1936; Dr. phil. habil., Prof. für Philosophie i.R., Freie Univ. Berlin; Herausgeber und Redakteur der Zeitschrift DAS ARGUMENT
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Der gespaltene Kosmopolitismus des transnationalen Hightech-Kapitalismus
Editorial - "Ringen um Weltbürgerrechte", Das Argument 282 (4/2009), S. 559-576
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1.
Imperiales
Weltbürgertum und Kosmopolitismus der Not
Die einen reisen auf dem
Oberdeck, die andern sind unter Deck zusammengepfercht, heißt es sinngemäß bei
Nazim Hikmet. Heute fliegen die einen »Business Class«, die andern drängen sich
auf den Booten im Mittelmeer oder im Atlantik vor der nordafrikanischen Küste
in der Hoffnung, den Fuß auf europäischen Boden zu setzen. Die einen sind die
Emissäre, Agenten und mittleren Manager der transnationalen Konzerne. Die
anderen gehören zu den Letzten der Letzten, gefährdete Anwärter, sich unter
diejenigen einzureihen, die, in den Worten von Marx, ihre »eigne Haut zu Markt
getragen und nun nichts andres zu erwarten [haben] als die – Gerberei« (MEW 23,
191). Sie sind vielfach nicht besser daran als die im 18. Jh. auf englischen Schiffen
in die Sklaverei verschleppten Afrikaner, nur dass sie nicht durch Eisenketten,
sondern einzig durch die Not und das Verlangen nach einem besseren Leben an
dieses Schicksal geschmiedet sind. Was der junge Marx im übertragenen Sinn vom
Lohnarbeiter schlechthin sagt, gilt für den Arbeitsmigranten im Wortsinn: »Zu Hause
ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus.« (MEW
40, 514) Im Inland ohne Arbeit, geht er zur Arbeit außer Landes. Und wie,
wiederum in marxscher Metaphorik, die Realisation des Werts der »Salto mortale
der Ware« ist (MEW 23, 120), so ist dieser Übergang für ihn ein ganz
unmetaphorischer Salto mortale, der bereits Tausenden seinesgleichen den Tod
gebracht hat. Sie alle haben die Initiative ergriffen. Ihr Schicksal zeigt, was
die neoliberale Nötigung, sich zum Unternehmer der eigenen Arbeitskraft zu
machen, im Extrem bedeutet. Sie riskieren ihr Leben, um dort hinzugelangen, wo
immer sich ihnen wenigstens die Hoffnung auf Lohnarbeit bietet. Sie sind das
junge Weltproletariat des transnationalen Kapitalismus. Es ist ein
Notkosmopolitismus, den sie sich auf eigene Faust herausnehmen wie jemand, der
sich Überlebensmittel, die er nicht rechtmäßig zu erwerben vermag, als
›Mundraub‹ aneignet. Wenn sie den Lebensgefahren der räumlichen
Zirkulationssphäre entronnen sind, warten Lager und Abschiebung auf sie, falls
es ihnen nicht gelingt, dieser neuen Gefahr in die Daseinsweise der Illegalen
und Ungemeldeten, die keine Papiere haben, zu entwischen. Für die Glücklichen,
die dem Tod auf hoher See und der Abschiebung entkommen sind, ist das in ihrem
ungastlichen Gastland geltende Recht, statt ihres zu sein, eine Drohung, mit
der sie jederzeit von Arbeitgebern oder Vermietern erpresst werden können. Sie
sind staatenlose Nichtbürger, Unterschicht der Welt-Arbeiterklasse.
Wenn am anderen Extrem des
Kapitalverhältnisses, wo man einen Namen und ein Gesicht hat, ein George Soros,
der nicht »Business«, sondern »First Class« fliegt, sich mit dem Titel eines
»staatenlosen Staatsbürgers« schmückt, so spielt er in dieser souverän
ungehörigen Zugehörigkeit den Trumpf eines monetären Weltbürgertums aus. Der
Milliardär und seine Gaben sind in allen kapitalistisch zivilisierten oder sich
nach solcher Zivilisierung drängenden Weltgegenden zuhause. Er genießt Rechte, die
es als solche gar nicht gibt und von denen die rechtmäßigen Inhaber von
Rechten, die jeweiligen Staatsbürger vor Ort, nicht einmal träumen können.
Seine Wege in der Welt sind nicht nur durch Bares geebnet, sondern durch ein
zunehmend dichter gesponnenes Netz teils zwischenstaatlicher, teils
überstaatlicher Abkommen und Regelwerke. Für das transnationale Zuhausesein in
diesem Netz des Weltmarkts bietet sich der Begriff des imperialen
Kosmopolitismus an.
Dieses Netz ist nicht überall
gleich dicht gewoben und reicht nicht überall hin. Wenn es unter Globalisierung
oder Mundialisierung rangiert, so ist die Erdkugel oder Welt eher virtuell als
räumlich zu verstehen. Die Globalisierung ist nicht grenzenlos, umgreift nicht
lückenlos und schon gar nicht gleichförmig die Erdkugel, wie ihr Name sagt; sie
ist Stückwerk, wenngleich gewaltiges, und ist fragmentiert und durchsät von weißen
Flecken. An der normativen Durchdringung und -regelung dieser vielfach zerschnittenen
und abgestuften Teilwelt arbeiten die einschlägigen staatlichen und
überstaatlichen Institutionen und Juristen der politischen Träger und
ökonomischen Akteure des transnationalen Kapitalismus. Ihnen redet ein anders
heterogenes und gestuftes Feld von Nichtregierungs- und
Nichtkapitalorganisationen mitsamt den diesen verbundenen Initiativen und
Intellektuellen dazwischen. Beide Seiten erhalten konzeptive Beratung und
gedankliche Entwürfe aus den Reihen der akademischen Normatiker, der Fachleute für
moral- und rechtsphilosophische Normenbegründung. Aus ihrem Kreis kommen die
meisten Stimmen der aktuellen Kosmopolitismusdebatte. Wie die juristischen Verkehrsrechtler
den Realismus des Kapitals, verkörpern sie dessen Idealismus. Letzterer ist es,
der auch auf eine rechtliche und moralische Mindestdaseinsform fürs Heer der
staatenlosen Nichtbürger hinwirkt. Ihr Idealismus und jener Realismus sind Gegenseiten
ein und derselben Medaille. Denn der transnationale Kapitalismus stellt eine
systemische Anomie dar, solange bindendes und machtgeschütztes Recht sich auf
die Beziehung der Nationalstaaten zu ihren Bürgern beschränkt. Wenn
grenzüberschreitender Warenverkehr schon immer der grenzüberschreitenden
Verkehrsformen bedurfte, so braucht transnationaler Kapitalismus transnationales
Recht. Kant hat solches Recht als das Regelwerk eines künftigen Völkerbundes
erwartet. Doch die mögliche Garantiemacht der in solchem Weltrecht verbrieften
Rechte, heute etwa eine vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eingesetzte
Militär- oder Polizeimacht, hängt von den Nationalstaaten ab. Abgesehen von
ihren partikularen Militärpakten sind einzig sie es, die diese Expeditionen mit
ihren Gewaltapparaten bestücken können und sich dabei von ihren nationalen
Interessen leiten lassen.
