*1930; Prof. em. an der McGill Univ. in Montréal, Kanada.
Veröffentlichungen u.a.:
Lessons of Japan (1996)
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Brechts Gedichtfassung des Kommunistischen Manifests
in: "Ringen um Weltbürgerrechte", Das Argument 282 (4/2009), S. 607-615
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Riesige Krisen, in zyklischer Wiederkehr, gleichend
enormen / Unsichtbar tappenden Händen, ergreifen den Handel und drosseln /
Schüttelnd in schweigender Wut Produktionsstätten, Märkte und Heime. / [...]
Wenn das Erzeugnis jedoch nur gebraucht und nicht auch gekauft wird / Weil das
Verdienst des Erzeugers zu klein ist – und macht man ihn größer / Lohnt es sich
nicht mehr, das Zeug zu erzeugen – wozu dann noch Hände / Mieten? [...] nur: wo
dann hin mit der Ware? Und also / [...] Alles ins Feuer geopfert, den Gott des
Profits zu erweichen! / [...] Aber ihr Gott des Profits ist mit Blindheit
geschlagen. Die Opfer / Kann er nicht sehn. Er ist unwissend. Ratend den Gläubigen,
murmelt / Unverständliches er. Die Gesetze der Wirtschaft enthüllen sich / Wie
der Schwerkraft Gesetze, wenn über den Köpfen das Haus uns / Krachend
zusammenfällt. (GA 5, Das Manifest, 126-28)
Sehr früh im Jahr 1945 begann Brecht an einer
Gedichtfassung des Kommunistischen Manifests zu arbeiten, die er
zeitweilig auch als Teil eines größeren Projektes plante, als Lehrgedicht
analog zu Lukrez’ Versepos De rerum natura. Sein Titel stand noch nicht
fest, könnte aber Von der Natur des Menschen gelautet haben, oder, etwas
genauer, Von der Unnatur der bürgerlichen Verhältnisse. Brecht fand Zeit
für dieses Projekt, da der Schauspieler Charles Laughton, mit dem er das Leben
des Galilei übersetzte, wegen einer Filmrolle die Arbeit unterbrechen
musste. Aber der eigentliche Grund war das herannahende Ende des Zweiten
Weltkriegs, mit dem sich für Brecht die Frage nach der sozialistischen Zukunft
Deutschlands stellte (vgl. Hartinger 1982, 34-38). »Zwischen dem ›Lehrgedicht‹
und den schrecklichen Zeitungsberichten aus Deutschland. Ruinen und kein
Lebenszeichen von den Arbeitern «, notiert er am 10. März 1945 (GA 27, 221). Es
schien ihm möglich, »heute, hundert Jahre später, und mit neuer, bewaffneter
Autorität versehen«, die »propagandistische Wirkung [...] durch ein Aufheben
des pamphletischen Charakters« zu erneuern (219f). »Die Kunstform des Pamphlets
wird ersetzt durch jene des Lehrgedichts «, kommentiert Hans Mayer (1961, 65;
vgl. Suvin/Angenot 1997). Der »Mut zur Wahrheit« genügt nicht; die »List, die
Wahrheit unter vielen zu verbreiten«, muss hinzukommen (»Fünf Schwierigkeiten
beim Schreiben der Wahrheit«, 1934, GA 22.1, 81). Schlussfolgernd heißt es
dort:
Die große Wahrheit unseres Zeitalters (mit deren
Erkenntnis noch nicht gedient ist, ohne deren Erkenntnis aber keine andere
Wahrheit von Belang gefunden werden kann) ist es, dass unser Erdteil in
Barbarei versinkt, weil die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln mit
Gewalt festgehalten werden. [...] wir können die Wahrheit über barbarische
Zustände nicht erforschen, ohne an die zu denken, welche darunter leiden, und
[...] ihnen die Wahrheit so zu reichen, dass sie eine Waffe in ihren Händen
sein kann. (GA 22.1, 88f)
