiten und Verschiebungen, Ungleichheiten und Spaltungen. Die aktuelle Verfasstheit dieser Gesellschaft ist also in den Praktiken in actu gegenwärtig.

Folgen wir Marx, so ist die moderne Gesellschaft ein soziales Kampffeld. Sie ist charakterisiert durch privatwirtschaftliche Warenproduktion, der Trennung von Hand- und Kopfarbeit, der Arbeits- und Funktionsteilung in der Lebenswelt und der Normierung ökonomischer, rechtlicher und sozialer Lebensformen. Diese Anordnung artikuliert sich in unterschiedlicher Weise in den jeweiligen Praktiken: Einerseits vollziehen sich Herrschaftsbeziehungen und werden verfestigt. Andererseits finden in diesen praktischen Formen aber auch die gesellschaftlichen Kämpfe und Aushandlungsprozesse statt, die diese Anordnungen wiederum setzten (können). Praxis vollzieht also sowohl Routine und Stillstand als auch Veränderung und Aufbruch.

In dieser Eingebundenheit ist Praxis immer in spezifischer Weise gerichtet, aber nicht nicht monokausal festgelegt. Für Marx ist sie deshalb mitunter „revolutionäre“ Tätigkeit. Revolutionär meint damit nicht nur die Praxis, die direkt mit Revolutionen zu tun hat, sondern bezeichnet die Offenheit selbstverändernder Praxis – als gegenwärtigen Zustand und als zukünftige Möglichkeit.

Von den Feuerbachthesen zu Bourdieu

Bourdieu greift 150 Jahre später die Praxis-Problematik im Zuschnitt der Feuerbachthesen auf: Er stellt sich die Frage: Wie ist es möglich, die tätige (Selbst)Produktion des Menschen in ihrer Sinnlichkeit, Menschlichkeit, Gegenständlichkeit und Gesellschaftlichkeit zur Geltung zu bringen, ohne sie ihres flüchtigen Charakters zu berauben. Und wie können in dieser Darstellung die traditionellen Gegenüberstellungen von Individuum und Gesellschaft, von Handlung und Struktur produktiv überwunden werden.

Inspiriert vom negativen Verfahren der Feuerbachthesen versucht er mit seiner Praxeologie einige verschüttete Fragen (wieder) freizulegen. Die Besonderheit von Bourdieus Anstrengungen liegt gerade nicht darin, Begriffe oder Methoden festzuklopfen, sondern in Engführung zu seinem Gegenstand weiterzuentwickeln. Demnach ist seine Praxeologie als Aufforderung zur reflektierten (Weiter)Bewegung wissenschaftlicher Tätigkeit zu lesen, deren Ertrag sich immer an und in der Praxis messen lassen muss.

Eine Theorie der Praxis als Praxis?

Worauf ist also nach Bourdieu die Aufmerksamkeit zu lenken?

1) Praxis hat eine spezifische Zeitlichkeit. Die „praktische Zeit“-(Bourdieu 1993: 148) entzieht sich der zeitlichen Synchronisierung und Totalisierung der theoretischen Sicht. Die Zeit in der das Subjekt handelt, kann mal schnell, mal langsam vergehen. Sie kann aber auch verschiedene zeitlich weit auseinander liegende Ereignisse verbinden. Zudem ist Praxis in ihrem Ausgang offen: Sie könnte potentiell immer auch anders sein.

2) Praktiken sind körperliche Vollzüge. Praxis vollzieht sich körperlich und ist ein Leibesgeschehen. Der Leib ist in diesem Sinne kein statischer Raumteil. Er ist nicht zu verwechseln mit einem einzelnen Körper, sondern bezeichnet die Potentialität aller Körper. Gleichzeitig ist er die Bedingung, eine Perspektive einnehmen zu können und das Vermögen, etwas wahrzunehmen. Praxis ist nach Bourdieu in ihrem Vollzug als Körper und durch den Körper in der Welt verankert ist. Der Leib ist Ort und gleichzeitig Subjekt, als gleichzeitig erzeugt und erzeugend, erschaffend und geschaffen.

3) Praxis steht unter Vollzugszwang und ist distanzlos. Praktiken sind immer in ein unumkehrbares Ablaufgeschehen eingebunden, aus dem sie nicht herausgelöst werden können. Im Gegensatz zur Theorie stehen sie damit unter ständigem Handlungs- bzw. Entscheidungsdruck. „Das Privileg“ der Theorie, sich die synoptische Sicht eines gesamten Problemfeldes zu gestatten, kommt der Praxis nicht zu. Ihr Spezifikum ist vielmehr, dass sie sich die Fragen, die sich aus der Distanz ergeben, gar nicht stellt, sondern immer schon unmittelbar entschieden ist.

4) Praxis ist unreflektiert, unlogisch und interessengeleitet. Praxis findet immer in Beziehung zu etwas statt, ohne dabei eine bewusste Zielsetzung zu beinhalten. Praxis fungiert nicht begrifflich, sondern begreift nur um zu praktizieren. Die Eigenheit der Praxis liegt gerade darin, dass sie logisch widersprüchliche Sachverhalte vereinigt, die auf ganz unterschiedlichen Ebenen liegen und im Augenblick ihres praktischen Vollzuges für den Akteur trotzdem schlüssig und ökonomisch ist. Subjekt verfolgen dabei Strategien, d.h. entwerfen unter den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen (strategisch) Antworten auf die Anforderungen, die ihm begegnen.

Bourdieu stellt sich nun die Frage, wie das Erzeugungsprinzip aussieht, das Praxis als akteursgebundenen Vollzug in ihrer Zweiseitigkeit zu generieren im Stande ist – als strukturiert und strukturierend, abgeschlossen und offen, routinisiert und unregelmäßig. Dieses generative Prinzip nennt Bourdieu Habitus: ein „System dauerhafter und übertragbarer Dispositionen“, die als „Erzeugungs- und Ordnungsgrundlage für Praktiken und Vorstellungen“ (Bourdieu 1993: 98) fungieren.

Aus dieser Sichtweise ergibt sich eine grundlegende Kritik an den Sozialwissenschaften, die diese Gleichzeitigkeit meist einseitig in Richtung Struktur oder Handlung, Individuum oder Gesellschaft auflösen. Diese Kritik fordert dazu auf, den sicheren Erkenntnisstandpunkt aufzugeben und wahrzunehmen, dass Theorieproduktion von Machtverhältnissen durchzogen ist. Nicht, um sich von der Theoriebildung zu verabschieden, sondern um sie als Teil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und Verteilungskämpfe zu begreifen und zur Stellungnahme zu zwingen.

Dieser Text erscheint in Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst, Wien, Herbst 2009, „Praxistheorien“.

Literatur:

Bourdieu, Pierre: Sozialer Sinn. Frankfurt/Main 1993.

Bourdieu, Pierre: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Frankfurt/Main 2001.

Marx, Karl: "'I. ad Feuerbach'." (1845) Marx-Engels-Werke 3, S. 5-7. Berlin/DDR 1969.

Marx, Karl: "Ökonomisch-Philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844." Marx-Engels-Werke Ergänzungsband erster Teil, S. 467-588. Berlin/DDR 1969.