Wenn ein Gebiet geregelter
Herrschaft mehrere Staaten umfasst und selbst kein Staat ist, so macht der
territorial umgrenzte, gewaltbewehrte Imperativ von Gesetzen oder Regeln es zum
Imperium. In dem Maße, in dem der transnationale Kapitalismus sich durchregelt,
bildet sich das transnationale Imperium des Hightech- Kapitalismus. Es muss, um
Imperium zu sein, nicht völlig homogen sein. Es kann Gebiete unterschiedlicher
Regeldichte oder mehr oder weniger selektiver Teilregelungen umfassen, wie es
neben solchem Konstitutionsgefälle auch Machtunterschiede enthält. Auf den
diversen Ebenen kennt es spezielle Mitgliedschaften, welche die Bindung an
komplexere Regelwerke voraussetzen. Soweit es durch die Anziehungskraft eines
zivilisatorischen Projektes zusammengehalten wird und nicht durch gewaltsame
Unterwerfung und Eingemeindung, basiert es auf Hegemonie. Dieses hegemoniale
Feld des transnationalen Kapitalismus, sein Imperium also, ist es, was den
überschießenden Idealisierungen des Kosmopolitismusdiskurses seine mögliche Realität
gibt. So wie jede zur Herrschaft drängende Klasse »nicht als Klasse, sondern
als Vertreterin der ganzen Gesellschaft« auftritt, wie es in der Deutschen
Ideologie von Marx und Engels heißt (MEW 3, 47), so tritt die Machtelite des
transnationalen Kapitalismus nicht als das auf, was sie ist, sondern als
Vertreterin der ganzen Menschheit. Dies ideologiekritisch festzustellen, heißt
keineswegs, den Kosmopolitismusdiskurs für dummes Zeug zu erklären. Sein
idealistischer Überschuss tendiert über seine ideologische Funktion hinaus. Das
Ringen darum, den ›Weltbürgerrechten‹ des globalen Proletariats Realität
zuwachsen zu lassen und das Imperium zu zivilisieren, findet in diesem
Überschuss Ansprüche, die das Imperium nicht negieren kann, ohne seine
hegemoniale Bindekraft aufs Spiel zu setzen.
Angesichts der realen
Verhältnisse ist der Gedanke einer Weltbürgerschaft, die tatsächlich ihrem
Begriff entspräche, auf den Status des virtuellen Gegenstandes eines
idealistischen Diskurses verwiesen. Als real praktizierte ist Weltbürgerschaft gespalten
– hier der gut gepolsterte partikulare Kosmopolitismus des transnationalen Kapitals,
dort der Notkosmopolitismus der migrierenden Arbeitskräfte und der politischen
Flüchtlinge. Die ›illegalen‹ Migranten betreiben ihren Kosmopolitismus als eine
Art arbeitsrechtlichen Mundraub. Aber nicht vor allem ihretwegen konnte die
Frage des Kosmopolitismus zum ›Thema‹ werden, sondern weil transnationaler Kapitalismus
transnationales Recht braucht und die durch Konkurrenz zerklüftete Verfassung
des Gesamtkapitals dem konkurrenzübergreifenden Allgemeinheitsanspruch keinen
Abbruch tut, während nationales Recht die Angehörigen seines Geltungsbereichs
gegenüber denen fremden Nationalrechts privilegieren kann. Die weltbürgerliche
Idee geht daher ein Stück weit mit einem epochal herrschenden Interesse, dem
des transnationalen Kapitals, konform. Ihr Idealismus entgeht nicht dem
Widerspruch, auf kapitalistischer Welle möglichem Wirklichkeitsgewinn entgegenzureiten,
doch das muss ihn nicht desavouieren. Wie, wenn nicht über die Nationalstaaten,
soll ein, sei es auch schwaches, Weltbürgerrecht vordringen? Und welche Macht
soll den kosmopolitischen Idealismus auf ihrem Rücken tragen, wenn nicht das
transnationale Kapital in dem Maße, in dem es sich systemisch festsetzt und
politisch-juristisch einbettet? Kosmopolitismus oder Weltbürgertum ist die
Idee, der fragmentierte Kosmopolitismus der partiellen Globalisierung die
Realität. In der Wechselwirkung der beiden ungleichen Instanzen wirkt sie, bei
aller Zweideutigkeit, weiter, »the great civilising influence of capital«, wie
es bei Marx heißt, als hätte sein Blick in die Gegenwart gereicht, die
»Produktion einer Gesellschaftsstufe, gegen die alle frühren nur als lokale
Entwicklungen der Menschheit [...] erscheinen« (MEW 42, 323). Zivilisation
kann sich dann daran erinnern, dass sie sich an der Civitas, dem Bürgerrecht
bemisst.
Was dem Kosmopolitismusdiskurs
seine prekäre Realität in der Gegenwart gibt, ist nun aber, von Ausnahmen
abgesehen, zumeist abwesend in ihm. Um diese problematische Abwesenheit und
zugleich Realitätsmöglichkeit soll es im Folgenden gehen. Hierbei greifen wir
auf Gramscis Hegemonietheorie zurück. Ihr Gegenstand ist ja der Übergang von
Ideen zu realer politischer Macht und die Wechselwirkung beider. Weltbürgertum
ohne Weltstaat setzt eine weltweit wirksame hegemoniale Struktur voraus. Die
Organisation der Vereinten Nationen, die Gestalt, in welcher der von Kant als
Bedingung für ein Weltbürgerrecht begriffene Völkerbund nach einem gescheiterten
ersten Anlauf sich dauerhaft institutionalisiert hat, ist das Medium, über das
die Lösung gesucht wird, noch nicht die Lösung selbst. Ohne die zentripetalen
Effekte eines hegemonialen Feldes gewinnen in einem Forum der Nationalstaaten
wie der UNO fast jederzeit die zentrifugalen Impulse oder die der Lagerbildung
die Oberhand. Im Weltmaßstab pflegt Hegemonie mit Blockbildungen einherzugehen.
Imperium und Imperialismus sind die traditionellen Kategorien, auf die man, so
fragend, stößt. Zu reden ist daher vom Herrschaftsbereich und Herrschaftsmodus des
transnationalen Kapitals sowie davon, welche Verwandlung jene traditionellen
Kategorien im Zuge von dessen Expansion durchgemacht haben und vermutlich
weiter durchmachen werden.
- Imperialismus
oder Imperium und die Hegemoniefrage
Die Transnationalisierung des
Kapitals zusammen mit der – seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion – unipolaren
Konzentration globaler Herrschaftsmacht auf Seiten der USA hat Lenins und
Luxemburgs These vom aus der Kapitalkonkurrenz notwendig folgenden
interimperialistischen Zusammenstoß fürs Erste überholt. In dem Maße nun, in
dem Lenins Imperialismustheorie in den Hintergrund trat, stieg aus dem
Vergessen Karl Kautskys prognostische These eines »Ultra-Imperialismus« auf,
welcher dereinst »an die Stelle des Kampfes der nationalen Finanzkapitale untereinander
die gemeinsame Ausbeutung der Welt durch das international verbündete Finanzkapital«
setzen werde (Neue Zeit, 1915, 144). Karl Heinz Roth, einer der
klarsichtigsten Intellektuellen der links-autonomen Szene im gegenwärtigen Deutschland,
stellte auf dem Höhepunkt des US-Unilateralismus unter Bush fest: »Gegenwärtig
dominieren [...] die Strukturen und Institutionen eines durch die militärische
Dominanz der USA gesicherten kollektiven Herrschaftsausgleichs, eines gegen den
globalen Süden gerichteten ›Ultra-Imperialismus‹« (2005, 32).[2] Hans-Jürgen
Bieling hat im selben Jahr den Diskussionsstand dahingehend zusammengefasst, »dass
die entwickelten kapitalistischen Staaten ihr breites Arsenal von Machtinstrumenten
nicht mehr zur Errichtung ›formeller‹, sondern eher ›informeller‹ imperialer
Strukturen mobilisieren« (2005, 248). Er schlug vor, »Imperialismus und Hegemonie
als jeweils spezifische inter- bzw. transnationale Herrschaftsformen auf der
gleichen Abstraktionsebene anzusiedeln; und zwar als zwei Varianten oder Pole, die
ein unterschiedliches Mischungs- bzw. Artikulationsverhältnis von Zwangs- und Konsenselementen
umschließen.« (250) Folgt man dem, lässt sich ein transnationaler Herrschaftsraum
beschreiben, der nicht darin aufgeht, den korporatistisch bornierten Interessen
nationalstaatlichen Kapitals zu dienen, sondern der, wie es bei Giovanni
Arrighi und Jason W. Moore heißt, einen Block »kosmopolitischimperialer (oder
korporativ-nationaler) Wirtschafts- und Regierungsorganisationen« bildet, der
darüber hinaus den Effekt hat, auch für die Konkurrenten »den funktionalen und
räumlichen Umfang des kapitalistischen Weltsystems auszuweiten und zu
vertiefen« (2001, 53).[3] Die
entscheidenden Machtzentren dieses funktionalen Raumes wären dann in denjenigen
Staaten angesiedelt, die »das ›Hauptquartier‹ der führenden kapitalistischen
Akteure beherbergen« (51).