Es gab aber noch einen weiteren, weniger an den
Moment gebundenen Grund, das klassische Modell des epischen Verses, den
lateinischen Hexameter, als pädagogischen Königsweg zum Verständnis des Hörers
zu verwenden. In einem nach dem Arbeiter-Aufstand im Juni 1953 geschriebenen
Memorandum, als Brecht wieder darüber nachdachte, wie die marxsche Tradition
für die deutschen Arbeiter erneuert werden könnte, kam er zu dem Schluss:
[Die] zwei großen Lehrgedichte der Römer [...], die
›Georgica‹ des Virgil und ›Von der Natur der Dinge‹ des Lukrez, [sind einmal
die] Vorbilder dafür, wie man die Bearbeitung der Natur und eine Weltauffassung
in Versen beschreiben kann, und des andern haben wir in den schönen
Übersetzungen von Voss und Knebel Arbeiten vor uns, die wunderbare Aufschlüsse
über unsere Sprache geben. Der Hexameter ist ein Versmaß, das die deutsche
Sprache zu den fruchtbarsten Anstrengungen zwingt. Sie erscheint deutlich ›gehandhabt‹,
was das Lernen sehr erleichtert. [...] der große Kunstverstand der Alten entwickelt
sich an großen Inhalten. (GA 23, 269f)
Hanns Eisler, der abgeraten hatte, korrigierte später
seine Haltung: »Denn hätten wir heute ein Epos ›Das Kommunistische Manifest‹
von Brecht, wäre es als ein ganz seltenes Kunstwerk in die Geschichte der
Menschheit eingegangen.« (1975, 120) Entmutigt auch durch Feuchtwanger (vgl.
1957, 103-08; Bunge 1963), beschäftigt mit anderen Arbeiten, unsicher, wer die
Leser des Gedichtes sein würden, brach Brecht seine Ausarbeitung ungefähr im
September 1945 ab, wenn er auch bis zum Ende seines Lebens immer wieder darauf
zurückkam.
Verserzählung als Erkenntnis
Man kann sich Idealtypen der Beziehung zwischen
Dichtung und Lehre vorstellen, wo Dichtung sich vollständig im Dienst der Lehre
befi ndet, und andersherum: Entweder Verse als fl ache rhythmische Eselsbrücke,
um die Pille der Lehre zu versüßen, oder Lehre als allgemeinen, oftmals weit
entfernten Anker, um die anders gearteten – kompatiblen aber reichhaltigeren –
Anliegen des Dichters zu organisieren. Das beste Beispiel des zweiten Extrems
ist wohl Dantes Komödie, oder zumindest deren erste beiden Teile. Aber
im Fall von Brecht ist die Gefahr eher das erste Extrem, das heißt, die
Verwendung der Verse für den hauptsächlichen oder sogar einzigen Zweck der
Formulierung einer erkenntnishaften Theorie, eine Verwendung, für die
Aristoteles bereits in seiner Poetik Empedokles von der Dichtung zur
Physik verwiesen hat.
Im Gegensatz dazu stünde ein gültiges Gedicht – d.h.
eines, das einen guten Grund hat zu existieren – neben einer Prosa, die
dieselben doktrinären Begriffe und Argumentationen verwendet. Es wäre irgendwo
in der Mitte zwischen den oben genannten Extremen anzusiedeln, in einem
kreativen Raum, wo Ziele und Mittel, Sinn und Sinnlichkeit, Lehre und Dichtung
in einer mehr oder weniger fruchtbaren Spannung verbleiben. Dies kann man
verfolgen auf der Linken angefangen von Majakovski, Neruda oder Brechts Manifest
und auf der Rechten von Eliots Four Quartets oder einigem von Pounds
Pisan Cantos. Die »liberale« bürgerliche Mitte, nachdem sie im Sattel
ist, hat keinen leidenschaftlichen Grund, didaktische Dichtung zu komponieren,
die seit den Romantikern aus Unzufriedenheit geboren zu sein scheint.
