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Wüste Pläne
Hefteditorial iz3w 314 (Sept./Okt. 2009)
In
nur sechs Stunden soll allein auf die Wüstengebiete unserer Erde so viel
Energie fallen, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht. Was läge da näher,
als dieses brachliegende Potenzial zu erschließen, zu verstromen und an die
Orte des Verbrauchs zu transportieren. So macht man das mit Uran und Kohle,
warum also nicht mit Sonnenenergie.
Die
schlauen Köpfe großer Konzerne und politischer Think Tanks in Europa schlossen
aus der Erkenntnis: die in anbetracht einer drohenden Klimakatastrophe unumgängliche
Energierevolution liegt quasi vor der Haustüre, direkt hinter der europäischen
Grenze. In der Sahara.
Um
den heutigen globalen Strombedarf zu decken, würde es reichen, drei Tausendstel
der weltweit zirka 40 Millionen Quadratkilometer Wüstenfläche mit Spiegeln oder
Kollektoren solarthermischer Kraftwerke auszustatten. Pro Mensch, so die
Desertec Foundation, genügten etwa 20 Quadratmeter Wüste, um den Strombedarf
Tag und Nacht klimaneutral zu decken. Desertec steht für ein Konsortium aus
Industrie, Politik und Technikvordenkern, das mit Unterstützung seiner Königlichen
Hoheit Prinz Hassan bin Talal von Jordanien sowie der Deutschen Gesellschaft
des Club of Rome gegründet wurde. Der Plan zeigt über 100 Kraftwerke und
Hochspannungsleitungen, die sich rund um Europa spinnen. Stiftungssitz ist
Berlin.
Die
Nutzung von Sonnenenergie hat ihr verstaubtes Ökoimage schon lange abgeworfen
und sich zum lukrativen Geschäftsfeld für »grüne« Investoren gemausert. Das hat
diejenigen verärgert und enttäuscht, die glaubten, die alternative
Sonne-Wind-und-Wasser-Energie könne dem rußenden Kapitalismus die Schornsteine
dicht machen.
Grün
umrüsten ohne am Massenkonsum zu rütteln, so war das nicht gedacht. Doch damit
nicht genug. Das industrielle Muster großtechnologischer Energiewirtschaft wird
von den Umweltministerien der Länder nun in kolonialer Manier beworben: »Diese
Energiequellen sollen verbunden werden mit anderen regenerativen
Energieerzeugern von Island bis Arabien«. Der Präsident der Deutschen
Gesellschaft des Club of Rome, Max Schön, meint, »Schleswig Holstein und
Marokko haben mit als erste früh erkannt, dass aus der Zusammenarbeit zwischen
dem Sonnen- und dem Technologie-Gürtel der Welt der voraussichtlich größte
Beitrag zur Abwendung der Klimakatastrophe resultieren kann.«
Während
das weltweite Bevölkerungswachstum in vielen Szenarien als zusätzliche
Bedrohung des Klimas und der Menschheit dramatisiert wird, will Desertec-EUMENA
bis in 40 Jahren problemlos 10 Milliarden Menschen mit sauberer Energie
versorgen können. Ein visionäres Rettungsprojekt, das unerschöpfliches Licht
auf die Eine-Welt bringt, überall und für immer. »Desertec ist ein Beitrag für
eine bessere Welt, für uns und unsere Nachkommen«. Der Name des Projektes verrät,
wer gemeint ist: EUMENA steht für Europe, The Middle East, North Africa. Nicht
zum ersten Mal ist die Region Gegenstand geografischer Großprojekte.
Bereits
in den 1920er Jahren plante der Münchner Baumeister Herman Sörgel eine bessere
Welt in Form eines infrastrukturell zusammenhängenden Großkontinentes namens
Atlantropa. Hier sollte Europa und Afrika durch ein teilweise trocken gelegtes
Mittelmeer sowie zahlreiche Wasserkraft-Stationen miteinander verbunden und die
Sahara dabei begrünt werden.
Übrigens
wirbt Desertec damit, dank der künftig gewonnenen Sonnenenergie Meerwasser
entsalzen und damit den chronischen Wassermangel in Afrika gleich mit der
Klimakatastrophe zusammen abschaffen zu können. Ein Vorposten wurde gerade in Südspanien
eingeweiht, das Solarkraftwerk Andasol 1 mit 512.000 Quadratmetern (Andasol 2
und 3 sollen folgen). Die Weltbank finanziert den Bau von weiteren
Solarkraftwerken in Marokko und Ägypten. Am Ende sollen ein paar hundert
Kraftwerke den Eigenbedarf Nordafrikas decken und den Rest exportieren.
Ohne
Netzanschluss von Oasen und Großstadtslums (über deren Finanzierung niemand
redet) an die grünen Kraftwerke ist dieser Rest voraussichtlich die größere
Menge. Für den Stromexport sollen afrikanische Staaten Einspeiserechte in europäische
Netze erwerben dürfen – zumindest sind die weniger umstritten als
Aufenthaltsrechte derjenigen, die den Folgen des Klimas zu entfliehen
versuchen. Desertec hin, Wüstenstrom her. Hin mit Hilfe von 350 Milliarden Euro
Investitionskosten (Merkel weiß: es profitieren hiesige Betriebe und
Deutschland ist und bleibt Technologieexportweltmeister). Her dank 50
Milliarden für noch nicht existente Gleichstromhochleitungen (die beteiligten
Energiekonzerne E.on und RWE wissen das als Beitrag zur Sicherung ihres
Absatzmarktes zu schätzen).
Wer
das finanzieren soll? Nun, verteilt auf 40 Jahre ist das gegenüber den
Bankenrettungspaketen doch ein Klacks. Und schließlich gibt es ja die
Erneuerbaren Energiengesetze, die über den Solarstromcent die Kosten am Ende an
die Konsumenten weitergeben.
Ein
Grund mehr für die iz3w-Redaktion, sich nicht an den Hamsterkäufen des
Auslaufmodells Glühbirne zu beteiligen. Ob es sich lohnt, die letzen
Schreibtischfunzeln auf Sparlampen umzustellen, ist allerdings noch strittig.
Denn die Wolframfäden der Glühbirne verbrauchen auch nur ein Viertel der
Energie der alten Kohlenstofffäden. Und während die Effizienz der Straßenlaternen
seit 1920 um das Zwanzigfache stieg, nahm die Beleuchtungsdichte um das
Vierhundertfache zu. Die beliebteste Sparlampen-Gegenthese: wenn es dunkel wird
Feierabend machen.
die
redaktion
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