Von diesem transnationalen
Herrschaftsraum, innerhalb dessen es nicht zwangsläufig imperialistisch zugeht,
lässt sich sagen, dass er sich mit einer »Sphäre kollektiv-imperialistischer
Kolonialherrschaft« umgibt,
die in den
Protektoratsgebieten Südosteuropas (Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Makedonien)
beginnt, sich in Zentralasien (Afghanistan, Tschetschenien) ausdehnt und inzwischen
auch das historisch-politische Zentrum der ostarabischen Kultur und
Entwicklungsdynamik im Griff hat (Roth 2005, 22),
wobei der »Griff« freilich
brüchig ist und auf die »kollektiv-imperialistisch« Zugreifenden unkontrollierbar
zurückzuwirken droht. Im Unterschied zum klassischen Kolonialismus und
Imperialismus gilt auch hier zumeist entweder der Modus des Informellen oder
des Schein- und Superformellen eines von der UNO legitimierten ›selbstlosen‹
Einsatzes. Beide lassen diese Herrschaftsformen als ihr Gegenteil erscheinen,
als Mission von Demokratie und Menschenrechten. In der Mischung konsensbasierter
und repressiver Elemente würden die ersteren im Innenverhältnis, die zweiten im
Außenverhältnis eines solchen transnational-imperialen Blocks überwiegen. Imperium
stünde dann fürs Übergewicht des Momentes der Hegemonie, Imperialismus für den
Primat der Diktatur. Sinn und Einsatz des Ringens um die ›organische Zusammensetzung‹
von Zwangsgewalt und Konsensgewinnung ergeben sich aus der Struktur des
Hightech-Kapitalismus. Seine dominanten ökonomischen Akteure sind die
transnationalen Konzerne. Ihre Zentralen sind nationalstaatlich eingebettet, aber
ihre Anlagen und Operationen sind mehr oder weniger in alle Welt verstreut. Aus
dieser räumlichen Diaspora nimmt jeder dieser Akteure sich
betriebswirtschaftlich zusammen zu quasi momentaner Einheitlichkeit und
Handlungsfähigkeit auf Basis der integrierten Informations- und
Kommunikationstechnologien unmittelbar globaler Reichweite. Multinational
eingebettet, sind sie gut beraten, im Kontrast zur buntscheckigen
politisch-kulturellen Umgebung ein möglichst homogenes Aktionsfeld mit
einheitlichen Verkehrsverhältnissen, Eigentumsgarantien und Instanzen der Konfliktschlichtung
anzustreben. Dieses Feld sollte sich nicht weniger in die Welt erstrecken als
ihr eigenes Operationsfeld. Ökonomischer Druck – Zollschranken vs. Meistbegünstigungsklauseln
– und politisch-militärische Absicherung halfen bei seiner Expansion und der
Liberalisierung des Kapitalverkehrs zusammen. Damit waren die Bedingungen für
die Ausfaltung grenzüberschreitender Produktionsketten gegeben, die über die
Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung den Weltmarkt neuen Typs mit der
ihm adäquaten Produktionswelt unterbaute.
Das Imperium neuen Typs wäre
demnach das gewaltgeschützte Operationsfeld des transnationalen Kapitalismus,
ohne Gewaltpanzer so wenig aufrechtzuerhalten wie der Schiffsverkehr am Horn
von Afrika angesichts der Piraterie. Für dieses Imperium kamen und kommen in
absehbarer Zeit einzig die USA als der ›geborene‹ Hegemon in Frage. Gerade
dieses exzeptionelle Privileg als zeitgenössische Determinante des »American
Exceptionalism« bildete das Hindernis auf dem Wege seiner Realisierung. Einzig
diese Macht, »die keinen Rivalen – oder eine Kombination von Rivalen – als
Gegengewicht hatte, während sie überall auf dem Erdball Veränderungen betrieb«
(Bové 2003, 511), konnte ja auf globaler Stufenleiter den Gewaltapparat
stellen, ohne den die kapitalistische Globalisierung sich in rivalisierende Projekte
auflösen würde, deren keines mehr sicher und mit Sicherheit keines global wäre.
Die Weltpolizistenposition der USA war die Existenzbedingung jenes Imperiums,
das unter Bush Senior als »Neue Weltordnung« angekündet worden ist, unter
Clinton nie aufgehört hat, unerklärte Kriege ›niederer Intensität‹ zu führen
und unter Bush Junior gleich als hundertjähriges Reich, American Century,
proklamiert worden ist. Doch diese Existenzbedingung erwies sich zugleich als Existenzbedrohung.
Durch sie war das globale Imperium des transnationalen Kapitals unweigerlich
vom inneren Imperialismus heimgesucht. Um das Weltreich des Kapitals zu
stabilisieren, schwang der Weltpolizist als faktischer Gewaltmonopolist, seinen
Vorteil im Auge, sich zum Herren dieser Welt auf. Indem er das tat, destabilisierte
er sein Herrschaftsgebiet bereits wieder. Übermacht strebt geradezu naturgemäß
danach, die minderen Mächte zu übervorteilen. Jener eine Nationalstaat setzt –
mit ungeheuren Kosten – diese seine Übermacht nur ein, um seine Position zu
stärken und Abhängigkeiten der anderen Staaten zu erzeugen oder bestehende zu perpetuieren.
Darin gründet sein spontaner Imperialismus. Doch wie die konkurrierenden transnationalen
Konzerne ungeachtet ihrer Konkurrenz auf für alle geltende Normierungen drängen
müssen, bleibt auch der Übermacht nichts anderes übrig, als dieser funktionalen
Notwendigkeit in der Form allgemeiner Standardsetzung Genüge zu tun und den
Globus einem gesicherten Verkehr transnationalen Kapitals und seines Personals
zu erschließen. Le diable porte pierre, wie das französische Sprichwort
sagt: Die Übermacht muss formal die Funktion einer bloßen Vormacht ausüben,
wenn sie ihrem informellen Imperialismus frönen will.
Wenn das Kapital laut Marx
»jedes Ding mit seinem Gegenteil« schwängert[4], so machte
diese sonderbare historische Schwangerschaft auch vor den USA nicht halt. Als
staatliches Konkurrenzorgan des nationalen Kapitals auf dem Weltmarkt und im internationalen
Staatensystem bemächtigten sie sich der Rolle des transnationalen Gesamtkapitalisten.