In den 1920er Jahren äußerte Brecht, dass Petroleum
nicht in die Form eines in fünf Akte gegliederten dramatischen Spannungsaufbaus
hineinpasse; in der Folge hat er seine ›epische‹ oder dialektische Dramaturgie
ausgearbeitet. In analoger Weise passt die Sprache des Kommunistischen
Manifests nicht in die dominierenden Formen der englischen
individualistischen Lyrik. Mit der lockeren Form der Ballade wäre es leichter
gewesen (Brecht liebte z.B. Sir Patrick Spens oder die Moritat Das
Seemannslos). Deshalb glaube ich, dass Brechts Intuition, den Hexameter zu
benutzen, richtig war. Geschickt hat er ihn variiert und bereichert; doch war
es schwer, der terminologischen Strenge des Manifests gerecht zu werden:
Wie kriegt man etwa das Wort »Proletariat« in einem Hexameter unter?, fragte
Feuchtwanger. Und man kann sehen, wie Brecht sich müht, Synonyme zu finden:
durch die Jahrhunderte, immer ihr dienend / Wuchs mit
der Bourgeoisie auch das Proletariat, der modernen / Arbeiter, lebend durch
Arbeit, doch Arbeit nur kriegend, solang sie / Arbeitend in seinem Dienst des
Bourgeois Kapitalien vermehren. (GA 15, 128f)
Brechts Manifest wirkt an der Tendenz der
besten Dichtung unseres Zeitalters mit, eine anti-idealistische Sprache mit
exakten Begriffen zu verwenden: »der Stil eines Gelehrten / ein wenig
korrigiert von einer Putzfrau« (Gozzano 1993, 178). Dies passt zu Brechts
konstantem Versuch, plebejische Demystifikation von unten mit präziser
intellektueller Kritik zu kombinieren. Der dazugehörige Horizont ist der einer
Verserzählung als – nicht nur begriffliche – Erkenntnis, in Wechselwirkung mit
Beobachtungen von Haltungen. Solche Dichtung kommt dem Geschwätz der kapitalistischen
Medien und dem konformistischen Common Sense in die Quere. Wie Brecht in seinem
Gedicht »An die dänischen Arbeiter-Schauspieler« darlegte, ist diese Dichtung
mit präziser Beobachtung wiederkehrender oder typischer Vorkommnisse oder
Beziehungen befasst. Derartige materialistische Poesie unterscheidet sich von
der Prosa der präzisen Beobachtung und bleibt doch mit ihr durch eine
Nabelschnur verbunden.
An Brechts Manifest lässt sich beobachten, wie
objektiver Bericht sich mit einer geradezu zeremoniellen Ritualisierung berührt
und mit ihr verschmilzt – durch Wiederholungen, syntaktische Inversion,
Enjambement und einem pointierten Rhythmus. So wird charakteristischerweise die
rhetorische Figur der Adnomination verwendet, die die Wurzel des Nomens in der
des Verbums wiederholt und umgekehrt (z.B. »passierend ohne Passierschein« oder
»Sklaven der bourgeoisen Klasse, täglich und stündlich versklavt«, oder das
oben zitierte »Arbeiter, lebend durch Arbeit, doch Arbeit nur kriegend«).
Erkenntnis und sinnfällige Verdeutlichung durch Alliterationen, Assonanzen und
Echogebung wirken hier zusammen. Die dichterische Bewegung der Erkenntnis ist
spiralförmig, da sie zugleich bestimmt wird durch die Natur der Dinge und offen
ist für Leidenschaft und kämpferische Anstrengung. Die Bewegung des
Verses bringt – unter Teilnahme des Lesers – eine Zeremonie des Kampfes gegen
soziale Ungerechtigkeit zur Aufführung, in dem die Worte und Dinge allegorische
Gesichter und Gestalten erhalten.
Brecht stellt sich bewusst in eine Tradition, deren
Anspruch an die Gegenwart er aufnimmt. Er will für den in Deutschland 1945
vergessenen Marx das sein, was Lukrez für Epikur war. Epikurs Lehren
überdauerten nur in einigen Fragmenten – und in den Versen des Lukrez, in denen
er als der große und glorreiche Befreier der Menschheit von Aberglaube und
Todesfurcht gepriesen wird, in dessen Fußstapfen der Dichter zu treten wünscht.
Die Ahnung, dass auch Marx – praktisch, wenn nicht buchstäblich – dem Vergessen
anheimfallen könnte, war Brecht stets gewärtig. Dies kann an seinen Gedichten
über die großen exilierten Dichter nachvollzogen werden, unter denen sich –
historisch zwar nicht korrekt – auch Lukrez befindet: »Die Auswanderung der
Dichter» und »Besuch bei den verbannten Dichtern«.
Heutzutage ist eine derartige Form der
erkenntnisorientierten Dichtung eine der besten Methoden, um das Gedächtnis an
die großen Hoffnungen im 20. Jahrhundert lebendig zu halten. Sie entreißt
Lehren dem Vergessen und macht damit ihre Kritik allererst möglich. Brecht zu
verwenden, ohne ihn zu kritisieren, hieße ihn verraten, meinte bekanntlich
Heiner Müller. Das gilt heute für alle erkenntnisorientierten Bestrebungen, im
besonderen für Marx und die linke Tradition. Die Dichtung ist ein Wächter: »Watchman,
what of the night?« Die Nacht ist tief und dunkel, aber nicht endlos: »Sie dauert
12 Stunden, dann kommt der Tag.« (Schweyk im Zweiten Weltkrieg)
Dichtung und Geschichte
Dichtung existiert nicht nur in Bezug auf die
Geschichte im Allgemeinen, sondern stets auch in Bezug auf ihre eigene
Geschichte. Dichter und Übersetzer wissen das. Doch ist dieses Wissen nicht
immer notwendig für die Leser/innen, die sozusagen die Bratkartoffeln für heute
auch heute braten müssen. Für sie ist die Beziehung der Dichtung zu dem,
was Marx und Engels als die einzige Wissenschaft, die sie »kennen«, bezeichnet haben,
grundlegend: die »Wissenschaft der Geschichte«, unterteilt in die »Geschichte der
Natur und die Geschichte der Menschen« (MEW 3, 18). Hier sollte es keine
besonderen Probleme für einen Dichter als Erzähler geben: Jeder von uns hat Schulden
angehäuft gegenüber den Lebenden und besonders den Toten, und der Dichter
bezahlt sie mit seiner Dichtung. Die Ökonomie der Person, die eine Schuld
abzutragen hat, ist sich hier mit den Wissenschaften und dem marxistischen
Verständnis der Geschichte einig, dieser Verpflichtung gegenüber Wahrheit und
Erinnerung.
Allerdings ist die vorrangige Frage für einen
marxistischen oder sozialistischen Dichter sicherlich die Beziehung seiner
Produktion für die heutigen Leser, also zur aktuellen Geschichte. Was hat sich
verändert seit dem Kommunistischen Manifest von 1848 und was nicht?
Warum wollte Brecht im Jahr 1945 die Wirksamkeit des Manifests erneuern
und stärken? Weil es durch die Praxis der Zweiten und Dritten Internationale
derart automatisiert und verknöchert worden war, dass es keinen Hund mehr
hinter dem Ofen hervorlockte. In dieser Situation sollte der Wechsel der literarischen
Gattung – von einem Prosatext zu einem Erzählgedicht in Hexametern – als
Deautomatisierung oder Verfremdung wirksam werden, um eine frische Wahrnehmung,
deren es für eine freudige Erkenntnis bedurfte, zu ermöglichen.
Wenn wir uns dem marxschen Manifest und dem
brechtschen Lehrgedicht wieder zuwenden, liegt das daran, dass beide in einem
erkenntnisbezogenen Horizont situiert sind, dass einige ihrer wichtigsten
Einsichten als Anleitungen zum Handeln noch gültig sind; andere helfen uns,
unsere Irrtümer aufzuklären. Was sie voneinander unterscheidet, beruht auf der
philologischen Einsicht, dass das »Was« vom »Wie« nicht getrennt werden kann.
Die Sprache lässt das Gesagte nicht unberührt. Es geht bei der brechtschen
Neuaneignung nicht bloß um ein begriffliches Update, sondern darum, das von
Marx Gesagte durch sprachliche Umformulierung der Vorstellungswelt der
Leser/innen erneut nahe zu bringen. Freilich sind Umformulierungen niemals
unschuldig, da das Wie mit dem Was interferiert.