Gegenüber den Rivalen der von der US-Regierung repräsentierten nationalen
Kapitalinteressen pochten sie auf ihre unvergleichliche Macht. Das war
Hegemonie im bürgerlichen Sinn, einfache Präponderanz, erdrückende, zum
Imperialismus tendierende Überlegenheit vor allem in Gewaltmitteln. Allerdings ließen
sich die ökonomischen Aktivitäten des transnationalen US-Kapitals noch viel
weniger national auseinanderrechnen als die Weltmarktaktivitäten zu Rosa Luxemburgs
Zeiten. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg verzeichnete sie, bei
»fortschreitender Verelendung immer weiterer Kreise der Menschheit auf dem
Erdrund und fortschreitender Unsicherheit ihrer Existenz«, eine
ungeheure Ausdehnung
des Herrschaftsbereichs des Kapitals, eine Ausbildung des Weltmarkts und der
Weltwirtschaft, in der sämtliche bewohnten Länder der Erdkugel gegenseitig
füreinander Produzenten und Abnehmer von Produkten sind, einander in die Hand
arbeiten, Beteiligte einer und derselben erdumspannenden Wirtschaft sind (Einführung
in die Nationalökonomie, 1909/10, GW 5, 773f).
Hinzu kam, als Quelle des
Imperialismus und des Krieges,
die widerspruchsvolle
Erscheinung, dass die alten kapitalistischen Länder füreinander [einen] immer
größeren Absatzmarkt darstellen, füreinander immer unentbehrlicher werden und
zugleich einander immer eifersüchtiger als Konkurrenten in Beziehungen mit
nichtkapitalistischen Ländern bekämpfen (Akkumulation des Kapitals, GW 5, 316).
Auch unter den neuen Bedingungen
lebt nach Schätzungen der FAO mindestens eine Milliarde Menschen in absoluter
Armut. Die Wertschöpfungsketten aber sind im Unterschied zu damals vor allem
transnational, also grenzüberschreitend organisiert. Ihre Anordnung, bei der es
darum geht, die Hand am profitablen Ende zu haben, ist noch wichtiger geworden
als der Kampf um Rohstoffe und Absatzgebiete, der nicht mehr mit Kanonenbooten,
sondern mit den Waffen der Preise, Konditionen und Patente ausgefochten wird.
Auch wenn der US-Staat weiterhin der »Machtcontainer « blieb, der die
Hauptquartiere des US-Kapitals beherbergt, spiegelten sich die Erfolge der in
China niedergelassenen US-Konzerne, soweit sie sich den Exporten aus China in
die USA verdankten, in US-Außenhandelsdefiziten wider – und das, obwohl die
Wertschöpfungsketten so manipuliert waren, dass der Löwenanteil des in China
produzierten Mehrwerts erst in den USA realisiert wurde. Dem transnationalen US-Kapital
musste es daher, um diese seine doppelte Vorteilsposition aufrechtzuerhalten, eher
um die Expansion von Verkehrsverhältnissen und -normen gehen, die im Rahmen der
Welthandelsorganisation dann ja sogar eine Art von wirtschaftspolitischer Weltgerichtsbarkeit
erhielten.
Sofern der US-Staat diese
Vereinheitlichung vorantrieb und -treibt, diente und dient er dem
transnationalen Kapital insgesamt. Wo immer dieser Dienst an der Gesamtheit des
am Weltmarkt – also grenzüberschreitend und transnational – aktiven Kapitals leistungsfähigeren
Konkurrenten des US-Kapitals Vorteile sichert, spaltet sich die US-Politik. Der
Imperialstaat verlangt nach dem Privileg, die Entgrenzung des Kapitalismus in
allen Fragen, die seine Interessen betreffen, in deren Grenzen zu halten. Freihandel
soll bei den anderen, nicht für die anderen gelten. Von diesem
Standpunkt konnte selbst die WTO, gerade noch ihr Instrument, den USA lästig
werden.
Wieder ist es eine Frage der
Gewichtung von Konsens und Zwang, den beiden Brennpunkten jener elliptischen
Realität, die wir Hegemonie nennen, ob sich die Waage zur einen oder zur
anderen Seite neigt. Im einen Fall können wir solche Antinomien als
Widersprüche des Imperialismus begreifen, im anderen als Widersprüche des
Herrschaftsgebiets des transnationalen Kapitals und das hieße dann: des Imperiums
neuen Typs. Begonnen als Amerikanisierung der Welt, würde die Globalisierung kraft
ihrer inneren Logik in Entamerikanisierung der Weltverhältnisse oder in eine
andere ›Weltbürgerschaft‹ des US-Staates umschlagen und den Sinn der Rede von
der »Weltpräsidentschaft« oder »der (von Arthur Schlesinger so genannten) imperialen
Präsidentschaft« der USA (Saxe-Fernández 2006, 15) auf neue Weise unterfüttern.
- Das Imperium des
transnationalen Kapitals
Fassen wir noch einmal
zusammen: Wenn ein Imperium ein Herrschaftsgebiet mit gewaltbewehrten Regeln
ist, so kann man das Terrain, auf dem die Global Players ihre Aktivitäten – und
damit den Möglichkeitsraum des ›Kosmopolitismus‹ – ausdehnen, zumindest als
werdendes Imperium begreifen. Global Governance erscheint als »Regulierung ohne
Regierung« (Wahl 2006, 4), solange man Regierung eng, nämlich als Exekutive
eines Nationalstaates fasst. Inkonsistent im Sinne des engen Begriffs von Regierung
ist es, wenn derselbe Autor fortfährt:
Die Gestaltung und
Steuerung der neu entstandenen transnationalen Räume der Globalisierung [...]
wird dominiert von den USA und dies zunächst unabhängig von den G8 und anderen
internationalen Institutionen. Insofern trägt dieses Governance-System imperiale
Züge. (Ebd., 5)
Was aber soll Dominanz der
Gestaltung und Steuerung der neu entstandenen transnationalen Räume durch die
Exekutive eines Nationalstaates bedeuten, wenn nicht Regierung? Wenn unter
Dominanz nur der prägende Einfluss auf die Regelsetzung gemeint sein sollte,
dann wäre es wiederum inkohärent, den Begriff des Imperiums an
nationalstaatliche Dominanz, sprich: an die direkte Herrschaft der USA zu
binden. Das mit Gericht und Sanktionen bewehrte Regelwerk der WTO etwa
absorbiert ein seinen konfliktiven Anwendungsbereichen entsprechendes Stück der
nationalen Souveränität der WTO-Mitgliedsstaaten, auch der USA. Das reale
Problem, auf das solche transnationalen Regierungsansätze antworten, beruht
darin, dass eine
wirklich planetare
kapitalistische Ökonomie [...] eine global wirksame rechtliche und politische
Form benötigt, in der sich zugleich staatliche und private
Herrschaftsverhältnisse und eine entsprechende Position und Funktion ihrer
Repräsentanten im globalen Machtraum der Politik ausdrücken (Rilling 2008a).
Als Aktionsfeld müssen zumal
die transnationalen Konzerne einen möglichst homogenen Herrschaftsbereich mit
einheitlichen Verkehrsverhältnissen, Eigentumsgarantien und Instanzen der Konfliktschlichtung
anstreben, der ebenso global ist wie ihr eigenes Operationsfeld. Ungeachtet
ihrer Konkurrenz macht sich für alle früher oder später die Notwendigkeit
geltend, das Operationsgebiet insgesamt zu sichern.