Von der klassischen marxschen Tradition wurde bei
Brecht erstens die hegelsche fortwährende Veränderung beibehalten. Brechts
Gedicht bezeugt, wie Marxens Erkenntnisse über die Kräfte der Geschichte als
politische Ökonomie im Fleisch der arbeitenden Menschen operieren. Zweitens
wurde das Manifest durch einige spätere Einsichten von Marx
aktualisiert, wie z.B. die zyklische Krisentheorie und der Fetischcharakter der
Ware, die als herrliche Doppelpassage über die Ungeheuer der Krise und über den
blinden Moloch-Gott des Profits vorkommen (siehe das am Anfang stehende Zitat).
Im marxistischen »Gott des Profits« fließen der lateinische Abscheu gegen die
»Heiligste Majestät des todesbringenden Reichtums und Geldes« (Juvenal, Satire
I, 112f) und der biblische Abscheu gegen falsche Götter (Mammon) ineinander.
Brecht schreibt hier im Stil der wirksamsten Avantgardegedichte, die sich als
›Randbemerkungen‹ bei der Lektüre insbesondere sozialwissenschaftlicher Abhandlungen
positionieren. Er hielt nichts von dem Gegensatz wissenschaftlichen und
künstlerischen Verstehens und Lernens und bestand zugleich auf ihrem
Unterschied. Allerdings ist sein Manifest ehrgeizig: Es aktualisiert das
Manifest für das Zeitalter, in dem die Bourgeoisie als Antwort auf die
ökonomischen Krisen ihres Systems nach Weltkriegen greift.
Die De-Automatisierung des Manifests bedeutet,
dass es desakralisiert wird, um der Situation im Jahr 1945 gerecht zu werden.
Im März 1945 schreibt Brecht an Korsch, den er, trotz
Meinungsverschiedenheiten, als einen seiner wenigen Lehrer verehrte und der
auch der prominenteste unter seinen Freunden war, der sein Projekt enthusiastisch
unterstützte und als Meisterwerk rühmte (vgl. Korsch 1965, 54): »Einiges im
›Manifest‹ habe ich so vorsichtig wie mir möglich geändert, anstelle der
Verelendungstheorie die Unsicherheit durch die konstitutionelle
Arbeitslosigkeit gesetzt usw. Halten Sie das für richtig?« (GA 29, 349)
Solche Aktualisierung ist, von der anderen Seite
betrachtet, Historisierung. Sogar der Titel, Das (!) Manifest,
macht deutlich, dass es sich um ein Zitat handelt, eine Referenz zweiter
Ordnung an einen Klassiker: »Das Manifest war ein Bericht seiner Verfasser
an die von ihnen gegründete Partei. Brechts Hexameter geben den Bericht eines
Berichts.« (Mayer 1961, 65) Brechts Gebrauch verbindet die Vergangenheit mit
der Gegenwart und ersetzt daher des Öfteren die Vergangenheitsformen von Marx,
die er in einigen Anfangszeilen benutzt, mit der Gegenwartsform, was seinen Bericht
dramatisch unmittelbarer und lebendiger, aber nicht weniger historisch
weitreichend macht. Dazu ein Beispiel:
Falsches darüber von Feinden, von Freunden / Falsches
habt ihr gehört. Dies ist was die Klassiker sagen. / So nun entstand, die jetzt
vergeht, die Epoche des Bürgers. (GA 5, 136f; Hervorh. D.S.)
Schließlich wird die bereits lebhafte Argumentation
des marxschen Manifests stärker dramatisiert. Das wird durch
mannigfaltige Mittel erreicht: durch syntaktischen Parallelismus an Stelle der
marxschen logischen Subordination, durch weitergehende Verwendung der Personifizierung
und der dynamischen Handlung (besonders erkennbar bei der Bourgeoisie, dem
Ungeheuer Krise und dem Gott des Profits, wie auch beim Gespenst des
Kommunismus, das Brecht aktiver darstellt). Er baut somit die bereits bei Marx
ausgeprägte phantastische Metaphorik aus (vgl. Suvin 2004). Die Hauptteile des
marxschen Manifests beginnen jeweils mit einer allgemeinen These, die
dann diskutiert und zu einem allgemeinen programmatischen Fazit geführt wird.
Brecht verwendet viel davon, immer aber subsumiert unter die dramatische
Geschichte von Arbeitern als Repräsentanten der Menschheit, die einem
wachsenden Strudel der Gewalt seitens der blinden Gottheit des Profi ts unterworfen
sind.