Das Ideal dieses
betriebsnotwendigen Bestrebens ließe sich dann mit Hardt und Negri als »die
neue globale Form der Souveränität« bezeichnen, der eine »Herrschaftslogik« zu
eigen ist, die »eine Reihe nationaler und supranationaler Organismen verbindet«
(Empire, 10). Das Herrschaftsgebiet dieser Logik kann als im Vergleich
zum imperialistischen Nationalstaat »dezentriert und deterritorialisierend«
beschrieben werden, auch kann man – immer noch mit Hardt und Negri – sagen,
dass es »Schritt für Schritt den globalen Raum in seiner Gesamtheit aufnimmt«
(11) und sich tendenziell »die gesamte ›zivilisierte‹ Welt« einverleibt (12f).[5] Ulrich
Becks auf Länder wie Deutschland gemünzte Empfehlung einer »Politik der
›goldenen Handschellen‹« und der »Schaffung eines dichten Netzes
transnationaler Abhängigkeiten und Allianzen zur Rückgewinnung postnationaler
nationaler Souveränität und wirtschaftlicher Prosperität« (2008) gilt dann grundsätzlich
auch für den Mächtigsten unter formal Gleichen, die USA.
Bis zum Ausbruch der Großen
Krise 2007 mochte es im Zeichen der us-amerikanischen Unilateralität so
scheinen, als sei die »wesentliche Form der Imperialität in der Gegenwart die [...]
des informellen, pervasiven und expansiven Empires« der USA, also eines
nationalen Beherrschers der Welt, der
imstande ist, temporär
und selektiv in den Modus formeller territorialer Imperialität überzuwechseln, wo
es [ihm] in der Regel aus geopolitischen, eher selten (wie im Falle des Irak) auch
aus geoökonomischen Gründen zwingend notwendig erscheint (Rilling 2007, 207).
Die Große Krise hat seither an
den Tag gebracht, dass diese Vision als »das alleinig amerikanische Projekt der
Gegenwart« (ebd.) irreal ist. »Die USA können die einzige Supermacht sein, doch
Präponderanz ist nicht Imperium« (Nye 2009). American Empire hieße US-Imperialismus;
das einzig mögliche ›Imperium‹ hingegen ist dasjenige des transnationalen
Kapitalismus. Letzteres wirft die aktuelle Frage der imperialen Hegemonie auf
und damit die Frage nach dem Hegemon.
- Kann Obama eine
neue US-Hegemonie erreichen?
Dass die Ära Bush mit einem
Fiasko nicht nur für die USA, sondern für die gesamte Welt zu Ende gegangen
ist, barg die geschichtliche Chance eines Neuanfangs. Eine denkwürdige passive
Dialektik war hier am Werk. Gerade der Unilateralismus der Supermacht USA hatte
die Tendenz zur »Multipolarität« unumkehrbar gemacht. Die Frage der Führung,
also auch die der Hegemonie, war durch den mit dem Primat der Gewalt
operierenden Führungsanspruch Bushs »mit null multipliziert« (Schirrmacher
2008). Als Barak Obama noch als Präsidentschaftskandidat im geschichtlichen
Moment dieses hegemonialen Vakuums in Berlin auftrat, bekannte er sich dort
nicht, wie einst John Kennedy, als »Berliner«, sondern als CITIZEN OF THE WORLD,
als kosmopolitischer Weltpräsident in spe. Damit war die Frage der internationalen
Hegemonie im Moment ihrer Abwesenheit neu gestellt.
Zunächst und vor allem steht
jedoch seither jeder Versuch einer Rekonstruktion der US-Hegemonie vor der
Frage, ob die USA sich selbst und die Welt aus der Wirtschaftskrise zu führen
vermögen. Lässt sich der angepeilte Rettungsweg eines »Grünen New Deal« in der US-Politik
durchsetzen und wird er funktionieren? Damit deutet sich die fast unleistbare
Aufgabe an, vor der Obama und seine Regierung stehen. Das Neue Wallstreet
Regime, das Peter Gowan beschrieben hat und das zuletzt für unglaubliche 40
Prozent der in den USA realisierten Konzerngewinne stand, liegt am Boden, auch
wenn eine als Sieger aus dem Überlebenskampf hervorgegangene Großbank wie
Goldman Sachs, die den von ihr ausgegebenen ›Giftpapieren‹ selbst am wenigsten
getraut und sie rechtzeitig abgestoßen hatte, bereits im Frühjahr 2009 wieder
»historische Quartalsgewinne« schrieb[6],
während die USA »in prekärer Lage verharrten mit einem von sechs Arbeitern in
Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit« (Krugman 2009b). Und noch lässt sich nicht
sagen, ob die Maßnahmen Obamas zur Bremsung der Talfahrt und erst recht die zum
Wiederaufstieg greifen, zumal sie durch die Konservativen verwässert und
behindert werden, erst mittelfristig wirken können und überdies, glaubt man
Paul Krugman und anderen Vordenkern eines neuen New Deal, unzureichend sind.
Obama könnte an den us-nationalstaatlichen Hegemonieverhältnissen scheitern,
bevor die Frage der Restrukturierung einer transnationalen Hegemonie wirksam
angegangen werden kann. Wenn der Baron von Münchhausen einst geflunkert hat, er
habe sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen, so schien der US-Staat
diesen Versuch in allem Ernst zu starten, als er das zur »Rettung« der Banken
und zur Verlangsamung des konjunkturellen Niedergangs benötigte Geld nicht mehr
am Kapitalmarkt aufnahm, sondern von sich selbst in Gestalt der Staatsbank zu
borgen begann. »Sie finanziert die Verschuldung der taumelnden ökonomischen
Supermacht, indem sie Anleihen kauft.« (Plickert 2009) Sogleich schwächten die
dadurch genährten Inflationserwartungen den Dollarkurs. Der chinesische
Zentralbankchef Zhou Xiaochuan bezweifelte öffentlich die »Akzeptanz einer
kreditbasierten nationalen Währung als großer internationaler Reservewährung«.
Dass der Dollar kreditbasiert sei, hieß in diesem Fall, dass sein Wechselkurs
von den Dollarkäufen vor allem Chinas und anderer asiatischer Zentralbanken
abhing, die damit ihre eigne Währung und so die Preise ihrer Exportgüter
niedrig hielten und im Effekt dazu beitrugen, die Zinsen zu drücken und dadurch
wiederum die US-Immobilienpreisblase aufzupumpen.
Das hegemoniale Projekt, für
das Obama steht, muss sich also zunächst ökonomisch konkretisieren, und die USA
müssen sich ökonomisch konsolidieren. In der realistisch-radikalen Sicht von
Mike Davis stehen die Chancen dafür schlecht. Was die für eine wirtschaftliche
Konsolidierungspolitik unabdingbare innenpolitischen Hegemonieverhältnisse betrifft,
sieht er einzig die hochtechnologischen Industrien »mit ihren konzerneigenen
Universitäten und weitläufigen Fan-Gemeinden« als soziale Kräfte, die »still
retain enough public legitimacy (domestic and international) and internal
self-confidence hypothetically to act as a constructive hegemonic bloc rather than
as a mob of desperate lobbyists« (2009, 38). Doch seit Davis dies schrieb, ist
nicht nur die US-Automobilindustrie, sondern ausgerechnet Kalifornien mit dem
Silicon Valley in Depression versunken. Zudem waren die Ökonomen, die Obama ins
Amt gebracht bzw. im Amt gehalten hat, bis gestern Deregulierer gewesen. Ihnen
billigte Davis »etwa so viel Chancen, die Banken wiederzubeleben«, zu, »wie
seine Generäle Chancen haben, den Krieg gegen die Paschtunen in Afghanistan zu
gewinnen« (40). Billionen Dollar werden nötig sein, um die erforderliche »bad
bank« oder die Verstaatlichung des Bankwesens zum Laufen zu bringen. Früher
hätte der Staat einfach Geld gedruckt. Doch die monetäre Souveränität der USA ist
ausgehöhlt. Denn »if Obama’s domestic spending fails to produce significant
collateral benefits for America’s trading partners, they may think twice about
buying Washington’s debt or decide to impose some conditionalities of their
own«. Wenn die US-Hegemonie auf
ökonomischer Ebene die informelle Weltwährungsfunktion des Dollars voraussetzt,
so beißt sich die Katze in den Schwanz, denn diese Funktion ist nicht nur
Ausgangspunkt, sondern ebenso Resultat der US-Hegemonie. So interagieren nicht
nur die unterschiedlichen Systemebenen, sondern auch das nationale und
internationale Geschehen.
- Imperiale
transnationale Hegemonie
Wir müssen noch einmal neu
ansetzen mit der Frage nach den globalen Hegemonieverhältnissen im Zeichen der
durch die US-Hypothekenkrise eingeleiteten großen Krise des transnationalen
Hightech-Kapitalismus. Dafür halten wir die Frage der Rekonstruktion der US-Hegemonie
unter Obama einstweilen offen und versuchen, die tragenden Begriffe so zu flexibilisieren,
dass es leichter fällt, sie dem gegenwartsgeschichtlichen Prozess
»anzuschmiegen«, wie es bei Adorno einmal heißt. Die strategische Fragerichtung
wird die nach der Hegemonie im transnationalen Hightech-Kapitalismus sein. Denn
in ihrer zweiten, durch die Große Krise eingeleiteten Phase hat die
Globalisierung weit über ein Exportland wie Deutschland hinaus einen neuen Typ
transnationaler Hegemoniepolitik unabdingbar gemacht. Und zwar muss, in Ulrich
Becks Worten,
die Maxime nationaler
Realpolitik – nationale Interessen müssen national verfolgt werden – ersetzt
werden durch die Maxime kosmopolitischer Realpolitik: Unsere Politik ist um so
nationaler und erfolgreicher, je kosmopolitischer sie ist; und sie ist um so
mehr zum Scheitern verurteilt, je nationaler sie ist. (Beck 2008)
Im Jahr der Invasion des Irak
durch die USA ließ sich »das Ringen zweier Imperialprojekte « diagnostizieren:
»Das eine will, dass die USA ihre Herrschaft primär über Führung, das andere,
dass sie ihre Führung primär als Herrschaft ausüben.« (Haug 2003, 249) Wie bei
Luigi Pirandello Sechs Personen einen Autor suchen, suchten die mit dem unverblümten
Dominanzanspruch der Regierung Bush vor den Kopf gestoßenen Alliierten der USA einen
neuen Hegemon, dessen baldige Ankunft Perry Anderson mit den spöttischen Worten
vorhersagte, »Clintons Witwen« würden »Trost finden« (2002, 10). Der sexistisch
getönte Spott verdeckte, dass es die ökonomische Struktur war, die es nicht so
sehr nach Trost als nach einer hegemonial durchregelten Tätigkeitssphäre
verlangte. Unterhalb der durch das divide et impera und die Bildung
einer coalition of the willing, die nichts zu sagen hatten, verursachten
Spaltung des Westens meldeten sich »gemeinsame Interessen des transnationalen
Kapitals, die allerdings nicht immer zugleich im Interesse der einzelnen
Nationalstaaten liegen« (Haug 2003, 244). Auch wenn den gemeinsamen Interessen
wiederum die alten spaltenden Interessen der Konkurrenz entgegenstehen,
spaltete sich Europa zwar in Befürworter und Gegner der US-Kriegspolitik, doch
entgegen dem oberflächlichen Anschein keineswegs in Befürworter und Gegner der US-Hegemonie.
Ein hegemonial von den USA geführtes »Imperium« im Sinne machtgesicherter
Räume, Verkehrsformen und Eigentumsansprüche war es ja, wonach auch die gegen
den Krieg optierenden Regierungen verlangten. Fast flehentlich tönte es zum
Beispiel aus dem Munde des spanischen Staatssekretärs für Europafragen, die USA
mögen unter Obama wieder die erste Geige spielen »in einem Konzert von Nationen,
das fürs gemeinsame Interesse in der Epoche der Globalisierung arbeitet [...].
Können und wollen die Vereinigten Staaten auf diesen Appell zur
euroatlantischen Konzertierung hören?« (López Garrido 2008) Es klingt wie
»erhören«. Dabei weiß die politische Klasse oft nicht, was sie sagt. Zum
Beispiel kleidete der zitierte spanische Staatssekretär den Wunsch, die USA möchten
wieder hegemoniefähig handeln, in die Worte, sie sollten »nicht mehr die
Hegemonie beanspruchen« (ebd.). Auch der spanische Politologe Ignacio Sotelo
erklärte es zum »größten Irrtum [der USA] der vergangenen zwanzig Jahre [...],
eine weltweite Hegemonie zu praktizieren, wo doch die einzige unbestreitbare Suprematie
im militärischen Bereich angesiedelt ist« (2008). Abgesehen von der Macht der US-Massenkultur
und -Lebensweise, das ökonomische Potenzial nicht zu vergessen, identifiziert
auch Sotelo hier Suprematie mit Hegemonie. Wenn es auch wahr sein sollte, dass
Hegemonie Suprematie impliziert, so impliziert Suprematie nicht notwendig
Hegemonie. Ein Ende des Griffs nach Weltherrschaft bedeutet nicht das Ende der
Hegemonie, sondern lässt sich eher als eine Bedingung der konkreten Möglichkeit
der Hegemoniegewinnung begreifen.
Als der amerikanische
Vizepräsident Joe Biden auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2009
erklärte, künftig solle die Macht des Beispiels dem Beispiel der Macht
gleichgewichtig zur Seite stehen, konnte man das Aufatmen der atlantischen Eliten
förmlich hören. In der Tat hat Präsident Obama seither keine Gelegenheit vor
übergehen lassen, ohne ähnliche Worte und diesen erste Taten folgen zu lassen,
die einer erstaunt aufhorchenden Welt die Öffnung längst verschüttet geglaubter
Möglichkeiten signalisierten. In Deutschland konstatierte die Frankfurter
Allgemeine
ein nahezu globales
Interesse, dass den Vereinigten Staaten diese Erneuerung gelingt, und zwar
schnell. [...] Ein schwaches, in Depression verfallenes Amerika, eines gar, das
zu den politischen Weltgeschäften auf Distanz ginge, wäre für die Welt
wirtschaftlich wie politisch eine Katastrophe. (Frankenberger 2009)
Die Hegemoniefrage, konkret
gestellt, lautet unter solchen Bedingungen, ob die USA im Umgang mit ihren im
Gewicht höchst unterschiedlichen Alliierten sich mit der Position des primus
inter pares bescheiden, einer Position, für die kein anderer Anwärter in Frage
kommt. Aber
ist das für die USA überhaupt noch möglich?