Man könnte noch vieles über Brechts Wortschatz oder
seine rhetorischen Figuren hinzufügen (vgl. Schober 1988, 145-65). Nur soviel:
Es gibt in dem Gedicht eine übergeordnete, ungenannte Gestalt, die Stimme des
Erzählers. Er ist ein Anthropologe, der voranschreitet in den Dschungeln der
Fabriken und Städte, mit einem »heißen Herzen in einer kalten Person« (GA 26,
270), und seine Strenge entsteht aus Blut, Schweiß und Tränen von Millionen
über Jahrhunderte hinweg. Hier, die ersten Zeilen:
Kriege zertrümmern die Welt und umgeht zwischen den
Trümmern / Sichtbar und groß ein Gespenst, und nicht erst der Krieg hat’s
geboren. / Auch im Frieden schon ward es gesichtet, den Herrschenden
schrecklich / Aber freundlich den Kindern der Vorstadt. In ärmlicher Küche /
Lugte es oft, kopfschüttelnd, voll Zorn, in halbleere Töpfe. / Oft die
Erschöpften passte es ab vor Gruben und Werften. / Freunde besucht es im
Kerker, passierend ohne Passierschein / Oftmals. Selbst in Kontoren wird es
gesehen, und im Hörsaal / Wird es gehört. Zu Zeiten dann stülpt es von Stahl
einen Hut auf / Steigt in riesige Tanks und fliegt mit tödlichen Bombern. /
Vielerlei Sprachen spricht es, alle. Und schweiget in vielen. / Ehrengast in
den Hütten sitzt es, Sorge der Villen / Alles zu ändern und ewig zu bleiben
gekommen; sein Name ist Kommunismus. (GA 5, 135f)
Der Diskurs hat sich seit dem 19. Jahrhundert
verschoben. Wir befinden uns in der modernen Welt der globalen Kriege, der
Panzer, Kampfflieger und Ruinen, der vielen Sprachen und der Repression in den
meisten von ihnen; und dennoch, nach wie vor, in einer für Marx
wiedererkennbaren Welt, mit Bergwerken, Werften, Büros und Hörsälen – und mit
halbleeren Töpfen, erschöpften Arbeitern, Slums und Gefängnissen. Das passt zu
dem heroischen Versuch, eine produktive Rückkopplung zwischen Marxens
Formulierungen (das Schreckgespenst, das Grabschaufeln, etc.) und Brechts
Hinwendung zum Magma der täglichen Erfahrung von Millionen zu schaffen.
Philosophisch gesprochen, bewirken Brechts Verse eine Rückkopplung zwischen
Deduktion und Induktion, zwischen einem Bezugssystem, das vor dem Gegenstand
des Gedichtes existiert (ante rem), und einer Verifizierung plus Modifizierung
innerhalb des Gegenstands selbst (in re). Die Modifizierung kann am besten
am Eröffnungs-Schachzug gesehen werden, in der besten epischen Tradition des
Beginns in medias res: »Kriege zertrümmern die Welt«. Der Klassenkampf wird
wieder mit aller Macht im letzten Teil des Gedichts auftauchen, aber schon am Anfang
ist er da, nicht nur um einer tausendjährigen sozialen Ungerechtigkeit das
Handwerk zu legen, sondern auch angesichts der nunmehr möglich werdenden »Zertrümmerung«
der Welt.
Kriege – die beiden Weltkriege wie die 200 »lokalen«
Kriege seit 1945 – sind ein wesentliches und unverzichtbares Instrument des
Kapitalismus, ohne das die Bourgeoisie nicht überleben könnte, so dass die
nachhaltige Vernachlässigung der Reflexion über den Krieg auf Seiten der Linken
einem Todeswunsch gleichkommt. Vielleicht fangen wir gerade erst an, uns aus
dieser weitgehend selbstgeschaufelten Grube zu befreien, nach den Kriegen am
Golf und in Serbien. Brecht kann auch hier als unser großer Vorfahre dienen,
der auf prophetische Weise den Weg gezeigt hat.