- Das hegemoniale Opfer
Obamas Projekt, US-Führungsfähigkeit wiederherzustellen, muss sich
entfalten in der »tension between the vision of revived Kennedyesque American
leadership in the world that he unfolds to his own country, and what the rest
of the world [...] will now be ready to accept« (Ash 2009). Es ist die Spannung zwischen national-korporativer und
inter/national-hegemonialer Politik. Sie muss die Führungsfähigkeit nicht
lähmen, solange es gelingt, die beiden Pole zusammenzuhalten. Auch Wilson, Roosevelt
und Kennedy taten nie etwas anderes, als nationale Interessen der USA zu vertreten,
»doch sie besaßen den Geist und die Intelligenz, dasjenige, was den USA passte,
mit dem, was der Welt oder zumindest großen Teilen derselben passte«, auf einen
gemeinsamen Nenner zu bringen (Paul Kennedy 2008).
Mit Geist und Intelligenz
allein ist es freilich nicht getan. Die Antagonismen haben massive
Interessensfundamente, und die Intelligenz der jeweiligen Führungen kann nur
die Austragungsformen beeinflussen, was freilich nicht wenig ist. List und Geschmeidigkeit
und alle anderen ›weichen‹ Führungstugenden kommen nicht darum herum, die
harten Stolpersteine aus dem Weg zu räumen.
Die härteste Bedingung der
Hegemonie lässt sich als die des hegemonialen Opfers begreifen. Verlangt
ist nach Gramscis Einsicht eine »Katharsis«, das heißt die Überwindung des
Gruppenegoismus der Herrschenden, und das »Opfer«, mit dem sie den »Kompromiss«
besiegeln müssen, um zu einem relativen »Gleichgewicht« zu gelangen. Zwar
können
solche Opfer und ein
solcher Kompromiss nicht das Wesentliche betreffen, denn auch wenn die
Hegemonie politisch-ethisch ist, dann kann sie nicht umhin, [...] ihre
materielle Grundlage in der entscheidenden Funktion zu haben, welche die
führende Gruppe im entscheidenden Kernbereich der ökonomischen Aktivität ausübt
(H. 13, §18, 1567).
Gleichwohl setzt Hegemonie
»zweifellos voraus, dass den Interessen und Tendenzen der Gruppierungen, über
welche die Hegemonie ausgeübt werden soll, Rechnung getragen wird, dass sich
ein gewisses Gleichgewicht des Kompromisses herausbildet«; so mag es auf den
ersten Blick »ungereimt« erscheinen, »das konkrete Stellen der Hegemoniefrage
als etwas zu interpretieren, das die hegemoniale Gruppe unterordnet« (ebd.),
erweist sich dann aber als elementar. Dies gilt mutatis mutandis nicht nur im
Inneren des Nationalstaates, sondern in der Staatenwelt des transnationalen Kapitalismus
insgesamt.
Das scheinbare Paradox, dass
die Führungsmacht sich den Geführten in gewisser Hinsicht auch unterordnen
muss, bezeichnet die Schwelle, an der die Wiederherstellung der US-Hegemonie in
einer multipolaren Welt stockt. »Ist es wirklich möglich«, fragt der Direktor
des Forschungszentrums von Global Impact, »die Führungsrolle in einer so
globalisierten und interdependenten Welt wie der unseren zu bewahren, wenn der
Führer unfähig ist, auf irgendein Stück seiner Entscheidungsmacht zugunsten globalerer
Autoritäten zu verzichten?« (Escudero 2008) Das Hegemonialopfer nähme in diesem
Fall die Form partieller Souveränitätsübertragung an. Die USA müssten darauf
verzichten, ihren Verbündeten Regeln aufzuherrschen, die sie selbst nicht
befolgen. Und sie dürften sich nicht länger der internationalen Jurisdiktion entziehen.
Sie müssen sich integrieren in jene Ordnung, bei deren Integration sie eine
führende Rolle spielen. Und als integrierter Integrator eines »informellen Imperiums«
würden sie dann tatsächlich, wie Arthur Schlesinger es bereits für 2005 behauptete,
zum »virtual prisoner of its client states« (2005, zit.n. Rilling 2007, 166).
Tatsächlich waltete im
Verhältnis von Gewaltmacht und hegemonialem Opfer eine denkwürdige Dialektik
der Gegensätze. Die Stärke der Supermacht wurde die Quelle ihrer Schwächung,
und ihre Schwäche öffnet ihr die Chance zur Rückgewinnung »weicher Macht«.
Nichts käme der Regenerierung der Führungsmacht der USA so entgegen wie der
Zwang, aus schierer Schwäche die Schwelle des hegemonialen Opfers zu
überwinden. Es könnte aber sein, dass dieses Projekt transnationaler Hegemonie
an den Hegemonieverhältnissen im Lande des potenziellen Hegemons scheitert,
weil dessen herrschende Klasse nicht bereit zum Kompromiss- Opfer gegenüber den
eigenen beherrschten Klassen ist.
- Perspektiven
»Die Welt«, hört man jetzt
oft, »befindet sich im Übergang vom amerikanischen Hegemon zu einer
multipolaren Ordnung.« (Steltzner 2008) Aber soweit eine multipolare Ordnung
eben dies wäre, was der Ausdruck besagt: Ordnung, würde sie es kraft einer Form
von Hegemonie sein, die sich der strukturellen Hegemonie annähert. Sie muss
aber nicht – und kann vielleicht auch nicht, anders, als ich früher angenommen
habe – »Hegemonie ohne Hegemon« sein (1985, 174). Sondern der Hegemon besinnt
sich darauf, dass er nur durch den Vorrang des Führens vor dem Kommandieren
»seinem Begriff entspricht«, wie Hegel sagen würde. Seine relative Schwäche
zwingt ihn dazu, durch Überzeugung zu führen, statt durch Dominanz zu überzeugen.
Selbst dann braucht er noch immer zumindest Elemente der Dominanz, sofern er
sich nicht darauf beschränken lassen will, dass er, wie der Kleine Prinz von Antoine
Saint-Exupéry, der Sonne bei Sonnenaufgang aufzugehen befiehlt, und bei Sonnenuntergang,
unterzugehen. In der wirklichen Welt endet solch gute Miene zum bösen Spiel wie
bei Gorbatschow mit dem Untergang dessen, der nurmehr über die Fassade der
Hegemonie verfügt.
Für Obama stellt sich die
Frage der Rekuperation us-amerikanischer Hegemonie aufgrund der
Hinterlassenschaft Bushs besonders hart, auch wenn er persönlich noch so
vorteilhaft von diesem absticht und die USA gegenüber der Staatengemeinschaft –
in den Worten von Carlos Fuentes (2009) – »›von Gleich zu Gleich‹, als ›Socius‹,
nicht als ›Chef‹« repräsentieren zu wollen scheint.[7] Die
Situation stellt ihn vor die Frage, ob und wie unter seiner Führung der
Weltkapitalismus rekonstruiert werden kann. Der Weg des Grünen New Deal ist aus
demselben Grund nicht ohne weiteres beschreitbar, der auch das Wiederaufleben
der Weltkonjunktur lähmt. Denn die von der Krise jäh abgebrochene Epoche des
kreditfinanzierten Überkonsums der US-Bürger und des US-Staates war die
Bedingung zumal (aber bei weitem nicht nur) für China, seine Überakkumulation
zu realisieren. Die USA und China bildeten eine paradoxe und dynamische
Symbiose, »Chimerika« (Ferguson), die zum entscheidenden Motor der
Weltkonjunktur wurde, dabei aber ihre Existenzbedingung zugleich mit der
Ausstiegsmöglichkeit zu Ungunsten der USA untergrub. Paul Krugman
diagnostizierte die Krise als »Rache des Überschusses« (2009a). China sparte,
und die USA verschwendeten Chinas Überschuss. Solange die USA diesen Überschuss
dank billiger Kredite absorbieren konnten, lief die Akkumulation auf Hochtouren.