Der Horizont der Dichtung: Haltungen lehren
Alle Dichtung lehrt Haltungen: Die Petrarcas über die
Sehnsucht nach der idealen Frau, die Dantes über die politische Ethik seiner
Zeit, die Baudelaires über die Schönheit, die den bösen Großstädten der
Bourgeoisie eigen ist. Das ist geradezu genetisch in Dichtung eingeschrieben,
die entweder als direkte Begleitung zu gemeinsamer Arbeit begann
(Arbeitslieder), oder als ein Moment der Ruhe vor oder nach einer für die
Reproduktion des Gemeinwesens wichtigen Unternehmung (Jagd, Ackerbau, Krieg,
athletischer Wettbewerb, Gastmahl) in diese eingebunden war. Dabei war der
Gesang mit Musik und Tanz ein organisierendes Instrument: Einübung in die Gründe
und Modalitäten der Handlung oder Kommentar ihres Ergebnisses. Homers Epik
liegt auf halbem Wege zwischen mündlich überliefertem Sagenschatz einer Stammesgesellschaft
und dem von einem einzelnen Dichter geschriebenen Text, der für Auftritte einer
Gruppe von Bürgern schreibt: Es handelt sich noch um Dichtung innerhalb und für
ein Kollektiv, wenn auch nunmehr der aristokratischen Klasse. Alle für sie
wissenswerten Gegenstände werden berührt: alle Künste, Kriegführung, Religion,
Schifffahrt, Redekunst, Spiele, geographisches und kosmologisches Wissen,
Erziehung, Jurisprudenz usw. Die Erzählungen liefern positive oder negative Verhaltensmodelle:
Penelope ist die tugendhafte Frau, die allen Anfechtungen trotzt, Achill der
Inbegriff des Muts, Thersites der des hassvollen Plebejers. In der späteren,
nicht-choralen Dichtung der Klassengesellschaft kamen auch die dem Dichter
eigenen Bestrebungen und Erfahrungen zum Ausdruck, ohne dass er den Anspruch
auf exemplarische, kollektive Gültigkeit aufgegeben hätte. Das ist auch dann
noch so, als die Dichtung beginnt Entfremdung aufzuzeichnen, etwa in dem, was
Hesiod in seinem Epos Werke und Tage über unser Eisernes Zeitalter
ausführt (Brecht hat ihn Homer, dem Sänger der Kriegeraristokratie,
vorgezogen).
Während in der Antike oder im Mittelalter keiner auf
den Gedanken gekommen wäre, Dichtung und Politik zu trennen, lehnt der Bürger,
der in Deutschland Unternehmer oder Professor werden kann, von der politischen
Macht aber ausgeschlossen bleibt, alle Didaktik, zumal das Lehren von Politik,
als unerlaubte »Propaganda« ab: »Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch
Lied!«, befand der große Philister Goethe (Faust I, Auerbachs Keller).
Brechts Stimme ist die eines Lehrers, aber eines besonderen: eines
sokratischen Vermittlers, der der Maxime folgte, dass der Lernende wichtiger
ist als die Lehre. Die Arbeiter-Leser nehmen keine fix und fertige Lehre entgegen,
sondern formen im Prozess der Aneignung um – wie Brecht selbst das Manifest sich
eingreifend angeeignet hat. Sein Gedicht ist die Stimme eines »Intellektuellen-Lesers«,
der bei der Marx-Lektüre einige Antworten gefunden hat und diese werkgetreu
wiederholt, indem er sie für die Situation in der Mitte des 20. Jahrhunderts
überarbeitet.
In seiner »Dichtkunst« stellt Horaz die Frage, ob die
tragischen Dichter, die ihre Argumente von Homer übernehmen, wirklich kreativ
Schreibende sind. Er empfiehlt, die epischen Begebenheiten (Themen oder
Personen) von Homer zu entnehmen, doch dabei kein serviler Imitator zu sein,
sondern ein wahrhafter »Übersetzer«, der die homerischen Charaktere mit neuen
Worten und Handlungen ausstattet (vgl. Vico, Neue Wissenschaft, Buch 3,
Kap. 4). So kann Brecht ein Dichter genannt werden, der die marxschen Themen
und Charaktere wiederaufnimmt, um sie in die Gegenwart zu »übersetzen«. Das Was
der Lehren, die zwischen 1848 und 1945 dazugekommen sind – besonders Marxens
Krisentheorie, aktualisiert durch die lebendige Erfahrung der Zeit nach dem
Crash 1929 –, und einige Lehren des Leninismus, geboren und wiedergeboren aus
den Weltkriegen, ist aber formiert aus dem Wie des neuen Erkenntnisinstruments:
der lukrezianischen narrativen Dichtung. Brecht betrachtete dieses Instrument
mindestens als äquivalent, wenn nicht überlegen dem systematischen philosophischen
Diskurs, der eine gute Waffe sein kann, aber zu doktrinärer Erstarrung neigt
(Brecht verglich ihn mit einem kondensierten Schneeball, der nicht zu lange in
jemandes Tasche verbleiben sollte). Die Grundvoraussetzung ist immer, den
zentralen und bestimmenden Horizont der Klassenbefreiung wie auch die Sehnsucht
in diese Richtung unverändert zu halten. Brechts Gedicht war nicht vollendet, doch
es mündet in ein m.E. hinreichendes Ende. Es antwortet auf die Gewalt der bürgerlichen,
die Welt zertrümmernden Weltkriege mit der Perspektive der klassenlosen Gesellschaft:
das Proletariat muss / Unterste Schicht der
Gesellschaft, um sich zu erheben, den ganzen / Bau der Gesellschaft zertrümmern
mit all seinen oberen Schichten. / Abschütteln kann sie die eigene Knechtschaft
nur abschüttelnd alle / Knechtschaft von allen.
Heute müssen wir zwar neu definieren, was wir mit
Proletariat meinen, aber ich denke, dass wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts,
inmitten noch schlimmerer Kriege und Katastrophen, immer noch dieses
Ende uns auf unsere Weise aneignen müssen.
Aus dem Englischen von Sonja Regler
Literatur
Brecht, Bertolt, Werke. Große kommentierte
Berliner und Frankfurter Ausgabe, Frankfurt/MBerlin 1988-98 (zit. GA)
Bunge, Hans-Joachim, »Das Manifest von Bertolt
Brecht«, in: Sinn und Form, 15. Jg., 1963, 184-203
Eisler, Hanns, Gespräche mit Hans Bunge. Fragen
Sie mehr über Brecht, Leipzig 1975
Feuchtwanger, Lion, »Bertolt Brecht«, in: Sinn und
Form, Zweites Sonderheft Bertolt Brecht, 1957, 103-08
ders., »Die Zusammenarbeit der Dichter«, in: Berliner
Zeitung Nr. 301, 25.12.1958
Gozzano, Guido, Tutte
le poesie, Rom 1993
Hartinger, Christel, Bertolt Brecht – das Gedicht
nach Krieg und Wiederkehr. Studien zum lyrischen Werk 1945-1956, Brecht-Zentrum
der DDR, Berlin 1982
Korsch, Karl, »Antwort an bb«, in: Alternative 41,
1965, 54-57
Mayer, Hans, Bertolt Brecht und die Tradition,
Pfullingen 1961
Schober, Rita, »Brechts Umschrift des Kommunistischen
Manifests«, in: dies., Vom Sinn oderUnsinn der Literaturwissenschaft, Leipzig
1988, 126-80
Suvin, Darko,
»Living Labour and the Labour of Living«, in: Critical Quarterly 46,
2004, 1-35
ders. u. Marc Angenot,
»L’aggirarsi degli spettri. Metafore e demistifi cazioni, ovvero l’implicitodel
manifesto«, in: M.Galletti (Hg.), Le soglie
Gekürzte und veränderte Fassung von »On Brecht’s The Manifesto«, in: Socialism and Democracy 16, 2002, 1-31, die auch eine längere Literaturliste enthält. – Ich bedanke mich herzlich für die freundliche Hilfe des Direktors des Brechtarchivs, Erdmut Wizisla, und seiner Mitarbeiter; ebenso für die Ermutigung durch Fredric Jameson, Rick Wolff, Tom Kuhn und Victor Wallis, sowie für die hilfreichen Hinweise von Sonja Regler und der Argument-Redaktion.
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