Als die Kreditkette zunächst in ihrem schwächsten Glied, den prekären Hypotheken
von Millionen von US-Eigenheimbesitzern riss, brach die Konjunktur in rascher
Folge wie ein Kartenhaus zusammen. Auch in den USA haben nun die »plötzlich
verarmten Konsumenten die Tugenden der Sparsamkeit entdeckt« (ebd.). Hatte man
bisher in der Welt die mangelnde Sparbereitschaft der US-Bürger beklagt, beklagte
man nun das Gegenteil. Joseph Stiglitz geißelte es als »desaströs fürs ökonomische
Wachstum«, dass die Sparquote der US-Privathaushalte nach oben ging (2009), und
auch Paul A. Samuelson registrierte geradezu vorwurfsvoll, dass sie durch »ihre
Wende zum Sparen das Investitionswachstum unmöglich machen« (2009). Nun litt
die Welt unter einem »globalen Paradox des Sparens«, das in eine weltweite
»Pleite« (bust) mündete: »around the world, desired saving exceeds the amount
businesses are willing to invest« – mit dem Resultat eines »weltweiten Einbruchs«
(global slump; Krugman 2009a). Das »Paradox des Sparens« ist eines der
Pseudonyme, unter denen eine Ahnung von der Überakkumulation von Kapital ins
Bewusstsein der Ökonomen tritt. Die Erklärung, mit der die G20 ihr Treffen in London
am 2. April 2009 beendeten, nimmt davon nicht einmal unter diesem Pseudonym Kenntnis.
Ihre nicht zuletzt unter deutschem Einfluss formulierte Diagnose der
»fundamental causes of the crisis« beschränkt diese auf »major failures in the financial
sector and in fi nancial regulation and supervision«. Diese Aspekte sind gewiss
nicht vernachlässigbar. Doch die Frage, vor die sich die Weltwirtschaft in der
Großen Krise zuletzt gestellt findet, ohne dass ihre Repräsentanten sich dessen
bewusst sind, ist die, wie die Überakkumulationskrise des Hightech-Kapitalismus
gelöst werden kann. Diese Basisdimension der Krise bleibt unterirdisch fürs
offizielle Diskurswesen, das den Common Sense darin bestätigt, das
Finanzkapital haftbar zu machen. Halbbewusst macht sich die
Überakkumulationskrise bemerkbar in dem panischen Innovationseifer, der den
moralischen Verschleiß einer ganzen noch funktionsfähigen Generation von Gütern
und Produktionsanlagen betreibt. Teils kommt er als grüner Keynesianismus
daher, teils als Projektierung eines weiteren Informatisierungsschubes in
nächster Zukunft. Auf die Vernichtung fiktiven Kapitals, also nur virtuell
vorhandenen Geldwerts, folgt die Ausrangierung des stofflich fixierten
Kapitals, die innovative Gebrauchswertvernichtung. Vielleicht muss man den
Widerspruch zwischen dem grenzenlosen Akkumulationstrieb des Kapitals und seinen
begrenzten Realisationsbedingungen jenem anderen Widerspruch zur Seite stellen,
der »im ununterbrochnen Opferfest der Arbeiterklasse, maßlosester Vergeudung der
Arbeitskräfte und den Verheerungen gesellschaftlicher Anarchie sich austobt« (MEW
23, 511). Beides geht zu Lasten der Menschen und ihres Ökotops, der Erde. Daher
ist es mit der Regulierung des Finanzwesens und der staatlichen Förderung
technischer Innovationen nicht getan.
Die Welt steht an einem
Scheideweg geschichtlicher Tendenzen. An dieser Weggabelung führt der eine,
weniger gewollte als resultierende Weg in David Harveys (2009)
wirtschaftsgeschichtlich informierter Sicht zum »Auseinanderbrechen der
globalen Wirtschaft in regionale Hegemonialstrukturen, die genau so gut miteinander
wild konkurrieren wie miteinander in der elenden Frage zusammenarbeiten könnten,
wer die Hauptlast der lang anhaltenden Depression tragen muss«. Die mögliche US-Hegemonie
würde auf eine dieser regionalen Strukturen begrenzt. Mit der Weltwirtschaft
wäre auch der schwach kosmopolitisch zivilisierte »Weltinnenraum des Kapitals«
(Sloterdijk) auseinandergebrochen. Dieser Weg würde folgen aus dem Versagen
eines halbherzigen Keynesianismus in den USA, begleitet von »fading U.S. hegemony«.
Derweilen greift ein autoritärer Keynesianismus in China, wo er mit einer Wende
von der Exportdominanz hin zur Entwicklung des inneren Marktes einhergeht und
dabei nach vorübergehender Abschwächung auf ›bloße‹ 6,5 Prozent wieder
steigende Wachstumsraten erreicht, während die Wirtschaft in den westlichen
Metropolen schrumpft. Die Begehbarkeit des in anderer Richtung abzweigenden
Weges und damit die Möglichkeit tendenziell globaler US-Hegemonie bei der
Anführung der anderen Nationen auf diesem Weg würde voraussetzen, dass die
Politiker des Westens – noch einmal in Harveys Worten –
get down to doing what
has to be done to rescue capitalism from the capitalists and their false
neoliberal ideology. And if that means socialism, nationalizations, strong
state direction, binding international collaborations, and a new and far more
inclusive (dare I say ›democratic‹) international financial architecture, then
so be it. (Ebd.)
Dass diese Zukunftsmöglichkeit
wirklich werde, ist angesichts der Kräfteverhältnisse unwahrscheinlich. Käme
sie zum Zuge, wäre sie Wasser auf die Mühlen des weltbürgerlichen Idealismus.
Für die Bootsflüchtlinge aus den noch vor- oder erst halbkapitalistischen
Erdzonen wäre zwar das »Opferfest der Arbeiterklasse« (MEW 23, 511), in die sie
sich jetzt gefahrloser einreihen könnten, noch immer nicht zu Ende. Doch die
»Altermundialisten«, die plural-universalistische kosmopolitische Bewegung der
Bewegungen, die für eine andere, nämlich über den Kapitalismus hinausgehende
Welt und damit zugleich für die Ausweis- und Rechtlosen aller Länder streitet,
fänden günstigere Bedingungen dafür vor, in diesem Kampf Boden zu gewinnen.
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Aus den Vorarbeiten zu einem für Ende 2009 geplanten Buch Hightech-Kapitalismus in der Krise.
[2] Auch für Shalini Randeria und Andreas Eckert ist Imperialismus »das wohl bedeutendste [...] Konzept, um die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Rest zu beschreiben und zu bewerten« (2008, 13); IWF und Weltbank gelten ihnen als »zentrale Institutionen des neuen post-kolonialen Imperialismus« (10).
[3] Arrighi und Moore zufolge basierte die Entwicklung des historischen Kapitalismus als Weltsystem immer auf der Bildung solcher Blöcke (ebd.).
[4] Karl Marx, Rede auf der Jahresfeier des »People’s Paper« am 14. April 1856 in London, MEW 12/3f.
[5] Fragwürdig wird es, wo Hardt/Negri im Geiste des Postkommunismus diese Sphäre transnationaler Herrschaft »am Ende der Geschichte« situieren (13).
[6] »Goldman’s role in
the financialization of
[7] Für Ignacio Sotelo sind die Europäer »dabei, etwas zu bekommen, wonach es sie immer verlangt hat, nämlich treue Verbündete der Vereinigten Staaten zu sein [...] ohne zu bloßen Komparsen herabgewürdigt zu werden« (2009).
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